Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 125 (26.8.1894)
- Date
- 1894-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 125. reite 3 Freie, sache, daß die Matrikulirung der Söhne gewohnheitsmäßig unierlaflen wurde, und zwar behusS Bermeidung deS Heeresdienste«." Ein anderer Artikel — einer englischen Monatsschrift (1890) entnommen — derselben Buche« enthält die Feststellung, „die verhältnißinäßig großSÄnzahl von Juden, die sich der Wehrpflicht entziehen, rühre wahrscheinliä, daher, daß dieselben in der Umgehung edier unangenehmen Verpflichtung geschielter sind als die Bauern". Und kanin bemerkt: „Wer einen jüdische» Deserteur anzeigt, erhält eine Belohnung von 50 Rudeln. Ta kommt eS denn vor, daß ein Deserteur einen seiner Freunde oder Verwandten von seinem Versteck in Ztenntniß setzt; die 50 Rubel werden dann getheilt. So scheitern viele der russischen ' Judengesetze oder sie verursachen den christlichen Unterthanen deS L;ar» beträcht tiche Verluste." ES überrascht mich, daß Herr Jacob« sich at» Jude auf da« heikle Feld der so zahlreichen und schmählichen Uebertritte seiner russischen Glaubensgenossen wagt. ES ist falsch, daß, wie er meint, die Bekehrung die Juden von der strengen Behandlung befreit. Will er unS etwa einreden, daß ein Renegat, der da schmuggelt, wuchert und desertirt, weniger streng behandelt ivlrd al« ein Jude, der Jude bleibt? Und wenn er bemerkt, daß ich daS Obwalten von Härte zugestehe, so sage ich: Ja, ich gebe zu, daß die russische Regierung — wie jede andere anständige Regierung — Diebe, Schmuggler und Deserteure streng be bandelt. Hofsentlich wird sie im Interesse der Gesellschaft damit fortsahren. London. Herbert Vivian, Secretär der Britischen Autisemiteuliga (I). IV. > Herr B. wiederholt seine kühne Behauptung, daß die Strenge, unter der die russischen Juden zu leiden haben, nicht gegen die Andersgläubigkeit, sondern gegen daS Schmuggeln, Wuchern und Tesertiren gerichtet sei. Gegen Le» Schmuggel, den Wucher und die Fahnenflucht richten sich die gewöhnlichen Strasgeietze zur Genüge, die übrigens nöthigensall» verschärft werden könnten. Be ionderer Judengesetze bedarf e« in dieser Beziehung nicht. Rur wer sich muthwillig gev't Thatsachdn verschließt, kann glauben, daß die Maßregeln, nnler i denen die russischen Jude»' leiden, zur Verhinderung von Schmuggel, Wucher und Desertion zu dienen bestimmt seien Wir mögen begreifen, daß Herr B. sich einzureden vermag, die Beschränkung der Juten aus die Städte des Ansiedlungsgebiets und das ihnen auferlegte Verbot, Grundbesitz zu erwerben oder Ackerbau zu treiben, habe den Zweck, dem Schmuggel zu steuern. Daß aber die ruchlose Vertreibung jüdischer Handwerker au« Petersburg ober Moskau, wo dieselben früher dauernd leben dursten, die Verhinderung von Schmuggel, Wucher oder Desertion bezweckt habe» ioll, wird er nicht einmal sich selber weismachen wollen. Die Anzahl der israelitischen Gymnasial- und Nniversitätrstudenten ist jetzt auf 3—10 Percent der Frequenz beschränk — will Herr B. behaupten, daß die Regierung durch diese Entziehung deS höheren Unterrichts dem Schmuggel, der Desertion und deu> v Wucher entgegenarbeiten will? Wo er weniger al« 30 Judenfamilien gibt, dürfen sie Gottesdienst öfsentlich gar nicht und privat nur mit behördlicher Erlaubnis, abhalten. WaS haben solche Maßregeln mit dem Wucher, der Fahnenflucht und dem Schmuggel zu thun? Da« Fleisch geschächteter Thiere, die Miethzinse der Juden gehörenden Häuser, der Handelsgewinn jüdischer Unternehmer, die zu rituellen Zwecken benützten Kerzen — all dies wird in Rußland besonders besteuert: sollten diese Abgaben wirklich den Zweck haben, den Schmuggel, den Wucher und hie Desertion zu beseitigen? London. Eilt Zttde. V. Wenn die russischen Inden schlechte Eigenschaften haben, wenn sie so sind, wie ihrt Gegner behaupten, so liegt die Schuld lediglich an ihren Unterdrückern, die e« verursachen, daß jene sich nicht mit ihren GlaubenSgenoffen in dem freien England messen skönnen. Wie sollen sie ihre Menschenwürde wahren können, wenn ihnen jede Möglichkeit hiezu entzögen wird? Man behandelt sie überaus grausam und schränkt den Kreis ihrer Thätigkeit immer mehr ein, so daß viele von ihnen, um sich und die Ihrigen erhalten zu können, geradezu gezwungen sind, aus Abtvege zu gerätsen. Wie darf man ihnen au« dett Folgen ihrer Rothlage einen Borwurf machen? Sie würden e« sicherlich vorziehe», ander« sein zu können! Wenn man den vorhandenen Uebelständen abhelfen will, so höre man auf, in nationalem Dünkel die russischen Juden als eine von der übrigen Menschheit gründlich verschiedene Kaste zu betrachten und ihrer culturellen Entwicklung Hinderniffe zu bereiten; man lasse sie dagegen an allen Vortheilen der geistigen Ausbildung und der militärischen Beförderung theilnehmen Kurz, mau setze bei ihnen an die Stelle deS Namens „Jude" die Bezeichnung „Mensch", und bald werden sie sich in der össentlichkn Meinung da» Ansehen verschaffen, da« sie fraglos verdienen, denn chr Geist ist energisch und. ihr Charakter zäh. Die unterdrückten russischen Juden verlangen von ihren Tyrannen keine Gnade, sondern die ihnen in Folge alter Bvruriheile seit so langer Zeit versagte Gerechtigkeitl RamSgate. B. Schewzik. i Blakt. Wie die Unterschrift von Rr. III zeigt, scheint c« dem edlen Bivia» gelungen zu sein, einen Antiseinitenverein in London zu gründen: aber dieser wird gewiß keine glänzenden' Geschäste machen. Dagegen lassen die neuesten Meldungen ans Rußland schließen, das; in den maß gebenden Kreisen dieses beklageuSweriben Reiches ein erfreulicher Uni schwung zu Gunsten der Inden eingeueten in. Hoffentlich bleibt's dabei! - n d u> t g stoclle. (Ter Jyflll 2(1icr,cr.> Der ehemals als aniiiemilischer Agitator bekanute Pfarrer Leopold Scherz er, ist über Requisition des Preisgerichtes .storneuburg unter dem dringenden.Perdachte des Per brechen« der Pcrn ntre n n n g von der Wiener Polizeidircelion am 11*. d. 1*1. verhaftet worden. Scherzet lebte, ie>t er Schrick.L verlassen halte, in Lien, ohne sich lebodi polizeilich gemeldet, zu haben. Die Polizei halle jedoch in Erfahrung gebracht, daß er sich hantig bei einem im IV. Bezirke, Hechtengaste I I, wohnhaften Bruder seiner früheren Lirthschafterin, dem Agenten Kautz, atzshalie Herr K.nttz bewohnt dort seil längerer Zeit ein be'cheidenes, im Parterre des HauseS gelegenes Eabinet Pater Scherzet besuchte taff tägi'ch ffinen Freund, und soll auch in der letzten Zeit msr ansscltließlich die 'Rächte bei ihm verbracht haben. Der Pfarrer soll während seines Aiffent Halles in Lien nur mit wenigen Leuten verkehrt ltabeilT'. Emzclüe.n Freiiitden gegenüber äußerte er sich ini t En t r n u » ng » ber seine antisemitischen P a r t eis rc ü u d c. die, w:e .er sagte,;» guten Tagen „an scincm Blute sogen" 'und jetzt, wo' er in Be: legenheil sei, ihn wegen einiger hundert Gulden ichuiählich im ^Stiche ließen. Da von Seile der maßgebenden Instanzen anfangs teilte Strafanzeige gegen ihn erstattet wurde, so hoffte Pfarrer Scherzet, daß cL ihm gelingen werde, die ..Sache vielleicht »och - zu ebnen Tag für Tag lief er zu seinen ehemaligen Frenndeu und Geffnnnngs.! genossen und bat und bettelte, aber überall vergebens. Unmittelbar nachdem Pfarrer Scherzer ans Schrick geflüchtet war. fand er sich int erzbischöflichen Eonsistorium ein und erzählte dort, er habe eine große Summe Geldes verloren und wiff'e sich nicht zn helfen. Inn <ioit: sistorium dürfte man aber die Situation des Pfarrers bereits gelaunt haben, ohne aber zu wissen, daß eö sich direet um eine Defraudation handle; man dürste der Meinung gewesen sein, daß Pfarrer Scherzer nur Schulden habe, und antwortete ihm, man habe im Eonsiklorium wohl Geld für Litwen und Laisen, aber nicht für leichtsinnige Priester. Wenn Pfarrer Scherzer in einer finanziellen Perlegenheit sei, die er sich nur selbst zuzuschreiben habe, so Möge er sich an diemit; semitische Partei wenden, der. er ja so zahlreiche wichtige Dienste ge leistet habe. Darauf besuchte Scherzer thatsächlich seine ehemaligen GesinnungSgenoffen und bat »in Hilfe, allein vergebens: einige-ließen sich verleugnen. Andere bedauerten höflich, die Dritten aber wiesen ihm einfach die Thüre. Auch die Briefe, die er -späterhin an die Fiihrcr der antisemitischen Partei richtete, blieben unbeantwortet oder, wurden gar nicht aitgenoutmcn, und Pfarrer Scherzer sah sich voll ständig verlassen. In der letzte» Zeit lebte Pfarrer Sci>erzer nur mehr 'von den Unterstittzungen seiner ehemaligen Lirlh'chafterin..Fräulein Kautz, die auch ihrerseits Alles gethan hatte, um ihrem früheren Herrn Hilfe zn verschaffen. Zu Begitin der' vorigen Loche fuhr sie nach Schrick, um -dort noch einen Perinch zu machet,, Geld aufzutreibcn. Als sie, ohne an Resultat erzielt zn baben. znrücktehrte, erklärte Pfarrer Scherzer, er wolle sich selbst der Polizei stclleu. Er that dies jedoch nicht, nnd so wurde er Samstag Nachts verhaftet. Unmittelbar nach seiner Perhastnng wurde er dem Unterinchnngsrickiter, deS Handeögerichteö für Strassachen vor geführt rckid einem längeren Berhöre unterzöge». Nachmittags darauf wurde der verhaftete «R'iffliche der JustizeSrorte des Gcsangenhanses überantwortet »nd an das Kreis gcricht Korneubnrg eingelietert. Bei der »ach der Perhastnng vor genommenen Bisitation fand man bei ihm einen Betrag von :> sl, welche von der Staatsanwaltschaft, mit Rücksicht ans die dem Pfarrer Scherzerobliegende Ersatz Pflicht aus dem ihm zur Last gelegten Perbrechen der Beriiiitreuung mit Beschlag belegt wurden. Außerdeni wurde aber ein ganzer Stoß gravirender Briese und Auszeichnungen vorgefnndc», nzelche Scherzer, nachdem er durch sechs Lochen in Lien unbehelligt geblieben war, nicht vernichtet hatte, lieber die Affaire, welche die Perhaftung des Pfarrers Scherzer und die, strafgerichtliche Untersuchung gegen denselben veranlaßt hat, ist bisher Folgendes bekannt geworden: Scherzer, der vor anderthalb Jahren, von Lien nach Schrick bei Mistelbach versetzt worden war, machte dort anfangs den besten Eindruck, verlor aber bald alle Achtung durch seinen Aergerniß erregenden Lebenswandel, zumal als bekannt wurde, daß der Pfarrer in seinem Sprengel und denen ganzer llmgebnng Schulden contrahire und daß äuch ans Lien zahlreiche Mahn-