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Freies Blatt · 1894-08-26 · 125 (26.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
125 (26.8.1894)
Date
1894-08-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freier Blatt. Bewegungen unverkennbar täre Charakter", der das im Antisemitismus immer sich bald sromm-christlich, allein unter dem buntdcr sich an' der Physiognomie beider zeigt. Cs ist dies der anliautor iSt-fcii des Anarchismus ausmacht und stärker;u Tage tritt. Ter Aiiliscmilismus liebt es zwar, bald national-chauvinistisch zu geben, fleckige,i und scheckigen Harlekinsgcwand^, das er nach außen zur Schau trägt, lugt doch immer deutlicher der erschreckend radicale und destrucliv: Charakter hervor. Der Antisemitismus als die Revolution eines verkommenen Mittelstandes trug von Haus aus das Brandmal der Zuchtlosigkeit au sich, und er mußte, wollte er bestehen, den Sinn für jegliche Autorität geradezu systematisch untergraben. Man denke nur an dir Justiz; es vergeht keine Woche, säst kein Tag, wo nicht hier oder dort ein antisemitischer Führer oder doch eine antisemitische! Vocal- oder Bezirksgröße wegen eine? ganz gemeinen Verbrechens dem Gerichte verfällt. Wo noch der Glaube an die Justizpflege, aH die Gerechtigkeit aufrecht siebt, dort kann eine Partei keinen Anklang finden, deren leitende Personen mindestens zu fünfzig Percsnt wegen Verbrechen aus Getvinnsuchl oder gegen die Sittlichkeit abgcstraft sind. Wenn also der Antisemitismus stehen sollte, mußtei der Glaube an die Rcchtsaulorilüt fallen, und so geschah es auch dank einer wüsten Agitation gegen die Gerichte, der gegenüber matz ein ganz unbegreifliches 1 :ii~s,*r läir wallen ließ. Aber das ist iticht der einzige Kall; jede andere Autorität, deren Bestand die Berechtigung des Antisemitismus aufhob. mußte schnurstracks geleugnet werden. Gelehrte von Weltruf, wie Virchow, Renan u. A., welche den Antisemitismus verurlheillen, wurde» als Richtswifser unh Scheingrößen hingesteUt, Dichter» und Künstlern, welche die Theorie von der inferioren Raee durch die Thal widerlegten, wurde der Lorbeer vom Haupte gezerrt, und diese Arbeit, den Glauben an jede! Autorität zu erschüttern, wurde so intensiv, so fleißig betrieben, | öaß sich die Erfolge bald in einer nicht gewollten Richtung geltend machten. Wir erleben es ja eben erst, wie man in Fragen der Kirche und dcS Christenthums die Autorität der Bischöfe einfach leugnet. Aber man gehe erst unters Volk und spreche so ein Weilchen mit einem sogenannten Antisemiten, da wird man bald in jdcr erschreckendsten Weise gewahr werden, welche Wirkung die antisemitische Hetzarbeiljauf den Geist dieser Armen gemacht hat. Da ist kein religiöses/ da ist kein nationales, kein wirlhschaftliches! Motiv, da ist das Wort Jude selbst nichts als eine vage Phrase/ die für AUeS herhallen muß. was einem nicht in den Kram paßt, da gibt es kein Ansehen der Kirche, des Staates, der Wissenschaft, der Kunst, nur ein blindes, blödsinniges Leugnen jeglicher Autorität, einen unbegreiflichen, leidenickaftlichen Haß alles dessen, was Anspruch auf Anerkennung erhebt, ein geistiges Tohuwabohu, das sich instinctiv gegen alles Feste, gegen jede Ordnung kehrt. Ja, der Antisemitismus ist die Anarchie des Geistes, nicht figürlich, nein im blutigen Crnste .gesprochen. Sein einziger hervorstechender Zug ist der anliauloriläre Charakter und seine letzte Hoffnung kann auch nur die Bombe sein. Wir werden'ö zu ertragen wissen, wenn man uns dies als eine Denuncialion ausdcuter. z—r. Antisemitische Regungen in England? Ter Londoner ..Standard", eines., der bedeutendsten englischen Blätter, gab kürzlich einer längeren Polemik Raum, ans der wir die solgeuken Auszüge übersetzen, weil sie — abgesehen von dem sonstigen Jnierene ihres Inhaltes — Streiflichter wirft aut die auf dem Festlande noch unbekannte Thatiache, daß auch in England, diesem Eldorado der Religionsfreiheit, eine aniiseniitische-Bewegung sich einzu nisten beginnt, obgleich dort, der Boden für eine solche nichts weniger gunuig!'l. ft: I. V.-cr Rcdactenr! j l-o-,fii;lJtt .Uir Eorre'pondent ■üO'iimfeit und Varte gegen üe Huden. Ich bin in dieser •nt, weil ein kürzlich aus Rußland zurückgekehrt, wo ich — Herr Bigelow, die ruisüche '•! .*<>' .' ' '''1!, in Enelav» -ine anti>emiwche Bewegung ins Leben zu rufen dl.' ei’a’dtt Ich behaupte, daß jede etwaige schlechte Be-!'.uie.mil. der d.e .tnt-n in Rußland unterworfen sind, nicht gegen ihre .'ln-d-reg!aublgkeit. ioudern gegen ihr ichlechte« Bürgcrlhnnr gerichtet ist. Sie irenteii die ganze Bci'dnnitziheik ihrer Race an, um dem Militärdienst zu enrgeben: robuste Männer bringe» sich selber Berlevnngen bei, Mütter unteraü.'n die Matrienlirung inäniilicher Geburten, kurz: behufs Uingehung der iffe benützt. Auch sind die en Ursachen, und weil man sich in Kriegszeiten beifallen hnen das Wohnen innerhalb doch wahrlich eine ganz.unleit verursacht den Ausbruch u productive Arbeiter sind, die wird von Jedermann zubaue» keine einzige Waldre thun? Sie bereichern sich ersten Patriotenpflicht werden allerlei schlaue Äie russischen Juden Gewohnheitsschmuggler. AuS biqf< nicht wissen kann, was solche Baierlandsseinde lasten könnten, hat man eS nölhig erachtet, »I 50 Werst von den Grenzen zu verbieten. Das ist erläßliche PorsichtSmaßregel. Ihre große Unreinlich der meisten Epidemie» in Rußland. Daß sie u den 'Rationalreichthum um keinen Heller vermehret gegeben. Sie bebauen keine Handbreit Ackerlandes. Hütte und legen keinen Zoll einer Schiene. Was durch Wucher und leben vom Elend ihrer Nachbaisn Und wie werden ihre Miffethaten belohnt? blieben auf die schmutzigsten und ungesundesten Rußland hingegen behandelt seine Juden geradezu seine schönsten und sruchtbärsten Provinzen zum dieie Beschränkung auf daS russische Land Goschen Elasten Anwendung; jeder von einer heimischen einein Handwerk tüchtige oder einer .stausmannt von alle» Beschränkungen befreit. Rur die Unsähixe: — mögen sie welcher Race oder Religion imm: Wohlfahrt eine« Landes zu bedrohen pflegen, Hörden zu leiden. London. II. Der Brief des Herrn Bivia» enthält eine i »zahl grober Schnitzer und auf Unwiffenheir beruhender thatsächlichcr Jrrthümw, die er mit einem Autoritätsmäntelchen umhüllt. Die Behauptung von der Anwendung der ,,tanzen Perschmitzlheit behufs Bermeidung des Militärdienstes" läuft der amtlich: n Armeestatistik schnurstracks zuwider. Aus dieser geht hervor, daß in Rußlant die Juden relativ »m über 50 Percent mehr Rekruten stellen als die Angehörigen irgend eines anderen GlaubenSbekeiintiliffes. Obwohl sie noch nicht 4 Percent der Bevölkerung a»S machten, betrug ihr Rekrutenkontingent im Jahre ' 889 fast 55/4 Percent. WaS da» Jahr 1893 betrifft, so bildeten die Juden ‘ ’/ig aller Rekruten. TaS sieht nicht dauach aus, Militärdienst in ausnehmeich hohem Maße entzöge,! Hinsichtlich der „schönsten und fruchtbarsten Provinze» ob Herr Bivian denn nicht weiß, daß daselbst die hob: Nr. 125. Die Juden des, Mittelalters Viertel der Städte beschränkt, großmüthig, indem es ihnen Aufenthalt anweist. Und selbst siedet nur auf die schlimmste» Universität diplömirte oder in gilbe angehörende Jude ist n und Unverbesserliche», die angehören — überall die en von der Härte der Be- Herbert Bivian. der Ration, stellten aber als ob sich die Juden dem möchte ich fragen, Jude» nur in den.Städten und nicht auf deni Lande wohnen dürfen. Wie köni >en sie also Ackerbau treibe» und Waldhütte» daiien'? Jene Provinzen, die Ruß weist", sind übrigens nichts Anderes als da« alte Bolen, in welchem schon sehr lange vor der Annexion durch Rußland Juden leb: Herr Bivian scheint über die Fragen, in den:,, er sich für „maßgebend" auSgibt, nicht sonderlich unterrichtet zu sein. Ei ist eben cm Antisemit und wiederholt einfach die üblichen, verbrauchten Veileumdungen. Ich will ihin hieniit drei Fragen stellen: 1. Wie viele Wochen hat er in Rußland zngetrachl? 2. Rann er daS Russische lesen? 3. Wie viele russische Juden har er zu Rache gezogen Rameiitlich die letztere Frage ist wichtig, denn wer in einer flrciligen Angelegenheit als competent gelten will, muß beid* Theile hören. Hätte Herr Bivian dies gelhan, so wäre er wie Andere zu Sä lußfolgerungen gelangt, die de» seinigen entgegengesetzt sind. Er möge einn al Oberst Webster, George Kennan, Hall Caine u. s. w. frage». Wenn, wie Herr Bivia» behauptet, die strengle Behandlung — die er zu gibt — nicht gegen die Andersgläubigkeit geeichte daß jene Juden, dir zur orthodoxen Kirche übertreNn und daß anderseits Slundisten, Katholiken und L uheraner gleich den Juden Berfolguiigen ausgesetzt sind? London. , III. Herr Jacobs versucht, mich bezüglich de« Jude» zu widerlegen. Seine statistischen Taten olche pflegen in Rußland nicht in wissenschaftlicher Ich möchte seine Aufmerksamkeir auf das judenfrer i Itiissie“ lenken. Tort wird ei» „Revue"-Artikel wiedergegebe», und in einer Fußnote dazu heißt Juden als Ehristen umgehen den Militärdienst ode. Buch wird au« einer Wilnaer Zeitung die folgende „Ich machte die Entdeckung einer scheinbare» Geburten unter den russischen Juden; e« war, a schworen hätten, die Stämme Israels auSsterben zi mich bald, daß dem in Wirklichkeit nicht so war; *) Joses Jacobs ist ei» anglo-jüdischer Schrie tistiker von großem Ruf und fungirt als Secretär die russischen Juden. and ihnen vermeintlich „zuen und blühten. ist, wie kommt eS dann, n, in Ruhe gelassen werden, Josef Jacobs.*) Militärdienste« der russischen beweisen aber nichts, denn Weise ermittelt zu werden, adliche Buch „I-es juifs de (1890) de» Herrn Lanin : „Berhältnißmäßig mehr desertiren." In demselben Notiz angeführt (1887): Unterbrechung der männliche» ob alle Juden sich verlassen. Aber ich überzeugte dahinter steckte bloß die Thate, 13 stellet, Kritiker und Stade» englische» Eomite» für (Der Uebersetzer.)

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