Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 125 (26.8.1894)
- Date
- 1894-08-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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AbonnementSpreiS. -.5«. Mraan zur 2Univbr dc'5 SlntiKmitifmus. •*jmiäl>rtfl Hckldjadrig fl. r.25. Bierteljadriz ... fl ^ür dagesammte Ausland: .^an;jädrig.fl. 3. H.ildjadrig. fl. 1.'*0. «Lin,eine 2tummcrn i> kr. 1! itfianfirtt Briefe werden nicht an^encmmcn Wcbiution uiib ^lomiitiiEi.iiiüu: I cciimV*;.’ I". Crillirint tut jtdcm Soniilggt. Nummer 12.",. Wien, 26. Amuill 181)4. II1. J.uinilrtlllJ. 'fe wj 2lnard?ismu5 und 2lntifcniiti*mu5. ein social-dcmokratischeS Blau, mdi-fno auch sonst gano ein wenig mit den 2lntifemitcn liebäugelt, bat sich über bie 2trt ent ruttet, in welcher wir die Antisemiten als die Borläufer des 2l» archiSmuS hiustelltcu und einen gewissen Parallelismus beider Bewegungen behauptete». Das socialistische tDrgan glaubte, die Herren Lueger und tSpitz von dem Borwurfe anarchistischer (Besinnung rechtfertigen und uuscre 'Anfstellnng als „aUerwisscutlichste Bcrloge»heiU^>Mtstcllcii zu müsse», alS etwas, was sich mit po litischeni jWtaiid nicht vertrügt. Man scheint uuS eben mißve'r ständen zu habe», indem man 'vielleicht annahm, wir hätten jene Beziehung zwischen Antisemitismus und Anarchismus bloS sigürlich oder vergleichsweise aufgefaßt, und eS wäre in der Thal eine nur an unseren Gegnern gewohnte Gewissenlosigkeit, um eineS billigen BergleicheS willen Jemandem eine schwere Jneriminatio» anzu heften. Slbcr daran dachten wir auch nicht im Entserntesten. Wir 'ragen njetinedr' Ist denn die Berdindung von 'AtttisemitiSmnS und Anarchismus wirklich eine so willkürliche, daß »tan sie platterdings nur als nnbegründcte Denunciatipn passireu lassen kann'? Z?der gibt es vielleicht doch thatsüchliche 'AttkttüpfnngSpnttkte für beide Richtungen in Gruttdanschauungen, Mittel und Binde glieder in Personen? Wir verschmähen cS, darauf ein Gewicht zu legen, daß Drn mont in Paris, Förster in Berlin, Lueger in Wien die Thal Easerio'S in einer Weise zu rechtfertigen und zu entschuldigeu suchten, welche nicht bloß auö rein menschlichem Mitgefühle oder weitestgehender.Toleranz der Gesinnung floß. Lassen wir das! Aber da könnten wir sofort zwei deutsche Modephilosophcn »etttten, die heute vielgenannt und viel gelesen sind, bei welchen sich sehr kräftige Anklänge sowohl an den Anarchismus alS an den Sinti - semitiSmuS finden oder fanden, die auch von 'Antisemiten sowohl alS von Slnarchisten gelegentlich alS 'Autoritäten eitirt werden. Doch auch diese Berbindung ist vielleicht eine zufällige. Weniger zufällig — vielleicht auch weniger bekannt dürfte dagegen sein, daß einer der literarischen Mitbegründer des 'Antisemitismus zugleich zu den literarischen Bätern deö 'Anarchismus gehört. Wir meinen Wilhelm Marr. 'AIS mit dem Ausgange der Reactious Periode der politische wie der socialistische RadicaliSmuS ansS Reue sein Haupt erhob, und die Lehren Proudhon'S in Deutsch land begeisterte Slpostel in Heß, Grün n. 'A. fanden-, da war cS Marr, der die äußersten Eonsegnenzen des individualistischen Ra dicalismuS zog, vor der Empfehlung einer gewaltthütigen Taktik nicht zurückschreckte, allen autoritären Formeil offenen -krieg er klärte/und selbst die Ehe nicht unangefochten ließ, au der selbst Prondhon noch nicht zu rütteln gewagt. Marr gehörte bekanntlich später^ zu den Hauptfaiseuren der wüstesten 'Antisemiterei in Deutschland, verschmähte eS auch nicht, so excessiv frommen, christlich-antisemitischen Blättern wie dem „Bolksfreund" seine Feder zu leihen, ist aber neulich zu seiner alten Liebe zurück gekehrt und hat in Hamburg wieder die rothe Fahne, entrollt. Den bekannten und gefürchteten Propagandisten und Most-Schüler Peukert, der die Seele der anarchistischen Umtriebe in Wien 'An fangS der Achtzigerjahre war, braucht man nur zu nennen, um damit die Erinnerung an den Namen Schneider zu wecken, seines Freundes, der gewiß nicht bloß figürlich der Begründer einer antiseinitische» Propaganda der Th.". genannt zu werden/e .■ku Wer weiß, wie anders fick, Schneiders vau'vahii gesi . .!•; . wenn Penlert uichs in Folge des Prozesses Siellmacki.r >■ ■ das heiße Pflaster Wiens haueverlassen iniisieu, sondc-n 1 Sckneidcr'ö Seite weiter gewandelt wäre. Hat dock, der t. 'MechanienS in filtern Briefe selbst bekannt, daß er nur gezwu-uaca und widerstrebend in 'Antiseiuitisinuo mache. '.0,'it dein e'Ego^t Penkert's ging eben der Wiener Anarchismus ravid Pl'ergab unibot „anfstrebeuden Talenten" wenig 'Ansstchten. 'Als fiiti rar einigen Fahren die sogenannten „Unabhängigen" nenerdings von den autoritären Social Demokraten ablösten, da wären um Zeugt eines sofort sich enlspinnenden LtebewerbenS zwischen den 'Amt setnilen und den Attarchtslen. Die „Unabhängigen" erwogen eine Zeitlang ernstlich die Eltaneen eines Bündnisses mit den 'Antisemiten, und der hiesige antisemitische Moniteur gefiel sich nt jener -zZetl, die „Unabhängigen" dafür als die. einzigen berufene» Berlreier des soeialistischen Proletariates gegen chic „Inden Social Demo traten" anSznspielcn. In Det'lschlo-d „a/, tunet ganz ähnliche Berhällnisse, und, auch IN Frankreich haben die Freunde DrumvtN'S wiederholt Fühlung mit der anitsemiiischen Propaganda genommen, Margnis Mor,-S ist 'Anarchtsl und-'Anti sentit zugleich, und dkr bekannte Anltsenttl Rochesorl. vslegt die Hhsterische Ftingfran Louise Michel immer nur reipeeltjoll near.- ostovoitwzu nennen. Dir bedeutendste Mittelsperson zwischen Anarchismus und Antisemitismus ist aber nustreilig Enge»^ .Hühring selbst. - Der Weise von Zehlendorf hat sich zwar wiederholt, gegen den Z,anarchelndcn" SocialiSmnS ausgesprochen und Proudhon in seiner hohcitSvollen Weise nur >lls ein halbwüchsiges Talent passireu lassen. Allein Dühring's „Personalismus" eine in der modernen philosophischen Literatur noch öfter sich wiederholende Erscheinung — läuft trotzdem auf den excessiven Fttdividualisntns der alleren Theoretiker des AnarchisutnS hinaus, wodurch sich der vorgebliche Unterschied von „anarchisch" und „aMtsrausch" voll ständig vermischt. Indem Dühring da sett.e Theor e ds Per sonaltSmns auf Nationen und Raccn anwettbet, nähert er sich noch mehr denk collectivistischcn Ftt-dioihnaltsmus Pro'ndhon'si dem Dühring bei aller Geringschätzigkeit doch lobend nachiagl, daß er einige 'Anlagen besaß, die einer gediegeneren' Entwicklung würdig gewesen wären „Er vertrat etwas vom modernen Poltergeist," docirt Dühring, „nttä, tvar er kein Fudäerfretind, sondern ein wirklicher BolkScharakter. So einseitig oft seine' 'Wendungen und 'Angriffe geriethen, so hat er doch manches Samenkorn atlsgestrent, welches später anfgcgangen ist und etwas für die ganze Welt Sichtbares heranSgestaltet hat." Hiezu rechnet er ausdrücklich die anarchistische Idee, welche, „wenn auch .mehr oder minder zn äLsonderlichen Auswüchsen aufgeschossen, dennoch nicht ohne einige Frucht geblieben". In demselben wohlwollenden Sinn spricht Dühring von der Propaganda. der That, „denn in einzelnen Thatcn kann unter Umstünden mehr Sinn liegen als in den fugenlosen Theorien" u. s. w. , - Soviel dürste vorläufig Hinreick,en, um daraus hinznwetsen, daß cS an ganz eoncretcn Bindegliedern zwischen 'Antisemitismus und Anarchismus niemals gefehlt hat, noch'jetzt fehlt..- Aber--wir legen auf dieses persönliche Moment selbst nur untergeordneten Werth, angesichts eines tiefgehenden verwaikdtschaftlichen Zuges, I