Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 124 (19.8.1894)
- Date
- 1894-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 124. Seite 4. Freier bic ihm schwerlich vertraut sein dürfte. Daß die Juden im Westen Europas in allen Freiheitskämpfen anzutreffen sind, ist männiglich l'cfaimt, daß aber die polnischen Juden, die doch noch in unseren ragen auf keiner besonders hohen Culturstufe stehen, schon vor hundert Jabreu an den Freiheitskriegen regen Antheil nahmen, ist eine historisch verbürgte, im Auslände aber wenig bekannte Thatsache. Im Bolksbeere Kv>eius;ko's-befand sich eine-berittene Freischaar, die - sich ausschließlich aus Juden rekrutirte, und der Jude Berek Josielowie; befehligte, im Range eines Obristen, diese Reiterschaar. 'Wer Berek Josielowicz war'? Ein polnischer Jude von alltäglicher ,va,on. In seiner Jugend besuchte er das „Cheder" (talmudische schule). Er zeigte schon in seiner Kindheit große Neigung zum Soldaieiivandwerke und fertigte yiik Borliebe Label und kleine Flinten . ans Ho!; ^aii. Als junger Mann kam er in der Eigenschaft eines a.k:pk“ ^Maklers) an den Hof deS Fürsten Massalski des Bischofs reu Wilna, dem Krernnga, Josielowicz' Geburtsort gehörte, und hier wurde er vom Fürsten und von-desien Schwiegertochter, der Fürstin de 'Jgne. dazu verwendet, geschäftliche Reisen ins Ausland für seine Auftraggeber zu nnte.nehinen. Auf diesen Reisen bot sich ihm auch i'VieiKitlieit, ndt in frembett Sprachen zu vervollkommnen und die angeborenen Eigentbümlichkeiten eines kleinstädtischen polnischen Juden abznstreifeit. Als im Jabre 171*4 die patriotische Begeisterung immer allgemeiner wurde und auch bisher indifferente Bolksschichten ergriff, erhielt 'Berek Josielawie; vom Oberbefehlsbaber KoäcinSzko die Erlaubniß, ein Reginienl leichter EavaUerie aus Juden zu formiren, und in Folge die'es Au'kraqeS erließ Berek in der Eigenschaft eines Obersten an 'eine «^lanb'ensgenoffen einen Ausruf unterm 1. October 1794, den Earl Falkenstein, Lecreiär der Dresdner Bibliothek, in feiner Biog'.avlne Ko>cinszko citirr und welcher in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautete: „Beruelmiet mich, ihr Löhne voui Lrainme Israel. Wer den Ewigen und Allmächtigen in seinem Herzen hat und für. sein Baterluiid zu känivien beabsichtigt, wozu alle Menschen verpstichtet sind, der biete lez-l jiit' seine Kräfte auf, denn jetzt ist hiefür die geeignetste Zeit. Ja. so ist es, meine achtbaren Brüder! Die Vaterlandsliebe erweckt euch dazu, auf daß ihr fri''cheS Blut wieder erlanget, welches in der Zeiten '.'aus von giftigem Gewürme auSgesaugt wurde. Jetzt erheben sich viele große Herren und Löhne edler Geschlechter, die ihr Leben in die Lchanze schlagen, um den Feind aufs Haupt zu schlagen und der Baker Boden vor ihrer Ilebermachk zu befreien. Der Lieg erscheint für uns um so leichter, als unser Lchutzherr und GeneralissiSmuS Dbaddäns älo^einszko, der unzweifelhaft als ein Lendbole des ewigen und allmächtigen Gottes betrachtet werden kann, .sich vorgenommen hat, all seine Fähigkeiten aufzubieteu, um auS der Nation der Israeliten eine entsprechende vaterländische Legion zu bilden. Ihm ist von Gott (Geschicklichkeit, ein guter Wille und ein gütevolles Herz seinem Nächsten gegenüber verliehen worden. Er ist zum ersten Führer der Nation erkoren. Erwachet, meine lieben Brüder, seinem Beispiele folgend, denn er ist ein großer Mann, und auch viele andere große Männer haben r sich vereinigt, um die Unabhängigkeit des Landes ihrer Bäter wiederzngewinnen. Und warum sollten wir, die wir in Lclaverei leben, nicht zu den Waffen greifen, um eine menschenwürdige Freiheit zu erlangen, wir, die wir mehr als alle Menschen auf der Erde unterdrückt sind Erheber euch also, euere Augen gen Himmel richtend und vom Allmächtigen die nölhige Hilfe erbittend, und er wird unser Lchild und Schutz sein. Gott, der uns in alten Zeiten, als wir ihn anriefen, aus der Gerangenschasl erlöste, wird auch jetzt unser Lchirmberr fern. Erhebet euch also und öffnet eure geschloffenen Augen! (könnet ibr denn der Meinung Raum geben, daß ich euch ins Unglück stürzen will? Oder daß eS mein Wunsch sei, eueren Untergang;» schauen! Rein, meine geliebten Brüder: Der Ewige und Allmächtige ist meine einzige Hoffnung und Zuversicht, und ich hege die nner schütter sich e Ueberzengung, daß jetzt eben der glückliche Moment '-.angebrochen ist. wo wir unsere Feinde demüthigen können. Das ist .'.br''ch.-i::lich der Wille des Urewigen, der bereits ein sichtbares - -.in:! gab. das; er ans unserer Leite ist. Nur eine Lache ist uns no'lnv.'udig.' und die ist, Einigkeit in edler Ausdauer. Der all- . v:i ist 'mit euch, und ich bin euer Anführer. Ihr werdet ' "i größten Gefahr an euerer Lpitze sehen und dann! *' .'ii Weg zum Ruhm zeigen. Ich hatte daS Glück, vom '! -.i'.-ii der bewaffneten Macht zum Obersten ernannt i i »di also und kommt mit mir, das unterdrückte? V» ' -er-:;'. 7: a: Bruder! Käinvfen wir für das Baterland l w zu estn lepien Blutstropfen in unseren Adern, und sollten wir auch das' '(Rück der Ration nicht erleben, -so werden sich unsere Kinder :.'d ülaenkommen der erlangten Freiheit freuen, und sie werden eS icku noiliig laben, gleich wilde» Dbieren in der Welt unftätt herum- Blatt. zuirren. Wartet nicht, bis man euch z ir Bertheidigung des Vaterlandes zwingen wird, denn nur die Feiwilligen werden von der Nation Achtung und Dankbarkeit beanspruchen können. Warschau, am l. Letober 1794. Berek Josielowicz, Cbrift." In Folge dieser Proclamation melde en sich fünfhundert jüdische Freiwillige, die, soweit es die Zeit erst übte, militärisch abgerichtet wurden. „Während des Blutbades zu Praga zeitgenössischer Verfasser, „haben beinahe Alle, ihr Leben auf dem Felde des RuhmeS opfernd, dem Baterlande die Fetzte Schuld entrichtet." Bei der Erstürmung Warschaus verschonten Suworow's Kosaken weder Frauen noch Kinder und richteten unter den. Juden-solch eine Massacre an, daß der zu jener Zeit bekannte Schmul Jakubowicz, ein Lieferant des Königs Stanislaus August Poniatowski, bekannt gab, daß, wer von den Soldaten ihm einen Einwohner Warschaus, Jude oder Christ, Jebend bringen wird, als Belohnung einen Goldducaten kriegt, und wer einen Tobten zur Bestattung bringt, einen Silberrubel erhält. Zwei Füßchen, eines mit Gold, das zweite mit Silber gefüllt, standen in Schmuls Hof, und beide leerten sich. Das Andenken an diese barmherzige That lebt noch heute im Volke. Nach der Niederwerfung des Aufstandes entkam Josielowicz mit einem winzigen Reste seiner Mannschaft über die Grenze und schloß sich Dombrowski's Legionen an. Mit diesen trat er in die große Armee 'Napoleons ein und machte alle Feldzüge mit. Im Jahre 1609, während deS Krieges mit Oesterreich, Ende April, . besetzte daS polnische Heer die nördlichen Districte Galiziens. Unter den Tapferen befand sich auch Berek Josielowicz an der Spitze seiner Schwadron, auf dem Marsche von Siedlec nach Lublin begriffen. Im Städtchen Serokomla hatte Josielowicz für kurze Raft beim Ortspfarrer O.uartier genomnien, der den Krieger mit altpolnischer Gastfreundschaft empfing. Bei Tisch wurden so viele „Hochs" ausgebrachl, daß der Wein den Zechenden tüchtig zu Kopfe stieg. Da lief die Meldung ein, daß in dem von Serokomla eine halbe Meile entfernten Kock, Oesterreicher auftauchen. Berek bestieg sofort daS Pferd und sprengte, mit seiner verfügbaren Mannschaft nach Kock. Die Oesterreicher von BcrekS Absicht in- Kenntniß gefetzt, legteif sich in einen Hinterhalt, und als Josielowicz, .den Leinigen weit vorpusprengend, sich der Stadt näherte, gaben sie Feuer. DaS scheu gewhrder.c Pferd riß Berek mit sich zwischen aufgeschichtete Baumstämme,! die für Flöße vorbereitet waren, der Reiter verwickelte sich, stürztü und wurde niedergesäbelt. Die ungarischen Husaren wurden aber von der polnischen Schwadron so hart bedrängt, daß es ihnen nicht gelang, die über den Fluß führende Brücke zu zerstören. Glücklicher waren andere Glaubensgenzssen BerekS in der großen Armee, deren Andenken noch heute fortlekt. Bon den bekannter gewordenen Kriegern erwähnen wir den tapferen Hauptmann Nolkiewicz, einen Schwager des verdienstvollen DirectorS der Rabbinerschule Eisenbaum, den Major Casper Junghof, mit dem Militärkreuze virtuti militari ausgezeichnet, Mordche Rosenfeld, Jägerhauptmann, der Vater eines in Warschau bekannten ArzteS, Phil pp LubelSki, Stabsarzt :c. Zu Ehren des polnischen Heeres fanst am 22. Tecember 1809 im sächsischen Palais zu Warschau, in der i hemalS. königlichen Kapelle, eine öffentliche Sitzung der „Gesellschaft der ki niglich Warschauer Freunde der Wiffenschaft" statt. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präses Stanislaus StaSzyc, ergriff Stanislaus Poiocki, Senator, Präses des Staats- und Ministerrathes, Generalcommansant des CadetteucorpS, das Wort, und in einer schönen, begeisterten Rede für die-Leistungen des polnischen Heeres brachte er den Anwesender die Namen jener Anführer und Soldaten in Erinnerung, die, ihr Leben c ufopfernd, den Beweis ihrer Aufopferung für die gemeinschaftliche ruhmzekrönte Sache erbrachten. „Ihr tapferen Soldaten," sagte der Redner, „nehmt den Ausdruck der Dankbarkeit und des Bedauerns des Vaterlandes entgegen. Euer Andenken wird nicht in Vergessenheit geralhen, denn die Geschichte wird eueren Tod auf eines ihrer schönsten Blätter unserer 'Nation eintragen. Tu tapferer Oberst Berek hast zuerst durch deinen Tod das Land betrübt. Als du dich, de? Sieges ungeduldig, von allzu großem Muthe in die feindsichen Reih n Hinreißen ließest, wurde Kock (?), welches sich rühmt dein Geburtsort zu fein, dein Grab. Deine Waffengefährten rächtest gleich deiner Tod; aber was vermag . ihn dem Vaterlande zu ersetzen? Es ist auch deiner früheren Wunden und Kämpfe eingedenk, es wird für immer dessen eingedenk sein, daß du bei uns der Erste warst, der seinem Volle daS Beispiel einer großen Tapferkeit, gab und daS Bildniß jener Ritter wieder erweckte, deren Tod ZionS Töchter einst beweinten." Auch das Volk legte für den tapferen Josielowicz sein Mitgefühl an den Tag, indem es auf deui Flecke, n o er den Heldentod starb,