Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 124 (19.8.1894)
- Date
- 1894-08-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— — i ' ' Rauben zu suche». Der Selbstmord wird epidemisch iw dem »oihleidcuden Mittelstände. Die Unhaltbarkeil der bestehende» Zustände machl sich i» allen ^chichlen der Bevölkerung mehr als je bemerkbar, Tie umfaffendsten BorsichlSmaß regeln, welche die Regierung angesichlS der Zustände in Portugal und der eifrigen Ldäligkeit der spaniichcn und der portugiesischen Republikaner ergriffen Kat, erzeugen Ilnrube di» in die höchsten Kreise hinaus. TaS Banditen wese» greift - eiler und weiter um sich, »nd vergeben» fragt man sich, wa» für Mittel angewandt werde» sollen, dein Nebel z» steuern; 8,727.51'.' Einwohner Spanien», >.„,d zwar nahezu 2 Millionen Männer und 6’/4 Millionen Kranen sind, der neueften statistischen Zusaiiimenstellung gemäß, beschäftigungslos, 64'**.) leben i» Pensionäre aus Kosten de» Staate», über {toi**) Bettler und Bettlerinnen ,r erden auf öffentliche Kosten erhalten; ei» Heer von 37.250 Berionen versieht . eainiklidienste; aus 43.528 beläuft sich die Zahl der Geistlichen, ans 28.51!» y.t der stionnen. Obgleich die Masie der Schüler und Schülerinnen beinabe; 4 Millionen beträgt und 33.582 Lehrer und Lehrerinnen an de» Lehranstalten i-alig sind, können von de» 17 Millionen Spanien» nur :>,1I7.855 männliche and 2,686.615 weibliche Personen, zusamnie» also nur 6,K)4.47o schreiben und!- en. Tie Ziffern sind bezeichnend für den Enlinrzustand de» heutige» Svanicn»." ÜS wäre verfehlt, den niedrigen Elllturztistand Spaniens als eine Liierte Folge der Vertreibung der Juden aus diefein Lande binzustellen. Thatsache ist aber, daß die Industrie ungeheuer gelitten hat and der Eulturzustand tief gesunken ist, seitdciu die Zuhcn au» Spanien vertrieben worden. WaS die Antisemiten also alS Endziel hinzustcllcn pfleg««; ist nicht eingetreten: Spanien ist nicht glücklicher geworden; eS ist derart gesunken, daß cS kaui» zu den Staaten zweiten Ranges gerechnet wird, dasselbe Spanien, in dein einst die Sonne 'nichtunterging. Ebenso wie mit Spanien ging cS mit Sicilien. König Ferdinand te» Arragonien jagte im AuSgaug dcS XV. Jahrhunderts die Jude» aus diesem JnselparadicS. Die Insel ist geblieben, aber daS Paradies m verschwunden. Damals erbaten schon die Mitglieder deS könig iichen RatheS Aufschub für die Juden mit der Begründung, daß in dem Reiche fast alle Handwerker Juden sind. „Wenn diese," hieß cS, „alle auf einmal abzichcn, so wird für die Ehristcn ei» Mangel an Arbeitern sich Herausstellen, die geeignet sind, den Bedarf von mechanischen Gegenständen, und besonders von Eisen arbeiten, sowohl zum Beschlagen der Pferde wie für Erdarbcite», wie auch zur Ausrüstung von Schiffen und anderen Fahrzeugen zu liefern. Auch kann nicht in so kurzer Zeit eine genügende Anzahl von Ehristcn für die Herstellung dieser nothwendigcn Bedürfnisse cintrctcn,. und i» Folge davon wird, abgesehen von dem mißlichen Umstandc, daß diese nothwcndigen Gegenstände nicht zu haben sein werden, eS geschehen, daß die wenigen Personen, welche etwa inistandc sind,, sie anzufertigc», die Preise derselben hinaufschrauben werden." Der Warnruf blieb ungchört. Heute aber bietet Sieilien wo möglich noch ein traurigeres Bild als Spanien. Man erinnere sich nur der herzzerreißenden Schilderungen über das Elend in Sicilien,. die im Anfang dieses Jahres ganz Europa in Bewegung brachten. In der „RationalZeitnng" schrieb Earl Böttcher am 16. März d. 2.: „Sicilien, der wundersame GotteSgarte», mit Traube» und Lorbeer auf »iftigen Höhen, mit Granaten und goldglühenten Drange», bietet seinen Kinder» ein Brot, Sicilien hat Hunger. Seit acht Tagen ziehe ich aus der Imel herum, in kleinen, vom Sonnenbrand gerösteten Törfer», tu schmutzigen, an hoben Berglehnen hängende» Städtchen, in lodertraurigen, von Schweseliniiieil velvesteten Gegenden. Wa« von socialem Leben an mir vorbeidefiliri, ist Jammer und Elend. In den Köpfen spnkt »och der kaum niedergeworfene Bolksausrnhr, welcher da» Land mit über 60.000 Soldaten füllte und e» »och heute tut kleine» BelagerungSzüstand erhält. Nicht etwa ein Aufruhr gegen die Regierung, wildern zunächst gegen die Masse der wuchernden Großgrundbesitzer, welche die Infel au»saugen. Immer wieder begegne ich auf meinen Kreuz- und Querzügen großen GesangenentranSporien. Die Hände an den Gelenken mit Eiienklammern aneinander geschraubt, unter den Ellbogen laikgc, die ganze Schaar zusammenhaltende Ketten, ringsum Larabinieri mit qUeraufgefeyteii Dreimastern und ausgepflanzten Bajonnejten — so geht e» schwitzend und schnaufend dahin nn Sonnenbrand der staubigen Landstraße. Alle Gefängniffe sind nach dem Aufruhr von Männern, Frauen und Kindern überfüllt. I» kleine» Nestern sah ich keinen Markt, auf dem nicht ein Schwarin von Gerichtsvollziehern Zwang»- auctipnen veranstaltete: Auctionen von altem Gerümpel und theuren Reügnien de« Hau«halte», von den Eltern ererbt oder inühselig zusainmengeipart. Massen von herumhockendcn arbeitslosen Menschen bilden mit leeren Taschen und hungrigem Magen da» Publicuin. Neberall überfallen mich Haufe» von Bettlern, jeder ein Pack Lumpen, au« dem ein hohlwangiges, erdfahle« Gesicht mit großen glanzlosen Augen und irgend ein verstümmelter Körperiheil heran», starrt. Schinerzerpreßte Seufzer wimmern mir in die Qhren, überbrüllt von dein mit einer bedeutungsvollen Handbeivegling nach, dem verzerrten Munde deraurgestoßenen Schauerwort: .Hunger'! Und wenn ich, scheinbar gleichgiltig, weilergehe, ivcil ein einzelne», Poriemviliiaie wlche Roll, nicht lindern lau», glotzen mir Gesichter mit dem Ausdruck der Berzivci'lniig uacti. Tabei le obachst iiti, wie der beständige Anblut so vielen ateno» die theilneliniepvr Emvnndung luehr »nt mehr abstumpil und da» Herz'veibarlel Heerli.be Aecker. wcl.be unter der schönen sieilianii.ben Senne 'iinrzig und 'st'chzigsältig tragen könnte», liege» verödet. Mächtige, die Berglehnen dinanksteigende Weinberge mit ihren stellenwei-e cingestürzicn Mauern sind üb st'Ib'l iiberlanen. Barl anlagen mit, vavpelhohen, dunlelitden Envreisen verlniimier» biiner ihren Gittern. Große criragSs.il,ige Landstreckeiz bleiben unbep'ianzt. Wozu arbeiten - d.enleu die meisten tiefer Leute, ivenn die Arbeit nicht einnial den Hunger ürUt! T ie Groß gruudbei'iver haben entdeckt, daß mit Lohn;abl»ngen an Arbeiter die schönsten Sn in men vertrödelt werden. Wenn die Arbeiter-.kür ihr. Tagwerk »> Naturalien cnlichädigl würde», wärec» viel rrakti'cher. Tarun, belomintder Taglöbner nie Geld >» die Hände, '.stach Beendigung seiner ivo.1nnl.inge» Arven wird ihm >ein Lob,iin einem Quaiuni.rznn,eist minderivertliige» Getreide - enrrichicl. Benöthigl aber der Arme einmal ans» Dringlichste de» baaren Geldes vielleicht in Form eine» Borlchnlse», ko erhält er eben wieder einen Gcl'.eioevorstliuß. Reichlich mit Getreide ausgestatrer., ziel» en. nach Beendigung 'einer Arbeil» zeit »ach Han>e. Kanin betritt' er mir die-ein :'laiiira,lob>i den beiinalliche» Boden. >o kommen die '.lst'ainlooldaien mic verlangen, daß er drei,' Ein'nlir von Lebensmittel» versteuern feil. Wober lein i'st'ld »elimen? In ärgster Zivang» läge muß er einen Tlieil ielnc» Löliueo verstblendern. um. de»-übrigen"nach' Hanse lranrvortire», zu lömien. Wovon birst- Arinen leben - rie gebe» in» Grüne, in die Qrang.nliaine »iid Eilronengärlen »nd nehmen. >va» sich findet Eine solche Episte»; bezeichnet der Sieilianer als LrbrnSweist' ebn' Sal;. W. sie schlafe»? Unter freiem Hiinmel an' Slrob. Wenn e» regnet, ^aoe» lä , den 'Wind zum Trocknen. Auch fite .besser simirie Len:." deck: sich der Ti'.v nur einnial, Abend» gegen 6 Uhr. Wa» da »infmärichin, ist »ich:» .n» eine Kräuter- oder Broimvvr, der einige 2 rangen nachlngeln. Ich mag siinblicke» wobin ich' will, überall und «berall trübe -oeiäle Bilder nnd Alle» drnni.". und drüber. Der kleine Bauer verdient im Jahr durchst1initlli.1i *>ij<» Lite, muß aber davon gegen 1>*> Lire Steuern zahle». Er hau sich einige Est'l - sie inilne» versteuert werden: er schasst sich einen neue» Ackeipstng an — muß versteuert jverde»; wgar fite Brot muß er Verbrauchssteuern entrichte». In der Rechtspflege bat sich da» Heer der Procefse derart vergrößert, daß die Ge richte auf Jahre hinan» beschäi'ligt wären, iven» sie nicht die di» lcr-t vor liegenden Fälle summarisch behandeln. In Ealaoeidelia höre ich aui dem kleine» Markt drei abgehärmte, zerluinple Frauen wittimcrn. Ihre <!1!a»»cr sive» i.stl sech» Monaten im Gefängnisse, ohne daß man weiß, warum Flotte Bankrotte sind an der Tagesordnung, In Ballelunga, einem Flecken von etwa tc**> Ein wohner», gab c» im Monat December l!st! Falliiseineiu». Sieilien. die» blendend«. Zauberland, scheint mir ein Eldorado fiii Rechtsanwälte und Gericht» Vollzieher;» sein. In den Schanergegenden der Schweselminen ni»i>en die Arbeiter sogar für die Betriebskosten de» Bergwerk» anskommen. Die Beträge für Reparaiure» der Maschinen werden ihnen vom Lohn abgezogen, E» ist n» möglich, von der fürchterlichen sieilianiichen Mißwirthschakt anch nur in ilüchtigen Umrisse» ein Bild zu entwerfen. Die Großgrundbesitzer haben von den Monairii deS Ausfuhr» nichts gelernt. Sie dämmern weiter in ihrer nneri'ällliche,! Geld gier. Alle Vermittlung»^»'»»»',. die Lage de» armen, am Bettelstab wankenden Bolkc» zu verbessern, prallen a» der Habsucht dieser Herren ab. Wobl aber habe» sie neuerdings wiederholt Beriammlnngen äbgebalieu und Weisheit in dem Antrag zuiainmengefaßi: ,Der Staat möge dein bisberia.-n Berb.iiliiiiie zwischen Grundbesitzer» und Arbeitern gegenüber »eiiiral bleiben'. Und der italieni'che Staat weiß nicht, wie er mit der In-el zurechtkonuneii >oll. Sieilicii hat Hunger!" , Unwillkürlich frägt man sich da, wohin wird Rußland loiuiuen, wenn cö erst einmal, nach dein Ideale seiner jetzigen Leuker „judenrein." geworden sein wird. DaS weile Ezarcnrcich nV kein blühender Garten Eden, wie cS einst Spanien und Sieilien gewesen,: üeußland isl hentc schon vielfach das, was jene Lander erst durch Degeueriruug geworden. Und waS dann, wenn Rußland vollends die Inden, die 'hentc noch zu den Hanptträgern russischer Eulinr gehören, vertrieben haben wird? Dann wird Rußland zwar ein glanbciiseinigeS elreich sein, aber die Elciidstatistik dieses modernden KoloneS wird dann nttt Zahle» operiren, die inan sonst nur zur Meünng kosmischer (Größen verwendet. Die polnischen Freiheitskriege und die Duden. Bon S. Horowitz. „Jüdische Feigheit", diese Phrase ist unseres antiseniili'chcn Maul Helden so geläufig, daß selbst historische Gegenbeweise dieses Borurthcil nicht zerstreuen werden. Wir habe» auch nicht die Absicht, mit nach stchcndci» Aufsatze die Judenfeinde belehren zu wollen, sondern be zwecken nur, den deutschen Leser mit einer-Episode bekannt zli machen,