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Freies Blatt · 1894-08-19 · 124 (19.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
124 (19.8.1894)
Date
1894-08-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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reite 2 $ reies Blatt. Nr. 124 nicht minder wir der Handels- und Gewerbetreibende und der Großindustrielle diese Neugestaltung der Zinsverhältnisse in unserem wirthschaftlichen ^eben. Daß.die Transportunternehmungen-- seien sie staatlich oder privat, daS bildet keinen Unterschied — hiedurch neuen Ansporn erhalten haben, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die entlegensten Winkel unseres Reiches beschreitet bereits daS Dampfroß, und zu neuen Wasserstraßen werden bereits alle Vorbereitungen getroffen. Wie der billige Zinsfuß wirkt die durch das Haus Gutmann zum Z<eben gebrachte Kohlenindustrie belebend auf die industrielle Thätigkeit. Es ist noch nicht lange her, daß die Klage erhoben wurde, die Eoncurreiiz mit dem AuSlande sei aiF diesem Gebiete unmöglich, weil Geld und Kohle zu lheuer seien. Diese Klage ist verstummt. Die Industrie, ja jeder Haushalt verspürt den Vorthcil des billigen Brennstoffes. Können wir den Außenhandel übergehen, der namentlich von jüdische» Kaufherren und Eonfeetionären betrieben wird'? Braucht erst dargethan zu werden, wie viel derselbe zur Hebung deS aetiven Liandes Oesterreichs beigetragen hat? Welch werklhüligen Antheil Juden an der Entwicklung deS Handels und des Gewerbes, der Agricullur und Industrie nehmen, dies erst darzulhun, hieße Eulen nach Athen tragen. Was aus allen diesen Momenten mit logischer Unerbittlichkeit hcrvorgehl, das ist: Die Juden tragen wesentlich zur Vermehrung des RationalreichllmMs, zur Hebung der Steuerkraft im staatlichen Haushalte, zur lebhaften Beschäftigung von Millionen fleißiger Hände bei. 'Ist eS also zu viel gesagt, wenn wir die Inden als befruchtendes Element im wirthschaftlichen lieben des LlaaleS bezeichnen'? Kann eS nun gerecht, kann es im Interesse deS Staatswohles gelegen sein, durch die unqualificirbare Agitation problematischer Existenzen dieses Element lahnilegen zu lassen? ti—z. Aus judenreinen hindern. Gegenüber den bis zur Ermüdung wiederholten Borwürfen der Anlii'eiiiiten, daß altes liebet in wirkhschaftlicher wie moralischer Hinsicht von dem zerlesenden, verderblichen Einfluß des Iudenlhums herrühre, muß es wohl in hohem Grade intereisiren, einmal nachzusehen, wie eS denn mit der geistigen und materiellen Cultur in specifisch judenreinen Ländern bestellt sei. Wenn wir vielleicht in diesen Ländern ans Zustände stoßen, welche ebenso trostlos oder noch trostloser als liniere heimischen sind, und wenn wir dann nothwendigerweise den Rtaukbeilserzeuger wo anders als in dem „fremden Keil im Fleische des amochibonen Bolksthums" suchen »lüsten, dann wird vielleicht die Erkennkiilß nicht mehr ferne sein, daß auch bei u»S der Jude nicht die Schuld aller wirthschaftlichen und moralischen Gebrechen ist, was iliiu von 'den Antisemiten nachgesagt wird. Allen Ländern im praktischen Antisemitismus voran ging Spanien, das im XV. Jahrhundert alle seine Juden vertrieb und das heute noch satt voUkommeii „judenrein" ist. Alle Historiker sind darüber einig, daß sich Spanien mir jenem grausamen Beweise religiöser llndnldsamkeit. nur Schaden zugerügt, und jüngst erst erklärte Manuel Run Zorilla einem Interviewer gegenüber: „Tie Beitreibung der Inden ist der größte Frevel an unserem Lande gewesen, ein unverzeibliches Berbrechen an der Zukunft unseres Bolkes. Mit den Mauren bat man die Eutiur vertrieben, mit den Juden die Industrie, den Hansel, alle Mittel der bürgerlichen Wohlfahrt. Dieser selbstmörderischen Wnrh schulden wir das unsäglichste Elend unseres Volkes." Das Elend der spanischen Bevölkerung spottet in der Thal jeder Beschreibung, und das von Dichtern vielbesungrne „schöne" Spanien bietet in Wirklichkeit ein trostloses Bild grauenhaftester llncultur. Räch der neuesten stalistischen Zusammenstellung sind nicht weniger als ^,7I7..">l'I Einwohner Spaniens beschäftigungslos, und zwar nab-;,, - Millionen Männer und 0;;4 Millionen Frauen. Ilm der loa inenden Rolb zu steuern, haben mehrere Gouverneure die Ausübung großer östentlicher Arbeiten verlangt. Auf Kosten des Staates! :n ‘ inuti Porionen als Pennonäre, während über 00.000 Bettler l.rd B.'til.rinlieil ans öffentlichen Mitteln unterhalten werden. Bon den >7 Millionen Einwohnern deS Landes könne» nur .'>,4l7I5>5> niannliche und *'► 1."» weibliche, zusammen also nur 0,10-4.470 schreibe» unk le'.eu. Tie „frankfurter Zeitung" entwarf am 10. April dieses Jahres folgendes erschreckliche Bild der spanischen Zustände: „In rieten C:r\t 7er Eadix, 5<l'iUa. Malaga und Granada i.ahrt lut) M-J niee.ige ’i'olt sei: einigen Monaten ausschließlich von dträulern, Wurzel» und Wa.e'rachlen Tie 4>äckere»en baden sied gezwungen gesehen, das wie denn solche Zustände möglich fruchtbarsten Gegenden Europa?: werden, herrliche Früchte, doppelte in Hülle und Fülle geben. Dein >>e Fruchtbarkeit de« andalusischen Brot NachtS, insgeheim an ihre »stunden zr vertheilen, da sonst am Tage die Waare von den heißhungrigen, auf Plätzen imd Straßen herumstehenden Feldarbeitern aufgegrist'en und verschlungen w rrde. Vereinzelte Landgüter und Billen werden von improvisirten Räuberbcndeu überfalle», wobei jedoch die Geldschränke unberührt bleiben, und die Minderung sich bloß auf die Speise kammern erstreckt. Biele Mütter, um da» Geschrei der hungernden Kinder nicht vernehmen zu müffe», reichen denselben starke Abkochungen von Mohnkörnern; so schlafen denn die armen Kleinen Tag und Rächt. Ist daS nicht herzzerreißend? Mancher Leser wird wahrscheinlich frage», seien. Andalusien sei ja bekanntlich eine der die Erde bringe dort, fast ohne bearbeitet zu Ernten hervor. Zu essen müsse e« doch dort ist aber leider nicht so. Allerdings entspricht BodenS den allgemeine» Begriffen; allerdings könnte der Ackerbau dort eine um da« Zehnfache dichtere Bevölkerung entä iren, aber die Aecker liegen fast alle brach, und die Leute sterben vor Hunger daneben. Ja —' wird inan sagen — wenn die Trägheit der Andalusier so groß ist, daß sielieber im greulichsten Elend binsieche»,talS ihre Felder;u bebaue» and »n Ueberfluß zu leben, dann kan» man sie schon weniger beklagen. Wem nicht zu ralhe», dem ist nicht zu Helsen. Man lasse sich jedoch nicht durch den är ßeren Schein irresühre». Tie An' dalnsier sind nicht träge, man darf sogar bchaupten, daß sie außerordentlich arbeitsam sind. Wenn sie die Felder nicht' bl bauen, so kommt daS daher, daß ihnen die Felder nicht gehören, sie dieselbenfolglich nicht bebauen dürfen. <Se walten nämlich in Andalusien ganz eigenthün liche Verhältnisse ob. Die Dinge stehen dort noch wie vor der französischen Revolution. ES gibt dort keinen Bauernstand, keine kleinen Grundbesitzer, daSgeiammteWald-undAckerland gehört einigen Großgrundbesitzern. )n Andalusien gibt e« nur Millionäre und Proletarier. Tie Lage rer Letzteren ist elender als die der Sclave» und Leibeigene» de« Allerlhums. Die Großgrundbesitzer bilden unter sich eine. Bereinigung, eine Art Syndikat; ir Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen. Das Syndikat hat hauptsächlich die Ausbeutung der BolkSctaffen ins Ange gefaßt. Ter Taglohn der andätusiscken Feldarbeiter bei 15 Stunden Tagekarbeil beträgt 2 Reale«, in deutschem Gilde 40 Pfennige. Ist schon dar Schicksal der Feldarbeiler im Allgemeinen ei > wenig beneiden-werthe«, so gestaltet sich dasselbe zu einem verzweifelten, wenn die Arbeit, wie die« gegenwärtig der Fall ist, stillsteht. Tie armen Leule, die gewöhnlich von der Hand in den Mund leben, sehen alSdann de» Hungerwd vor der Thüre. Al« eine naturgemäße Folge dieser trostlch'en Zustände erscheint haS immer stärkere Umsichgreisen teS Anarchismus und dasAuftauchin von Räuberbanden allenthalben in Andalusien. Es kann nicht ander» sei». Die schlechten Zeiten, die im Allgemeinen für die Landwirthschast bereingebrodien sind, haben im Gefolge, daß die Großgrundbesitzer Andalusiens ihre Felder lieber brach liegen lassen, als daß sie dieselben bestellen lasse», da die lar dwirihschaftlichen Erzeugnisse zur Zeit nur schwachen Absatz finden. So kommt e«, daß e» keine Beschäftigung gibt für die unglücklichen Feldardeiter. Bor ein gen zehn Jahren halte der selige Herzog von Qsuna, dem die Wurzeln des Utbels wohl bekannt waren, den bochherzigen Plan gefaßt, seine ungeheuren Lindereien' in Andalusien zu zerstückeln und unter die Arbeiter zu theiten, um so eine- Menge vo» kleinen Be sitzern zu schaffen. DaS Syndikat der Großgrundbesitzer sah hierin eine schwere Schädigung seiner Interessen. Hätte der Herzoz sein Vorhaben auSgesührt, so waren die Arbeiter kelteuer und mithin die Ar reilStöbne höher geworden. Alle Mittel zur Vereitlung des Gedankens wurden in Bewegung gesetzt. Den Abgeordneten und der Regierung wurde für die nächsten Wahlen bange gemacht u. s. w. Bo» alle» Seite» bestürmt, sah sich s hließlich der Herzog veranlaßt, von der Ausführung feines Plane» abzuseher. Derzeit haben die Dinge in Andalusien sich bedenklicher alS je zugespitzt. Tat anhaltende Sturm-und Regen weiter macht jede Feldarbeit unmöglich und zrbingl auch die Küstenfischer zur Unthäligteir. In Andalusien, wo die Bevölkerung nur Pflanzen- und Fischnabrung genießt, ist die Hungerrnoth sürchieri ich. Tie Regierung, die leider ’ nur zu sehr dein Grundsätze huldigt, Gotte» Wasser über Gotte» Land laufen zu lassen, thut sehr wenig zur Linderung der Rcth. Bisher hat sie sich begnügt, zur Aufrechterhallung der Crtmung zahlreiche Gendarmerie nach dem Süden zu beordern sowie die Inangriffnahme vou öffmllichen Bauten in den heimgesuckten Provinze» in Aussicht zu stellen. Lun einem ernstlichen Ansav zur Bekämpfung de» Nebel» ist nichts wahrzunehmen " Ter „Bofsifchen Zeitung" wurde am 7 Februar d. I. geschrieben: „Die Faschingszeit ist sehr ruhig verlaufen; die Berhälniffe find nicht solcher Art, daß die großen Massen imstande waren, den Earneval wie früher zu feiern. Rur die höchsten Gesellschaftsklassen ha len glänzende Feste veranstaltet, iin königlichen Schlosse und in den Paläste» ler Granden und der fremden Diplomaten sind Maskenbälle abgehalten word>». Das Volk bekundete »ich, einmal Lnst, die öffentlichen Aufzüge zusehen, veranstaltet wurde». Niemand benutzte nach alt -in Brauch die MaSkenfreiheit der Fastnacht, um den Ministern einige kräftig! Wahrheiten zu sagen. Der Frohsinn ist geschwunden. Ei», dumpfe- Gefühl ganze Bevölkerung und macht sich überall geltü anlasse» Tausende und Adertalffende, ihr Heil der Trostlosigkeit beherrscht die nd. Hunger und Elend verim Betteln, im Stehlen und

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