Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 123 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Blatt. Nr. 123. .freies Seite Ü. „Frei-Deutschland" wurde milgeiheilt, daß diese Zeitung die Erwartungen auch nicht erfüllt habe. - (Vom Breslauer Turnfest.) Die autiieinitische Presse ist mit dem Ber lause des Breslauer Turnsestes sehr unzufrieden. Ter Antisemitismus gelaugte daselbst nicht zur Geltung, und da« ärgert sie sehr. Ein Fniharker kühlt sein Mnthchen a» dem — Festspiel, welches er als „jämmerliches jüdisches, geist« und witzlose- Machtverk" verreißt. - Feuilleton. Die Töpferscheibe. (Erzählung von E-nard KulKe. <1. ,>«rllct>u»g.) Wenn gebrannt werden sollte, so mußten die an» Lehm geformten chefäße, Töpfe, Krüge, Schüsseln :c. auö der Töpferwerkstätte in den Ofen gebracht werden, bevor das Feuer angezündet war; erst wenn die von Sonne und Luft getrockneten Gefäße sein säuberlich in dein Ofen aufgestellt waren, durfte der darin hergerichtete Scheiterhaufen in Brand gesteckt werden. Dies war heute der Fall, und des Meisters Töchterlein, ein schlankes Mädchen von vierzehn Jahren, kam eben mit vorsichtig ängstlichen Schritten einher; denn auf.dein Kopse trug sie ein Brett, aus welchem die aus Thon geformten Töpfe und Krüge wohl geordnet nebeneinander standen, und sie mußte sich wohl hüten, einen Fehltritt zu thun, etwa zu stolpern oder irgendwo anzustoßen, weil dies die Arbeit, um welche sich Meister und Geselle Tage lang geplagt hatten, in einem Augenblicke hätte zerstören können. Eö wich daher auch Jeder, der dem Mädchen begegnete, scheu und vorsichtig auS, um sie vor Schaden zu behüten. Plumps! — da fauste ein Stein durch die Vuft und Töpfe und Krüge lagen zerbrochen auf der Erde. Sie hatte aber noch kaum Zeit gehabt, sich von dem Schrecken, der ihr das Brett mit den Gefäßen voni Kopfe warf, zu erhole», als der muthwillige Bursche, der den Stein geworfen, auch schon am Bodeti lag und von MoseS' Händen die verdiente Züchtigung erfuhr. MofeS war nämlich eben herangekommen, und voll Entrüstung über die Niederträchtigkeit, dexen Zeuge er gewesen, stürzte er sich auf den jugendlichen Frevler, und obwohl dieser an Kräften überlegen schien, wurde er dennoch von MoseS überwältigt. Genofta, so hieß die Töpfers, tochter, war gleich, nachdem sie von dem ersten Schrecken sich erholt hatte, »ach Hanse gegangen und betrat furchtsam und zitternd die Werkstätte, wo sie unter Thränen, was sich zugetrage» hatte, zu ^r zählen begann. Dies hören und die Hundspeitsche von dem Wand naget, wo sie hing, herunternehmen, war für den stämmigen Burschen, der ihrem Bater alS^wackerer Geselle zur Seite stand, eins. Genofka hatte ihren Bericht kaum begonnen, geschweige denn geendet, so war er auch schon voll Wuth mit der Peitsche zur Thüre hinaus. Wenige Augenblicke danach vernahm man in der Stube von den Oefen her ein jänimerlicheS Geschrei, und der Meister, daS schluchzende Mädchen beruhigend, sagte: Nu! Nu! so hör' nur auf! Der hat sein Theil! Der Gaffenbub wird dir keinen Stein mehr »achwepfen! Mit triumphirender Miene, wie ein Held, der siegreich vom Schlachtfelde heimkehrt, kam der Gesell in die Werkstatt zurück, und im Bewußtsein der vollbrachten Thal, hängt er daS Strafinstrument an seinen Platz und ging, ohne ein Wort zu verlieren, an die Arbeit., MoseS aber, der durch das unheilvollste Mißverständniß ein kränkendes Unrechferlitten, schlich traurig von dem ihm so lieb gewordenen Platze bei den Töpseröfen hinweg, und die Folge davon war, daß er sich nunmehr unter den Schanzen nicht mehr sehen ließ. Dies war aber nur die äußerliche Folge; die innere Folge war eine völlige Aenderung feines ganzen Wesens. Er hatte ein schmähliches Unrecht erfahren und war sich keines Unrechtes bewußt; er erkannte, daß man Schimpfliches dulden müffe, wenn man keine Macht hat, eö abzuwehren, und dies bedeutete für ihn so viel als: es gibt keine Gerechtigkeit. Dies ereignete sich zu Anfang der Fünfzigerjahre. Scho» waren die freiheitlichen Ideen, die mit dem Jahre Achtundvierzig auch in die „Gaffe" eingedrungen waren, wieder unterdrückt und schwer lastete der Druck auf allen Geistern. MoseS stand yoch in einem zu kindlichen Alter, um das allgemeine Weh mitzuempfinden und den ungeheuren Umschwung, der sich vollzogen hatte, zu begreifen; aber daS Leid, daS ihm -persönlich widerfahren, das empfand er sehr tief, das verstand er - sehr gut, und indem er darüber refleetirte, hat er sich geistig selber emaneipirt. Warum läßt e« Gott geschehen, daß sich so etwas ereignen darf? Bon dieser Frage ging er aus und er konnte die Antwort auf diese Frage nicht finden. Die Mutter, die sich seine Erziehung sehr angelegen sein ließ und sich viel mit ihm beschäftigte, hatte ihn allezeit gelehrt, daß Gott allgerechl sei. DaS war seinem Gemüthe tief eingeprägt, cmd nun Konnte er sich die Allgerechtigkeit GolteS mit dem, was er erlitten, nicht zusammenreimen. Oft war Moses in der Abend düinmerung aus einem Schemel zu Füßen der Mutter gesessen und mit ganzer Seele hatte er gelauscht, wenn sie satt nnwillküclich, mehr als ob sie es müßte, als daß sie eS wollte, die eine oder andere von Schillers Balladen mit leiser- Stimme, fast im Flüstertöne, sprach. So hatte sie ihm einmal auch den „Gang zum Eisenhammer" vor gelispelt. Die schauerliche Begebenheit hatte sich feiner ganzen Seele_ bemächtigt. Wenn er dann dem Töpferofen gegenüber saß und in die hochauflodernde Flamme hineinstarrke, so schwebte seiner kindlichen Phantasie das Bild des Bösewichteü vor, den seine Berrnchtheit in die Gluth des Eisenhammer» Hineingetrieben. Die Bergeltung schien ihm schrecklich, aber gerecht. Wen» Fridolin durch seine Frömmigkeit vor dem fürchterlichen 'ihm zugedachten Schicksale bewahrt wurde — das war für MoseS eine Befriedigung, da offenbarte sich die Gerechtigkeit Gottes. Seitdem er aber unter de» Peitschenhieben des Töpfergesellen eine dieser zuversichtlichen Anschauung über die in der Well herrschende Gerechtigkeit so entgegengesetzte Erfahrung gemacht, 'durchdrang ihn ein Gefühl der Bitterkeit, daS ihn umsomehr schmerzte, je weniger er darüber sich äußern konnte; äußerlich Zieß er nichts merken, weil er sich schämte,, die Schmach, die er erduldet, vor seinen k^enoffen odergar vor seine» Eltern zu verrathen; er glühte aber vorinnerer Scham ' darüber, daß er Gute» gesäet und BöseS geerntet, lieber Alles, was er hörte und sah, urtheilte er nun vom Standpunkte der Gerechtigkeit. DieS zeigte sich auch in seinen Fragen und Einwendungen an den Lehrer, der ihm hebräischen Unterricht ertheilte. Bor dem Jahre Achtundvierzig und selbst noch bis hinein in die Fünfzigerjahre ungefähr bis zum Abschluß des EoncordatS gingen i» solchen Gemeinde», wo noch keine jüdische öffentliche Schule bestand, die ^jüdischen Kinder zwei Stunden täglich in die christliche Schule, in die sogenannte Trivialschule; hier lernten sie deutsch lesen und schreibe» und nothdürstig rechnen. DaS Lesebuch war der von dem Oberlandesrabbiner in Nikolsburg, Rabbi MareuS.Benedict, herausgegebene „Bene Zion" : geschrieben wurde Eurrentu»d etwas Kanzleischrift. Täglich wurde von säinmtlichen Kindern, Knabe» und Mädchen, in eigenthümlich snmmendem Tone das Einmaleins anfgesagt, über die vier SpecieS kamen sie nicht hinaus, und die besten Schüler der zweiten Elaffe brachte» es bis zum Dividiren mit einer zwei- oder wenn es hoch kayl dreizisserigen Zahl. DieH. war das Mgß des WiffenS, mit welchem der jüdische Knckbe und daS' jüdische Mädchen von zwölf Jahre» auS der Schule entlassen wurde». Seinen eigentlichen Unterricht erhielt der jüdische Knabe aber nicht in dieser Trivial schule, sondern bei seinem jüdischen Lehrer in dem sogenannten „Eheder", welches Wort zu deutsch Z i m in e r bedeutet und in Wahrheit diejenige gewöhnlich dunkle Kammer war, in welcher der Lehrer den Unterricht ertheilen mußte. Hier lernten die Kinder hebräisch lese» und jüdisch schreiben, die Borgeschrittenen lernten die Bibel übersetzen; die Allerfühigsten erhielten auch Unterricht in der „Gemarah", daS ist der Talmud. MoseS gehörte zu diesen Allerfähigsten. Eben hatte der Lehrer, es war die« einen Tag nach der Begebenheit bei den Töpferöfen, mit den vorgeschrittensten Schülern einen neuen Tractat auö dem Talmud angefangen, der sich gleich zu Beginn mit der Behandlung des folgenden Falles beschäftigt Zwei ergreifen einen Gegenstand, beispielsweise ein Kleid. Der Eine sagt: Ich hab'S gefunden, und der Andere sagt: Ich Hab'S gefunden — so sollen sie , eS theilen. Sagt der Eine: Das Ganze gehört mir, und der Andere sagt darauf: DaS Ganze gehört mir, so sollen sie eS theilen. Sagt aber der Eine: Das G a n z e-gehört mir, der Andere aber behauptet: Die Hälfte^davon gehört mir, so theilen sie nicht zu gleichen Theilen, sondern der, welcher auf da« Ganze Anspruch macht, erhält drei Biertel und der Andere, der auf die Hälfte Anspruch.macht, nimmt ein Biertel." — „Warum?' fragte MoseS, nachdem der Lehrer diesen Fall vorgetragep hcktte, „wo bleibt da die Gerechtigkeit?" „S eh ij. gerecht," erwiderte der Lehrer, „ich werd' es dir gleich aufklären. Gib Achtung! Wenn Jeder von Beiden sagt, daß da» Ganze ihm gehört —" „So haben Beide Unrecht," unterbrach ihn MoseS. „Wieso?" fragte der Lehrer, und alle anwesenden Schüler hatten ihre Blicke scharf auf MoseS gerichtet. Dieser aber war dadurch nicht eingeschüchtert worden; er sagte: „Wenn man etwas findet, sei eS nun Einer oder seien es Zwei, so muß man sich erkundigen, wer eS verloren hat und muß eS dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückgeben." „Narrele!" sagte der Lehrer und alle Mitschüler lachten, „haben denn daS unsere Weisen nicht gewußt? WaS sagst du mir cha für