Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 123 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441545--1443-4887896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
?eite 10. .freies Blatt. eine Neuigkeit? Ich will dir doch zeigen, was für ein Scharfsinn in der Sache steckt." „Ich habe nicht nach dem Scharfsinn gefragt," erwiderte MoseS, »spndorn nach der Gerechtigkeit." „Ganz gut," erwiderte der Lehrer, »g'rad in dem Scharfsinn liegt auch die Gerechtigkeit. WaS den Fund betrifft, denk dir, der Eigcnthümer ist nicht aufzusindcn —" »Meinetnxegen," sagte MoseS. „Ru also," setzte der Lehrer fort, »jetzt sagt der Eine: Mein gehört eS, und der Andere sagt: Mein gehört eS. Nu, welchem von Beiden soll man glauben? Wem von ihnen soll man es geben? Ist da nicht daS Gescheidteste, man gibt Jedem die Hälfte? Wie sollte nian da anderstheilcn? Jetzt kommt? aber erst der Hauptwitz. Der Eine sagt: Das Ganze gehört mir, der Andere aber sagt: Die Hälfte gehört mir! so macht dieser Andere auf die eine Hälfte gar keinen Anspruch. Um diese eine Hülste streiten sie also gar nicht, sie streiten dann nur um die andere Hälfte, nun-so sollen sie diese andere Hälfte theilen; und wie viel komm! auf den Einen, wenn man ein Halbe» in zwei Dheile theilt?" »Ein Viertel," riefen alle Schüler mff Ausnahme des MoseS. »Also," fuhr der Lehrer fort, »wenn der Eine ein Viertel kriegt, so kouimen auf den Andern drei Viertel. Verstehst du mich, MoseS, daS heißt ein Verstand; denn um die ehe Hälfte streiten sic sich ja gar nicht. Verstehst du mich schon?" - „Ich versteh' schon," sagte MoseS, „cS ist aber keine Gerechtigkeit." * „Wie so keine Gerechtigkeit?" fragte mit überlegenem Lächeln der Lebrer, „laß' mich hören deinen närrischen Verstand. Wie so keine Gerechtigkeit?" „Wenn Zwei mit einander etwas finden, so sollen sie eS dem Eigcnthümer zurückgebcn." „Noch einmal dieselbe Narrischkeit," unterbrach ihn der Lehrer, „darauf habe ich dir doch schon geantwortet." „Sie haben mich nicht auSrcdcn lasten:" sagte MoseS ruhig, ohne daS Gelächter zu beachten, das er durch «eine Einwendungen bei den Mitschülern hervorgcrufen hatte, „wenn sich der Eigcnthümer nicht meldet, soll man die gefundene Sache aufbfwahrcn. Vielleicht findet er sich nach Jahr und Dag." „'Nimm an," sagte der Lehrer noch immer mit großer Ucbcrlcgcn heit, „nimm an, er findet sich nach Iah und Tag auch nicht, .nu und waS dann? Bist du jetzt am Ende mit deinem närrischen Vcr stand?" „WaS dann?" sagte MoseS. „Wen, Jeder von Beiden bc hauptct, daS Ganze gehört ihm, so sind si< alle Beide im Unrecht, da ja Beide wissen, daß sic die Sache mit eiimnbcr gefunden haben Wie kann da der Eine oder der Andere sagen, daß das Gaüzc ihm allein gekört?" i „Deshalb sollen sic eS ja theilcn," sagte der Lehrer schon etwas ungeduldig. MoseS aber erwiderte: „Das Unrecht! eincS Jeden von Beiden liegt schon in der Forderung. Ganz und 1 gar ungerecht aber ist der zweite Fall, wo der Eine drei Dheile uhd der Andere nur einen Dhcil bekommt." „Ebammer!" (Esel) sagte der Lehrer zweimal gesagt, daß sie um die eine Hülste gar nicht streiten? stehst du daS denn nicht?" „Ich versteh' schon," sagte MoseS, „alxjr wenn Zwei mit .einander etwas finden, so ist doch gewiß derjenige, d:r nur aus die Hälfte Anspruch macht, ein rechtlicherer Mensch als derjenige, der das Ganze für sich verlangt und dem Andern gar nick tS lassen will, Nun wird der Gerechtere von Beiden, der nur die Hälfte fordert, für seine Rechtlichkeit bestraft und bekommt nur ein Viertel; der Ungerechte aber, der daS Ganze haben und dem And ren gar nichts lasten will, bekommt drei Viertel. Heißt das nicht die Ungerechtigkeit belohnen?" ..MoseS! MoseS!" sagte der Lehrer; »rncrrcgt, »du scheltest die i'viiiiuat)? Ich fürchl', ich sürcht', auS dkm kleinen MoseSl wird einmal noch ein großer Verbrecher an Israel werdin!" Mit diesem Ausblick in die Zukunft w»r die DiScussion über die bekandelte Rechtsfrage nicht sowohl erledigt als abgcschnitten. Man kann cS fraglich finden, ob eil zweckmäßig sei, Knaben dieicS Alters in daS Studium des Dalmßd inzuführeu, denn nur allzu sehr ist die Erörterung solcher Fragcü, wie die hier behandelte, geeignet, einen Knaben altklug;u machen oder wenigstens erscheinen ,hab' ich dir nicht schon Verzu lasten: unstreitig aber ist, unter Voraus wähl von Seite des Lehrers, daß der Verstund des Schülers frühzeitig in ungewöhnlicher Weise geschärft wird; ctzung einer richtigen AuSwas aber dem jüdischen Knaben früherer Zeiten eine bedeutende Üeberlegenheit verlieh, war »Be e is chen Us nicht sowohl daS Studium des Talmud, der ja nur Wenigen zugänglich mar, als vielmehr das Studium de dem jüdischen Knaben wurde, kaum halt: Hcbräischlesens hinter sich, sogleich die Bibel Man plagte ihn nicht viel mit granimatikali kram, man begann sofort zu übersetzen: »boroh" — erschuf; „Elohim" — Gott u sozusagen ohne Strick ins Waster hinein, und Da er muß, so schwimmt er, und so lernt ungefähr in der Art, wie der berühmte Sch hat, Hebräisch. Diese Kenntniß deö Hebräisch sondern nur Mittel zum Zweck; die Haupts, dieser, besonders auS dem ersten Buch MosiS, schöpft der Knabe eine Nahrung fürs Gemüt! ganzes Leben lang zu zehren hat. WaS Gemüth auch Anziehenderes geben als die Erzählungen schlichtester Zustände und Vcrhäl Zügen! Wenn Elcasar mit seinen Kameelrjn Braut zu suchen und ihm Rebekka begegnet sagt: »Auch deine Kameele will ich tränken zehn oder zwölf Jahren diese Bilder, welch: plastisch auSgestaltcn, vergleicht mit den Zuf von denen er in der Wirklichkeit umgeben ist auch nie ein Kamecl gesehen hat, wie burdi blick in eine ganz andere, fremdartige, Eulturwelt, zu der er, wenn sic auch verga der Gegenwart angehört, sich doch elegisch s fühlt, und gerade die Fähigkeit, diese' ergr der Ursprache zu lesen, läßt ihn das Gefühl dieser Vergangenheit nu» um so inniger eir einen Knabe», der im Alter von zehn bis v andere Eapitel ans den »Psalmen" in der man denke .sich einen Knaben dieses Alters Sätze ans den Sprüchen Salomonis im g Urtexte citirt, als ob cs Büchmann'S geflügelte »Sin weiser Sohn erfreut deS B Ein Thörichter ist seiner Mutter kurz einen Knaben, welcher über einen hebräiH wie etwa Montaigne, der von frühester lateinische -Erziehung erhielt, deS lateinischen:! und man wird zugcben, daß ein solcher eines llntcrrichtcS in de» sogenannten Realie» sowohl im »Ehcdcr" wie in der christlichen 7 enthalten,, doch, was die Wirkung aufS Mangel reichlich entschädigt war. Dieses Nebeneinander zweier so ganz iin Gcmüthe deS Knabe», das Spiegelbild neben der Euliur, in der er lebt und vo> und Tritt umgeben sieht, erzeugt in dem Kn kcit zu vergleichen, und rasch erkennt er, cS gerade so - sein, wie eS ist, cS könnte viel anders sein. Besonders unser MoseS wurde dem er sich zu Anfang der Fünfzigerjahre durch daS jüngste ihn so tief verletzende auf einen solchen Gedankcngang geleitet, gerade durch dieses Vergleichen frühzeitig zu Erkcnnlniß, daß der eigentliche Kern aller liche daran, trotz der Verschiedenheit der äuße Ganzen und Großen,' da wie dort sich gleich bei seinem Lehrer die Geschichte von Jakob friedlichen Zurüstnngcn, die Jakob traf, als Bruder Esau absandte, vor dem er sich für. er nie ohne Thränen lesen konnte, oder von Josef und seinen Brüdern gelesen, wi: Josef, euer Bruder, den ihr verkauft habt innerer GeinüthSbcwkgung und heftigem konnte, und sagte ihm die Mutter des Abends ohne, alle Prätcnsion und ohne jede Absich li »Bürgschaft" oder »HectorS Abschied von An > cS ihm offenbar, daß daS allgemein Menschl sei. Er empfand alle diese Dinge viel tiefer, die mit ihm gemeinschaftlich Unterricht erhielte^ Lehrer kein Hehl daraus, daß er für die vcrt ISmaöl mehr Sympathie habe als für Sa VatersegenS beraubten Esau weit mehr Mitgef^I wofür er vom Lehrer. gescholten wurde, er er urtheilte einzig und allein nach seinem Gei ihm die Bürgschaft für die Gerechtigkeit. Gclv Ercig der Z» st ck t Ixjt Nr. 12S_ Bibel im Urtexte. Mit er die Kenntniß des im Urtext vorgcnommen. Regeln und Formelfchith" —Im Anfang; s. w. Man wirft ihn nun soll er schwimmen, cr praktisch und spielend, mann Griechisch gelernt en ist nicht Selbstzweck, qche bleibt die Bibel. Aus womit ja begonnen wird, h, an der er dann sein kstnn cs für ein kindliches -atriarchengefchichte, diese niffe mit den rührendstenauSzicht, für Jfak die und ihn tränkt und ihm ," und der Knabe von in feiner Phantasie sich »den und Verhältniffen, so gewinnt er, wenn er Inspiration einen Ein aber doch anheimelndc »gen ist und wie sehr er chnsnchtsvoll hingczogcn ifcndcu Darstellungen in seiner Verwandtschaft mit ix finden. . Man denke sich f Jahren ein oder daS spräche aufzusagcn weiß, der kernige, schlagende ^wöhnlichcn Gespräche iui Worte wären, wie z. B.: >terS Herz, Lchmerz," heu Sprachschatz verfügt, dheit an, eine durchaus >ortschatzcs mächtig war, Knabe trotz des Mangels denn diese bleiben ihm rivialschnlc gänzlich vor ilith betrifft, für diesen l erschicdcncr Eulturwcllc» einer vergangenen Eultur dcr er sich auf Schritt den frühzeitig die Fähig l iüffc nicht Alles, was ist, mehr Manches auch ganz schon in dem Älter, in befand, ganz besonders gniß bei den Töpfcröfeu HlndcrerscitS kam er aber mindestens instinktiven stände. daS echt Mensch glichen Ncbcnumstände. im bleibe. Halte er;. B. und Esau gelesen, die er die Boten an seine» ete, eine Geschichte, die te er gar die Geschichte Josef sagt: »Ich bin Egypten", und er vor chzcn nicht weiter, lesen inihrer schlichten Art chkcit;. B. Schiller'S romachc" vor, da ward che im Gefühl enthalten rlS die anderen Knaben, Er machte vor seinem ficbcne Hagar mit ihrem daß er für den deS hl habe, als sür Jakob, kannte aber nicht anders, ühl. Sein Gefühl war Fortsetzung folgt.) r >h.