Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 123 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 123. Freies letzte Versammlung. Einzelne Aursührungen der Redner, die nicht« 'Anderes vorbrochten, als wa« ihnen Herr Tühring soufilirte, verdiene» angenagelr zu werden. Linen gewissen .«eil, der auch sür das BundcSorga» verantwortlich ist, läßt Dühring sagen: „Mil so rückständigen und charakterlose» Karteien, wie ei! die Antisemiten und Juden-Socialistcn sind, können wir eben nicht;uiammengehen, auch nicht etwa zwilchen ihnen vermitteln. Wir sind eben viel radicoler. Auch mit den Anarchisten ist der Socialitäre Bund, wie lein Siat," ausweist, nicht zujammenzuwerfen. Aber war den Bol>cotl;a»beirifft, io e r - kennen loir d i e Berechtigung de« Boiicoit« der Socialisicn gegen die Unternehmer ebenso an wie den Bo » eoll de' r Antisemiten gegen die Juden, aber dielen levteren dehnen wir noch dahin aiif, daß wir nicht nur den wirthlchanlichen, sondern auch den volitischei! und geistigen Verkehr mit Juden meiden." Ei» Herr V Strnpve verkündigte solgende Weisheit seine» Meister«: „2 a « E h r i fl e » t b » in hat nicht« mit dem e ch t e n A r i e r r h u m g e in e i n : e « i ft f i n e n * bebraiSmu«, der unbedingt abgelegt w e r d e n muß, wen» unser Wesen sich rein und barmonilch auSgestalte» ioll. Man beschäftige sich mit der DüKriug'schen Racentbeorie, und man wird die» al« nolhwendig erkenne». Allerdings ist sie schwierig:'ia, ich mache oft die Erfahrung.. das; man leichter Jemandem ein philosophilche« oder Volkswirts,>chaltliche« Grundgesetz klar mache» kann al« diele Theorie. Hat man sie aber einmal begriiien, so dal man ein mächtiges Hilfsmittel' fürs Leben mehr gewonuen. Manche von un« erkannten an schriftlichen und mündlichen Aenßerungeii de» Juden oder den Mischling, ehe die .Antisemiten' ahmen, daß sie eS mit einem lolchen zu thiin hatten. Ich erinnere nur daran, daß wir einmal öffentlich behauptet baden, an antisemitischen Zeitungen schriebe» sicher Inden mir, gleich taraul erftihr eS die Welt, daß in der, .Deutschen Wacht' de« Herr» TSwalk Z i m m e r m a n n ein Schriftsteller jüdischer Ablunst, L i m a n , Artikel veröffentlicht habe! Tie Zukunst wird eS auch lehren, ob nicht dieser oder i e n e r A n t i j e in i t e n s ü K r e r I u d e n b l u l i in L c i b e h a t!" -stach dieser Prophezeihung ergiff e>n Herr Cito Recke ui in da« Wort, Er stellte sich al« „socialer Vegetarier" vor. Zwar stimme er nicht in jedem Vunkte mit dem „Socialitäre» Bunde" Üherein, z. B. nicht mit der Bopeottlrung der Bibel, aber der Bund sei ihm dock viel mmpaiilcher alS die '»listige» Antisemiten, von denen er nicht vixl wissen wollte. Ter Leiter der Verlammlniig schloß dieselbe mit solgenden Worten: „Wir werden ruhig weiter agilnen, und nicht danach sragen, ob eS Lieftm oder Jeucm behagl Zumal den Parkeiantisemite n und ihrer Vrei'e gegenüber ist ein krait volle« Auftreten erforderlich. Tenn diele Bewegung wird in einer Weise von den meisten ihrer Führer geleiitk, daß e« einen wirklich volkS'reund- .lichen Antihebräer aus« Tiefste empören muß. Lange genug baden diese Macher und Streber ihre ungeschickte Agitation gekandhabt: e« wird jevr Zeit, daß sie in vernünftige Bahnen einlcnken. Wir habe» ein halbe« Jabr lang ihnen unsere Sach« in unseren Versammluiigen und in unlerer Zeitlchrilr targelegi: sie hätten sich damit beschäftigen sollen! Statt dessen fahren sie in ihrer alten Weise fort, lernen nichtdazu, verschweigen unsere Lehren und hängen sich an die Uhr der natürlichen VolkSentwicklung. Aber der Zeiger wird weilergehen und sie. die nicht hören wollten, hinniiterlchleud-.n! Und wir werden sie bei >eder Gelegenheit angreifen, wo sie sich so ungeschickt und böswillig cinmischen, wie in der Bovcoltsrage; wir werden sie nicht schonen und solche Varleihäupter wie den .Papst an der. Elbe', den Herrn TSwald Zimmermann. der ja ein so großer Politiker sei» möchte, erst recht nicht! Sie sollen un« kennen lerne», die Herren, die da glauben, eine so große Sache wie die unserige mit einer Handbcwegung oder einer Phrase ablhun zu können!' Ta» verspricht sehr lustig zu werden. (»kauft nicht bei Juden!l I» der neuen Auslage de» „Eoniervaliven Handbuch«", dieses Reglements siir Vereine und Agitatoren der TivolnAnti semilen, wird in einem neuen Abschnitt de- Artikel« „AntisemilirmuS", der in Ausgabe vop lk!-2 »och schlle, auSgesnhrt: „Die Teutschen sollte» grundsätzlich keine« der zahlreichen Mischen Geschäfte in Nahrung setzen, von denen e« notorisch sei, daß sie ihre Arbeiterinnen aus den Weg deS Lasters verwiesen; ivenn e« in der Judenfrage eine .Schwach' gebe, so liege sic in der Tharsache, daß deutsche Krauen und Männer der höchsten .streife sich nicht scheuen, solche Geschäfte zu betreten. Dian müsse aber auch denjenigen Juden gegenüber Zusammenhalten, welche sich in ihrem bürgerlichen und geschäftlichen Leben nicht« zuschulden kommen lasten. Der christliche Deutsche sollte unbeirrt auch im geschäft lichen Leben in erster Linie seinesgleichen unterstützen." Die Aufforderung, selbst die Juden wegen ihrer Abstammung oder Eonfessio» zu bohcottiren, die sich nicht« zuschulden kommen lassen^ wird von den Tivoli-Antisemiten in, ihrer Verlogenheit al« die Bechätigung eine- „gemäßigten" Antisemitismus bezeichnet. (Ein kölnisches AntisemittnstiilNkin.) Johann Spanier — ist der richtige Name jene- Kirchenschänder», besten Miffethat die Antisemiten von .stöln zu einer Judenhetze sructificiren wollten. Ueder diesen Vorfall schreibt da» rheinische Hanptblatt de« EentrumS, dir „Kölnische BolkSzeiwag": Der krankhafte Wahn, über«ll Juden zu sehen, wo etwa» Schlechte« geschieht, hat bei dem'Vorfall in der B«ichallt von St. Georg dem Kölner antisemitischen Verein einen bösen Streich gespielt. Ein gewisser Johann Spanier benimmt sich dort in empörendster Blatt. Seite 7. Weist, wird dabei abgesiißl und vrotokollirt Anstatt da« Ergebnis; der llniee ftichnnq abziiwarten, beeil! iuli der antisemitische Verein, den Tkater al« Juden zu bezeichne» und voy eineiii „Ae: indischer i^stmeinbeit und Frechbeu' zu svreche» : »cbenbei versuch! er, sich an der Preüe1 zu-reibe», die etwa« besonnen, r ist, al« der genannte Verein, und stellt ste wegen ibre« aussalleiideii Schweigen« zur Rede. 'Roch ist da? Vlaear, ivelche« tieie Entlinllniigen und Verdächtigungen briiigr, nicht ange'chlagfti, al« die „Kölni'che Vatkezeitung" Allel niitlbeili, wa« bi« dahin über den Kall in Ersabrung zu bringe» war. da« Hilst nichtS: zwei Teze 'päier koinmi eine grobe Vastkarle. Nun stellten wir genaue Ermittlnnge» an. Schon varber würde'. ::»« bestimmt versichert. Svainer ici nicht Jnde„, sonder» 'laido'.ik Leidpr iniiiken wir die« an« genauester.üenmniß bestätigen. Joba»» Svanier ist am '->> Mai 1Sl.r> zu Prüm geboren, beide Elter» waren katholisch, er selbst ivjrd noch a»' einer Abuieldebcicheinignng von l^l'L al« katholisch bezeichnet. Frsiber war er.Hausknecht nnd S.lueiber. am 7 Juni l-!'t bat er in Köln eine» Stabl, .nur; und G,nailieriewaale»'t!n»del augemeldet. Tb 'eine Tbat eine nichi-:irsiirdige Robben oder eine bdwnsike Religirn«schä»dn»g war. wird die UiUel'nchiing anSweiien. Wenn die leichi'erlige Anrschlachtiitig de« Falle« nicht zu einer J>lde»bei>e gekiilni bat, so mag der aniistmiiische Verein dafür bei dem rnbigen Sinn der Kölner >ia:boliien sich b>da»ke»: er , selbst bat redlich da« Seinige geiban. um an' den ersten 'S eantal^'inen ziveiien zu stven. Wirk man sich d,c>e widerwäitige Geschickte endlich zur Warnung diene» laistnWild man im-Be'öiideren endlich än'böien, dlcienige» Blatter, die nicht bei jeder Gelegenheit iu da« anft'eniui'chc Hör» stoßen, mü »nve.- sitiämten Zii'chrislen;» bebelligcn'? E« ist noch nicht ichr länge ber. da wurtzeu wir in flegelhafter Wci'c zur Rede gestellt. Weil wir uiveren 'Ycvni d:e Rach, richt voreiilhiklli'n, ei» indischer Metzger in Euskirchen 'ei weg-'» Vdrtautes ichlechtkit Fleische« vernrtbcill worden. Wir schlugen ein in der')>'äbe de?!la: orle« erscheinende« Blakt nach nid enideckien eine trockene '.si'oli; ron ei» vaar Zeilen, in welchen von einem Juddn gar niditdie Rete war! lll'd-'nnn ievi der Kall Svanier! Derartige Tinge kommen >'o bansig vor.,'daß die Vresist sich daran gewöhnen muß, antisemitische Berichte von vornherein alverdächtig zu behandeln. Freilich gibt der große Äblwardl seinen Jüngern in der.Gewissenhaftigkeit ein glänzende« Beiwiel. Vor eänigen Wochen babci. wir ihm nachgeivie'eii. daß er an« u»>erein Bedichie über 'eine Kölner Rede drei Sätze eitin bar, von. denen kein einziger in der ..Kölnischen Volk« zeitung" gestanden hat: Alle« war ckitweder gröblich entstellt oder einfacki au« der Luft gegrlisen Aut eine Antwort warte» wir bi«, beute vergebene. Dagegen behandelt kein ..Bnndschub" ganz ernstbasl die längst abgeich'.achiete Ente von dein „jüdischen" Mörder de« Vräsidenlen Earnoi! Hosienilich geben de» ebre» weuben Elementen allmälig die Augen ans, ivelche von Hetzer» n-ie'ß.hl'livard: »nd Genossen sich in« Sckilevvtau »ebnien ließen 2lus antisemitischen blättern. Lugrn liabrn kurze Btinc. Seildcin sich die. RetningSgestUschäft n,.ckl im Gei'ir de« Tr. Zechmeister resornnren, d. fi. zn einem anlistini:!-t/en Hetzconvcniilel ningestalleii ließ, in sie der beständige Sie», de« Anstoßes äur die antisemitische Presse. Mit de^ Wabrheii wird e« dabei »ich: gerade genau geiioiiime». So war mied . ..eulich in einem aillistmili>chen 'Blaue in Fori» einer „Eingejeiidct" er;äl>ll, ei» Arzt der Gesetlscha-i. der einem erkrankten Herrn erste Hilfe geleislcl lind denselben in seine Wohnung rranSporkirl Hane, sich jür dieic Hilfeleistniig bczablt gemacht habe, indem er deran« der Rockt, lasche de« Eikrankleii geholten Geldbörst — alle»ding? rer Zeugen — eine Zehiiguldeiinole fi'tr sich nnd Drei Gulden für den 51111; Dräiloporte benützic» Fiaker entnoinmen »nd den restlichen Betrag kein HanSineisieo zur Rückstellung 'an den Besitzer übergehen habe. Tieie Erzählung stell: sich .ioweu die Wiener Freiwillige RelluiigSgeiell'chaft in Frage leinin: — a!» leder Grundlage vdllständig entbehrend' dar, denn, did ReitllilgSge'ell'cha-t iia: in dein erwähnte» Falle gar nicht inlcrvenirl. r>>ach de» von Sei:e de« Jn'tiluie« gepstogenen Erhebungen verhält sich die Sacke, folgendermaßen: Ein Herr ipard vor einige» Tage»,, während er in einem Hau>e in der inneren Stadt weilte, von cintm heftigen Unwohlsein befallen, und in an beriet einen in der Rüde - etablirten . praktischen Arzt. Dieser erklärte,' »achdeni er dem Erkrankten 'Hilse geleisler hatte, daß er zum TranSvori desselben in seine Wohnung die ReltnngSgestÜchaft requiriren wolle, was aber „wegen des Aussehen»" von de» Besitzern der Wohnung, wo der Erkrankte sich zu Besuche befand, abgelehnr nmrde, weshalb der Arzl den Mann in einem Fiaker in seine Wohnung aus die Wieden brachte. Dort libergab er den Kranken, in dessen Wohnung sich gegenwärtig Niemand besinte'. dem Hausbesorger, erNärle, er überlasse nun die weitere^ Behandlung de» Kranke» dem HauSarzte und verlangte — io erzählt der Arzt — vom Portier, daß dieser ihn a»S der Brieftasche de« Kranken bezahle, n>a» auch geschah. Dieser Arzt steht mit der RettungSgesellschasl in keiner wie immer, gearkelcn Verbindung, und e« ist unbegreiflich, wie man dazu gelangen konnte, gegen die ReUungSgeiellschaft die erwähnte Beschuldigung zu erheben. Dieselbe har, wie begreiflich, bei den Aerzten der Gesellschaft große Erregung bervorgerusen, und obwohl jenes Blatt, welchedie verleumderische Beschuldigung zuerst erhoben hat, heute selbst conüalirl, daß der betrenende Arzt nicht der j