Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 123 (12.4.1894)
- Date
- 1894-04-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite t>. Freies Blatt. Nr. 123. auszusprechen über die Bünden der Wsst; als Berichterstatter einer Zeitung „La Liberty", die einem Juden, Pereire, gehörte, während' langer Jahre beschäftigt, war er dott!>cr zu Allem bereite Chronist gewesen. In dieser Zeit handhabte er fleißig die Scheere und schnitt und schnitt immer -wieder aus den ZeitU rgen au». Gab es da irgend einen Borfall, in welchem ein Individuum eine gehässige Rolle spielte, er schnitt eS aus, und schnell war ein Jude auS der schändlichen Person geworden. Gab es einen sensationellen Proceß, er schnitt ihn aus, und der widerliche TypuS wanderte ofort in seine Iudencollection. So aus der Suche nach jedem ScandA, nach allen Gerüchten — wahrscheinlichen wie unwahrscheinlichen — trug er sich Alles zusammen: er Nickte dann eines TageS die einzelnen Stücke, ließ sie drucken und nannte dies ein Buch, mit dem Titel: „La France jnivf. Jeder Mensch, der in eine böse Angelegenheit verwickelt war oder von dem man dies angenommen, »purde Jude genannt, welches auch immer seine Rationalität, seine Religion, seine Abstammung sein mochten . . . Man muß gestehen, daß dieser Angriff eine lebhafte Unterstützung durch die Welt des Fnul,our§ Zaint-tfermain erfuhr, welche mit all ihren Kräften dabei hals. Er kam ihren religiösen lleberlieferungen entgegen, ihrem Haß gegen die moderne Gesellschaft und ihren« aus Eitelkeit entsprungenen Groll gegen die, reichen Jüdinnen, welche in den Vogen der Oper und deS Tlniitre lraimnisc ihre strahlenden Tiaiuaiiten cur Schau tragen, und detzen glänzenden Gespannen sie im I!ois >!>' begegnen müsien. \ Das war die Revanche des alten, ererbten oder erheirateten Grundbesitzes gegen das Capital, daS durch die Thäiigkeil im Geschäft oder im Handel erworven war. Ter Antisemitismus ist, gerade h e r a u s g e s a g t, in Frank reich der Haß der Aristokratie ... Im weiteren Berlaufe seiner Ausführungen bemerkte der frühe« französische Minister: Ällmälig hak die Bewegung den Charakter »es Neides, deö ZorneS, der Raubgier, der Ausbeutung angenommen,: und sie zielt ebenso gut aus die liebenswürdigen Leute der Gesellschaft,! von der ich eben sprach, als auf alle diejenigen, welche unter einem heliebigen Titel eine irgendwie beneidenswerlhe Stellung einnehmen. A^rsgegangen von einer buchhändlerischen Speeulation, basirend aus i der Verleumdung, genährt, verbreitet, in Gährung gebracht durch di§ Eifersüchteleien deS Salons und der Gesellschaft, durch das Bedürfnis nach Scandal und Herabsetzung — erhält sie keine Förderung durch die Raeenfrage, die der Mebrzahl unter den Indeiifeinden unbekannt ist, keine durch die religiöse Frage, da daS Erbe Voltaires, die religiöse Gleichgiltigkeit, die meisten Franzosen von jedem leidenschaftlichen und tiefen Haß in dieser Sache bewahrt: sie ist eine Episode des socialen Krieges geworden. Und in mehr als Einem von denen, welche sies anfangs mit einem gewisien Wohlgefallen aufnahmen, muffen jetzt bei! der Betrachtung ihrer Folgen ganz andere Gedanken erwachen. ' Ter. Ausgezeichnete Redner betonte schließlich, daß mau auch zeitweiligen „Stürmen deS Wahnsinns" nicht gleichgiltig gegenüberstehen dürfe — eine Mahnung, welche allerorten genaue Beachtung verdient. > i'JllttifcmitCltrcin.i AM'tzlich der silbernen Hochzeit des dänischen K r o n p r i n z e n p a a i e S brachte^ auch eine Teputation der jüdischen Culiusgemeinde in Kopenhagen,! bestehend ans den Herren lTberrabbiner Tr. Simonsen, EtatSsath Bankdirector Glücksstadt und Banquier Lew in, ihre Glückwünsche dar. Ter Kronprinz erwiderte die Rede des Sberrajbbiners mit einer längeren Ansprache, worin er seiner Freude Ausdruck gab, daß die Juden Dänemarks vermöge ihrer ehrenvollen Ha tung und Stellung die allgemeine Achtung und Lerthschätzung ihre: Mitbürger genießen, sowie auch, daß kein Funken jenes vorderblichen Brandes, den Religio ii S und Racenhaß! entzündet, Eingang am dänischen Herde gefunden nabe, noch mit Gottes Beistand je finden werde. — In RordschleSwig haben bekanntlich die däni'chen Protestler fchom wiederholt die Vorschläge deutscher Antisemiten in Betreff einer Cooperation mit Entrüstung rurückgewiesen. TaS dänische Volk weiß! sich überall gegen die Antisemilenseuche zu schützen. j I?ik Zlldrn in Rußland.: Tie Grundsätze der ossiciellen russischen Antisemiten über den durch Verfolgung der Juden für die . wiiihschafflich Schwächeren" zu erzielenden Schutz scheinen wiffenschaftlick, nicht ganz festgestellr zu sein. Die der „Woschod" meldet, weilte kürzlich in Petersburg der bekannte amerikanische Prediger Tr KrauSkovi und machte dem Ministerium den Vorschlag, eine Zahl von Ackerbaucolouien für arme- Juden in Rußland zu errichten, da amerikanische Philanthropen die dazu nöthigen Geldsummen vorstrecken wollen. Tie'er Vorschlag soll acceptirt worden sein: an maßgebender Stelle soll dem Tr. Krauskopf jedwede Unterstützung versprochen worden sein. Zu diesem Zwecke hat sich der Amerikaner bereits in das jüdische RiederlaffungSgebiet begeben, um die Lage der armen Juden durch Augenschein Colonien sollen in den wenig bevölkerten richtet werden. kennen zu lernen. Die Provinzen deS Reiches er- Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Socialer Eursus.) Wie bereit» an leitender Stelle berichtet, hat dieier Tage der von der Leo-Gesellschaft eingerichtete „Sociale Cursu»" seine Arbeit ausgenommen, und haben sich bereit» mehrere Redner ihrer Ausgabe in einer Weise entledigt, die allerdings nicht über da» Niveau der von ihnen sonst gehaltenen WirthShauSreden hinauSreicht. Liechtenstein sprach „über die geschichtliche Entwicklung der heutigen gesellschaftlichen und wirchichaftlichen Lage im Alldemeinen", wobei er die zwölf größten Cavfialisten, die „zwölf Apostel deS MammonS" auszählte, von denen jedoch nur eia er, Lord Rothschild, Jude ist. Professor Pohl auS Mödling sprach über die Agrarfrage und beklagte die Lage deS armen Großgrundbesitzes, dem fast ein Triste! deS schönen Böhmerlande« gebärt. Anschließend an die am 7. d. M. stattgehöble Sitzung de» Leo-BereineS fand eine Abendversammlung der christlichen Arbeitervereine statt, in welcher Lueger auch auf den Mörder Carnot'S zu sprechen kam und sich sehr darüber echauffirte. daß ein hiesige» Tagblatt Easerio einen „Mordbuben" nannte. Mit Caserio, der den Präsidenten Carnot erdolcht hals rief Lueger, mit Easerio kann man Mitleid haben, mit denen aber, welche die heutige Gesellschaftsordnung schufen und sie erhalten haben, wird man kein Mitleid haben. Wenn Cai'erio ein Mordbube ist, fuhr Tr. Lueger fort, danio sind Diejenigen, welche die heutige Gesellschafisordnung formten und sie erhalten wollen — Mordschemale... Wenn der „Sociale CursuS", den die Leo-Gesellschaft installin hak, um die Arbeiterschaft für die christlich-iociale Bewegung einziiangelii, in diesen. von Lueger betretenen Pfaden weiterschreitet, wird er unerwartete Erfolge erzielen, und e» dürfte nach der Prophezeiung eines steirischen SocialistenblatleS kommen, das kürzlich schrieb: „Mögen die Christlich Sociale« nur zu den Bauern kommen und sie den Pfaffen entreißen, die Social-Demokrttie erspart dadurch viel Arbeit, die geschehen muß, aber heule noch von ihr nicht >o geleistet werden kann, iveil sie in der Arbeiterclasie noch genug zu thun hat. Mögen die Minirer nur das Loch in den festgefügten, mächtigen schwarzen Blgck bohren. Wenn daS Bohrloch fertig ist, ist e» nur ein .Hinteripiel, das Pulver jhineinzudriiigeil und die Mine platzen zu machen." iLrrnl vom Feinde!> Tie von UN» oft zenug wiederholte Mahnung, vym Gegner Rührigkeit und Emsigkeit zu lernei, ist nur zu begründet. kein Sonntag vergebt, den die sattsam bekannten „Heire» auS Wien" nicht für ihre Propaganda gründlich ausnützten, während die gerufenen Persechter der guten Sache auf dem Lande weiten und über die Mob enhitze jammern. Berfloffenen Sonntag gab e» in Weigl'» Treher-Park ein grüße» „christliche» Somineri'est",. dem Lueger beiwohnte, und bei welchem wohl mancher Schwankende durch da» „urgemüthliche" Treiben der Antisemiten zu Falle gekommen >ein mag. Zu gleicher Zeit weilten Psenner und Greg irig in Preß bäum, wo in nächster Woche die Wahlen für den Gemeinderat i stattfinden werden, während Geßmann in Mährisch-Trübau die Gründung eine» „christlich-iocialen Arbeitervereine«" inaugurirte. Gehet hin und thi et desgleichen, all ibr Gegner de» Antisemitismus! Ihr seid unvergleichlich zihlreicher als der Anhang der Lueger, Gregorig. Psenner unp Geßmann, und je >en Triumph, den Jene feiern, haben sie nicht ihrer Macht,, sonder» nur eurer Lässigkeit zu danken. Wie oft werden wir dies noch betonen müssen? (Um Testerreich kümmrril sie sich nicht.) Tie „Ostdeutsche Rundschau" selbst erzählt, daß ihr Schriftleiter ,1. H. Wolf ii einer Rede, die er in Hamburg gehalten, auSgesübrt hatte, feine Partei sei sweng national und antisemitisch, frecheitlich und socialreformatorisch, und, sie frage nicht: wird L esterreich glücklich, wird e» dieser oder j> ner Classe frommen, sondern überlege in allen ihren Entscheidungen: ist e» tem deutschen Volke gut oder nicht. Die Hamburger Antisemiten brachten Heiliufe aus: aus Freideutschland und A l I deutschland. („Bund der Teutschro io Böhmen.") Die ainiiemitischen Futbarker siießlich und Batka zeigten dem „Deutschen Schulverein" die Gründung de- „Bundes der Deutschen in Böhmen" an un) stellten ihm ihre Ärüfte zur Verfügung. Der „Deutsche Schulverein" antwoitete auf Beschluß seine» Ausschusses mit folgender Zuschrift: „Wir haben mit Vergnügen skenntniß genommen von der Gründung Ihre» Vereine» und danken Ihnen für die Zusage Ihrer freundschaftlichen Mithilfe im Dampfe um imfert heiß umstrittenen nationalen Güter auf daS Herzlichste. Indem wir Ihrem Bereit le daS beste Gedeihen wünschen, sprechen wir die Hoffnung au», daß da» gemeinsame nationale Wirken beider Vereine da» Bindeglied unausgesetzter freundschistlichrr Beziehungen in aller Zukunft bilden wird." Die Folgen dieser freundst »östlichen Beziehungen zu dem ausgesprochen antisemitischen Bunde dürsten sch« in den nächsten finanziellen Ausweisen de» „Deutschen SchulvereineS" sich fül tlbar machen. (Bon den Mamelukr« Tührings.) „De: Moderne Bölkergeist", da« Organ de» „Soeialitären Bunde»" in Berlin, berichtet über dessen