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Freies Blatt · 1894-04-12 · 123 (12.4.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
123 (12.4.1894)
Date
1894-04-12
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12» Freier Gelder aufgesetzt waren. Herr Geider hat seinem freunde Geßmann viele Nächte geopfert. Wie oft kam er in der Früh mit gcrötheien und trüben Augen, aberzufrieden lächelnd zu mir und sagte, aus einen Stoß beschriebener Papierblättcr weisend, die er in der Hand ■hielt: ,itdj habe die 'ganje Nacht gearbeitet. Das iit die Rede, die Herr Dr. Geßmann morgen halten wird!' Als aber Herr (beider verhaftet wurde und ich in Sorge um ihn war, dachte ich, dag doch j gewiß Dr. Geßmann geneigt fein werde, feinem Freunde zu helfen. > Dr. Geßmann aber sagte mir, als ich ihn aufjuchtc: .Ja, liebe Frau, ich kenne ja den Herrn gar nicht. Nur so, wie man von [ jemandem int öffentlichen Leben hört. Zur Ucbrigen habe ich mit j Leuten, mit denen der Staatsanwalt sich beschäftigt, nichlS zu th»n. > Er Hütte gescheiter sein sollen. Nach meiiier jurldischcil Auffassung dcS ,rallcS wird Herr Geider aber glimpflich davonkommen-: er dürfte nicht mehr als ein Jahr Zuchthaus bekommen l' Das war der 'Nachruf, den Dr. Geßmann dem Manne widmete, mit dem er fast iäglich verkehrt und nn regsten Briefwechsel gestanden batte. Ich wußte darauf nichts;u erwidern und entfernte mich." — 3oit>cit die Erzählung der ehemaligen Hausfrau Gelder S. Der WoKnungs'uchcr. der auf so merkwürdige Weise einen Einblick in di^ Eoulifsen der j antisemitischen Partei gewonnen hatte, hörte die Erzählung mit | großem Interesse an und entfernte sich dann, nachdem er sich »och - die geräumige Lade hatte zeigen lassen,, in welcher der verhaftete Herr; Edgar Hermann Geider seine boluminöse Eorrespondenz mir Herrn I Abgeordneten Dr. Geßmann aufbewahrl gehabt Halle. 5er Pillacher Gemrindcrath gegen dir Frlinzisknner. > Unier! der Spitzmarke: „Ein denkwürdiger ENmeiiidcl»eichlilß" ichrcibk die , Billacher „Deutsche Allgenieine Zeitung": „Die Bürgerschaft von > Villach genießt seit undenklichen Zeiten den glanzvollen Nnf tief wurzelnder Freisinnigkeit, gepaart mit wahrer Religiosität, welch letztere i in von jeder Prüderie freier, lauterer Sittlichkeit sich tundgibi, die - niemals auf Gefallene, auf Leichtsinnige einen Stein wirft, die aber > in gewaltiger Empörung, in mannhafler Entrüstung rum Ausdrucke I kommt, wenn das abscheuliche Lauer, die wirkliche Berderblheii, die i instematische Niedertracht ingleißnerischer Fülle sich breit mache» In - solchen Fällen geht' ein Aufschrei des gröblich verlepken Siitlickikeiis i gefühles durch die Neihcn der Bewohnerschaft der alten D rausladt, , und mit germanischer Urkraft bricht der Unwille auS der fühlenden Brust, mit clcmentarcr (Gewalt nach Ausdruck ringend. So war es auch,-aIS vo.r wenigen Tagen das lasterhafte Dreiben des Franziskaner-. Paters BigiliuS Draßl bekannt geworden, und ein kräftiges „Pfui" trat, aus der Tiefe des Herzens konlmend, auf die Lippen Aller Als aber bald danach fcstgestelll war, daß Pater BigiliuS Draßl nicht der einzige schmähliche Lasterhafte, nicht der einzige -> stindcrvcrführcr ist, den die Mauern unseres FranziS kan er kl oster je umschlossen, da kannte die Enlrüstuilg keine Grenzen mehr, und unsere Stadlväter »lachten stch zu getreuen Anwälten der Bevölkerung und bekundeten Freisinnigkeit und Liebe tum Boll, indem sie muthig den .stampf allfgenomnicn gegen volkS vcrdcrbendcS. die kindlichen Gemüther vergiftendes, die Neligion unter dem falschen Scheine der Religiosität entwürdigendes Treiben. Unier Gemeinderath beschloß am 30. Juli 1d>94 unter Borsitz unseres Bürgermeisters Herrn Friedrich Scholz: Ter VemeindeauSichuß der Stadt Villach drückt über die Mitibeilnlig des Bürgermeisters betreff# der Vorgänge im diesigen Franziskanerkloster feine iieisie Umrüstung und seine» Ab'chen aus und beschließt über Antrag des Herrn Anlon L. Mariisch einstimmig, daß die Stadigemeindevorftehniig durch Veräntassung geeigneter Schrine Alle» aufbiete, um;u erwirke», daß 1. die Franziskaner von Villach -ganz wegkommen und die Plärre Sl. lkiicolai wieder ron einem Weligeisilichen besetzt werde; 2. daß, ivenn Obiges »ichl zu erreiche» ist, diese OrdenSgeistlichen in der Schule nicht medr de» ReligionSuultrrichl erldeile» dürfen; ». daß dieselbe» kein Iiuerimi mehr ballen düric»: 1 daß de» Schülern und Schülerinnen der Volksschule» von Seite de« Orl« ichulralbcS verbalen werde, daS Kloster der P. Franziskaner zu deireten, und die städlische Polizei deauflragi werde, die Einhallung diese« Verboie« beionderS zu überwache». Von diesem Beschluss ist der Paier Provincial deS Franci«- kanerordens zu verständigen. Durch diesen Beschluß, durch den Freimuth, der auS demselben spricht, Hai unser Gemeinderath sich selbst geehrt, und er kann der j lubclnden Zustimmung der ganzen Stadt versichert sein. Wenn auch der zuerst ausgesprochene Wunsch sobald nicht in Erfüllung gehen wird, so ist doch gegründete Aussicht vorhanden, daß unsere zizlbewußle Sladtgemeindcvorstehung den unter 2 und 3 auSgcdrückten Begehren zum Durchbruche verhelfen wird/ Hinsichtlich deS unter 4 Angeführten hat die Gemeinde selbst daS Corrcctiv in Händen, und dieses Berbot allein schließt eine ganze Reform ein, so freisinnig, so sehr die Hlalt. - . Seite 5> Heranwachsende Generation schilpend, das; kein t''cniciinuefci, in Sesterreich sich rnhuien darf, je einen Beschluß von gleicher Tragweite, von — so niederschuletlcrndcr Bedeutung ssir gewiste .streise gefaßt zu haben." Die Billacher „Deutsche Allgemeine Zeitung" ist seit einigen Monaten ein Aiilljemiiciiblait Schönercr'icher Richtung, und die Anhänger de« Rosenauer Eullus halten cs manchmal f»:r opportun, sich auf die Freisinnigen hinanSzuspielcn. Die Franzistanerqcsch'.chie, welche sich ln dein Hauvlorlt' VeS Wahlkreises eines so fil'.enreinen n»d sitlcnstreugen Mannes, wie es unstreitig Dr. Stein wende,- ist, abgespielt bat. wird aber die Aniiseinilcn aller Falben nicht abhalten, nach tuic vor gegen die „Unsitilichkeit" der Inden in Won und Schrift loszuziehen. Am leichteste» hat eS da Meister Dü bring, er sagt einfach: „Franziskaner find ja - Neubebrüer!" lZnr Sinciigrichichtt Der Vltitiicuxitcii. Die Antisemiten, nain>.nllich die „Deutsch Nationalen" von der Farbe des silienstrengcn Stell, wender, haben lininer an dein sttilichen. Berkallen der Juden etwas ausznscvcn. Nun liegt ans Dresden folgende Meldung vor: Der Lehrer .«lipsch in Heiersdorf.ist wegen ichnerer Sii'.lichleitSverbrech.»: dere«, er stch seinen Schiileri:u:en ge-.renü'.er schuldig gcmachi.Hai, verhasiei worden .stlipsch .war eine der Hanpistüpen der antisemliischen.„Reform" Partei in Sachsen. Schweiitlmgen wieder ftcctüricflirii verfolgt. S dt w. i»’•e.n hat abermals den Staub leines nndaulbarcu Batertandes von den Pantoffeln geschünelt und sich vor dgm Arm der Gerechtigkeit zi: ausländischen GestunungSgcnofseil geflüchtet. Die Siaaisanlvali'chan beim Berliner Landgcrichl I veröffentlich! folgenden Sieckbihef. „«^eqeir den Schriftsteller Ludwig Anglist Friedrich Schweinhagen,, genannl Schwen,,- Hagen, geboren am I.'i. Deeember >^>>2 zu Wolfenbüiicl. welcher stch verborgen hält, soll eine durch vollstreckbares .Unheil des Ion,glichen Landgerichtes I. Strafkaminer 7. zu Berlin ron, >7. Mar; l.st'.>4 erkannte Gefäilgnißstiafe von noch >> Monaten pvilstreckr iverden. Es ivird erinchi, denselben zu verhaften und in das nächste n'enchisgefangnlß abznliefern sowie Lkachrichl zu den Arten >. IV. «>!»',>. gelangen Zii lasten." Es handelt sich um die Bollstreckung der in Sachen des preußischen Fiiianzullnisters Dr. Miguel gegen Plack Podgarski und Schweinhagc» über Lepieren verhängten «Rstäilgnißstrasc. Ailliftm im onflictc mit Den 5trfliflfic«ni. I» Sirasburg in der Uituuuut ist der Sachwalter P a a r m a n u; wctäier in lepter Zeit mehrfach als Eonenrsvcrwaller znqelasteti wurde, flüchtig geworden und wird nun steckbrieflich verfolgt. Derselbe Hai säinmiliche lN-tder der Tllo Schulz'fchen Eoncursmasso unterschlagen und noch nicht ausgezahlte O'elder eines früheren EoneurfeS vom Borfcknißverci» erhoben und ebenfalls für sich verbraucht, respcctive nnierschtagen. Paarma»» war der Führer der Antisemiten in Strasburg. — Bor stnrzein verschwand aus dem .streife seiner Wirksamkeit ohne vorhergängige Empsehlung, aber mir Hinterlassung zahlreiche, Schulden der anliscmirischc Agitator und Redaeicur Gor tesl eben Arnstadt»'der sowohl im erste» Meininger Wahlkreis wieim anstoßenden Eisenacher bei manchen Honorglioren, die ihn hätschelte», »i gute«»? tlingendcni Andenken bleiben wird. Er ' war vor Beginn -seiner Hetz- 'lhäligkeil .si reisseerctär des Landkreises Erfurt, und damals schon munkelte man von allerlei Unregelmäßigkeiten, die stch nwiiesleben als Berwaltcr des BennögcnS einer Witwe habe zu Schulden konimeir lassen, doch, jieß sich Bestimmtes nicht feststellei.i Ltunmebr ist aber der hochinteressante Fach der höheren Behörde unter Zeugenbenennung zilr steilntniß gebracht worden, und zwar unter Siellnng scharf zugespitzlcr Anträge. ■ (5er WliabcillUOrD llOlt .Vautetl. In: Siatihanse zu Fanten ist eine Bekanntmachnug des ersten Staatsanwaltes angeschlagen, worin darauf hliigewiesen wird, daß die A u s > ch r e i b u n g von lausend Mark für dE »rdeckung der T halcrscksäftdc« vielbesprochenen -stuabcnmord.es noch in voller Geliung ist. . -?fves Gliuot über Trniiioiit n»D Dciien (Mönner.) Im Londoner „Elnb der Maikabacr" ipräch '-'lvcs lsZugoi über die antisemitische Bewegung in Frankreich, wobei er u. Ä. sagte: Die Antisemiten stellen unter einein Namen, der den Anstrich moderner Wisicnschaftlichkeit Hai, nichts dar alS daS Wiederaufleben der Boruvtheile des Mitielalrers. Sie griffen die Juden an mit Berufung ans ihre, Religion und auf ihre Race. Wenn sic auch nicht soweit gingen, die Schcilerhäufen der Inquisition wieder anzuzünden, so verlangten ste doch auf eine um so gefährlichere, weil unbeslimmle Weise Maßregeln der EonsiScation und der Landesverweisung gegen die Juden. Der fNann, welcher daS Comniand» in diesem Feldzüge Halle, besaß daS moralische Ansehen, um ihn zu führen. Es war keineswegs ein strenger Gläubiger, der aus seiner Einsamkeit, hcrausirat, um.daS Anathema

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