Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 122 (5.8.1894)
- Date
- 1894-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seit* 8 betreffenden Documente vorzuweisen, welche ihre Berechtigung zum Aufenthalt in der betreffenden Ortschaft! darlegen. 6. Die örtliche Polizei verabfolgt 8em eingetroffenen Juden, nachdem sie sich aus den vorgewiesenen Dokumenten (Artikel 5 der Abtheilung) überzeugt, daß ihm gesetzlich da« Recht zusteht, sich au« dem SeßhastigkeitSrayon zu entfernen und daß er den übrigen vom Gesetze vorgeschriebenen Bedingungen zum ständigen oder zeitweilige« Aufenthalt außerhalb der Grenzen diese« Rayon« genügt, zur Beglaubigung dieser Berechtigung ein besondere« Billet mit Angabe der in den betreffenden Fällen gesetzmäßig gestatteten Aufenthaltsfrist am gegebenen Orte. Diese« Billet wird unter Tiegel dem gesetzlichen Aufenthaltsscheine beigeschnürt. 7. Die im Artikel 26 de« Gesetzes über die Aufenthaltsscheine dargelegte Verordnung erstreckt sich nicht auf diejenigen Juden, die den besonderen Erlaubnißschein nicht erhalten haben, von dem in Artikel 6 dieser Abtheilung die Rede ist. Die Juden werden sowohl im Falle de« RichtbesitzeS eine« Aufenthaltsscheines, wo ein solcher erforderlich ist. al« auch in dem Falle, wo sie, wenn auch im'Besitze eine« solchen, jedoch in den Ortschaften angetroffen werden, in denen sie nicht aufenthaltsberechtigt sind, an chren ständigen Wohnort befördert und dort in der im Artikel 39 de« Gesetzes über die Aufenthaltsscheine angegebenen Ordnung zur Verantwortung gezogen. 8. Die in den Artikeln -1 — 7 dieser -V.) Abtheilung enthaltenen Vorschriften erstrecken sich nicht auf diejenigen Juden, denen gesetzmäßig da« Recht zusteht, im ganzen Reiche sich aufzuhalten. Tie Polizeibehörden derjenigen Gouvernements, die nicht zum jüdischen AnsässigkeitSrayon gehören. sind indeffen verpflichtet, in jedem Falle, wo ihnen AufenthaltS- 'cheine solcher Juden vorgewiesen werden, sich von der Aufenthaltsberechtigung der Letzteren an dem Orte, an welchen sie eingetroffen und, zu überzeugen." Für Chicanen jeder Art bietet diese« Gesetz den Tichinownik« genug Handhaben. — Ein Mitarbeiter de« „Reuen Pester Journal«", welcher 'eine Unterredung mit Baron Hirsch hatte, fragte unter Anderem: „Kann man hoffen, daß für die Juden in Rußland beffere Dage kommen werden?" Der Baron erwiderte: „Richt im Mindesten, wenigsten« sehr lange Zeit nicht... Es wird aber eine Zeit kommen, wo 300.000—400.0<X) Juden al« friedliche und geachtete Bürger in Argentinien leben und einen bemerkenSwerthen Eontraü zu ihren zurückgebliebenen Brüdern bilden werden. Ich bin entschlossen,'in meiner Arbeit nicht innezuhalten. Stünde e« in meiner Macht, so würde ich schon morgen die ganze jüdische Bevölkerung Rußland« nach Argentinien überführen."- (5illt unailgenchmc Bestellung.) Aus g e z wird berichtet: Mulen Aman, der ältere Bruder de« neuen Sultans von Marokko, ließ einige füdische Goldarbeiter zu sich berufen und befahl ihnen, ihm ein kaiserliches Tiegel anzufertigen. Die Juden waren darüber bestürzt, denn sie wußten, daß sowohl die Anfertigung wie Richtanfertigung de«. Tiegel« eine, große Gefahr für sie enthalte.. In ersterem Falle würden sie sich die Strafe des Sultan«, im zweiten Falle die Rache seine« meuterischen Bruders zuziehen. Ste wendeten sich nun an einen ihnen gewogenen Sheriff, seinen Rath sich erbittend. Dieser verbot ihnen, da« Tiegel zu machen, und um sie vor der Rache Muley Äman's zu schützen, behielt er sie in seinem Hause, weil selbst der Sultan es nicht wagt, gegen einen Sheriff,' der als ein Abkömmling von Mohammed gilt, Gewalt anzuwenden. Die Verschwörung gegen den neuen Sckltan ist bereit« unterdrückt, und der meuterische Bruder sitzt gefangen Wird sich der Tültan den Juden, welche die Verschwörung entdeckt haben, dankbar erweisen? Freier Blarr. Nr. 122. Aus antisemitischen Vereinen und Der sammlungen. -Socialer Vortragscursu«.I Im Festsaale der katholische» Gefellenverein«- wird hier in der ersten Hälfte de« August „unter den Ausvieien der •: Gesell'chaft" ein socialer LortragSeurfus für „Gebildete aller Stände" adi.: '-ii werden Al« Bortragende werden unter Anderen Pater Alben Maria sovrcrator Lati'chka, Prin; Aloi« Liechtenstein, Lueger und Geß- -nc-taudigt. Diese Namen zeigen klar und deutlich, wa« für Social- . e«or:;i Ja g-vredigl werden und für welche« Publicum der Bortragscursu« berechn!! 'ein wird. >Ein Bubenstück.. Im Juli fand :n Beck'« Restaurationsgarten, X., rarenburzerstraße, ein Fest de« antiiemitischen Favoritener Gesangvereines statt. Dasselbe verlief in nicht besonders animiner Stimmung, allein ein kleiner Zwi'chenfall gänzlich harmloser Natur wurde zu einem senatiouellen Ereigniß, zwar nicht für da» Publicum selbst, wohi aber für den berufsmäßigen Lobredner de» ReichsrathSabgeordneten Hauck, den Schriftleiter des Hauck'cken „Lezirksboten" Herrn Kuhn. In der Nähe des Gitter», dar den Restaurationsgarten von der Straße trennt, sa jen zwei junge Damen, die sich der besonderen Aufmerksamkeit des Herrn Jtupt erfreuten. Plötzlich er schienen außerhalb de« Garten« zwei junge Herren, bemerkten die zwei Damen und grüßten in der art < sehr freundlich erwidert wurden. Herr Kuhn geriet! Band, beschimpfte die höflichen sungen Herren und zustehen und an einem von dem Gitter weiter nehmen. Die jungen Herren entfernten sich herzlich blickten durch das Gitter, gsten Weise, welche Grüße hierüber außer Rand und oeranlaßte die Damen aufentfernten Tische Platz z» lachend. In dem Berichte de» Hauck'schen „Bezirksboten" über da« Sängerfeft finden wir nun folgenden Alarmruf: „Ein liberale« Bubenstück gemeinster, ftechster und schamlosester. Art wurde während de» in Beck's Gartenwirthschast dm RndolfShügel wirkenden, die Bevölkerung veredeln sollenden Gartenfestes deS Favoritener Gesangvereine« von außerhalb des Gartens befindlichen verthierten halbwüchsigen Burschen an in der Nähe der Außenseite fitzenden jungen Damen verübt." Ein Bubenstück liegt am Ende hier wirklich vor; doch dürften die Meinungendarüber, wer e« eigentlich verübt hat, getheilt sein.! (Ein Bereittskag.) „Die um Opitz" hielten vos Kurzem in Böhmisch- Kamnip einen christlich-socialen BereinStag, auf welchem gegen die „Indenliberalen" und die Social-Temokraten losgezogen ipurde. Die Berfammlung machte Propaganda für christlich-sociale Zeitungen i insbesondere für jene» Wiener Blättchen, welche« die „Tiroler Stimmen" ei» „Organ zur Züchtung und Erhaltung btt Unfrieden»" nennen. Nicht nur Schlicker, Kießlich und Batka, sondern auch Opitz und seine Leute erachten den Moment für günstig, um in deutsch-böhmischen Bezirken Anhänger ihrer „Brincipien" zu gewinnen. Im tschechischen Lager folgt man mit reger Sympathie all diesen Bemühungen zur „Zerstörung de« Erbtheiles", das Schmevkal dem deutschen Bolle in Böhme» hinterlaffen bat. lliithätigkeit in den Reihen l er deutsch-liberalen Partei mußte sich früher oder später bitter rächen. (Zum Capitel: Kömgstreue der Divoli-Antisesititen.) Die Zeiten ändern sich und die Königstreue der preußischen Conlervative» mit ihnen. In dem 1892 erschienenen „Conservativen Handbuch" hatte der Artikel „Monarchie" zwei Abschnitte über den Herrscher und seine Minister. fn dem einen wurde der Name „iociales Königthum", der deü preußischen Köni zen wegen de« unermüdlichen Eintreten» für die ärmeren Schichte» de» Bl lke« zukomme, erläutert: der andere führte au«: „Ein Hervortreten de» Monarchen auch mit seinem rein persönlichen Willen ist nicht ausgeschloffen und wird stet« durch die überlieferte Autoritä: unserer Krone gestützt werden. In keinem Fall ifi zu vergeffen, daß der Aönig von Ratbgeber» umgeben ist, in denen sinr den Niederschlag der politischen Weisheit und Verwalt,uigekunst unsere« geisammten Volkes zu erkennen haben und deren Stimme - »iitfchwingt in jedem Wort, welche« von unserem Herrscher auSgeht." De« Weiteren wird noch die preußische Bersaffung gelobt lind endlich der Abschnitt' mit den Worten geschloffen: „Es würde die ganze von Demagogen gekitzelte Eitelkeit etn<1 r gehässigen Opposition dazu gehören, um die zur Zeit geltende, persönliche Machtvollkommenheit unsere« Königs antasten zu wollen. Für den Ausschluß dieser Möglichkeit bürgt unS die polnische Reife unseres im tiefste» Herzen monltrchischen Volkes." In der zweiten, umgearbeiteten und vermehrten Auflage M» Handbuches, die vor kurzem erschienen ist, sucht man vergeblich nach diesen beide» Abschnitten. Die Art und Weise, wie der „Bund der Landwirthe" und sonstige conservatioe m nicht mit dem, was Plötz und Hammerstei» Vereine seit dem Tivoli-Schwur quftreten, stimmte ebd das Handbuch als „conservativ" empfahl, und die -den sicherlich nicht zusagenden Stellen mußten gestrichen werdenj Künftighin werde» die Tivoli-Antisemiten in ihrer demagogischen Thäligkeit, in ihren Hetzreden und Hetzschriften, wenigsten« nicht durch daS eigene Handbuch Lügen gestraft werden. lBodkck'S neue Projekte.) Der antisemitische Gastioirth Bodeck in Berlin plant eine Reihe von Gründungen, so einen „Deutscken Schutz- und Trutzverein" mit einem Rechtsschutzbureau, eine antisemitische mehr. Bisher haben alle solche Gründungen mit einem endigt; die Herren antisemitischen Gründer sind freilich kommen. (Ein kölnisches Autisemiteuftückleilt) Ter Anti, forderte in Placaten die christliche Bevölkerung zu Feindseligkeiten gegen die Juden auf, iveil ein Jude eine dortige Kirche verunreinigt hätte. Thatsächlich wurde ein solche« Verbrechen in einer Kirche verübt; es daß der Miffethäter ein Katholik ist und dem Antisemit, nführer Breitwisch insofern »ahesteht, al« er schon wiederholt ebenfalls ein -j- Opfer de« römischen Rechte» war. Weihnacht-meffe u. dgl. schmählichen Krach ge> >abei nicht zu kurz ge emilenverein in Köln 2ius antisemitischen Blättern. (Tie Toctoraiidkll.) Anläßlich des Studentenrumhi Universität äußert sich der Psenner'sche „BolkSsreund ein Doctorandu«? Nach richtiger Uebersetzung: einer, det abgesehen davon, daß da» Wort eine ganz falsche und uni Sich einen solchen Titel beizulegen, ist an und für sich sich der Betreffende selbst anthut, mindestenin den Ar els an der Wiener „Was ist eigentlich Doctor werden will, mögliche Ableitung ist. eine Lächerlichkeit, die gen aller Leute, die