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Freies Blatt · 1894-08-05 · 122 (5.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
122 (5.8.1894)
Date
1894-08-05
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 122 Freier Blatt. Ein hiesiger Antisemit sagte zu mir: „Sie ist unsere Fee!" Daß es auch eine „christlich-sociale" Feenwelt gibt, war mir bisher nicht bekannt. (Ein Dorfpascha.) In einem Dorfe bei Baden ereignete sich im Juni, wie damals berichtet wurde, ein empörender Willküract. Ein als Gemeinde-Polizeicommiffär fungirender Gcmischtwaarenhändler nahm sich heraus, einen jüdischen Commis aus Wien, der bei einer Kunde ein Packet Leinwand abzuliefern hatte, und den er deshalb für einen Hausirer hielt, nicht nur mit den unfläthigsten Schimpfworten zu beleidigen, sondern auch unter Stößen und Drohungen nöthigcn zu wollen, daß er in den Wiener-Neustödter Canal springe. Erst der Intervention besonnener Männer gelang cS, den Commis aus der Gewalt des Dorfpascha zu befreien. Dieser, ein gewisier Anton KrauS in JosefSthal bei Baden, wird nun nach einer vorliegenden Meldung seine Heldenthat am 27. d. M. vor dem KreiSgcrichte Wiener Neustadt zu verantworten haben. (Der Fall Scherzrr.) Aus Mistelbach kommt die Nachricht, daß der Pfarrer, von Schrick, Herr Leopold Scherz er, schon seit Wochen abgängig sei, daß im Pfarramtc eine Casiensconlrirung vor-, genommen wurde und daß die finanzielle Gebahrung des Pfarrers auch eine Reihe von Privatpersonen, darunter eine Wirthschafterin, die er sich aus Wien mitgebracht hatte, beträchtlich geschädigt habe. Verhält sich die Sache so, dann werden die Wiener Antisemiten, -zu deren Zierden Scherzer als Cooperator auf der Wieden jahrelang gehört hatte, voraussichtlich so viel Opferwilligkeit besitzen, um zu verhüten, daß er nicht auch ein Opfer des römischen Rechtes werde. (■?* Eduard Dallwitz.) Der berühmte deutsche Liedercomponist und Nestor der Prager Capellmcister, Eduard T a u w i y, ist vorige, Woche int Alter pon 83 Jahren^gestorben. Der Verblichene war auch ein entschieden freisinniger Mann, und als vor Jahren eine kleine Anzahl von Mitgliedern dcS von ihm gegründeten und nach ihm benannten SängervcreineS an ihn das Ansinnen gestellt hat, bei dem Feste eines als antisemitisch bekannten Vereines' mitzuwirkcn, erklärte er: „Wenn solche Tendenzen in den bisher als freisinnig geltenden Verein hineingetragcn werden sollten, dann müßte ich mich nachdrücklichst dagegen verwahren, daß der Verein fernerhin meinen Name» krage." (Ein Fest freisinniger Studenten.) Man schreibt UNS: Am 4 . I. und 6. August feiert die Budweiser Ferialverbindung „Märcom a n n i a" ihr Stiftnugsfest, welches mit einem Feftcommersr, einer Huldigung vor dem Kaiser Joses-Denkmal und studentischen Vergnügungen aller Art begangen, werden wird. Die akademische Verbindung „Morcomannia" rcpräsentirt die freisinnige Studentenschaft des südlichen Böhme», die sich frei vom Antisemitismus gehalten hat und gegen die gleichfalls' in BudweiS bestehende antisemitische Studentenverbindung „Germania" einen harten Kampf zn kämpfen hat. Wohl alle freisinnigen Männer werden der „Marcomannia" zu ihrem Stiftuttgsfcstc ein herzliches „Vivat, crescat. Iloreatzurufcn! z—r. (Graf Wilding über die antisemitische Bewegung.) In der Harden'schcn „Zukunft" äußert sich I)r. jur. Graf A. Wilding über die antisemitische Bewegung; er sagt unter Anderem: Kaum war die Ausnahmc der Juden zu völliger Gleichberechtigung vollzogen, kaum begannen diese, im Vertrauen auf das bewiesene Wohlwollen und Entgegenkommen ihrer christlichen Mitbürger, vo» der ihnen gewährten neuen Freiheit Gebrauch zu machen, da warteten die Wirthc nicht ab, ob die neuen Bollbürger nicht in Folge ihrer Gleichstellung sich allmälig den alten völlig assimiliren würden; sondern sobald die Juden mit den ihnen innewohnenden Eigenschaften zäher Betriebsamkeit anfingen, im wirthschaftlichen Leben eine unbequeme Concurren; zu machen, beobachtete man sie erst mit Neid, warf bald auf sie einen glühenden Haß, verhielt sich gesellschaftlich exclusiv und abstoßend gegen sie, bis dann die erst nur individuell, dann nach ganzen Ständen und Gruppen sich Luft machenden Leidenschaften sich zu der schroffen Partei dcS Antisemitismus verdichteten. Hiedurch hat man sich moralisch eines großen Unrechtes gegen die Juden schuldig gemacht, namentlich aber sehr wenig im Sinne dcS wahren Christenthums gehandelt. Durch diese schroffe Ungeduld hat man sich nicht bloß gegen die zunächst Betroffenen versündigt, sondern auch in den Ländern, wo man so vorgegangen ist, in Deutschland und Oesterreich — Rußland mit seinen ganz verschiedenen staatlichen Formen und sonstigen Zuständen kann füglich außerhalb dieser Betrachtung bleiben — wenig höheren Beobachtungsgeist gezeigt, sich vielmehr nur von augenblicklichen und partiellen Empfindungen und Symptomenschätzungcn leiten laffen. Trotz der in der Rare liegenden zähen Natur haben die Juden von jeher doch in allen Ländern, wo man sie ruhig gewähren ließ, eine große Fügsamkeit und AnschmiegungSfähigkeit bewiesen und dann auch sehr bald angefangen, zu anderen Beschäftigungen und Berufen überzugehen, alS die wenigen waren, denen sie sich in Folge der sie von den meisten eite :"> Betriebszweigen schroff ausschließenden alten Gesetzgebung widmen durften. Dieses Assimilationsvermögen und -Bestreben zeigt sich überall, wo sic ungestört sind, selbst in Einzelheiten, wie z. B. Lombroso erwähnt, daß die Juden in Italien sich nicht bloß als Italiener, sondern in Turin als Turiner, in Mailand als Mailänder, in Venedig als Venetianer fühlen. Nur unter einem Druck zeigen sie sich oppositionell und kehren zu dem alten Abschließungsverfahren zurück, wie sie z. B. in Rußland sich erst wieder mit Inbrunst der Synagoge zugewendet haben, seit man begonnen hat, ihnen daß Lcböst nnd den gewohnten Erwerb faüer zu machen. Renan bezeichnet diese Eigen - thümlichkeit sehr treffend mit der Bemerkung: „DaS Ghetto ist der Vater des Talmuds gewesen." Unter den» Druck, umsomehr, wenn er unberechtigt ist, erwacht wieder bei diesem merkwürdigen Volksstamntc der alte, mächtige, bcwundcrnSwerthc Geist, der ihn seit der Zerstörung des Tempels, seiner Hauptstadt, seit der Vertreibung auS der lange bewohnten Heimat, ohne Kirche, ohne Pricsterschafl, nurdurch das starre Festhalten am Gesetze stark gemacht hat. Auch dem Staat, ihren jeweiligen Obrigkeiten gegenüber hüben die Juden stch eigentlich stets und überall als gute Unterlhancn bewährt, wo beide ihnen eine milde Hand zeigten. Wenn sic vielfach als unruhige .Zöpfe gegolten habe», so zeigten sie als solche meist nur die allen städtischen Bevölkerungen izincwohneudc Rührigkeit, vcrbnnden mit der Uustetigkeik der Handels lcutc, zu denen sic uothgedrungen Jahrhunderte hindurchlast Alle gehörten. Der Grund des Hasses und der Anlipatyie liegt demnach vielleicht nicht so sehr in den besonderen Fehlern der davon Verfolgten wie in der Mißgunst der Verfolger, die eS ihnen nicht verzeihen könne», wenn sic ihre geschäftlich leicht überwiegenden Fähigkeiten nnd Eigenschaften erfolgreich zur Geltung bringen. Da, wo der Cyrist ebenso ruhig, ebenso^, fähig, klug, sparsam und nüchtern und de harrlich ist wie der Jude, in Amerika, in Anstrolicn, spielen die Inden . durchaus keine hervorragende Rolle, sonder» gehen mit den anderen Einwohner» und Geschäftsleuten ihren ruhigen Weg... Wo das eingeborene Volk selbst klug, ökonomisch, nüchtern, an Charakter und Willen stark ist, hat sich der schädliche Einfluß jüdischer CKschästSleute meines Wissens niemals in gefährlichem Maßstabe fühlbar gemacht. Am heftigste», in ausgeprägtester unfeinster Form zeigt sich der Anti - semitiSmus heute in Deutschland . . Die Anhänger und ÜlnSniitzcr der antisemitischen Bewegung möchte ich aber darauf äufmcrksaui machen, daß eine fanatische VcrfolgnngSsucht von Majoritäten gegen über den Minoritäten stets nur in niedergehenden Staaten geschichtlich vorgekomnjen ist, während die Deutschen des Deutschen Reiches doch wohl sich in aufstcigcndcr Linie zu bewegen wähnen . . . Richt die - Juden sind cö, die die Ideale aus dem moderne» Leben immer mein: verschwinden mache». Zir dieser bc'lagcnSwcnhcn Dhatiache liegen die Ursachen bei ganz anderen Fäctorcn des öffentlichen Lebens, in der zunehmenden Abschwächung mancher.Elemente des menschlichen Daseins, für^deren Erhaltung die christliche Gesellschaft mitunter sogar bei den Jude» Manches lernen könnte. Ich will nur den stark bewährte»' Familiensinn, die Pietät im Verhültniß der .Kinder zu, den Eltern, die Bereitwilligkeit, sich untereinander zu unterstützen, nennen. Soll ich nun zum Schluß mich noch darüber äußern, wie ich mir die mögliche Lösung dieser traurigen, i» ihren Uriachen und Wirkungen jeden Menschenfreund so ungemein betrübenden Frage "des Anti scniitismuS denke, so habe ich daraus keine-in einem Rath gipfelnde Antwort, sondern nur wieder Ansichten und Wünsche. Es Plcibt nur zu wünscht», daß einmal die Inden auf dem hie und da betretenen Pfade größerer Bescheidenheit bei Verfolgung .ihrerwirthschaftlichen Thätigkeit und größerer Zurückhaltung bei Gettendmach'nng ihrer bürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung verharren mögen, um die ihnen aus verschiedenen Gründen feindlich gesinnten, sic angrcifcndcn Elemente nicht ferner zu reizen: und daß zweitens auf Seiten der Verfolger der antisemitische Geist sich allgemach auSlebcn möge, wie alle religiösen und politischen Leidenschaften und Fanatismen. Nur so kann vermieden werden, daß das ohnehin an mancherlei JünglingSfehlern kränkelnde, schöne Deutsche Reich nicht für alle 'Zeiten in seiner Entwicklung von dieser socialen Krankheit bedrängt und in der Werthschävuug dcS Auslandes durch seine eigenen Angehörigen herab gesetzt werde. (Einstellung des Strafverfahrens.) Wie uns aus Breslau berichtet wird, hat die dortige Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen den Redacteur der „Volkswacht", Herrn Richard Scheie wegen Abdrucks des Dcckcrt'schen „Vaterunser in der Judennoth" eingestellt. (Wieder ein „Opfer des römischen Rechtes".) Wie aus Dortmund berichtet wird, wurde der Expedient der antisemitischen „Reform", Börger, wegen Betruges und Urkundenfälschung zu einem Jahre Gcfängniß verurtheilt. Er beschwindelte viele

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