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Freies Blatt · 1894-08-05 · 122 (5.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
122 (5.8.1894)
Date
1894-08-05
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freies Blatt. Line Stimme au^ Favoriten. Daß die Antiscmiterei dank der Lässigkeit der liberalen Parteien merkliche Fortschritte macht, ist eine Thalsache, die zu bestreiten wohl Niemand den Muth haben wird. ES tst dies um so bedauerlicher, als dieser .Fortschritt" nach „rückwärts" niemals hätte stattfinden können, wenn man unsererseits nur ein bischen rühriger gewesen wäre. Den Verfechtern des Bürgerfriedens, so edel ihre Bestrebungen auch sein mögen, kann der Borwurf nicht erspart werden, daß sie gan; und gar im Unklaren darüber sind, wie den Feinden der Frecheit am wirksanisten beizukommen ist. Die Führer der freisinnigen Bevölkerung gleichen Generälen, die wohl tüchtige Soldaten, aber herzlich schlechte Anführer sind, welchen cs auch mit den besten" Truppen nicht möglich ist, eine Schlacht zu gewinnen. Das .Freie Blatt" hat schon in dem in Nr. 119 enthaltenen Leitartikel die mangelhafte Leitung und Organisation der freisinnigen Parteien gehörig beleuchtet. Tarüber noch etwas Neues zu sagen, dürfte nicht leicht möglich sein. Ich war zufällig Zeuge einer Aeußerung, die ein Bürger des X. Bezirkes gekhan, nachdem er im Kafsjechausc diesen Artikel gelesen hatte. Er sagte beinahe wortgetreu Folgendes: .Es is Alles recht schön, wäS da in dem Artikel steht, abex es sein halt nur Worte, nichts als Worte. Wann kommen aber die Thaten? IS es für die liberalen Führer nit beschämend, daß!sie sich von Parteifreunden derartige Vorwürfe machen lastenmüstey?" Ein Herr B., Bezirksausschuß und ehemaliger Gemeinderath, der bei den letzten Wahlen eben durch die Lässigkeit seiner politischen Gesinnungsgenosten um sein Mandat gekommen ist, bemerkte: .I habi den Artikel a gelesen, jedes Wort is a traurige Wahrheit, aber nit allein die'Führer verdienen dje harten Vorwürf, sondern a die Parte Mitglieder selber, und zwar weg'n ihrer Lauheit, Faulheit will i anstandshalber nit sag'n. Wird irgend a liberale Versammlung abg'halttn, so hab'n die Herrn allweil ka -Zeit, und nur a klaner. Bruchtheil folgt der Einladung. Bis um zwölsi auf d' Nacht aber in ihr'>i Stammbeisl z'sitz'n, dazu mangelt'S ihnen nit an Zeit. Is a Wahl, so schaut's g'rad so aus, als ob die Herrn liberalen Blei in die Füß hätten. Es geht All's so langsam — werd'n s' aufg'fordcrt, i>re Wahlpflicht zu erfüllen, so kriegt ma zur Antwort: Na, na, brennt's scho, i wir's do nit versamen. So manchen Wahlsieg hab'n d e Antisemiten durch die — Lauheit der Liberalen errungen. Schaun S', i bin heut' 78 Jahr alt, bao's vom g'wöhnlichen Kutscher bis zum Großfuhrmann bracht, bin Bürger von Wien und durch die Verleihung der großen goldenen Salvatormedaille auSzeichnct wor'n, war sechs Jahr Gemeinderath und langjähriger Bezirksausschuß, wohn' jetzt schon über 40 Jahre im X. Bezirk, kenn' jeden Menschen, sowie jeder Mensch mi heraußt kennt,,.aber das muß i Ihnen sag'n, daß unser Bezirk für die Liberalen nit verloren gangen wär', wenn s' gleich pflichtgetreu g'wes'n wär'n, wie ich'S immer g'wes'n bin. Ma sagt immer die Favoritner sein antisemitisch ganz verseucht — nit wahr is, ka Bezirk iS für die liberale Sach' leichter zu gewinnen als dsr unsere. Aber thun muß ma was, nit faul darf ma sein." Im weiteren Verlaufe des Gespräches rügte der alte Herr auch das Verfahren der Führer. .Wie oft," sagte er, „war scho bei uus a Versammlung, wo auf der Einladung g'stand'n is: der oder der Toctor oder Profestor oder sunst a hervorragende Persönlichkeit wird kommen und an Vortrag halten. Der ganze Saal war voll, statt um achti, hab'n s' um neuni ang'fangt, aber, weder a Doctor, no a Profestor. no sunst a Persönlichkeit is kummcn. Zwa- oder dreimal hab'n sich d' Lent zum Narr'n halt'n last'n — a viert'smal aber nimmer. Bei die Antisemiten is grad' das Gegentheil der Fall. Sie schicken ihre besten Redner und gewinnen so das Volk durch ihren einer besseren Sache würdigen Fleiß. Die kümmern sich wenigstens ums Volk, heißt'S dann, di: Liberalen trag'n d' Nas'n z'hoch, na ja wir Favoritner san halt zu ordinär, zu gemein u. s. w. Zum Volk :nuß ma abastcig'n, um das Volk zu gewinnen, das sag' i aller Bürger von Wien, und so lang daS nit g'schieht, wird der Al::ü:!>eralismuS, den s' Antisemismus tauft hab'n, immer mehr an Baren gewinnen.'" A. H. Vcrciil zur Abwehr dcs Antisemitismus.) In kurzer Zeit wirk der vom Präfidenlen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, A. G. Freiherrn v. Suttner, herausgegebene Kalender für daS Jahr 18‘.'5 erscheinen. Derselbe hat folgenden reichen Inhalt aufzuweisen : 1 Der erste Sommer (Illustration); 2. Kalendarium, Postalisches, Märkte u. s. w.; 3. NeujahrSgruß, Gedicht von W. Cappillcri (j. Illustration); 4. Wochenconti, Titel und Inhalt;. Nr. 122. von Wien, Dr. Prix; Suttner (illustrirt); 5. Porträt des verstorbenen Bürgermeisters 6. Der Pater Verwalter, von A. G. t 7. Gedicht: .Landmann, behandle deine Hhiere gut"; 8. Lacroma (s. Illustration); 9. Porträt unseres verdorbenen Ehrenpräsidenten Graf Zichy; 10. Humoresken von Ä. Groller (illustrirt) 11. Ein Wort an die antisemitischen Frauen) von Bertha v. Suttner 12. Humoristisches; 13. Gestörte Studien (Illustration); 14. Humoristisches von Vincenz Chiavacci (s. Illustration); 15. Porträt unseres verewigten Ehrenmitgliedes Profestor Billrioth; 16. Ansichten eines katholischen und eines protestantischen Geistlichen über den Antisemitismus; 17. Wistenswerthes Allerlei; Ifl. Der Renommirschläger, Erzählung von Tann-Bergler (s. Illustrativ»); 19. DaS Eisgrübel im Jahre 1792; 20. Aus dem Tagebuche ei»es Antisemiten; 21. Das Kinderasyl in Kahlenbergcrdorf und daS Kahlenbergerdorf (Illustration s. Text); 22. Im Volksgarten, von Berthaj v. Suttner (s. Illustration); 23. Wistenswerthes Allerlei; 2^. Porträt: -f Profestor Warhanek, gewesenes Ehrenmitglied unseres Vereines; 25. Wiffenswerthcs Allerlei; 26. Inserate. Für die Mitglieder des Abwehrvereincs ist cs geradezu eine Ehrenpflicht, für eine l größere Verbreitung des VercinskalendcrS Sorge zu trägen; erleichtert wird ihnen diese Aufgabe dadurch, daß der Preis von 25 kr.,!um welchen GesinnungSgenoffen das vorzügliche Jahrbuch erhalten, äußerst gering ist und eigentlich in gar keinem Vcrhältniste steht zp dem, was es an Belehrung und Unterhaltung bietet. Der Kaltnder des Abwehrvereines, aus welchem wir in der vorliegenden Nmmner den ebenso formvollendeten als gedankenreichen Aufsatz der Bäronin Suttner: .Ein Wort an die antisemitschen Fragen" reproduciren, eignet sich vermöge seines Inhaltes auch trefflich einer Agitationsschrift für fortschrittsfreundliche Vereine. | (Schutz den Andersgläubigen!) Von eiaer derzeit inWeidlingau weilenden Wiener Dame erhalten wir folgende Zuschrift: Unter dem Titel „Nationale Chicanen" erschien in best Zeitschrift .Die Waffen nieder" anläßlich der Ausweisung dänischer Schauspieler aus Schleswig ein Artikel, der die Forderung: .Schutz d^n Ausländern" aufstcllt und sie auf die Tagesordnung der interparlamentarischen Friedensconferenz gesetzt zu sehen wünscht. „Schutz a)ich den Andersgläubigen" — dachte ich mir, als ich jenen Artikel las und die Metzelei, die Tags zuvor in einer der lebhaftesten Sommerfrischen Wiens stattfand, noch lebhaft vor Augen hatte. Ich erzähle nachstehend, was sich am Annentage in Wcidlingau bei Wien in Rouland's Restauration abspielte: Die Sommergäste des Ortes hatten! sich in genanntem Local, in dem auch ein antisemitischer Radfahrerclu» sein Absteigquartier hat, eingefundcn. Gleich beim Eingang hörte map die Worte: Judenbub! Saujud! Judenbagage! Bald kam es zu Entgegnungen, Raufereien, schließlich floß Blut. Man hieb mit Stöcken, Schirmen, Bierseideln aufeinander los, und auch die Beleidigten suchten sich, als einer der antisemitischen Radfahrer einen Studenten l»cht für sätisfactionsfähig erklärte, weil er ein Jude war, in dieser Weise Satisfaction zu verschaffen . . . Zahllos sind die zumeist zu ernstqi Thätlichkeiten führenden Raufhändel, die allerorten im weiten Ruckd der civilisirten Länder aus gleicher Ursache entstehen; die uncivilisir^en wissen sonderbarerweise von antisemitischen Hetzen nichts. Möge mach daher ebenso wie einen Schutz für die Ausländer auch einen solchen! für die Andersgläubigen rcclamiren. Der innere Friede ist jetzt thatsächbich gefährdet. Wo Bürger mit Frauen und Kindern zu harmloser ^Unterhaltung zusammcnkommen, da bedarf eS oft nur eines antisemitischen Schlagwortcs, um die Versammelten in zwei feindliche Lager tu theilen. Den Worten folgen, wie die oben erzählte Episode bezeigt) Thaten. Ein Berliner Statistiker hat nachgcwiesen, daß 70 Percenj der im letzten Jahre in Berlin stattgehabten Raufhändel aus -antiscchitischen Hetzereien herzuleiten waren; cs dürfte anderswo nicht viel bester um Toleranz und Nächstenliebe bestellt sein. Deshalb, ehe dieses verwerfliche Unfug noch weiter um sich greift, ehe der Landsmann Hegen den Landsmann die Hand erhebt, ehe der Bruderzwist größere! Dimensionen annimmt, schaffe man Gesetze, die dem antisemitischen Unwesen steuern. Gelänge es de» Friedenskonferenzen, auch nach dieser! Richtung hin zu wirken, wahrlich ihr Streben wäre ein dankenswerth«, und der Erfolg würde von jedem wahren Menschenfreund, dem die jetzt übliche Racenhetze ein Greuel, mit Freuden begrüßt werden. (Die Autisemitenfee von Aygersdorf.) den Gemeindewahlen in Atzgersdorf brachte» es die Antisemiteir zu unerwarteten Erfolgen. Das Hauptverdicnst liebreizenden Frau eines Wiener Advocaten Wahlagitatorin Unglaubliches leistete. Schon Dame ihre Unwiderstehlichkeit geltend, indem Bezirke gegen den Willen der Antisemitenfü >rer durchsetzte, daß ein von ihr protegirter Cooperator mit einem Mandate betraut wurde. Man schreibt uns: Bei schreiben sie selbst >'ddr zu, welche als eifrige vor Jahren machte diese sie es in einem Wiener

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