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Freies Blatt · 1894-08-05 · 122 (5.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
122 (5.8.1894)
Date
1894-08-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 122. - Freie» der Ketzer und Zauberer waren Acte öffentlicher Justiz, und, ohne so weit in die Bergangenheit zurückzugreifcn, die jüngsten MasscnauSwrisungen der Juden auS Rußland, wodurch tausende unschuldiger Familien dem bittersten Jammer preiSgegeben worden, sind die pflichttreue Ausführung einer von der höchsten GesetzeSgcwalt auSgegangenen Verordnung. „Wir leben nicht im Wittekalter und nicht unter halbastatischem Autokratenthum," wird darauf beschwichtigend geantwortet, „so weit lassest wir es nicht kommen, wir wollen nur auf gesetzlichem Wege..." WaS? Einer Claffe von Mitbürgern ihre Rechte eines nach dem anderen entziehen, ihnen die Wege versperren — nicht nur •u Aemtern und Würden, sondern auch zum Lebenscrwcrb; odcv ist denn der Grundsatz, zu dem die Antisemiten — sogar in dem Jnseratentheil ihrer Blätter — sich bekennen: „Kauft nur bei Christen!" nicht einfach ein Aushungerungsverfahren? Ein Zwar langsameres und .versteckteres als die Umzingelung des Judenviertels, aber ebenso sicher - nur zehnmal perfider. An die letzten Consequenzen, an die folgerichtige Ausführung einer Sache denken die wenigsten Leute. In der Frage des Antisemitismus z. B. werden die Meisten auf verschiedenen Anfangsstationen stehen bleiben — bis zum thätlichen Haß werden sie nicht schreiten wollen; aber daS wird ihnen doch erlaubt sein, Antivathie zu fühlen und sie merken zu laffen? .. . WaS' die Anderen vctrifft, die bis zum Haß gelängt sind — so denken die Gemäßigten und „Antipathie" Fühlenden — so haben die sicher ihre Gründe. . . Tie Blutsaugerei muß doch eine politisch-ökonomisch bewiesene That- -ache sein und daS gewisse österliche Blutopfer ... je nun, Uso ganz ohne" ist daS Ding vielleicht auch nicht. . . Warum sollte, wenn die Schädlichkeit einer Racc oder Claffe erkannt worden ist, nicht gegen dieselbe angekämpft werden? Die letzte Consequenz grenzloser Duldsamkeit wäre schließlich auch verwerflich, denn daS hieße ja, daß man daS Schlechte nicht verachten und nicht verhindern dürfte. Daß hier ein Trugschluß vorliegt, daß durch die Berdammung des Antisemitismus das Recht auf Verfolgung und Ausrottung des Schlechten nicht angegriffen wird, daS läßt sich bei einigem Nachdenken ganz klar erkennen. Die Sache ist^nämlich die: Alle Schlechtigkeiten, Verbrechen und Vergehen, welchemnntrhalb der Gesellschaft begangen werden, sind individuelle Thaten und dürfen daher nur an den Einzelnen verpönt und bestraAwerden. Sobald unter dem Vorwand, daß in einer bestimmten (Shfope von Leuten mehr gesündigt wird, die ganze Gruppe der Verfolgung anheimfällt, so ist's um die Gerechtigkeit geschehen. Diese /ordert unabweiSlich, daß die Schuld nur'dem Schuldigen angtrechM werde. Sobald durch Vollstreckung eines UrthcileS neben mehreren gerecht Vcrurtheilten auch nur Ein Unschuldiger mitzuleiden hat, so ist jenes Urtheil ungerecht gewesen. Was da» moralische — nicht juridische — Urtheilcn betrifft, welche« ganze Claffen umfaßt und dadurch nothwendigerweife vielen Einzelnen Unrecht thut, so ist dies eben — Boruttheil. In diesem ganzen Gedankenwjrrsal läßt sich also als untrüglicher Wegweiser das Princip der Gerechtigkeit gebrauchen. WaS gegen dieses verstößt. hat man auS seiner Gesinnung auszuscheiden. Vorausgesetzt — aber nicht zugegeben, daß unter den Semiten mehr schlimme Eigenschaften vorkoumien als unter den Ariern, so wäre, ehe nian die Raccneigenthümlichkeit dafür verantwortlich macht, zu untersuchen, wie viel von den Fehlern auf Rechnung der Behandlung, der Umstände zu setzen ist, unter welchen die betreffende Race existircn mußte und noch muß; angenommen also, daß bei vielen Einzelnen diese Fehler unangenehm oder gar schädlich hervortreten, so kann man ja diese Einzelnen meiden, beziehungsweise unschädlich machen; aber zugleich. auch Jene meiden, Jene beleidigen, Jene von vornherein strafen, die von jenen Fehlern frei sind und vielleicht die liebenswürdigste» und achtungSwerthestcn Tugenden und Fähigkeiten besitzen, daS verstößt doch gegen alle Vernunft und alles RechtSgefühl! Und gerade daS ist eS, was der Antisemitismus von seinen Anhängern fordert. Man soll einem hochgebildeten Wiener Juden — sagen wir Advocaten, Schriftsteller, Künstler — mit Geringschätzung begegnen, ihn zu ' hindern trachten, seinen Beruf oder seine Kunst auszuüben, weil — nun, weil eS in galizischen Dörfern jüdische Branntweinbudenbcsiyer gibt, welche Wucher treiben. Argumente solchen Calibers hört man von jener Seite häufig Vorbringen. Da nun die Ungerechtigkeit der Boden ist, auS welchem der Antisemitismus hervorsprießt, so ist auch folgerichtig die Methode, mit welcher er vorgeht, eine rechtsverlrugnende geworden. Er opcrirt (der ' falsch verstandene Zweck heiligt ihm die Mittel) wissentlich mit Trug. Wenn z. B. — und da nenne ich nur eines der üblichen Kampfmittel — die Blätter seiner Partei alle von Juden begangenen Verbrechen und Vergehen herzählen und die gleichzeitig von arischer Seite begangenen verschweigen, so ist daS geflissentliche Falschheit. Blatt. ' Seite 3. Nichts ist leichter, als zu Hetzen, nichts leichter, als bei ungebildeten Massen Haß und Mißtrauen zu wecken. Es ist dabcr die große An Hängerschaft, welche der Antiseiniiismus in der Vevötkernng, namentlich auf dem flachen Lande, gefunden hat, kein Beweis sin dessen Berechn , gung. Noch Eines kommt hinzu: die Leute sind gar so froh, wenn sie irgend eine Claffe als mindcrwerihig, als Geschöpfe zweiter Kate gorie betrachten können; dadurch gewinnen sie in ihre» eigene» Augen an Vornehmheit. Wenn so rin kleiner Handwerker oder HauSkuccht von dem vierspännig vorbcifahrcndcn Baron Soundso sagen kann: „TaS ist nur ein Jud'", so suhlt er sich selb.r so gewissermaßen geadelt. Allen Jenen ferner, die unter dein Truck winbichmilichcr Verhältnisse leiden, ist eS eine Wohlthat, sich eine Clane von Leuten vorzustellen, auf die sie ihren Groll abladen und von deren Zurück, drängung sic sich Abhilfe erhoffen können. Viele denken nicht einmal so weit. Nur etwas zum Bersolgcn und zum Beschimpfen zu haben, daS genügt ihrem Triebe Tenn daß die rohen Triebe aus der Menschheit »och nicht ausger niei sind, das ist — dem Genius des Fortschrittes sci'S gekbzgr . eine mein wcgzuleugnende Thatsachc. Nun ist aber eine Bewegung, welche aus Trug und llugereei:: g teil sich stützt, dabei den niederen Jnstinctcn Nahrung g n. -ine Gefahr für die Gesellschaft. Eine desto größere Gefahr, als vH«:, die selber nicht lügen und selber nicht roh sind, davon ergrii-eu werden, weil sie bei de» Anderen begründetes tlrtheil vorauSjetzen und eS ist natürlich, daß die Borurthcilsloscn endlich beginne», sich energisch dagegen anszulchnen. Nicht nur die Betroffenen, sondern alle ■ Jene, denen daS schreiende Unrecht weh thut, das da ihren gleich berechtigten Mitbürgern, ihrengleichgcärieten Mitmenschen geschieh!, mußten schließlich zu einem lauten Proteste sich aufraffen. Lange, viel zu lange sind sie schweigend beiseite gestanden; je wüster und lauter, die Anderen hetzten und schürten, desto stiller und verächtlicher haben ' sie sich abgewcndet, in der falschen Voraussetzung, daß das sowohl gegen die StaatSgrundals gegen die Bcrnnnstgeseyc verstoßende Treiben von.'selber sich verlieren müffc. Und auch auS einem gewisse» Anstandsgefühle, um die beleidigte .Claffe durch die Beachtung der Beleidiger nicht noch mehr zu verletzen, haben die Nichtantisemilen sich passiv verhalten. Aber mit Unrecht. DaS Treiben hat nicht auf gehört; unter allerlei Formen und Masken und in den verschiedensten Abstufungen hat eS in immer weitere Kreise sich verbreitet. Da war nun der Zeitpunkt gekommen, wo solche, welche die Verwerflichkeit jener Bewegung cinsehcn, sich -zur Abwehr derselbe» erhoben, indem sie öffentlich erklärte», daß sie den Antisemitismus verdammen. Als nun solche vontra-antisemitische Vereinigungen ins Leben gerufen wurden, haben sich sofort Männer und Frauen auS de» verschiedensten Gescllschaftsclaffcn angeschlossen und i» ihre» Listen Namen, ans gewiesen, welche, um achtunggebietend zu wirken, vorerst nicht gezählt, aber gewogen sein wollen. Wer da beigctreten, 'der hat damit die Bcr pflichtung übernommen, im eigenen Kreise gegen das Ucberhandnehmcn jenes gehässigen Geistes zu wirken und nicht länger — unter den beiden bequemen Vorwänden: „Ich mische mich nicht in Politik" und „Jeder Mensch kann ja seine Ansicht haben" — cs ruhig geschehen zu laffen, wenn in ihrer Gegenwart in antisemitischem Sinne gesprochen wird. Besonder« den Müttern kommt es zu, wenn sie bemerken, daß ihre halbgcwachscncn Söhne Gefahr lausen, von diesem Giftstoffe angcsteckt zu werden, sic davor zu schützen: dem, keiner Mutter soll eS glcichgiltig sein, wenn ihr Kind <Nsi»'nungcn nährt und auSdrllckt, die auf Grausamkeit und Ungerechtigkeit, auf Hochiuuth und Dünkel gegründet sind, die daS Geiliütl, zu verrohen niid den Geist zu verengen drohen. - ' DaS Heft kann nicht umgekehrt werden. Tie Antisemiten,dürfen ' nicht sagen: Ihr seid ungerecht und gehässig gegen uns, ihr beleidigt unS vn hloc, indem ihr »ns Rohheit und UrthcilSmangel zuschreibt — wir sind eine- Partei, wir fordern Ächtung für. unsere lieber zeugung. Darauf läßt sich antworten: Wir, die Abwehrenden, wenden unS nicht gegeneine ganze, durch ein generelles und zufälliges Merkmal gebildete Claffe, deren einzelne Individuen die verschieden artigsten guten oder bösen Eigenschaften haben können; wir bekämpfen eine bestimmte Gesinnung, die jedes einzelne Individuum der von unS Bekämpften auch wirklich hegt und zu hegen sich rühmt. - Wenn man einem Verfolger daS Verfolgen verwehrt, so darf er darum nicht den Verfolgten spielen. „Schau' . . . der arme Löwe dort," so sagte ein mitleidige» Römerkind in der Arena, „der arme Löwe hat noch keinen Christen bekommen!" Achnlich zu bedauern wärgn die armen Antisemiten, wenn sie ihre Lieblingsbcutk nicht' mehr zu verschlingen - hätten. -

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