Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 122 (5.8.1894)
- Date
- 1894-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 freies ganz unverdiente Verehrung verschwendet haben. Diese neue Schätzung des Dichters und feines Werkes kann sich in Prosa nicht Genüge leisten: Brunner dichtet auch; ei» Pröbchen: Weil er <der Lessing) zum Musterjiden den Nathan hat gestempelt. Wird der den dummen Gojim noch immer vorexempelt; - De« Tiihring Spruch taugt freilich nicht in den Schoselkram: Den Lessing hat erhoben die jüdisch^ Reclam. Hübsch, nicht wahr'? Auch anhere berühmte Christen, die den Jude» gerecht wurden, überfällt hie Schmähschrift mit grotesker Brutalität, so Schleicrmacher, den „Hohenpriester der subjectivcn Gefiililomauschclci", Renan, den „sranzhsischen Atheisten", und Monnnsen, dessen Bestechung durch jüdisches Geld in Berlin zuyi Sprichwort geworden sei (??!). j AnS den Werken deutscher Schriftsteller hat Brunner jedes irgendwie ungünstige llrthcil über Juden aufgespürt, und Lenz schreibt nach, gleichfalls ohne Hinweis auf Zusanvnenhang und Entstehungsgrund solcher Ansichten: die günstigen Urtheste aber, die nicht selten in jenen Werken neben den abfällige» stehen, >werden gcflistentlich verschwiegen: Allerdings würbe cS Judenfeinden paS Herz abdrücken, zur Steuer der vollen Wahrheit beispielsweise von Herder nachfolgende Aeußerungen anzuführen: „Israel war und ist daS ausgezeichnetste Bolk der Erde, in feinem Ursprung und Kortleben bis auf den heutigen Tag, in feinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in feiner Riedrigkeit und Hoheit so einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art, die Existenz dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halle, die wir von ihm haben und wissen. So etwas läßt sich nicht erdichten, solche Geschichte, mit Allem, was daran hängt und davon abhängt, kurz, ein solches Bolk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und gehl wahrscheinlich noch bis zur Entwicklung des letzten noch unberührten Knotens aller Erdnationen hindurch. — Wo ist ein so herrlich Volk, zu dem die Götter sich nahten, wie der Herr zu diesem Volk?" -Briefe, das Studium der Theologie betreffcud, und Ideen zur Geschichte der Menschheit.) Auch Goethe wird von Brunner-Len; gegen die Juden angeführt; und doch ist auch das ein Citat aus Goethe: „Die Juden find das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, cs wird sein, um den Ramen Gottes durch alle Zeiten zu tragen." (Wilhelm Meister's Wanderjahre.) lind ein ferneres Wort von Goethe, das die beiden guten Katholiken gewiß nicht hcrvorkehrcn würden, lautet: „Tie Kirchengcschichte ist ein Mischmasch roher Gewalt." Joh. Hcinr. Boß wollte einmal Hebräisch lernen, aber die Sprache stieß ihn ab; so erzählt Brunner, Lenz ihm nach und weidet sich an seinem Spott über das Hebräische. Wie urtheilt doch Herder,- der zeitweilige Gewährsmann des edeln Paares, über das Hebräische? ES heißt in seinem „Geist der Ebräischen Poesie": „Man möchte sagen, ein Gott habe die ebräische Sprache für kindliche Menschen erfunden, um mir ihnen ein Spiel der frühesten Logik zu spielen rc." Ferner sollten die beiden guten Katholiken das Wort eines Kirchenlehrers kennen: Mnltae U-rricolis lingnae. caelestibus nna. Biele Sprachen haben die Erdbewohner, die Himmlischen eine (die Sprache Judas). Und bedenken sie nicht — sie, deren Lippen von Christentffum triefen, daß Hebräisch die Sprache, ja die Gebetsprache Jesu war? Sollte wirklich der christliche Heiland in einer Sprache gebetet haben, aus der „Knoblauchhaftes entgegenriecht"? Pfui, was sind daS für Christen, pfui, waS find das für Deutsche, die sich soweit vcrgesien können! Sind nicht die 'Kamen des christlichen Heilands, seiner Ellern, feiner Brüder, seiner Ahnen, alle hebräisch? Was bedeuten die — von anderen Juden übrigens stets verabscheuten — paar Taktlosigkeiten, die einige jüdische Literaten und Scribler gegen das Christenthum vcrüht, im Vergleich mit eurem und tausend anderer Scheinchristcn Hohn auf das Christenthum und das Judenthum? Moses Mendelssohn, dessen „Phädon" und „Jerusalem" werden in knabenhaften, dem Antisemitenlexikon entnommenen Tiraden bez-uferl, die bis auf das wunderschöne Wortgefüge „hohles Geschmuse", 'iweden Reizes der Neuheit entbehren. Ünd doch singt Boß, der '»>: ge Gewährsmann des par nobile trrtnim, vom „edeln" MendelS-!> r.: und doch ist der „Phädon", das „hohle Geschmuse", in die »::!Ücn Sprachen Europas übersetzt; und doch schreibt Kant, der rellcidit etwas höher steht als „Literakurpfaffen und Pfaffenliteratur": ..Es in nur ein Mendelssohn.«-Ich halte dieses Buch Mcndclssohit's .Jerusalem') für die Verkündigung einer großen, ob- :wxr langsam bevorstehenden und fortrüchenden Reform, die nicht allein Ihre Ration, sondern auch Andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen Blatt. gewußt, die man ihr gar nicht zuget^l keine andere rühmen kann/' Mit diesen Worten aus einem legen wir das Libcll gern beiseite. Nr. 122 aut hätte und dergleichen sich iefc Kant's an Mendelssohn Dr. Philipp Krön er. Lin wort an die .antisemitischen grauen. Bon Bertha v. Suttner. „Sag' mir, waS ist denn eigentlich der Antisemitismus?" So hörte ich neulich eine junge Fr«m ihren Gatten fragen. Er zuckle die Achseln. „Das solltest du doch wiffen... da doch dein Bater, deine Brüder enragirtc Antisemiten sind, da du doch selber öfter geäußert hast, du mögest die Juden nicht..." Dennoch, die Frage mar berechtigt: Jene wußte nicht, waS der Antisemitismus „eigentlich" sei. Es koiimt so häufig vor, daß man eine Sache jahrelang so gewiß als selbst» rständlich hinnimmt, daß man die darüber in Umlauf befindlichen Phrasen auch selber nachspricht, ohne weiter darüber nachzudenken, und daß dann, wenn man plötzlich sich oder Anderen Rechenschaft darüber geben soll, Einem die Einsicht aufsteigt, daß man wirklich nicht sagen könnte, woraus das Ding besteht, worauf es sich gründet und wo;inaus es will. Es ist so bequem, eine Erscheinung, ei sie nun physikalischer oder socialer Natur, einfach als bestehende Thatsache hinzunehmen und vorauszusetzen, daß die Ursachen, aus we chen sie hervorgegangen, hinreichend sein müsien, sonst wäre sie eben nicht da. Das hat wohl seine Richtigkeit, nur können die wirklichen Ursachen ganz andere sein als die allgemein angegebenen. In mit Wisienschaft oder Politik zusammenhängenden Dingen liegt es besonders den Frauen nahe, die Las des weiteren Erörternvon der Seele abzuwälzen: „DaS verstehen w r nicht! . . . DaS sollen wir auch nicht verstehen! . . . Das geht uns lichts an!" Je mehr eS dann dem gesunden Sinne auffällt, daß eine Einrichtung, eine Bewegung etwas Hartes, Unglückbringendes an sic> hat, desto mehr ist man bereit anzunehmen, die Gründe hiezu seien unabweisliche, genau erforschte und gewissenhaft geprüfte. Je gräßlicher und häßlicher die äußere Bethätigung, desto unumstößlicher — so denkt man — die innere Berechtigung; denn würden sonst sc viele, mitunter so angesehene Leute zu der Sache trotz ihrer harten Folgen sich bekehrt haben? So auch hier. Denn daß es schön, daß es allgemein beglückend, daß eS nur gerecht sei, eine Anzahl non Leuten ihrer Glaubens¬ oder Raceangehörigkeit wegen znrückzusetze i, das wird doch Niemand, am allerwenigsten eine sonst sanft und freundlich gesinnte Frau finden; aber sicherlich ist diese Zurücksetzung zum Wohle der Uebrigen nöthig; aus furchtbar verwickelten ethnographischen u >d anthropologischen Gründen ist die betreffende Race minderwerthig, md aus noch verwickelteren, mit Großcapital und Kleingewerbe und sö tstigen national-ökonomischen Dingen versetzten Ursachen muß man sie unschädlich machen und sich als deren Feind bekennen . . . Das ist o ungefähr der Standpunkt unserer antisemitischen Frauen. Häufig t>un sie auch mit, ohne nur zu der Fragestellung zu gelangen, welche d ese Zeilen einleiten. Solchen meiner Schwestern jedoch, die nach diesem!„eigentlich" geforscht haben, möchte ich gern hier in aller Kürze (uiM ich habe die Angelegenheit einigermaßen studirt) ein wenig Aufschluß geben. Der Kern der Sache ist Feindseligkeit. DaS Mehr oder Weniger von Haßfähigkeit, daS jeder Mensch im Innernträgt und daS er gegen die Dinge wendet, die ihm störend, schädlich oder auch nur — unangenehm erscheinen, ist sehr leicht angeficht, denn er ist froh, einen Gegenstand zu finden, auf welchen er l>ie verschiedenen Richtungen seines Grolles concentriren kann. Die alte Geschichte vom Sündenbock. Die Einen sehen ihren Glauben gefährdet, die Anderen ihre Geschäfte, die Dritten ihre gesellschaftliche Exclusivität, und die verschiedenen Angsttöne wandeln sich in Klage- und Anklogttöne, die in einen Accord zusammenklingen, der schließlich bis zum Berfolgungsgcschmetter anschwellen kann. „Schlagt sie nieder!" Diesen Kampfruf der mittelalterlichen und der Corfioter Antisemiten den will keiner unserer „gebildeten" Arier ausstoßen; sie'vergessen aber, daß die Häufung der einzeluen Beschuldigungen, Verdächtigungen, Geringschätzungen jenen Ruf ergeben muß. "„O, nichts GewaltthätigtS —7 nur auf gesetzlichem Wege..." heißt daS Parteischlagwort, nnd die Anderen beruhigen sich dabei. Sie sehen nicht, daß Jene anstieben, ihre Verfolgung, die jetzt noch außergesetzlich ist, zum Gesetz zu Erheben. Die Hinrichtungen / 1