Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 122 (5.8.1894)
- Date
- 1894-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Abonnement-Preis. Mrgan Zur 2!bwchr des ^lntiseinitismus. xnlpjährig fl. l.L>. «ierteljäprig ... fl. —.75. Für da« grlammtr Ausland: —~ >«an,jährig.ft. ».— , . . V-Idjährig.fl. I N. Erscheint an zcdcm Sonntage. Einzelne Nummern 6 kr. Unsrankirte Briese werden nicht angenommen. Redaktion und Adntinislralion: I. «cilersliitte II>. Inserate werde» mit in kr. für die viermal gespaltene Nonpareille,eile berechnet. Kleiner Nn Zeiger da- Wort 2 kr. Ansnahme von Inseraten in unsererAdministralion sowie im.Nnnoncenbureau M. Tuke». I. Wolljeile n. Nummer 122. Vien, 5. Äuguli 1894. III. Jahrgang. Böcke! in Nöthen. An einer andere» Stelle unseres Blattes, in welcher charakteristische Momente auS dem Leben der antisemitischen Presse verzeichnet werden, berichten wir nach der Berliner „Post" über die Bemühungen, die Dr. Böckel, unterstützt von Ahlwardt, unternimmt, um sich in Berlin mit Hilfe einer Actiengesellschaft eine Existenz zu gründen. An seiner bisherigen Wirkungsstätte hat Böckel, wie auch aus den Mittheilnngen der mit dem Antisemitismus sympathisirenden „^lost" hervorgeht, gründlich abglwirthschaftet. Uns selbst ist ans Marburg in Hessen von hochachtbarer Seite folgendes Schreiben zngekommen: Die Antisemiten unterscheiden sich von allen übrigen Parteien unter Anderem auch da-' durch, daß sie politisch völlig unfähig sind. Daher kann ihre Zeit immer nur' so lange währen, bis sie in ihrer Unfähigkeit durchschaut sind. Dailn sind sie gefallen. Auch Dr. Böckel steht jetzt hart am Ende. Der hessische JnfectionSherd des Antisemitismus ist jetzt schon ein wenig durch wachsende Einsicht desinficirt. Insbesondere ist der specielle BöckelianismuS in großen Theilen des hiesigen Wahlkreises in; Schwinden begriffen. Selbst die ländliche Bevölkerung ist allmälig stutzig geworden, ob Dr. Böckel der MessiaS sei, für den sie ihn hielt. Seitdem Dr. Böckel in schmählichem Wortbruch für die letzte Militärvorlage gestimmt, nachdem er monatelang schier mit social-demokratischer Leidenschaft dagegen gekämpft hat, beginnt eS in den Köpfen zu dämmern. In der Stadt Marburg selbst hat der Mann jegliches Ansehen verloren; dagegen glauben im Odenwald, in der Wetterau und in anderen Gegenden die Bauern noch fest an ihre» Abgott. Gewisse Ereignisse werden" jedoch, meinen wir, möglicherweise schon in recht naher Zeit, auch diese Anhänger abtrünnig machen. Die verschiedenen Unternehmungen Dr. Böckel'S sind arg zurückgegangen. Er selbst agitirt in der hiesigen Gegend nicht mehr. Der „Mitteldeutsche Bauernverein" ist in manchen Orten bereits verschwunden. Der „Reichsherold" wird jeden Tag schlechter und verliert ständig an Abonnenten. Der Plan, die Zeitung in eine Actiengesellschaft zu verwandeln, ist gescheitert. Immerhin hatten einzelne Bauern noch namhafte Beiträge gezeichnet. Die finanziellen Nöthe, unter denen die Böckel'schen Untetnehmungen leiden, sind groß. Es coursiren darüber Gerüchte, die zun» Theil recht bedenklich sind. Bezeichnend ist, daß man sich jetzt viel mit den Zukunftsplänen Böckel'S beschäftigt. Man erkennt daraus, daß daS Gefühl all-' gemein ist, es müsse eine Aenderung eintreten. Die verschiedenen Meldungen über solche ZukunftSpläne sind insofern wohl sämmtlich wahr,.alS eS sich um Versuche Böckel'S handelt, neuen Boden zu gewinnen. Sind die Versuche gescheitert, dementirt man eben die Meldung. Die kürzlich verbreitete Nachricht, daß Böckel inS Ausland gehe, entbehrt nicht einer gewissen inneren Wahrscheinlichkeit. Wann dies geschieht, hängt von der mehr oder minder schnellen Entwicklung der Dinge ab. Ob gerade Oesterreich mit diesem „Zuwachs an politischer Kraft" beglückt werden wird, , bleibe dahingestellt. Anknüpfungen mit den „Denlsch-Rationalen" wird Böckel bei seiner letzten „Studienreise" in Steiermark zweifellos versucht haben. . .. Zur Ergänzung der Mittheilnngen unseres _ ausgezeichneten Gewährsmannes sei nur noch gemerkt, daß der Anhang Schönercr'ö auf Böckel, der den Roscnaucr PersonencultuS gegeißelt hat, schlecht zu sprechen ist, daß der verkrachte Marbnrger Agitator in der „Ostmark" also nur den „Deutsch-Nationalen" von der Farbe eines Vergani oder Steinwendcr seine Dienste anbielen könnte, wobei.für ihn nicht viel herauSschaucn dürfte. Geschichtenträger, i (Original Mittheilung de» „Freien Blattes".) - Berlin, Ende;'uli:' Tie Wissenschaft muß umkehrcn, dachte Herr. H. K. Lenz, als er die eigenartige Revision der Literaturgeschichte unter dem Titel: „Iudcnliteratur und Literaturjuden" (Münster, Rusiel'S-; Verlag, 67 Seitchen) veröffentlichte. Wenn beispielsweise vor Lessing, dem Manne sowohl wie dem Dichter, der Deutsche bisher immerhin einigen Respect hatte, so wird ihm hier „bewiesen", daß Lcssing nur" durch die „jüdische Rcclame erhoben" und dem Einfluß jüdischen Geldes nicht unzugänglich war. Aehnlich wird das llrtheil über Renan, Schleicrmacher und Mommfen berichtigt und dann den Juden, , die in der Literatur merkwürdigerweise zu Ruf gelangt sind, besonders dem Moses Mendelssohn, Börne und Heine der Garauö gemacht. Die Broschüre ist übrigens kein Origitkalwert, sondern ein Potpourri auS des österreichischen Prälaten Brunnerantisemitischen Naxrctheien; dies bringt der Verfasser ehrlich zum Ausdruck, indem er dabei mit possirlicher Ergebenheit dem Meister Brunner die Palme - reicht. Er meinte gewiß mit dem Weitertragcn der Brunncr'schcn Hintcrtrcppengeschichtcn eine starke Wirkung zu erzielen; mir aber meinen': Getret'ner Quark Wird breit, nicht stark, und wenn im Folgenden einige Einzelheiten hcrausgehoben werde», so .geschieht eS, um wieder einmal zu zeigen, wie beschränktder antisemitische Gesichtswinkel ist und wie bald er zur Anarchie im Reiche der Gedanken und auch znm Antichristenthüm führt. Seite 7 ff. wird mitgcthcilt, wie Brunner in seiner „Lessingiasis und Rathanologie, eine Religionsstörung im Lcssing- und Rathan- Eultus", dem „alten Thcaterkaftanjuden Nathan" die Maske ab- "nimmt. Gegen „Nathan" wird der Shakespeare'sche Shqlock als das wahre und echte Bild eines Juden auSgespiclt; der Nalhan sei eine Fiction, an die der Dichter selbst nicht geglaubt hahe. 'Nachdem so der Werth her größten Lcssing'schen Dichtung gebührend „festgesetzt" ist, geht eS an die Herabzcrrung des Dichters selbst: ein notorischer Hazardspieler, ein in Judenhände gerathener Schuldcnmachcr. deshalb als „Judenbcnützer auch e.in Judcnschützer", ein Mitwisser »»< -sauberer Münzmanipulationcn, kur; ein Mann, an den die Deutschen