Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 121 (29.7.1894)
- Date
- 1894-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 121. Freies dcS Menschen auS seinen physischen Bedürfnissen und Jnstincten erwächst, so auch die Seele durch Nahrung gedeiht, und immer neu mit Nahrung gestärkt werden muß gleich dein Körper, und wie, meine freunde, die höchste Liebe a»S dein niedrigsten Jnstincte entspringt, so ist das BorwärtSschreitcn dcS Menschen immer im gleichen Schritte gegangen mit seinem BorwärtSschrcitcn in physitalischcr Erkcnntniß. Aus diesem Grunde ist der Wechsel zum lauten oder Bösen während ' der letzte» sechzig Jahre ohne Parallele mit irgend einer Veränderung > in der Geschichte der Welt während eines der vorhergehende» Jahr! lausende. Darum dachte ich, daß zu irgend einer Zeit eine große I Entdeckung gemacht werden würde, welche die Welt um einen entschiedenen Schritt vorwärts bringen würde. Ich konnte die Krankheiten nicht vermindern oder verhüten ober diese kurze- Spanne unserer Lebenszeit verlängern, oder die Menschen znm Aufgebern ihres thörichte» Strcbcns »ach Reichthümern bewegen. Aber ich konnte, und ich that's, ein Mittel erfinden, wodurch, so dachte ich thörichterwcise, der Krieg unmöglich gemacht werden sollte für alle kommenden Zeiten. Du weißt den Rest, Harold. Du weißt, wie gehcimnißvoll ich dir meine Entdeckung ankündigtc. Ihr erinnert euch Alle, wie ich dieselbe offenbarte, wie, in diesem Garten, nachdem wir von der Coutinuitüt des Menschen - gcschlcchtcs gesprochen, welche die Erfindung scheinbar noch viel werthvoller machte. Tie Continuität dcS Leben« ist meines Wissens keine neue Lehre. Ich habe diese Wahrheit nicht erfunden oder entdeckt, sic ist von vielen Rabbinern in mancherlei Formen gelehrt worden. Es genügt mir zu wissen, daß, was wir in diesem gegenwärtigen Lebe» lhun, wir für uns selbst in koiuincnden Zeiten thun. Darum dachte ich, würde meine Entdeckung nicht für daö was wir die 'Nachwelt nennen, geschehen, wohl aber für uns selbst, für nnS selbst, für unS selbst. Ihr erinnert euch, wie wir sprachen -—" „AlS ob wir das jemals vergessen könnten!" flüsterte Franziska. „Dann- Kind, kamen Sie mit Ihren Zweifeln. Seht, wie ein Weib den Mann zu Schanden machen kan», der sich selbst für weise hält! Sic sprachen wie ein Weib, insofern als Sic die Wirkung betrachteten, welche diese Erfindung auf den Mann auSüben würde. Was wü)'dc ans seinem Muthc? frcigte» Sic. Denn eines ManncS Muth, sagten Sic, klüger als ich, das ist sein Erfinden, seine Unter nchinuligslust, sein Erfolg, sein Wunsch nach BoÜkomnienhcit. Ein Mann ohne Sinn für Kampf, sagten Sic, weiser in Jhrciu Jnstiuete als ich mit meinen Kenntnissen, würde zum Weibe werden, zufrieden, sitzen zu dürfen und das Targcbotcnc anuchincn zu könne», oder er würde werden wie Einer ans einer Horde von Assen, die sich gegenseitig berauben. So sagten Sic, Franziska." „Ja, mein Meister, das ist's, was ich zu sagen wagte." „Ich war zu sehr erfüllt von meinem eigenen Glauben, als daß ich anfangs darauf geachtet hätte. Aber später, später, ja, da begann ich zu zweifeln. Dann sprachst du, Anton, in deinem Sinne. Du sagtest, daß meine Entdeckung nichts von alledem leisten würde, was ich mir von derselben erholst hatte. Du sagtest, daß sie entweder den Krieg nur noch schrecklicher machen oder zu einer Tyrannei führen würde, die noch viel unerträglicher wäre, als je die Welt eine erlebt. Du sagtest auch, daß sie Alle« zerstören würde, was vom gemeinen Leben übrig gebliebenist, saknint der gemeinen Dhätigkeit^ Disciplin und Unterwürfigkeit, so daß der Reiche immer nur reicher und reicher und tyrannischer und der Arme schwächer und elender^ würde. To sagtest du, Anton." „Das ist so ziemlich das Wesentliche von dem/ was ich sagte. Ich habe noch mehr darüber »achgcdacht, und ich deute noch so, nur noch strenger." Emanucl wandte sich a» Harold.. „Du hast nichts noch gesagt, mein Freund. Nun, ich gehe, ich überlasse das Ding deinem Ermessen. Ich gebe cS dir, Harold." „Du kannst mir ein solches Ding ebensowenig geben, Emaüucl, wie du mir Bcrstand und Wissen deines HirncS geben kannst, ebensowenig, wie du mir deine Augen und den Blick, der au» denselben kommt, geben kannst. ES ist dein, dein Eigenthum, dein Kind, mag cs nun Teufel oder Engel sein." „Sage mir also, was du darüber denkst. Sprich. Dies mein Kind, ist'S ein Engel oder ein Teufel'?" , „Lffen gesagt, ein Teufel. Es wird sich als der böseste Teufel erweisen, der jemals auf diese unglückselige Welt loSgclassen wurde. Ich glaube, ich habe an nichts Anderes gedacht, seit du uns das Ding offenbartest. Tu dachtest, indem du den Krieg unbegreiflich schrecklich machst, werden dadurch die Menschen viel eher zur Gerechtigkeit geneigt genlacht werde». DaS kann. nur dann der Fall fei», wczin die Menschen bereits-reif sind für Gerechtigkeit, daS ist, nehme ich an, für Uncigennützigkeit. Du bcnrthcilst die Welt nach dir selbst, Emanucl. Weil du schnlichst diese Wiederkehr dcS goldenen Zeitalters Blatt.' Seite wünschest, glaubst du, daß alle Menschen jene glückliche Zeit herbeischne». Ich versichere dich, die Mensche» verlangen gar nicht nach jenem goldenen Zeitalter, sie begehreu nur io viel und' noch mehr m haben, alS sie verschlinge» kön.nen.-Und in diese Welt führst d» eine . Waffe ein, die jedem Menschen, ob all-oder jung, reich oder arm, stark oder schwach, die'Gewalt nubegrenzter Zerstörung gibt. Jeder kann zerstören, was ihm beliebt und so viel ihm beliebt, seine eigene t^icr oder seine Räche oder seine Bosheit zu befriedigen. WaS für cinc. Welt, was für eine Welt wird das werden, wenn dieser Teufel linier nuS losgelaifen wird! Er wird Alles zerstören, tz-Ksellschafi, (''emeti’.mcjeit, Städte, Industrie, Kunst, Wissenschaft, Alles. Alles. Die Menfchen werden vereinzelt.hernnitreibrn, wir werden uns in die ursprünglichen Elemente auslöien, wir werden einzeln, leben, argwöhnisch, alle Tage fürchtend, von irgend, einem unsichtbaren Feinde gctödtet zu werden, bereit, vorzudringen und Alles »in ickS herum zum Zwecke der eigenen Sicherheit niederzuichlageu!" Emanuel stöhnte. „Das habe ich nun selbst gelernt. Ihr habt Alle Recht.- Und ich, der ich mich fürso weise hielt, bin, wie sich. 'zeigt, ein Thor. Das ist das Ende dieses großen Traumes. 'Nun, Harold, es ist dein. Ich gebe cs dir. Was rvirst du damit machen?" „Was du gebietest, was du meinst. Dhue dein. Gebot gar nichts- Ich will nicht die schreckliche Berantwortung aus mich-ladeit, der Welt diese Waise allgemeiner Zerstörung geezeben zu haben.' Neck, will ich in die Hände irgend einer Regierung ein Werkzeug wie die-' s legen, nicht einmal für den Zweck — wenn biete Frage aüsgeworsen werden , sollte der $id)eil)eit der Nation." „Eine physikalische Entdeckung," sagte Emanuel, „mag vorbereitend wirke». Die meisten großen Sachen sind erreicht worden ditrch Ber . suche. Sind die Menschen noch nicht reis dafür, so werden die. Erfindungen zurückgehalten. Bieles wußte man von der Gewalt. de« Dampfes, bevor derselbe ziini Srlaven der Menschen'gemacht wurde, und-von der Elektrirität, bevor sie sestgehaltcn und gezügelt und zur . Arbeitsleistung für den Menschen gezwungen wurde. Den», sehet, erst in diesem Jahrhundert^ waren die Mensche» vorbereitet und geeignet für Dampf und Elettrieitäi. Und dann wurden bitte Kräfte gezähmt und in unseren Dienst gebannt. Der Mensch bereitet sich vor — oft viele tausend Jahre für denuächsten große» Schritt. Kommt dieser Schritt, dann ist er bereit. Meine Freunde, ich . raume ein, . wohl kummervoll, daß die Welt noch nicht reif ist für die Abschaffung deö Krieges. Und ich bekenne voll Scham, daß meine Erfindung den Krieg nicht vertilgen wird. Wir dürfen den Krieg nicht ausgeben, so lange wir nicht gelernt haben, ohne die Hilfe des Krieges alle jene Dinge zu üben, welche dc» Krieg werthvoll machen: Muth, Unternehmungslust, Disriplin, Berlange'n irach Auszeichnung — und w lange lvir nicht diese Dinge ins gemeine Leben übersetzt haben. Wenn alle Menschen ihr Leben nur damit znbringen werden, zum Wohle Aller zu arbeiten, dann - tverden wir sein wie die Mönche in ihn» Klöstern, die Alle für die-Bruderschaft, nicht' für Sold arbeiten und ihr Beste« der Gemeinschaft hingeben, weil sic gleichsam kein Selbst haben, um es zu nehmen. Die Bruderschaft — ja. Wir werden eine große Bruderschaft bilden. Das wird das größte und letzte aller, soeialeu Erpen meiite sein. Wie alle großen Dinge, so ist auchdies von' unserem Bolke entdeckt worden —; es entsproß dem Gesetze und den Bropheten — und die Ehristen ahmten mit ihren .Klöster» nur die Essener nach, welche Juden waren." Er seufzte schwer. „Ach'. wir sind noch weit davon entfernt. Sobald dicie Wahrheit einmal anerkannt wird, daun, meine Freunde, wird der Krieg natürlicherweise ein Ende nehmen. Dann, wenn meine Erfindung neuerdings gemacht wird, so wird sie nur das physisch unmöglich machen, was bereits moralisch zur Unmöglichkeit geworden. Bon aUk» Km liebeln, welche uns bedrücken, wird der Krieg das letzte sein, das l :ri'chwiiider. Der Prophet sprach, wie ich »»» einsehe, nicht von der vlötzlichen Umwandlung des allgemeinen Menschenherzens, ivohl aber von einer stnfenwcisen Beräuderung. Laßt nnS unier Aeußerstes beitragen zu dieser stufenweisen Beräuderung für uns selbst — für uns selbst." „Und —. nochmals — deine Enldeckung, Emaniiel?" „ D ie Euldeckiing —; ich belasse sie in deinen Händen, Harold. Zerstöre sie — verkündige sic — wie d» willst. Sie ist nicht mehr mein, ich wiederhole cs. Laßt mich Nie wieder etwas darüber ver nehmen." » „Ich darf ■ eine wissenschaftliche Wahrheit 'nicht zerstören," erwiderte der Eheniikcr. „Ich will sie ausbewahren. Ich will sie ver schlicßen für mein ganzes Leben nnd ich will sic vor meinem Tode wie ein geheimes Gift dein Präsidenten der Ro»al Society überlassen. Ist das ein vernünftiger Eoinpromiß, Emanuel?" „Wie du willst. Das überlasse ich dir. Es genügt' mir zu begreifen und zu bekennen, daß es nicht da« ist, was ich hoffte nnd