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Freies Blatt · 1894-07-29 · 121 (29.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
121 (29.7.1894)
Date
1894-07-29
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Nr. 121. Stxit 4 Freies Statt. gcricht als höchste Instanz die Entschi idungcn der beiden Borinstanzen für richtig anerkannt und die Beschi»crde Placks verworfen, so daß der Fall seinen endgiltigen Abschluß \ efunden hat. Ost'ohhcit cincs anliscinitischk» ZÜIlglingsO Bor dem Schöffengerichte in Litten hatte sich dieser Tage der Beterinärschüler Hugo W e g in a u n aus Berlin zu verantworten. Derselbe hatte in der Nacht;i,nt 30. April d. 3. im locale de I Wirthes Rheker in Witte» mit verschiedenen Oubnt Händel ange knüpft und dieselben thätlich beleidigt. Nachdem er alsdann zum Erlassen des locales aufgefordert und vom Wirth bis zur Thüre hinausgcleitct worden war, hatte er diesem draußen vor der Thür plötzlich mit einem Spazicrstockc, welcher eine Hiri'chbornkrücke trug, einen wuchtigen Schlag auf den Kopf versetzt, der den Schädel zertrümmerte; n Folge dcffcn ist der Schwer verletzte noch jetzt nicht hergcstcllt und wird nach dem Gutachten des Arztes wohl zeitlebens zu leiden haben da demselben einige Knochcn- ' 'plittcr ins Gehirn gedrungen waren. Ter Gerichtshof erkannte mit Nückstcht auf die rohe Thal des Angeilagten, welcher sich doch auf einer „liöhcren Bildungsstufe" befände, auf eine Gefängnißstrafe von neun Monaten und eine Neldbußc an den in seinem Berufe schwcrgcschädigtcn Wirth von 3.MO Mark. DaS Bürfchlcin, ein würdiger Antisemirensprößling, besten Eltern wohlhabend sind, war vor einiger Zeit gegen eine Eaution von 10.000 Mark auf freiem Fuß belasten worden; fetzt winkt ihm <in „Martyrium des nüchternen Gaumens". O, dieses römische Recht! Eint Iliustcrblrflt Grziclmngsans alt.) Aus Hannover wird uns berichtet: Der „Bund der Landwirthc" betreibt nur zu oft (luden betze, anstatt seinem Namen eRechnung zu tragen und sich ausschließlich mit der P'lege landwirtbiÄastlichcr Jnlcrcsten zu bcfasten, welche wohl , unter dem neue» Eonrie nicht anders l eschaffen sind als unter dein alten. Juden wird bekanntlich seil einiger Zeit der Eintritt in den „Bund" verwehrt: hört nian doch auch Aeußcrungen, daß das „Gastvolk" jedes Sinnes für die Landwirkkstc >aft bar sei. Angesichts besten erscheint uns ein Bericht des „Hanniver'ichcn Anzeigers" über eine Bcsichligüiigsfahrt unseres Provinzial-Girtenbauvcreincs von mehr als localem Interesse. Das genannte Blatt schreibt,: Mil der elektrischen Balm fuhren libcr 'M Bcreinsinitgliedei unter Leitung des Stadtgarlcn-Jnspectors Trip nach Ahlem, um die vomLandwirthschaftslehrcr Ma icr auf der Plantage des Eopsuls Simon vorgenommenen künstlichen Tüngungsvcrsuche zu bcsichtiten. Tie Plantage hat sich in den kaum zwei Zähren chres Bestehens mächtig entwickelt: über 30 Morgen sind im Anbau, ein hübfchtsNaturholzstacket mit bluniengcschiinlcktem Portale schließt sie ein, landschaftsgürtnerische Anlagen liegen an der Cliaussi-e, dann kommen dse Wohn- und .Gewächshäuser, und ringshcrunl liegen weite Becke, Fclhcr und Baumreihen. Ilebcrall aiigebrachte Flügelpumven liefern das niöthige Waster, der Boden, ist erster und zweiter Elaste uud zum Äheil auch Sandboden. Die Düngungsverfuche an Obstbäunien und Beerenfrüchten sind hier in dieiein Frühjahr in großartigem Maßstabe betrieben worden, wie sonst noch nirgendwo. Ein wirkliches Resultat ist erst beim Abwiege» der Erntccrlräge an Erdbeben, Johannisbeeren, Baumobst und Kartoffeln zu erzielen; aber besonders die Rosen mit Düngung ließen die Ungcdüngren an Jnlcnsivität der Blattrnd Blunienfarbe bedeutend zurück, und auch die gedüngten Erdbeeren standen besser. Die Besucher, die zum Tkcil aus Hildesheim, Banteln und Gleidingen zur Besichtigung dic'cr inleresianten Bersuchc gekommen waren, zeigten großes Interesse. Die Düngungsverfuche werde» natürlich fortgesetzt, sowohl mit Naturals Kunstdüngers Sehr vic Beifall fand die sorgfältige Pflege der schwarzen Johannisbeere, eines feinen Obstes, welches leider in Hannover io ganz vernachlässigt wird. Sodann führte Consul Siuiou die Besucher in die Erziehungsanstalt für jüdische Knabe», die er hier gegründet''hat. 24 Schüler und 12 Lehrlinge arbeiten jetzt hier,, die bis auf 2 Handwerker alle Gärtner und Ackerbauer werden. 7 :o Schüler sahen alle recht munter undk gebräunt aus und zeigte» : recht sidcles Wesen; man sah, die Arbeit gefiel ihnen. Sie wird ■liiti durch Liebe angenehm gemacht Es gibt tüchtig zu thun, Spiel und Unterhaltung. Die Schüler müsten um 6 Uhr ' M::, der macht sich selbst sein Bett in dein gemeinsamen . . e ■» kommt die Betstunde, j das Frühstück, abwechselnd 'i -\ ...:l :eev Schrotgrütze. Oh der inehrclassigcn Bolks Z'c.i"! : onieirichken zwei Lehrjer daun von 7 bis 12 Uhr B -u'en, um Uhr wird wieder gefrühstückt: nach .z, >rs der Knol e nach der eK:ihc Auswartc- und Abräuniedienst'e leister, 'e:gl Litf-te gärtnerische Ärtcit, von 4 bis >i Uhr werden die Schularbeiten gemacht, unr 0 Uhr wr d in der Fössc gebadet oder ui der Turnhalle geturnt, um 7 1 „ Uhr gibt eS Abendesten, dann wird noch gespielt, und um t Ü6r liegt Alles im Bell. Die Lehrlinge arbeiten im Sommer von 0 las 0 and haben im Winter alle vvul, . nvt den dem M Tage, im Sommer Samstag und So antag Fortbildungsschule, die sie später mit der Knnstgewerbeschule bi suchen werden. Schon jetzt werden Schüler und Lehrlinge mit allerlii nützlichen Handarbeiten beschäftigt. Die Anstalt besteht aus zwei großen mehrstöckigen getrennten Baulichkeiten, in denen außer den Ki adern zwei Schlosser und ein Tstchler, ein. Obergärtner und zwei Geh lfen wohnen/ Arbeitsrauni, Warm- und Kalthaus, Scheune und Re nise mit Boden, Schlosserei, Bäckerei und Tischlerei und Stallungen enthält der eine Bau, der andere die freundlichen Schnlziinmer, den Speise- und den Schlafsaal, beide freundlich und praktisch, das Burcaa, die Lehrerwohnungen, eine schöne Küche, ein Brausebad und eine nette Turnhalle. Alles ist überaus praktisch und bei aller Einfachheit doch hübsch eingerichtet und wurde mit so großem Interesse besichti; t, daß der Aufbruch zum Lininierbrunncn nur langsam erfolgte. 4 on dort besuchte man den großen Landschaftsgarten d:S Confuls S nion an der Herrenhäuser Allee, den derselbe dort aus einer Sandnüste geschaffen hat. Es ist ein origineller Park geworden. Tiefe kühl« Schluchten sind entstanden, Tropfsteinhöhlen; eine Burg mit Burggrabcn, Wasserfälle und Springbrunnen, eine kleine Hochalpe mit Knicho z und Edelweiß, auch die Bienen haben ihr Revier. Weite Rascnflähcn wechseln mit Gebüschen und Blumenbeeten ab und zeigen, daß innn mit Fleiß und Ausdauer sogar auf Sand bauen darf. (Salisbnrh'S Frcilldcitbill.) Tie mm englischen Oberhause auf Antrag des Marquis of Salisbury tiotz der Einsprache dcö Earl ofRoscber y angenommene Frcindenbill er thält folgende Bestimmungen: „1. Die Regierung wird ermächtigt, durch Ministerialbeschluß bestimmte Häfen im vereinigten Königreich zu bezcicl neu, für welche dieser Theil des Gesetzes auf eine solche Zeitdauer An vcndung haben soll, wie sic im betreffenden Ministerialbeschluß näher lczcichnct ist. Die betreffenden Häfen sollen die Bezeichnung .rcgulirte Hefen' kragen. 2. Jnspectorcn, welche vom Handclsamt ernannt werden, dürfe» jedes mit Eiuwanderungspastagjercn an jedem der re< ulirtcn Häfen ankoinmcndc Schiff besteigen und die Passagiere inspici cn. Jeder Jnspcctor darf die Landung eines Ausländers verbieten, tielchcr feiner Meinung nach entweder ein Idiot, ein Berrückter oder mi tcllos ist, kur; jeder solchen Person, die möglicherweise dem Gemcinwejen zur Last fallen könnte, oder jeder Person, die an einer gefährlichin ansteckenden oder seuchcnarligen Krankheit leidet. 3. Jeder Fremde, dem auf vorerwähnte Weise das Landen verboten wird, soll in Uebercinstiminung mit den diesbezüglich vom Haudclsanit zu treffenden Bcstimuiungen nach dem Hafen zurückgesandt werden, von welchem er kam; die Kosten der Rücksendung sollen von dem Eigenthümer des Schiffes, in welchem er ankam, getragen und von demselben ciugezogen werden. 4. Das Handelsamt ist befugt, Jnspectorcn behufs Ausführung dieser Bestimmungen zu ernennen und abznsetzen, deren Zahl und Gehalt zu bestimmen uud ihnen ihre Pflichten anzuweiscn. Die nöthigen Mittel werden dem HandelSamt durch das Parlament bewilligt werden." — Im Unterhause dürfte diese „Reform", gegen welche sich der Cabinets chef ausgesprochen hat, keine Mehrheitfinden. Nichtsdestoweniger sind nachstehende Ausführungen der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über die angeblich gegen Anarchisten gerichtete Salisbury'sche Bill sehr bcmcrkcnswerth: „Der Gesctzantrag des Lord Salisbury würde für den Augenblick und in eouersto — das weiß Jedermann — so gut wie ausschließlich die jüdischen Einwanderer aus Russisch-Polen treffen. Mit diesen Einwanderern hat cS nun eine eigene Bewandtniß. Eng land kann sich nicht beklagen, daß sie in besonderer Weise sciner Armcnpflege zur Last fielen. Eine genaue Untersuchung hat dargcthan, daß für die bedürftigen Israeliten aus Polen meist aus de» Mitteln ihrer Glaubensgenossen gesorgt worden ist. Ferner kann man auch gerade ihnen kaum vorwcrfcn, daß sie den englischen Arbeiter direct geschädigt hätten. Denn entweder haben sic Beschäftigungen gesucht, welche der eingeborene Arbeiter, sofern ihn nicht die äußerste Nothlage bedrängt, in der That zu verschmähen pflegt, oder sie haben sich auf die Schneiderei geworfen. Aber hier haben sie nicht sowohl den cngli scheu Arbeitern, als den deutschen Eoncurrcnz gemacht. ^Jn einem Berliner Facholakt stand dieser Tage zu lesen, daß die Krisis in der Damenmäntclconfcction zu einem großen Thcilc durch die Stockung im englischen Exportgeschäft verursacht werde. Und warum stockt der Erport nach England? Die Arbeilsgcwohnheilcn des einheimischen englischen Arbeiters, die Gewohnheit, vor Allem solide und tadellose Arbeit zu liefern und demgemäß auch bezjahlt zu werden, haben cS bisher dem englischen Unternehmer unmöglich!gemacht, mit den deutsche» Fabrikanten, welche minder gut, aber vor Allem billig lieferten, zu concurrircn. Mit dem Auftreten dcS polnischen Juden im Schneider geschüft hat sich die Sachlage geändert. Dieser Arbeiter nimmt mit geringem Lohn vorlicb und arbeitet so, wie cs der Unternehmer nur iinincr wünschen kann. Wie gesagt, der englische Arbeiter wird direct

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