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Freies Blatt · 1894-07-29 · 121 (29.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
121 (29.7.1894)
Date
1894-07-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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i ri'ik' 3, Blatt. Nr. ISil. 1 Freies hoffentlich dir Kraft dieses „Verstorbenen" noch sehr häufig zu spüren bckoiilincn. (Vergiftung der jiistendlicheu Kindcsscelc.) Der Studentenruinmrl an der Wiener Universität hat in allen fortschrittlichen Kreisen Oesterreichs auf daS Peinlichste berührt. Auch in der deutsche liberalen Provinzprcffe, welche die Demonstrationen und Ausschreitungen der -Wiener antisemitischcn Studenten eingehend bespricht, spiegelt sich dieser Eindruck wider. In einem trefflichen Artikel des „Salzburger VolksblatteS" wird u. A. bemerkt: Woher kommt es, daß die jüngsten akademischen Bürger, die kaum ein Semester ans den Bänken der Alma Hinter sitzen, so waschechte Antisemiten geworden sind? In der Inrzc» Zeit, da sic sich i» der akademischen Vuft bewegen, können sie ,-S nicht geworden sein. Sie brachten also schon den Antisemitismus mit. Und woher? Offenbar schon au« der Mittelschule. Es ist eine beider nicht wegzulcugnende Thatsachc, daß unsere Ghmnasial- und Realschüler — und das gilt leider auch von jenen Salzburgs — ichon in dieser artigen Gesinnung machen. Kein 'Wunder, da sich die Vvllbliitantiscmitcn nicht scheuen, an die Schüler der Obcrclassc», ja auch der unteren hcranzntrctcn, sic an sich zu ziehen and ihnen in ■!ncr großmäuligen Weise von den Ariern und den anderen Raccu -^ninderlogcncS vorzurcdcn. So vergiften sic die jugendliche Kindcsscelc ad legen in die unersahrcnc Jugend die Keime der Ahncignpg, ja e-r Verachtung gegen Andersgläubige; denn immer ist cS ja daS ii.ligiöl'e, so sehr die Antisemiten cs auch leugnen wollen, auf daS ls das am meisten in die Augen Springende als unterscheidendes Hennzeichcn hingewiescn wird. Kommt dazu noch in der eigenen Familie -,c nur zu oft auch vor dem Kinde ausgesprochene Abneigung, ja der - stnbckanntc AntiscmitiSmns, so müßte cs Einen Wunder nehmen, wenn ein Junge mit I4 Jahren nicht schon ein Antisemit wäre und ■ :i Gelegenheit seinen jüdischen Mitschüler durchprügclt oder ihm ein kraftvolles Schimpfwort an den Kopf wirft. Tenn ist der erwachsene Mensch nicht frei und nnbecinflnßbar von seiner Umgebung und den innigen Strömungen, die ihn umgeben, um wie viel mehr steht der -ollsten Bccinflnsiung die unerfahrene KindcSseclc offen! Diesen ge heiiinvirkenden Einflüssen gewissenloser antisemitischer Verführer und manches Elternhauses steht dann die Schule machtlos gegenüber. Wohl wacht sic streng darüber, daß kcind>Acußcrung oder kein Bubenstück anliscmittschcr Herkunft ungestraft entkommt, wohl sucht sic den Geist der wahren menschlichen Gesittung tief in die Herzen der Schüler zu »stanzen, aber ohne Unterstützung des Elternhauses sind ihre Bemühungen machtlos. Nur dann ist cS möglich, in der Schule wirkliche lmmane Bildung zu verbreiten, wenn die Eltern, die viel mehr das Hind im Auge haben und seine Entwicklung genauer verfolgen können, sich vor jedem Worte hüten, das zersetzend cinwirkcn könnte, und jeder rou außen bewirkten Regung kräftig cntgcgcntretcn. Möge man sich vor Augen halten, wie empörend eü> ist, wenn bereits in die Jugend, eie noch nicht unterscheiden und bcurtheilcn, sondern nur auf guten . Mauden hinnchmcn kann, Vorurthcilc gepflanzt werden, die nur zu »clir geeignet sind, den Dünkel von ei» r angeborenen edleren Abstammnng — siche den Dünkel dcö Aricrthnmö — großzuzichcn, oder wenn Haß gegen Andersgläubige in die Herzen gelegt wird, der an die traurigsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Möge man sich darum in allen Kreisen stets der Mahnung erinnert halten: Achtung vor der Jugend, Schonung dcö lcichtcmpsänglichcn, da« Gute und das Schlimme gleich leicht ausnehmenden ÄindcrgcmütheS! Dann werden sich nicht so rohe Scencn, wie unlängst an der Universität in Wien ereignen, dann wild auch die Heranwachsende Jugend sich frei halten von Gesinnungen und „Uebcrzeugungen", die schließlich, wenn cs so weiter geht, die menschliche Gesellschaft auöeinanderreißen und ui einander kampfbereit gegenüberstehcndc feindliche t'agcr spalten müssen.- t?ie Affairc von Groß-Zinkcildorf.) Die antisemitische Presse i» Oesterreich Ungarn und Deutschland sucht aus einem Vorfälle, der sich am 8. Juli in Groß-Zinkcndorf abgespielt hat, Eapital zu schlagen. Sic verbreitet über denselben Tcndcnzlügcn aller Art. Der wahre Sachverhalt aber wurde von der „Ocdcnburger'Zcitung" sowie von einer Reihe Budapcstcr Journale festgcstcllt. Einem uns vorliegenden Artikel dcS „Pcsti Hirlap" entnehmen wir Folgendes: Graf Bcsta Szvchcnyi wurde von 500 Bürgern jedes Standes und, waö besonders zu bemerken ist, jeder Eonfcssion, worunter auch viele gute Katholiken waren, wegen seiner freisinnigen Haltung im Obcrhause anläßlich der Debatte über das Civilchcgesctz begrüßt. Als die . Besucher vom gräflichen Schlosse nach dem Friedhof zogen, um daS Mausoleum dcS größten UngarS, des Grafen Stefan Szechenhi, zu bctränzen, hat das angcsammeltc Volk die Gesellschaft mit „Abzug"- rufen und Steinwürfcn insultirt. Mehrere der Schreier wurden vcr- , haftet, die Ucbrigcn retirirten tapfer. Einem größeren Hebel wurde nur durch das stürmische Regenwctter begegnet, welches die Umwohner von Zinkcndorf an einem Erscheinen in größeren Massen' verhinderte. Wenn dieser Regen nicht dazw'ischcn gekommen wäre, würden die wenigen GeiiSdarmen kaum imstande gewesen sein, die Vollsmassen im Zaume zu halten und die bei dem Grafen B-'la Dz-'-chenr,i answarlende Deputation.wäre gesteinigt worden. Als die Gensvarmeric die lärmendste» Erccdentcn dingfest machte, hat sich Einer und der Andere derselbe» dahin geäußert, er leide gerne für seinen Estanbcn. EhnstuS habe »och mehr gelitten. Dann haben sic auch „Abzug" gernien, welches „ungarische" Wort in Groß Zinkendorf bis dahin gänzlich »nbetaunt war. Es ist daher klar, daß dieses Volk gegen die iieisinnige» Herren aufgchcvt worden mar, welche nichts Anderes verschuldeten. als daß sic unter dem nationalen Banner friedlich zu der Gruft des größten UngarS pilgcrtcn, uift dieselbe z» bekränzen. Man sagt, das Voll wurde durch die Behauptung sanatisirt, man wolle ihm seinen katholischen Glauben nehmen. Die Hetzer haben sich natürlich auch hier, wie sic stets zu thun pflegen, in den Hintergrund zurückgezogen; sie habe» wohl im sicheren Schutze ihres beanemcn Heims hei gutem Weine und »och besserem Braten ihre SonntagSjanse gcnoncu und gewiß kein. Verlangen getragen, für ihre» «Glauben zu leiden, sondern sie haben die aufgehctzlcn Masten gesendet, um daS Veib auf sich zu ,id»iic» und sich von den Gcusdarme» arrctiren zu lasten. Die Arrangeure 'der Hetze haben in ihrem blinden Fanatismus seinerzeit gelegentlich der kirckzenpolilischci! Debatten Vieles verübt, was eine strenge' Haiti gegen sic herauSgcfordcrt hat. Sie haben Telegramme gefälscht. ^ie wollten die Prälat?» veranlassen, den Hönig zu bitte», daß er das im eonstituliancllcn Wege zustande gctoiumene E'esetz nicht iäneiionire Auch viele andere größere und kleinere Dummheiten haben sic begangen, in ipclchcn sich eine große Perfidie »nd Jnlrignc ^oiienbarle, welche aber noch immer in dem :>cahi»en einer theoretischen 'Actio» Platz hatten. Aber der Groß ^inkendorser Fall, so viel anck, der ein getretene Rege» von feinem „Wcrlhe" hinweggeschwemmi, bat sich den» doch nicht bloß in Worten, sondern auch in Tliaie» wahr- »ehmbar gemacht. Eine intelligente'tNsellichasi, welche in de»'Grenzen des Anslandes ihr eonstitutionellcs Recht ausübend, einen srcidenkendcn Patrioten feierte, wurde mit Steinwürfcn angcgristen, und wenn bas Ziel diesmal nicht erreicht, wurde, so ist dies nur einem glücklick,en Zufälle zu verdanken. Wenn nicht bei Zeilen etwas geschieht, wen» eine solche Bcwcgn.ng nicht im Keime erstickt wird, so tann sie ein andcrsmal öder anderswo gelingen. Jene Steine, welche ein sanatisirler Pöbel zusamiiicnlrägt und in seinem EstanbenSciser gegen seine Mit mcnschcn schleudert, können auch tödtlich verlesen, und wenn dann die Polizei- oder Militärmacht sich cinmengt nnddaS 'Volk der Auf , forderung zum AnScinandcrgchen nicht Folge leistet, pflegt man unter die Menge auch zu schieße». DaS unverständige aufgehetzte Volk gießt also anstatt der gewissenlosen, in sicherem Verstecke besindlichen Ans Hetzer das Bad au«. Derlei darf aber nicht geschehen, das blinde Werkzeug soll nicht anstatt der bewegenden- Krest: leiden. Diejenigen, . die daS Volk in daS Verderben treiben, ,'ollen strenge Strafe erleiden. Die« ist jedoch nur dann erreichbar, wenn das königliche iWrichl gleich bei dem ersten Fall seine Pflicht mit unerbittlicher Strenge walte» läßt. Man soll sich nicht damit begnügen, die paar Vaitc, die arreliri worden sind, zu verurtheileu, sondern cs ,'oll die Angelegenheit gründlich nnd mit Umsicht untersucht und bis an de» eigentlichen Ursprung ver folgt werden. Jene arrctirtc» Bauer» nzüsten es wiste», ani westen Aufforderung sic ausgezogen find, die leaste des , Grafen Br-la Szöchcnyi mit Steinwürfen z» regaliren. Es tann, ja cs muß die O.ucllc dieses maffenhasten Auftretens und GewalkaeieS 'rin das b'tchl gebracht wkrdc», es braucht nur der Wille und die Umsicht dazu vor- Händen zu fein. Dann müsse» aber auch die Urheber vor Berichtgeitelli werden, mögen dieselbe» welchcnckStaiidc immer angehören Strenge istnamentlich deshalb iiotbwcndig, damit die Schuldigen gleich bei dem ersten Fall die rächende Hand dcS «Gesetzes fühlen und die heimlichen Wühler nicht de» Mnth zu ferneren Tbaten bekommen. Sie sollen lernen, daß wir Alle vor dem Gesetze gleich find, daß eS in 'Ungarn Niemandem erlaubt ist, weder Einzelne» noch Eoufejsioncn, gegen ei» Gesetz terroristisch auszutretcn, welches mit der Vorsanetiou der Krone der Legislative vorgclegt und schließlich nach schwierigem Prineipicn . kämpfe von beiden Häusern dcS Reichstages angenommen wurde. (Ehrabschneider. I Aus Berlin wird berichtet: Der'zu längerer . Gefüngnißstrafe vcrurtheilte antisemitische Agitator P l a ck - P o d g o r S k i hatte bekanntlich vor einiger Zeit den Fiuanzministcr Dr. Miguel, bei der hiesigen Staatsanwaltschaft dennneirt, weil dieser angeblich in dem Scnsationsproccsie Plack-Schwcinhagc» bei seiner Vernehmung (als Zeuge einen Meineid geleistet habe» sollte. Die Staatsanwaltschaft hatte jedoch die Verfolgung Tr. Miguels abgelchnt, und die von Plack hicgegen bei der Oberstaatsanwaltschaft eingelegte Beschwerde wurde verworfen. Nun hat auch das von.Plack angcrufenc Kammer- I

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