Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 120 (22.7.1894)
- Date
- 1894-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Freies Blatt. Nr. »20. der Frau nicht fügte, habe Tagen eine Rechnung von »angelnder Zahlung an einen und mit vier anderen stiegen kürzlich mit fünf jungen Mädchen in Dresden den Zug nach Berlin. Im Augenblicke der Abfahrt fing daS eine Mädchen an, bitterlich zu weinen, und erzählte, um die Ursache gefragt, dem Reifenden einer Dresdener Firma, daß sie aus ihrer Heimat Lobositz in Böhmen nxh DreSdxn gekommen wäre, um dort einen Dienst zu suchen. Eine Bermietchlfrau habe ihr auch in der SchießhauSstraße einen solchen angewiesen, bei delen Antritt ihr die Principalin v aber Zumuthungen machte, atiS denen ihr klar geworden, daß eS sich hier um etwas ganz Anderehandle. Ta sie sich dem SSifl| sie Prügel bekommen, nichts zu effen und nach v 50 Mark. Um diesen Betrag sei sie sodann wegen .eben an« Hamburg angekommenen Herrn' abgeg! Mädchen, die aber mit der Uebersiedlung einverstanden waren, zur Bahn gebracht worden. Ter Kaufmann theilte die Geschichte! zwei anderen Reisenden mit; man telegraphirte aus der nächsten Station an die Berliner Bahnpolizei; der Men'chenhändler, rin Hamburger Wirth, wurdet sestgenommen." Warum so diScrel V Warum erfahren wir weder die Name» der Dresdener „BermiethS> frau" und „Principalin", noch den de- Hamburger Winhe«? Wenn sie Kohn oder Löwn heißen würden, so wäre schon daraus eine Anklage für die Juden in der ganzen Welt, die in Marokko lebenden nickt ausgenommen, geschmiedet, und die Antisemitenpresie aller Riten würde wocht nlang in Entrüstung machen.;He--! He--!) Tie „Olmützer Zeitu-I a", gedruckt in der dortigen sürsterzbiichöflichen Buch- und Steindruckerei, ift o.j as Livilchegesetz in Ungarn ichlecht zu sprechen. Ta« kann man dem „Scgan! f.it cuaservative Interessen" nicht übelnehmen. Wohl aber verdient eS die schärfste Rüge, daß die „Olmützer .Zeitung" sich auch bei diesem Anlässe zur Aufreizung gegen die Inden bewogen findet und den ÄuS'pruch thut, daß „nur die Juden die Berhöhnuug der EheiacramenleS und die Seccatur des christlichen BolfeS wollen". Daß dar eine erbärmliche Luge ist, hat in einer schwachen Stunde selbst ein Wiener Antisemitenblatt eingestanden.! („Hostiklldikbstahl.") Ein in Jnowrazlaw erscheinender polnische« Antilemitenblättchen brachte zur Aufhetzung polnischer Katholiken gegen die Juden eine Erzählung, wonach ein katholischer Knabe ii> Russisch Polen von einem Juden verleitet worden wäre, ihm gegen eine Belohnung von fünfzehn Rubeln eine Hostie zu verschaffen. Deutsche Antisemitenblsitler nahmen keinen Anstand, diese Geichichte, an der kein Wort wahr ist, wiedepzugeben, obgleich chnen wohl bekannt ist, daß in früherer Zeit auch Protestanten unter der Beschuldigung der Hostienentweihung zu leiden hatten. In seinen „Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen" berichtet Professor Otto inoop: „Der Ortrpfarrer von Pogorzela hat im Jahre 1602 in den Kirchenbüchern ausgezeichnet, daß ein Lutheraner in die Kirche gekommen und an den Altar getreten sei zur Zeit, alS der Priester die Eommunion vertheilte, um dieselbe gemeinsam mit den Anderen zu empfangen, wodurch er da« Saccaßient de« Leiber und BluteS Christi verunglimpft habe. Ta aber fei die Hostie in die Höhe aufgestiegeit, St. Michael fei auf unbegreifliche Weife au« dein Altar herausgetreten und habe ein zweischneidige« Schwert über dem Haupte he« unwürdigen, verdammten Ketzers «illckjxni maleckieti Iiaeretiai) so schrecksich geschwungen, daß dieser sogleich die Sprache und den -Verstand verlor. jDatauf habe er sich einige Jahre in der Welt herumgetrieben als ein sichtbare« Zeichen der Strafe Gottes." < Antisemitismus und Anarchismus.) Welcher Werth dem Proteste antilemiti'cher Blätter gegen die Zusammenstellung ihrer Patrone mit den Anarchisten beizumessen sei, lehrt schon dif Sprache, deren sich die „Futharker" bedienen. Stirbt ein liberaler Abgeordneter, so rufen sie fresidig aus: Da haben wir ja die schönste Gelegenheit, ein Mandat zu erwischen.;<5in Münchener Antisemitenblatt bemerkte zu der Ermordung Emin Pascha«? „Wie den Lannibalen wohl der Knoblaüchbraten gemundet haben mag?" Abep auch verschiedene GerichtSfälle sind in dieser Beziehung sehr aufklärend. Best dem neulich durchgeführten Processe gegen die Bombenwerser von Rakoniy sag e der Vertreter der StaatS.- anwaltschaft: „Ta« Motiv der Unthaten liegt in getrissen, heute leider weit verbreiteten Schlagworten, welche jedes ethischen oder Humanitären Hintergrundes entbehren und lediglich auf eine schlecht geleitete Erziehung oder Irreführung zurückzuführen sind. Diese Schlagworte heißen Anarchismus und Antisemitismus."?wck> bedeutsamer erscheint eine Episode aus dett Posener Socialisten» und Nib-:-stenproceß, welcher im Sommer 1888 sein Erde erreichte. In demselben n ie ein Berliner Blatt zeitgemäß erinnert, unter Ausschluß der Oeffent-??ckkeu .-j« Protokoll deS AnarchistencongresseS von Chur auH dem Jahre 1882, lueiche? Berliner Polizeibehörde zu erwerben gewußt hatte, zur Verlesung geha-tv.. Ter Inhalt diese« Protokoll« wurde daturch bekannt, daß die Bertbetc:q-r. ir.' nten Reden daraus Bezug nahmen. Bemerkenswerth ist vor Allem folgender Pa-iuS: „Ein Anarchist, der zugleich in der antisemitischen Bewegung stand, erstattete über dieselbe Berscht mit dem Hinzusngen, der Fortgang dieser Agtlaticil bezwecke, ca« kleine Beamtenthum wie die kleinen Handwerker für die Ideen de« Anarchismus zu gewinnen. Seim Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenomn en, und der Präsident des Eongresseknüpste daran unter allgemeiner.Zustimmung die Bemerkung, daß am ^.a.ze des LoSschlagenS doch kein Unterschied gemacht werden würde zwischen :mb< : Er tl christlichem und jüdischem Capital." Die antisemitis die schärfsten Ausdrücke zur Berurtheilung der „verj ist aber sehr milde und nachsichtig gegenüber wenn sie e« nicht für zweckmäßig erachtet, dieselben in die Schuhe zu schieden. (Don Lelio Goldoni, Tomdechaot der Kirche Paris lachte neulich über den Nachkommen württel Drumont, der in seiner „Libre Parole" die Caserio.- ein Jude ist. Wie Scdlazek vom Sty Geueralanz eiger", dem seinerzeit gemeldet n Kossuth in seiner Jugend Lewin Kohut gehe Pariser Geschäftsantisemit einem Spaßvogel gründli Parole" veröffentlichte al» Beleg für ihre Enthüllung Unterschrift einer Don Lelio Goldoni, Domdechanten in Mailand, trug. Der arme Drumont scheint nii italienischen Lustspieldichter Carlo Goldoni gehört zu „Don Lelio" die Person eines Lustspiels ist und das „spaßhafte« Lied" bedeutet. Trotz seiner welschen Ak christlich-sociale Deutsch-Nationale aus Galizien keine > de« dummen Kerls von Wien verbreitete ebenfalls dal Abstammung Caserio'S. ich« Presse findet gewöhnlich ideten" Social-Demokratie, anarchistischen Schandthaten, den Liberalen und Juden Santa Frottola.) Ganz >ergischer Schächter, Herrn hüllung gemacht hatte, daß rliner „Antisemitischen »orden war, daß Ludwig lßen hatte, ist auch der jh ausgesessen. Die „Libre ein Schreiben, welches die der Kirche Santa Frottola war von dem berühmten laben; er wußte nicht, daß „b'rottola" so viel wi< stammung schöpfte auch der Verdacht, und da« Organ Märchen von der jüdischen Feuilleton. Scharnmai undKittet. Bon Iaroola» Urchlickz. Au« dem Tschechische» übersetzt von J. U. C. War Rabbi Schammai wie ein Fel« im Heere, An dessen Haupte schimmert das Sternen! cht. An dessen Wand sich wälzt die Welle und sich bricht; War Rabbi Hillel wie unterm Fels die Bellen, Die gerne sich ergeben, von ihrem Nachtge ellen, Dem Sternenschimmer, sich so zaubervoll «rhellen: War Rabbi Schammai wie wildes Gstraniim, Ta« stachelvoll, so düster und so krumstn, Wie eine Flamme glühend und duftloS daijum; War Rabbi Hillel einer Lilie gleich, Die Gärten und Wiesen verzieret so reich. Die mit Wohlgerüchen erfreut, beseeligt euh; Sprach Rabbi Schammai: Nur göttliche« Gerechtigkeit unö Recht; selbst wenn auf Tie Dornkron', die deine Stirne dir Äesev, Welt dir setzt de verletzt Sprach Rabbi Hillel: Da» göttliche Gesetz, jawohl! Mit Liebe aber übergib'S dem Erdensohn, So wie sich frühe Jedem wohl ergibt die Sonn'; Sprach Rabbi Schammai: Nur Israels Söhn' Die Thora haben; auf Bergeshöh'n Nur Adler sitzen; weg mit Proselyten! Sprach Rabbi Hillel: Nur da« ewig göttliö le Beut doch Jedem sein Oel und die Erquic i Und mag der Schmauser sein eine endlose Sprach Rabbi Schammai: Der Buchstabe {gilt nur! Du darfst dem Kind am Jom Kippur Nicht geben Brot; erfassen soll'S der Tod! Sprach Rabbi Hillel: Welch eine peinliche stieu! Ich gäbe dem Hungrigen lieber ein Ei, Wenn's auch am Samstag von der Henne gelegt sei! m Wer hatte Recht? In welche Schule soll Wie soll nur diese Lehren man versteh'n? Dank, Gamaliel wie ein Stern hier leuchtet Gefragt, wer habe Recht, sogleich erwidert er: Herabgetragen den göttlichen Glanz hat schtzn wer? Ist er doch im Nebel verhüllet so sehr! Und so wie eine jede Münze zwei Seiten tzat, Tie man zugleich nicht sehen kann, Und beide nur die Münze geben dann. Rudolf «eck. Gesetz ist wahr I ung dar, - Schaar! an geh'n? schön!