Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 120 (22.7.1894)
- Date
- 1894-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 120. Freies zu sehen. Bon der sonst üblichen lärmenden „Begeisterung" war nichtzu bemerken. «Aus der Eios-äuurr-Gkuosseuschast.) Bor einiger Zeit brachte da» otficielle Organ der Wiener Einspänner-Genoffenschast einen äußerst rüden antisemitischen Artikel. Tie Mehrlicenzbesitzer, welche in dem „Club der Wiener Einspänner" einen eigene» Berbaud bilden, weil sie innerhalb der Genossenschaft von den Einzellicenzbesttzern majorisirt und stark angefeindel werden, richteten nun vor Wochen an den Vorsteher Schrabauer ein in den conciliantesten AuSdiücken abgesaßteS Schreiben, in welchem sie da» Ersuchen stellten, derselbe möge in geeigneter Weise manifestire», daß die GenossenschastS» lcilung sich mit diesem Artikel de- GenoffenschastrorganS nicht identificire, da anderenfalls eine schwere Schädigung der gewerblichen Interessen der Genossenschastsmitglieder zu gewärtigen sei. Vorsteher Schrabauer würdigte dieses Schreiben der Mehrlicenzbesitzer, die ein Drittheil aller Genossenschaftslasten tragen, nicht einmal einer Antwort und entsprach auch sonst nicht im Geringsten dem gerechtfertigten Wunsche der Mehrlicenzbesitzer. Ter „Club d-r Wiener Einspänner" veröffentlicht nun in den Tagesdlättern jene Einspänner- Licenznummern, deren Besitzer die antisemitischen Tendenzen innerhalb derGe- »offenschast entschieden verurtheilen, damit das gioße Publicum orientirt sei.— Wir können den liberale» Mitgliedern a»derer Genoffenschasien, in denen ebenfalls der Antisemitismus sein Unwesen treibt, »ur ein gleiche« Borgehen zur Wahrung ihre« guten RufeS und ihrer Jntereffen wärmsten« eiiipkchlen. '„Bund Der Deutschen in Böhmen.") Zum Lbmannc dieses AntileinilenrereineS wurde der gewesene Bürgermeister von Reichenberg, Dr. Schüeler, gewählt; zu dessen Stellvertreter, beziehungsweise zum Schristsührer wurden die „volktichen Futharker" io Prag, Kießlich und Batka, auserkoren, lEinr Festfahrt znm Riederwald-Teukmal.) Tie Radau-Brüder TeuischlandS, darunter auch da» Kölner Opfer deS römische» Rechtes, veranstallcte» neulich eine „deutsch-nalionale Festsahrt zum Niederwald Tenknial", die aber «ehr erbärmlich ausfiel. Den Theilnehmer» an der Festfahn verdarb auch die Behörde die gute Laune, da eS ihnen untersagt wnrde, am Nationaldenkmal Hetzreden zu halten. (Womit Ahlwardt sein Publicum unterhält!) Ter Ex Rector Ahlwardt zieht am Rhein umher und bringt Abend für Abend dieselben Burlesken gegen die Juden für ein Eintrittsgeld von 30 Psinnigen vor. Zu den stereolypen Tinge», womit er sein Publicum unterhält, gehört der Vergleich der Juden mit de» Tatzen und die Ausführung, daß eS bei einem Volk nicht allein aus die Sprache ankomme. Tenn wenn man einen Papagei in einen Schweinestall sperre, so sei er noch kein Schwein, wen» er auch dort grunzen lerne. Weiter kommt der Vorschlag, für die Juden Palästina von der Türkei znrückzulausen und die Juden dorthin auSzuweise» unter Abnahme aller derjenigen Millionen, welche sie mit Unrecht erworben haben. Schließlich entschuldigt Ahlwardt die Erhebung deS Eintrittsgeldes damit, daß er doch auch leben wolle. Er habe eine zahlreiche Familie und seit Wochen gar keine Einnahmen mehr. Zur Charakteristik Ahlwardt'S erinnert die „Freisinnige Zeitung" an den Brief, welchen er am 25. Juli 1385 an den Lberinlpector Kahn* in Berlin gerichtet hatte. In dem Briefe heißt cs, die antisemitische Bewegung habe er (Ahlwardt) von Anfang an rertammt, und eS sei ein unerhörter Unsinn, einen Menschen seiner Religion wegen zu loben oder zu tadeln. Tann fährt der Biedermann fort: „Wer mich aber einen Antisemiten nennt, spricht auS Unkenntniß oder mit der Absicht, mich zu verleumde». Gerade unter Juden habe ich seit Jahre» meine besten Freunde. Auch d"ie Wucherer, die mich ruinirt haben, sind nur zum kleinsten Theil Juden. Herr W. und Herr P. sind katholisch, K. war evangelischer Lehrer, M. ist Schwiegervater eine« evangelischen Pastor» und schreibt selbst theologische Bücher, H., R., E., H., B. sind evangelisch, P., H. sind jüdisch. Wohl kenne ich unter lüdischen Leuten große Hallunken ebenso wie unter christlichen, und über Beide habe ich mich gelegentlich wohl scharf genug auSgelaffen, aber mich zum Antisemiten stempeln wollen, kann nur Dummheit oder Bosheit wollen." Zuletzt gibt Ahlwardt sein Ehrenwort, er werde jede religiöse Intoleranz bi» zum letzte» Athemzuge bekämpfen. Bon Ahlwardt kann man besten gewärtig sein, daß er in einer seiner nächsten Bersammlungen diesen Brief mit momentaner SinneSverwirruikh entschuldigen werde. (Gründlich abgeführt.) Ter frühere Postassistent und jetzige Rcdacteur Georg au» Nordhausen hatte nach Adelebsen (Krei» Einbeck) eine antisemitische Versammlung einberufen. Nach seinen Ausführungen, die den bekannten Inhalt hatten, meldete sich der jüdische Lehrer Blume »selb auS Adelebsen zum Wort. Zunächst entwickelte er in kurzen, scharfen Worten, daß der Antisemitismus ebenso unmenschlich als unchristlich sei und mit dem wahren Teutschthum gar nicht» zu schaffen habe, und fuhr dann wörtlich fort: „Nennen Sie sich Anlischust, Antischurke, Antibetrüger, Antiwucherer rc. — und ich trete sofort zu Ihnen und kämpfe mit Ihnen au» aller Kraft und bis z»un letzten Lebensodem, bi» der letzte Schuft und Schurke aus dem geliebten deutschen Baterlande ouSgemerzt sein wird. Laßt un» für Wahrheit und Recht kämpfen und dem Gebote Christi, da» zuerst ein Gebot de« Judenthum» war. Blatt.. Leite 7. .Liebet einandei!' allezeit. folgen, dann sind .wir Männer, die DeulichlanLS Gtöße und Wohlfahrt mehren, nnd nur daun lännen wir singen: .Deutschland, Deutschland Über AlleS'." Nach Schluß seiner Rede wurde ihm von der Versammlung ein dreifache» Hcch auegebrocht. Ter antisemitische Redner versuchte zwar diese Auksührungen zu widerlege», doch machten -eitie Erwiderungen keinen Eindruck. (BoiN Nrichstagscandidatcn Mosch.- Ter ewige Reichstagscandidat v. Mosch hielt in Fr eie »Walde (Kreis Obcrbarniin) einen Vortrag im Geiste Ahlwardt'S; es traten ihm aber so'ort die Herren Schüler au« Hannover und Sladtrath Lautenlchläger aus Ebcrswalde lrältig entgegen. Da unter den Auipicieu des Herrn v. Mosch ein amiiemitischcr Verein gegründet wurde, so ward von liberaler Leite eine entschiedene Gegeiiggiratio» eingeleiter. In einer von Herrn Schüler bald darauf einberufene» BeriaiNinlung, die zahl reich besucht war, glolsirte der genannte vorderer der Abwchridec in Irenenker Weise die im Vortrage des Herrn v. Mosch entbaltenen 'al'chen Angaben und beleuchtete überhaupt das gewissenlose Treiben antisemitischer Volksverderber. Aus antisemitischen Blattern. (Adclsorganisation.) Tie „Oüdeul'che Rundschau" begiüßt zustiinmend einen hier ausgelauchle» „Plan einer Organisation de« Adel» zum -Zwecke der Erhaltung der Adelsidce und einer Bestecuiig der wirlbichasllichen Lage der nnbemitlelten Mitglieder diese» Stande»". Bei vieler Gelegenheit spricht taS genannte Blail von „Schnorrerwitzen indischer Witzblätter". Eine 'Zeitung, die am hcllichleü Tage die widerwärtigste Bettelei betreibt,' sollte Anderen grgeiiüber dar Wort „Schnorrer" nicht gebräuchen. Tie Phrasen, ivelche hieraus folgen: „Lange genug hat sich der Deutsche, durch die jüdisch demokratischen Gleichhciirideen verblendet, zu einer seinem-'eigenstkn Wese» widersprechenden Auffastung der Adel'sidee verleiten laste»;.der national-gesinnte Deutsche bürgerlichen Stande» hat keine Ursache, gerade sejne» adeligen Staniniesgenosten gegenüber doctrinär zu sein" rc — dränge» uns auch den Verdacht ank, daß eS hier auf die Zusendung „kleiner Spendenhesle" an mehrere adelige Herren abgesehen sei. Die „Ostdeutsche Rundschau" leistet zur Anpreisung der AdelSorganisation auch den Satz: „Nur zum Wahnwitz, gesteigerte Eitelkeit künnte einen Inden glauben machen, er sei ei» Mensch, so gut wie jeder beliebige Andere." Ta» ist ein würdige» Seilenstück zn dem schon früher von demselben Blaue sür arische Zuchthäusler erhobenen Ansprüche, hoheit-voll ans Juden hcrabblicken zu dürfen. Ein anständiger südiicher Bürger würde sich sklbstveiständlich dagegen verwahren, wenn man sagen müchle,, er sei ei» Mensch, so gut wie Hugo Schenk oder Addo Br^neau. Ter selige Schmnel Lccb Rohn aber würde sich noch im Grabe nmdrehe», wenn man ihn aus Eine Stufe mit >'o manchem Futharker stelle» trollte, welcher die Livioe de- Schloßherru von Rosenau trägt. (Eurios!» Man schreibt u»S: Dieser Tage la» ich im Kaffeehaus» den von O. F. Berg gegründclen und heule von dessen Witwe herausgegebenen „Kikeriki". TaS ganze Blatt wimmelte von unfläihigen, ’ bodenlo» gemeinen AuSsälle» gegen daS Judenlhvi», und trotzdem, man lese und verwundert sich, -.fand ich iw Jiiseralcnlheile diese» Hetzblattes folgende jüdische Firme» vertreten: Rolhberger, David Fischer, Emil Fischl, EiSler. Leopold Justiz. Kahn und Alter. Ist da» nicht sehr — cnrivS? (Er war leidrr nüchtern!) Die „Unverfälschten Teulsche» Worte" kündigen im Borderhause ihre» „Briefkasten«" an: - Aus' mehrere Zuschristen. Man veisichert un», daß Abgeordneter Dr. Lueger vollkommen „nüchtern" war, al» er am 24. Juni d.. I. in Spitz ein Hoch aus.Bergani auSbrachle! — Nachdem also Herr Tr. Lueger sich sür Bergani einsctzl, ist e« begreiflich, daß wir mit dieskm PolonSki Freunde enb giltig nicht S zn lhu n haben wollt». 11. d. Gr. (Schneider-Sambrrg-Bikznovsln.) Au» Prag wild dem Bergani-Blatte geschrieben: Letzte» Samstag fand im Saale zur „Bezovka" (Flirdermühle) in Zizkow in Prag ei» von den antisemitischen Studenlen der Prager tschechischen Universität veranstaltetes Kränzchen statt . . . Abgeordneter Schneider wurde beim Erscheinen mit de» lebhaslestcn Sympathien begrüßt, und al» derselbe mir dem bekannten Opernsänger und Dichter Bamberg Arm in Arm durch den Saal schritt, wollten die Zuruse kein Ende nehmen. Auch Abgeordneter Lreznoviky war anwestnd. Samberg begrüßte unter lebhaftester Zustimmung Schneider in deutscher Sprache und trug ihm Grüße sür die Wiener Antisemiten aus. Diese» Fest ist die Einleitung zu weiteren Actione», dir nach den Ferien slallfinden werden... In Prag ist jetzt eine günstige Stimmung für den Antisemitismus. — Die Actionen de« Herrn Schneider, mögen sie in Prag, Lemberg, Kolin oder Holleschau erfolgen, jedenfalls erfordern sie eine genaue Ueberwachung der SicherheitSbehördrn. (Warum so diskret?) Die „Katholische social-politische Eorrespondenz" bringt folgend« Mittheilung an» Böhmen: „Zwei Herren de-