Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 120 (22.7.1894)
- Date
- 1894-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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reite t .freies Statt. DaS Vtcbf,- welche die Mutterbrust ans hochklopfende Her; drückt, von der Höhe Ihres Lerufes in die Arena des socialen Kampfes. Bieter Kampf trägt nichts weniger als zur sittlichen Veredlung deS Volkes bei." Xic Predigt des Archiiiiandritkn! Ciuiitnlkac.) Wir haben von der viel bemerkten Predigt des Archmia^ Snczawa schon in der vorigkn ‘.'humia- Notiz genommen. Aus C;eruowii> sendet »mit uns von befreundeter Seite einen ausführlicheren Bericht ein. Tenisclbcn zufolge sagte de - Archimandrit wörtlich : Elnittciitbui» in die Viebe! Nicht jene durckiznckt, wenn sie das leidende Kind , nicht die Viebe, die den Jüngling treiit, den Spuren seiner holden Braut zu' folgen, nicht die Liebe, mit d, r im freudigen Stolz der Sohn emporichaut zum Pater, in Ehren ergraut, nicht die hehre Gattenlicbe, der Menschen Leben mit goldigem Schimmer verklärend, nicht solche Viebe hat uns der (Gottessohn gebracht, denn all diese Viebe findet ihr auch bei den Bölkern anderen Glaubens, ^ber nur in Christo sinden mir die große, die unisasicnde Liebe, mit der Gott alle Menschen gleich beglückt, die für uns ausllingr in ber Allgewalt der Nächstenliebe. Th, jedem Menschen seinen Bruder sehen'— lehrt uns unsere Religion. Ihr aber sehet viel llngleichhiit in der Welt, es wohnen dieMenschen auf den Bergen und im T >ale, in Hütten und Palästen, ungleich sind die Glücksgütcr vcrtheilt; hr.murret darüber, und euer Her; bleibt verschlossen.' Ich aber sage euch: Seid stark im Glauben, und jedes Trangfal wird' vorübcrzichen. Gehet hinaus in den Wald und cssne: die Augen. Biele Stämme wachsen dort, zu vielen GcsPlechrcru gehörige Fichten und Tannen schieben die schlanken Leiber empor, der stolze Cicheubanm und die zitternde Espe, die mächtige Buche »nd die bescheidene Haselnuß: einträchtig stehen ne nebeneinander, vom gleichen Boden genährt. So sind die Böller auf der Erde gesäet, so konnten die Nationen ' friedlich auf den fürsorglichen Boden unserer Heimat leben. Wer euch Haß predigt nid Aufreizung, ist ein Feind uu'ere-s Glaubens, unserer Kirche, denn nufer Gott ist die Liebe. Und tritt Einer;tt euckf selbst int Pricsterori at, aber seine Lippen triefen von Berachtung, Haß und Rache, so w nidct euch ab von ihm, denn ei koniml nicht in Cbrini Namen.' Unsere orientalische Kirche geht nicht vewassner mit der Streitart, das B ork Gottes anszirdringen, sie entsendet keine Missionäre in die Welt, ür den (Glauben zu werbe», nn'ere beilige Kirche ist ein. gastlich Heus, alle mit offenen Armen emvsangend,. die gläubigen -Herzens kommen. Taruni klage Keiner, der Unrecht leidet, deß Her; von Sorge umschattet ist, den körperliches Leid bedrückt. Auch die liebet sind von Gott gesandte Boten, den sündigen Menschen im Glauben aufzur chlen. Wenn Jeder könnte pran'en und schwelgen ohne Sühne, würd m die Menschen den T bieren vor dem Troge gleichen: wer dächte-im Tlcbcrsluß und Glück seines Seelenheils und seines Schöpfers? Uebel md Sünde sind die Mahnboien, die der Herr in seiner unbcgren;t:n Weisheit auf uns herabge'andl zur Laiirerung des (Geistes und a s Prüfstein unserer Seelen, und weil -daher auch das Schlechte eine Schickung des Schöpfers ist, so liüi'unt wir auch dem Sündsr und llebelthätcr unser mitleidiges Erbarmen, unsere wcrktliätige Bruderlieb« znwenden, ihn zu bessern trachten mit christlichem Herze». Taruni l>rnt die ‘Welt mit all ihrem Ungeinach als die große Schule zu betracht«», in uncrforschlichem Rathschlnß beslinimt, die Menschheit emporzureisen fiir den wahren Glauben. Ich sch.iEe euch kaber nochmals ein, quldsam zu sein gegen alles liebet, liebevoll gegen eure Mitmenschen, seien sie auch nicht eures Glaubens und eurer Sprache, und freudig aus^uharren auf dem Plave, wohin euch eine gütige Borfehun, gestellt hat, um als echte rrientalische Christen der ewigen Gnade thc lhaftiz zu werden. Amen." : iHaubiitord 11110 faischtS (ücriidit.^ Man schreibt UNS. aus Glinianv: „Am 7. Juli um ll Uhr Bormittags wurde ein 'ech;ehnjithrigcr Baucrnbursche aus Zurawtiki bei Gliniany, der auf einem herrschattlichcn Pferde vou der Pojff zu Zadm>irze nach Hause .ilt, kodtae'chlaaeu, und da der Mörder in Felleisen kein Geld fand, rhm er das Pferd im Werthc von 6f s vcrbrrneie tidi dann das (Gerücht, jüd e >chr;ieu P'erdcs willen den Mord v, . inaß e.NI jedoch keinen Glauben at r tu . iiadi: .men Tor'e cruirk, der ohr : al: e.i -. seßgenommen »nd -dem Z«'o ..-rel's abgefplett, so wäre n .che Schlüsse Halle die N-'d-.i zekommen i ir.nu der «Böckcl.' Aus Graz 'amml die ‘.'iachi :::\ Sknermark ausgeballen, um daselbst .-re 0 fl. mit und verschwand, sche Pferdediebe hätlen um eübk. Tas tsiros der Bebei. Am 11. Juli wurde Person eines gewissen Ludwig Chniilcwski eweiters gestand, den Mord (Gerichte übergeben wurde; richafl Znrawnilt wieder in den Besitz des stch in einer vom Antisemitismus verpesteten cs wohl zu Iudcnkrawallcn Hctzprene daraus gezogen, wie!l:ch ein Jude gewesen wäre?" icht, Tr. Böckel hätte sich ei» Landgut anzukaufcn. Nr. >20 Unterdesien melden reichSdeutsche Blätterl daß seine Geschäfte in Marburg (Hessen) schlecht gehen und er sich daher mit der Absicht trage, nach Berlin zu übersiedeln und daselbst sein Glück zu versuchen. (Ans Berlins Bergangcnhcit.) Mit der im Ccntrnm Berlins gelegenen Sackgasie: „Ter Judenhof" ist die älteste Geschichte der dortigen Juden eng verknüpft. Der „Bär", illustrirte Zeitschrift für die Geschichte Berlins, widmet dem „Judpnhofe" folgende^ interessante Notiz: „Der Judenhof liegt östlich von der Jndenstraße; es führt zu dcnisclbcn ein Gäßchen zwischen Siebern^id Parochialstraße, das sich zu einem unregelmäßig gestalteten Biereck, dem Judenhof, erweitert. Ter Judenhof war bereits Ende deS XIII. Jahrhunderts alö 'vcr schließbarer Wohnsitz der Inden cingerichtejt, deren erste urkundliche Erwähnung in daS Jahr 1317 fällt. Tie älteste Geschichte der Juden in Berlin ist mit Blut geschrieben, und di: Judcnhöfe in Berlin sind oft der Schauplatz wüster Greuclsccnen genesen, die ihren Grund in GlaubenSfanatismus und socialen Nothstä lden hatte». Ihren Höhepunkt erreichten diese Judenverfolgungen ii dem Strafverfahren, das im Jahre 1510 3rt Juden einem qualvoll«ii Flammentode überlieferte, und in der grauenvollen Hinrichtung de« Juden Lippold tut Jahre 1573. Sic fanden ihren Abschluß erst in dem Schutzcdict, das der Große Kurfürst am 21. Mai 1671 erließ Ende deS XVII. Jahrhunderts erwarben die Juden dann auch allgemein daS Recht, außerhalb der Jndenhöfe Häuser zu kaufen, und damit verloren die Jndc»- höfe bald ihren eigenartigen Charakter. Ii älterer Zeit durften die Juden nur auf ihren Höfen wohnen. Oiese wurden Abends verschlösicn und von Stadtknechtcn bewacht, Auf dem großen Judcnhöfe befand sich die älteste Synagoge; erst spät«r — wann, ist unbekannt — wurde eine auf dem kleinen Jndenhöfe erbaut. Authentische Nach richten, wie es auf dem großen Jndenhöfe aussah, sind nicht zu uns gekommen. Schwebet gibt in einem seiner Werke ein Phantasicgcbildc, das der Wirklichkeit wohl nahekomine» düiftc. .Schmutzige Kehrichthaufen,' sagt er, .machten ihn uinvcgsam, die FachwcrkSbudcn schienen dem Zusammensturz zu drohen. Auch das 2 eußcre der Synagoge war mehr als bescheiden; es wäre sehr unklug gewesen, wenn die Juden sich mit ihrem Rcichihum hätten brüsten n olle». Barfüßige, krausgelockte Kinder balgten sich im Schmutze hei um; frühvcrblühte Weiber in Lnnipen versuchten cs vergeblich, deren mildem Treiben zu steuern. Wenn aber ein Rittersmann mit sporcnklinzendcm Schritt, wenn ein dunklen Abendstunde sich und die Borhänge von hatte, dann mochte er die Rolle der Thora gc- Rathmann in pelzvcrbrämtem Gewände zur in das Innere solch einer Judenbude bcgak der Thür des Wohnzimmers zurückgeschobcn wohl erstaunt ein wenig zurücktreten: Uebei beugt, saß dort vielleicht ein ehrwürdiger Greis von patriarchalisch hm, den Blick sehnsüchtig Judas von ergreifender , von dem ein langer ernstem Gesichtsausdruck und dort lauschte in hie weite Ferne gerichtet, eine Tochter fremdländischer Schönheit, auf dem Hauptd Schleier herabfloß, eine Haube, um den Hass ein Perlenhalsband und auf der Spange des Mantels einen funkcl iden Edelstein, der doch nicht schöner strahlte, als das dunkle, mand lförmige Auge. Oder der Hilfcsuchende traf die gesammte Familie bei der silbernen Lampe, und es tönten ihm Psalmen und Tischgesänge von mehr als tauscndjährigem Alter entgegen; kurz, daS streng abgeschlosienc, geheininiß volle jüdische Familienleben entfaltete seine düstere Poesie in Berlin ebenso gut wie in den Städten des deutschen Südens und Westens. - So haben wir uns das Leben im großen J idenhofe vorzustellcn. An all das Fremdartige erinnert nur noch der Name. Der jetzige Inden- Hof ist ein stilles Plätzchen von kleinstädtischem Gepräge in unmittelbarer Nähe der geräuschvollen Hauptverkehrsadern der Rcichshanpt stadt. Tas Häuschen mit der Steintreppe i» Judcnhof, vor der sich die stattliche alte Akazie erhebt/ gehört dem Ende des XVII. Jahr Hunderts an. Es dürfte mit dem des Gehein rathes Wilhelm Duhra» Jurisdiction der Juden öchutzedict die In dem Proccssc >atte der Berliner Obcri.ndcntisch sein, der nach dem zu üben hatte." (Ehrlose Verleger und ehrlose Tcriliejtteli.) gegen Plack, Schweinhagen und Genossen staatsanwalt Drescher in seinem Plaidöycr in Bezug auf den Mit angcklagten, Berlagsbuchhündlcr Tewald, r.A ansgcführt: „Wenn cs nicht ehrlose Bcrlegcr gäbe, würde es n eiliger ehrlose Scribentc» geben, die solche Schandschriftcn schreiben." Hiedurch fühlte sich Tewald in seiner Berufsehre gekränkt, und da er gl ilibte, der öffentliche Ankläger sei mit diesen Worten über die Grenzen des Zulässigen hinausgegangen, so stellte er gegen den Oberstaatsanwalt Drescher den Strafantrag wegen Beleidigung. Die Strafanzcigl ist dem Ersten Staats anwalt beim Landgericht Berlin II zur Enscheidung übergeben und von diesem zurückgewiesen worden. In dce Motivirnng wird ausgeführt, daß diese Bemerkung den Thatbc stand einer strafrechtlich vcrfolgbaren Handlung nicht darstelle, weil sil nur dazu dienen sollte, S