Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 120 (22.7.1894)
- Date
- 1894-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 120. Freie» Blatt. in Ausführung der dem öffentlichen Ankläger zustehenden Rechte bei Begründung deS beantragten Strafmaßes auf die moralische Verwerflichkeit der Handlungsweise des Angeklagten hinzuweiscn; auch gehe daS Vorhandensein einer Beleidigung weder auS der Form der Aeußerung, noch auS den Umständen, unter denen sie erfolgte, hervor. (Gehlfen wider Stöcker.) Joachim Gehlfcn hat eine Broschüre „AuS dem Reiche BiSmarck" erscheinen lasten (bei G. A. Dewald, Berlin), die er als den „Protest eines Patrioten gegen modern» Geschichtsfälschung" bezeichnet. In dieser findet sich folgende Charakteristik Stöcker's und seiner Ziele: E» thul mir leid, dem Herrn Hosprediger a. D. Stöcker dar Recht, sich den Vater des modernen Antisemitismus zu nennen, streitig machen zu müsien. Er hat nach meiner Meinung mehr für die Entchristlichung der Massen gethan als für die „Entjudung" derselben. AlS Christ — und speciell al« berufener christlicher Lehrer — hat Stöcker keine Besugniß, den höchsten Grundsatz alle» ChristenthumS, die Lehre von der Nächstenliebe, die Gleichheit alles dessen vor Gott, das Menschenantlitz trägt, zu verlassen. Die Thatsache, daß ein Mensch von christlichen Eltern in einem christlichen Staat-Wesen zur Welt kam, ist an sich vielleicht ein Vortheil, den ihm daS Schicksal oder der Zufall gewährt, aber sie gibt kein Recht der Ueberhebung über yder der Anmaßung gegen den, der unter weniger günstigen Verhältnissen da» Licht der Welt erblickt hat. Ta» wahre Christenlhum ist nicht dazu da, daß eden Verhältnissen entsprechend angepaßt, zurechtgestutzt wird. LS soll da» Christenthum die Grundlage de« Staate» sein, aber nicht die Waste im Kampfe um materielle Interesse». E» mag ja sein, daß in der jüdischen Religionslehre sich hier oder da ein christtichem Gebot widersprechender Lehrsatz findet, aber da» ist eine Sache theologischer Disputation und kann keinerlei Einwirkung haben auf die christliche Volksseele, denn lmterwerthige, sophistische Lehrsätze irgend einer GlaubenSgesellschast können keinen Einfluß haben auf die stet» souveräne christliche Moral. Zudem ist für den Staatsbürger die Moral de« Gesetze» maßgebend in Handel und Wandel, und daß diese Moral eine christliche sei in einem christlichen Staate, dafür sind .die christliche Staat-autoritär und da» christliche Volk selbst verantwortlich. Wenn eine sogenannte „jüdische Moral" in der Gesetzgebung eine» christlichen Staate» unheilvolle Verwendung finden kann, so ist dafür da» Judenthum so wenig verantwortlich, al» da» Christenthum dafür verantwortlich gemacht werden kann, daß in christlichen Staaten, speciell in höheren Kreise», mohammedanische Gelüste einer großen Nachahmung sich erfreuen. Da« Betone» de» christlichen Charakter« der Antisemitenbewegung ist deshalb entweder schwerer Jrrthum oder verwerfliche Heuchelei. Ich habe, so viel mir erinnerlich, in meinem ganzen Leben keine jüdische Nächstenliebe genossen, aber ich würde mich schämen, meinem Antisemitismus den Mantel christlicher Ueberlegenheit umzuhängen; für mich steht da» Christenthum zu hoch, um e» in dem Kampf für materielle, rein sociale Ziele al» Kampfmittel au-zubeuten. Da» wahre Christenthum kann nur aggressiv sein in seiner überwältigenden Idee, in seiner wellversöhnenden Mission. Wir haben einen modernen, richtiger »inen modernisirten Antisemitismus; aber wa.S Herr Stöcker uns gebracht hat, da» ist ein moderne«, für den materiellen Kampf gegen eine angeblich jüdische Moral wodernisirtes Christenthum, und gegen diese» muß Jeder, dem sein Christenthum heilig ist, prolestiren. Wir haben leider modernifirle« Christenthum genug in unserer liberalen Gesetzgebung und von dieser au» in da» Volk hineintragen sehen, al« daß sich Hofprediger mit der Präparirung desselben al» Kampfmittel zum Classen- und Racenkamps zu befassen nöthig hätten. Die Folge dieser Methode de» „christianisirten Antisemitismus" ist Verwirrung der Geister, und wenn z. B. heute die verschuldeten Bauern in Deutschland da» „jüdische Capital" für ihr Unglück verantwortlich machen wollten, so verstehen sie eben nicht, daß die Regierung, die Gesetzgebung di« Schuld trägt an Zuständen, welche dadurch geschaffen sind, daß in die Landesgesetze ein Geist hincingetragen ist, der sich mit dem Christenthum in Wider-- fpruch befindet, daher auSgetrieben werden muß. Paulus behauptet, daß die Kraft der Sünde da» Gesetz sei. Dem Capital gibt aber da» Gesetz die gleiche Kraft bei Juden und Christen — welch ein Unsinn ist e» da, von „jüdischer Moral" zu reden! Würde sich diese „jüdische Moral" nur, bei Juden finden, so wäre sie harmlos; ist sie von einer christlichen Regierung in einem christlichen Staate adoptirt, wo liegt die Schuld, bei den Juden oder bei den Christen, bei der Minorität oder Majorität? Der Herr Hofprediger Stöcker hat .die Juden fälschlich verantwortlich gemacht für die Impotenz de» christliche» Staate» und dadurch nach einer Seite hin den Antisemitismus zum christlichen Glaubensartikel erhoben. So hat er bei den von Verschuldung und capilalistischer Concurrenz bedrängten Classen den Judenhaß verschärft durch-Mißbrauch der christlichen Gotteslehre, unb bei dem Arbeitermaffen hat er die Achtung vor dem Christenthum gelockert und dem Atheismus freie Bahn geschaffen. Er hat jener unseligkn, blöden Theorie aller ezacten liberalen Parteien, daß ein Demokrat religionslos fein müsse, zu schärferer Geltung verholfen. E« war sicher nicht Böswilligkeit, sondern Kurzsichtigkeit, welche den Herrn Hofprediger aus diesen Abweg geführt hat; er wußte nicht, daß ein Amt-geistlicher, der mit der Form der Religion fürlieb nehmeii muß, der ungeeignetste Mann Seite 5» ist, dem Christenthum in dem socialen EmancipationSkampfe dersogenannten vierte» Stande««-eine moralische Signatur zu geben. (Worte eines Staatsanwaltes.) Der Holzhauer 'Johann Tr ende r war vom Schöffengericht in Lcngsfeld zu einer Woche Gcfängniß verurthcilt worden, weil er eS nachgewiesenermaßen gewesen war, der am Abend des 4. Marz b. I. einem jüdischen Getreidehändler in GehauS ohne irgend welche Veranlassung zwei Fensterscheiben ein geschlagen hatte. Trender legte gegen diese- Unheil Berufung ein, über welche daS Landgericht in E i s e n a ch vor Kurzem verhandelte. Staatsanwalt B l ü h e r führte aus, daß »ach den seinerzeit angestellken- Ermittlungen zweifellos constatirt worden sei, daß kein Anderer als Trender derjenige gewesen, der die Sachbeschädigung ausgeführt habe. Es sei in letzterer Zeit überhaupt deS Ocftcrcu vorgckommen, daß jüdischen Einwohnern in Gehaus von Leuten, welche jedenfalls' durch die antisemitische Bewegung ausgehetzt worden sind, die Fenster eingeworfey wurden. Man sei sogar so »veil gegangen, daß man Grabdenkmäler auf dem-jüdischen Friedhöfe zerschlagen habe. Derartige Schandthatcn könnten nicht genug geahndet werden. Habe >nan nun bei den vielfachen Bubenstreichen gerade einen der Uebclthäter erivischt, so müsse dieser denn auch gehörig bestraft werden. Er beantrage daher, die Berufung als vollständig unbegründet zu verwerfen. Der Gerichtshof entschied im Sinne der Ausführungen des Staatsanwaltes und verwarf die Berufung. (Richard Wagner in seinem Sinne ein Erzjudc.) Eduard- »HanSlick, »vclcher in der „Deutschen Rundschau" seine „Lebenserinnerungen" veröffentlicht, kommt auch auf die Stellung Richard Wagner's zum Judenthum zu sprechen und sagt: Der Antisemitismus, seit Wagner'S „Judenthum ln der Musik" eines der zehn Gebote für seine Anhänger, verbreitete sich nach dem „Parsifal" natürlich noch heftiger und allgemeiner. Einige Wagnerianer fanden eS unbegreiflich, wie der Meister sein christliches Wcihespiel von einem Juden, Herrn Lcvi, konnte dirigiren lassen. Daß dieser ein unüber trefflicher Dirigent ist, war ihnen ganz Nebensache. Ein Freund Levi'S, der einen von den Jüngern mit Absicht fragte, ob er die berühmte Kritik Gustav Freytag'S über „Judenthum in der Musik" kenne, erhielt zur Antwort: „Nein, ich lese nicht« von diesem Freytag — der Meister kann ihn nicht leiden." Der Meister hatte einige Ursache dazu. Freytag'S treffende Kritik erschien ursprünglich in den „Grenzboten" und ist jetzt indessen „Gesammelte Werke" ausgenommen. Darin heißt es am Schluß: „Wir befürchten, daß gerade Wagner in seinen eigenen Werken die Eigenlhümlichkeiten und Schwächen, welche nicht selten an jüdischen Künstlern getadelt worden sind, in höchst ausgezeichneter Weise an den Tag gelegt hat. Im Sinne seiner Broschüre erscheint er selbst alL der größte Jude. Die Effekthascherei, daS anspruchsvolle und kalt überlegte Streben nach Wirkungen, welche nicht durch sicheren Kunstgeschmack hervorgebracht werden, der Mangel an Fähigkeit, musikalischer Enipfindung ihren melodischen und harmonischen Ausdruck rein und voll zu geben, die übergroße, nervöse Unruhe, Freude am Seltsamen und Gesuchten, das Bestreben, durch witzige Einfälle und äußerliche Kunstmittel die äußerliche Schwäche seiner musikalischen Erfindung zu decken, dazu selbst daS große Talent für rafsinirte Regie der Effecte u. s. w. . . . diese Beschaffenheit seiner merkwürdigen und für unsere Musik verhänbnißvollen Begabung scheint uns gerade eine solche zu sein, welche in feinem Sinne als eine dem Judenthum eigenthümliche aufgcfaßt werden müßte." (Moses Gumprrich.) Aus der „Düsseldorfer Zeitung" vom 4. März 1849 reproducircn die Berliner „Mitthcilungcn auS dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" Folgendes: Es war 1784 am 28. Februar, als das Dorf^Klüsserath bei Trier (mit damals 160 Häusern, 890 Seelen, darunter 25 Israeliten) durch die Ucber schwemmungen der stark angeschwollcnen und reißend . gewordenen Salm, eines Nebenflusses der Mosel, in großes Unglück gerieth. Mit Mycht drang das Gewässer in daS Dorf. Die erschrockenen Bewohner mußten AlleS preisgeben und hatten Mühe, -sich selbst und ihr Vieh zu retten. In der Hoffnung, daß das Gewässer bald wieder fallen würde, retteten sich vierzig Menschen in ein höher gelegenes HauS Allein das Wasser stieg von Minute zu Minute höher, und der ganze Strom brach sich an den gebrechlichen Wanden, die unmöglich langen Widerstand leisten konnten, und dann begrub das cinstürzende alte Haus vierzig Menschen in der tobenden Fluth. Auf einer erhöhten Stelle und völlig in Sicherheit stehen nicht weit davon viele Einwohner und sehen mit wachsendem Entsetzen die steigende Gefahr der Unglücklichen. Unter diesen rathlosen Zusl^auern stand ein Jude auS Klüsserath, Moses Gump erich, der nicht rath^oS »var. „Sollen wir sie untergchen lassen und hier bloß jammern?" rief er aus. „Folgt mir, chr Männer, und mit Gottes Hilfe retten wir sie!" Das Wort traf Me wie ein Blitz. Ohne ein Wort ivciter zu reden,