Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 120 (22.7.1894)
- Date
- 1894-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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' Nr. __, _ Freies Geisteslebens prcisgeben, die wir den Männern des Fortschritte«, den vorwärts drängenden Denkern und Dichtern verdanken. Beides fühlte Schmcykal, der edle Sohn Deutsch-Böhmens, aus seinen, eigenen tiefsten Innern heraus, und mit dieser Kraft der Innerlichkeit schuf er aus dem ganzen BolkSthum eine Partei, die Dcutschthum und Freisinn auf ihre Fahne schrieb und gegen die Entnationalisirung wie gegen die Reaction geschützt und gewasfnet war. Wir kenne» keine zweite Parteibildung dieser Art, die einen ganzen Bolksstamm so fest umfaßt. Deutsch-Böhmen ist daS typische Gebiet freisinnigen Deutschthums geworden, und Schmcykal'S inneres Wese» spiegelt sich in dieser Entwicklung. Aber nicht nur nach der Seite des geistigen Fortschrittes und der ireihcitlichen Bestrebungen, in denen er, ein echter Joscphiner, die licbcrlicfcrungen der größten Deutschen bewährte und weiterführtc, auch »ach der Seite des GemütheS hin erfüllte er den Rationalbegriss mit dein lebendigsten, schönsten und edelsten Inhalte. Ihm galt die nationale Gemeinschaft als ein wohlorganisirtcs Heer, wenn es Schutz und Abwehr nach Außen galt, aber auch als eine durch Liebe verbundene Familie, wenn eS sich tim wohlwollende Förderung und gütige Hilfsbereitschaft nach Innen handelte. Aus seinem warmen Herzen guoll die Auffassung, die einen ethische» Hauch in da« politische Leben bincinträgt, die im Parteigenossen den Freund erblickt und die Gebote ::n edelsten Menschlichkeit auf die Bereinigungen dcS öffentlichen Lebens anwendct. Ein frommer Zug im höchsten Sinne des Worte« ging durch dieses Walten des freisinnigen Mannes. Der politische Führer war zugleich ein Seelenhirt, ja er war niehr als das. denn er lehrte nicht nur die Humanität und Gütigkeit, sondern er übte sie Tag für Tag. Als die schönste Blüthe der deutschen Eultur w,ar die edelste Menschlichkeit in ihm aufgcgangcn, auf Unzählige hat er dadurch erziehend und veredelnd gewirkt, und dem ganzen öffentlichen Leben in Deutsch Böhmen einen Zug der Brüderlichkeit mitgethcilt, der dasselbe weit über alle brutalen Parteibcstrebungen, die sich in unseren Tagen ü> hochmüthig und so lärmend gcbcrdcn, hinaushebt. „Hilfreich und gut" — das war sein zweiter Wahlspruch, den er zwar nicht auf den Lippen führte, den er aber in Beispiel und Lehre, in seiner öffentlichen Haltung wie in ungezählten stillen Handlungen rastlos be- Ihätigte. Die dritte Richtung, in der Schmcykal entscheidend wirkte und von deren Verfolgung ihn kein inneres und kein äußeres Hindcrniß abschrccktc, war die der nationalen Einigkeit in Deutsch-Böhmen. Hier traf eine Forderung der politischen Weisheit mit dem Bedürfniß einer ctbischcn Ralur zusammen, der cS gegeben war„ zu schlichten und zu versöhnen, zu verzeihen und zu edler. Selbstüberwindung zu erziehen. Liebevoll, aber unerschütterlich fest, verlangte Schmcykal von den BolkSgcnosscn, daß sic treu zum Ganzen halten, in Reih und Glied ihre Pflicht erfüllen, daß sie mit Ucberwindung von Sondergelüsten und Meinungsverschiedenheiten sich dem große», durch die leitenden Ideen . vorgezcichncten Zuge der Gcsammthcit anschließen. Zu seinem Heile folgte daS deutsch-böhmische Volk diesem Mahnrufe, nur so konnte und kau» eS in seiner schwierigen Lage seinen Bestand und die Bedingungen seiner Entwicklung behaupte». In den letzten fünfzehn Jahren, in denen u»scr Bolksthum am schwersten mit den Borstößen nationaler Gegner und den Schwankungen eines innerhalb haltlosen . politische» Systems zu kämpfen hatte, vernahm man von Schmeykal immer wieder den Mahnruf: „Seid einig und stark!" Die höchste politische Weisheit faßte er in diese schlichten Worte, die Wunder in der deutsch böhmischen Bolkssccle verrichteten. Deutsch und freisinnig! H i l f r e i ch, u » d gut! Einig und stark! Das sprach aus. den milden, thcuren Zügen unseres Führers, das sprach aus seinem treuen Wirken und Walten zu uns. Und wer treu und unverbrüchlich zu diesen drei Geboten hält, der hilft uns. das Unverlierbare an Franz Schmcykal behaupte». Wer zuerst gegen diese .Gebote verstößt, der beginnt mit der Zerstörung des Erbt hei lcS, daS Schmcykal'S Geist n n d Liebe uns hin tcrlasscn hat. (Carncri über Spinoza.) Im „Literaturblatt" der ..Renen Freien Presse" bespricht B. (5 a r n c r i ein von Wilhelm Boli n» Universitätsbibliothekar in Helsingfors, verfaßtes Buch: „Spinoza, ein Eultur- und Lebensbild" und findet dasselbe nach drei Richtungen besonders zeitgemäß. „Unsere Zeit," sagt Carneri u. A., ./ist eben, trotz ihrer riesigen Fortschritte, auch eine rückschrittliche, und nicht gering die Zahl derer,' welchen nichts gelegener kommen könnte denn der Nachweis, daß »n't der Ucberwindung. des panthelstischen Monismus Spinoza's, für welchen Gott und Ratur Eins waren, auch dessen Ethik hinfällig würde. WaS fein System genannt wird, seine Blatt. Seite 3 geometrische Methode, ist i» der Thar längst veraltet: aber nicht nur, was er an Ethik gelehrt, auch feine philosophische Grundanfchaunng hat dadurch keinen Schaden genommen. Freilich, wenn int Ergründe» der absoluten Wahrheit die Aufgabe der Philosophie bestände, dann hätte Spinoza, hätten aber auch alle.seine Vorgänger und Rachsolgcr vergeblich gearbeitet. Allein der Wintzen, den der echte. Weltweite bringt, besteht darin, dem Denke» einen neuen Stützpunkt zu bieten, von dem auS eS mit einer ganzen Reihe menschlicher Irrthümcr anfränmcn kann. WaS darin Spinoza geleistet hat, bleibt geleistet für alle .Seiten, und da dies von allen Gcislesheroetr gilt, so ist cS dein Menschen geiste gegeben, dem Wahren immer mehr sich zu näher». Bon den drei Richtungen, nach-ivclchen daS vorliegende, im besten Sinne, des Wortes volksthümlich gehaltene Buch als besonders zeitgemäß bezeichnet werden kann, nennen wir vor Allem die Kirche, die in neuester Zeit mit mittelalterlichem Hochmuth das Haupt erhebt und sich z. B. in Ungarn nicht scheut, offen.eine staatsfeindliche Stellung cinzunchmen. Das Bcrhältniß der Religion zum Staat hat Spinoza so klar er wogen, daß sein Ausspruch wahr bleibe» wird, so lange es Religionen gibt. Die zweite Richtung bezieht sich auf die Schmach unseres Jahrhunderts, de» Antisemitismus, der unter dem Deckmantel crhrnchelter Christlichkeit aller Freiheit und Gerechtigkeit Hohn spricht. Bon der ersten bis zur letzten Scitc'wird uns da gezeigt, wie viel die Men'ch heil einem Juden verdanken und von ihm lernen kann. DaS Dritte ist der immer weiter um sich greifende Wahn, in eiper materiellen' Gleichstellung aller Menschen liege die Panaccc allgemeiner. scligkeit. ES ist hier nicht der Drt, die Unmöglichkeit einer solchen Gleichstellung darzuthun, die, wenn überhaupt erreichbar, in Wahrheit nur ein allgemeines Elend und das gerade Gcgcnthcil der inöglichcn, daher »ach Kräften anzustrcbcnden Verminderung »icnschlichcr Roth wäre. ' Wir wollen nur hcrvorhcbcn, daß es außer der Besitzlosiglcir noch gar Manches gibt, daS der Glückseligkeit sich in den Weg. stellt: körperliche Leiden, ErziehungSmängcl, Bcrirrungcn, getäuschte Hoffnungen und AüeS, was der Mensch dem Menschen und sich selbst anlhut. Spinoza ist daS lcuchtrndste Beispiel eines Mannes, der allein durch Arbeit und GeisteSklarhcit zu einer allerdings sehr bescheidenen Lebensstellung, aber zu wahrer Glückseligkeit rmporgeklouinie» ist. An ihm kann Jeder lernen, worauf eS dabei Por Allem ankomint. Richt nur in allgemein faßlicher Form s<zinc Lehre, sondern auch äeine viel bewegte Zeit und im Ringen mit ihr diesen herrlichen Charakter in seiner ganzen Lauterkeit dargcstcllt zu haben, ist das große Verdienst Wilhelm Bolin's." (Zosephine v. Wcrthkllllstci».) Während antisemitische Fntharker sich nicht entblöhcn, den Juden - alle menschlichen Eigenschaften abzusprechen, widmete der Dichter Ferdinand v. Saar der dieser /zage verstorbenen Frau Joscphine v. Wcrthcimstci» am Grabe einen Nachruf, auS dem wir folgende Stellen hcrvorhebcnr „ Dir war die Gabe verliehen, in jedem Menschen die besten Keime zu wecken, Jeder, der dir nahte, kehrte unwillkürlich die edelste Seite seiner Natur hervor,' um deine Thcilnahme zu gewinnen — und so kann man sagen, daß der segnende Einfluß, den du auf deine Umgebung anSgeübr, gar nicht zu ermessen ist, ganz abgesehen von der wcrklhütigen, opscrwilligen Förderung, die du jeder ehrlichen Bestrebung hast zntheil werden lassen. . . Du warst die Bcrkörpernng edelster Weiblichkeit, wie sic der Zeit, der du entstammt und welche den Zenilh deines Daseins gesehen, als Ideal vorgcschwebt; einer Zeit, die Adel des Geistes, Reinheit der Empfindung, Großmuth und Herzensgute als höchllc Eigenschaften erkannte und einen leuchtenden Humanismus auf ihr«' Fahne'geschrieben hatte. Es sind andere Zeilen gekommen. Wir wollen es nicht beklagen; den» jeder Wechsel im Wcltlauf vollzieht sich mit eherner Rothwendigkcit. Aber wünschen möchte ich, daß cs in diesen und späteren Zeiten Frauen geben möchte, die, gleich dir, -iü ihrer Weise, nach allen Seiten hin segensvoll wirken. Frauen, so verehrt) bewundert und geliebt, wie du es geworden bist; Frauen, denen bei ihrem Hinscheiden so viele Slimmen und Herzen nachklagen, so viele Augen »achwcinen, wie jetzt dir, Joscphine v'. Wertheimstcin! Du hast gelebt zum Glücke, zum Wohlc, zum 'Heile Anderer — .dir selbst ist kein Leid, kein Schmer; der Erde erspart geblieben. Darum ruhe jetzt sanft!" (Eilt Mahllwort an Lehrer.) Aus dem niederöstcrreichischen LandcSlehrertage, welcher Heuer in Dbcr Hollabrunn abgehalte» wurde, hielt Bezirkshauptmann Freiherr v. Pachner eine Ansprache, in welcher er die Lehrerschaft in eindringlichen Worten zur Einigkeit mahnte. „Bleiben Sie," sagte er, „jenen Strömungen ferne, welche heute leider populär geworden sind. Bleiben Sic unserem erhabenen Reichs-Bolksschulgesetze treu. Uneinigkeit und Zwist sind nur geeignet, Ihre Interessen zu schädigen. Halten Sie fest zusammen im Ringen nach Bildung, Fortschritt, und Aufklärung! Steigen Sic nicht hinab