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Freies Blatt · 1894-07-22 · 120 (22.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
120 (22.7.1894)
Date
1894-07-22
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 - Freier Blatt. Seinem vorherigen Beschlüsse entsprechend befaßte sich der akademische Senat auch mit jenen von den antisemitischen Studenten in ihrer Eingabe vorgebrachten Beschwerdepunkren, »welche, sei, eS auch dhne die Prücisirung von T Hatsachen, das amtliche Verhalten deS Herrn Hofrarhe- Profeffor Tr. Hermann Nothmagel betreffen," und daS Ergebniß seiner Erhebungen war, daß dieser Anzeige keine wie immer geartete Tbatsache zugrunde, liege. Äs ist zum mindesten befremdend, daß der akademische Senat auf Grund von Beschwerden, welche dev Präeisirung von Thatsachen entbehrten, sofort Erhebungen eingeleitet und nicht einmal die eollegiale Rücksicht beobachtet hat, abzuwarten, ob nicht die Anregung hiezu vom dknuncirten Profesior selbst auSgeheu werde, Für dieses Vorgehen hat man außerhalb des akademischen Senats auch hierzulande nicht das richtige Verständlich. Noch weniger wird man es im Auslände begreifen. Lines der angesehensten medicinischen Aachblätter in London, „The Landet**, knüpfte an die Nachricht von Kundgebungen gegen'Profesior 'Nothnagel die Bemerkung: „Mit dem Gefühle deS Schmerzens und der Entrüstung vernehmen wir, daß die Studenten der Mediein an der Wiener Universität eine feindliche Demonstration gegen Profesior 'Nothnagel in Scene gesetzt haben. Der Profesior battedie Rare in Schutz genommen, die Deutschland mit einigen, ihrer hervorragendsten Gelehrten beschenkt hat. ES scheint, alsob die bedauernswerthe antisemitische Bewegung ihren Weg in die Hochschule gefunden bat, denn weil Profeffor Nothnagel activen Antbeil au der Berlheidigung jüdischer Mediciner gegen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, genommen bat, wurde er selbst angegriffen . und mit Gemalt verhindert, seine Vorlesungen abzuhalten. Wir haben das Vertrauen, daß die Behörden mit den Anstiftern dieser Beschimpsungen in gebührender Weise verfahren werden; denn eS wäre eine Schande und Entehrung für die Universität, wenn rin Mann, dessen Ruf sich über die weite Welt erstreckt, sich solche Beleidigungen gefallen lasieu müßte." WaS werden «johl die ärztlichen Kreise Englands dazu sagen, daß es den „Anstifteirn dieser Beschimpfungen" ein - leichtes war, eine förmliche Disciplinaruntersuchung gegen Profesior Nothnagel durchzusetzen'? ' Erfreulicherweise fehlt es indesien conarchie nicht an ehrenvollen Symzathiebezeigungen für Profeffor — Nothnagel. In Budapest, wo er in auch in beiden Hälften der ilusübung einer Berufspflicht weilte, ward ihm eine stürmische Ovatioi bereitet. Aerztliche Vereine dies- und jenseits der Leitha sprechen „dem großen Arzte, dem betvunderten Gelehrten, dem edelsten Me »schenfreunde" ihre Verehrung ans, rühmen seine Handlungen im Dierste der Humanität und geben dem Bedauern und der Entrüstung übe: die ihm widerfahrene Unbill Ausdruck. Einen wahrhaft wohlthuenden Eindruck gewinnt jeder für das Gute noch empfängliche Mensch, nag er welche Parteirichtung immer eingeschlagen haben, wenn-er de Antwort vernimmt, welche Professor Nothnagel dem Gemeinderath l)r. Lerch, dem Sprecher einer Deputation des Aerztlichen Vereines in zweiten Bezirke, ertheilte. Nachdem der Profesior für die Kundgebung freundschaftlicher Gesinnungen herzlich gedankt, betonte er, das seine tieffie Ueberzeugung ihn geradezu zwinge, gegen Ungerechtigkeit r nd Inhumanität aufzutreten„ daß es ihm unmöglich sei, da zu schwell en, wo die Menschlichkeit in Frage stehe, Mhezu drei Jahrzehnte seien verstrichen, seitdem er docire, und während dieses langen Zeitraumes sei er in den denkbar anizenehmsten Beziehung n zu seinen Schülern gestanden. Aber auch ' ft habe er die Hoffnung und Zuversicht, „daß die zum tiefsten c::"t!eiöc eines jeden wahren Studenten- und Menschenfreundes . -teil jungen Gemüther wieder fl r hohe und ideale Ziele sich und hierin das einzig wahre und bleibende Glück erblicken i m; Worte bekunden ebenso felsenfeste UeberzeugungStreue ..ttcrliche Menschenliebe. Von einem Schulmann, der sich id Croatien großen Ansehens .:'reut, erhalten wir aus Agram »olge»^ Zuschrift': „Gestatten Sie e-nmal auch einem croatischen Schnlmanne, daS Wort zu ergreifen, Nr. 120 der zwar bisher in keiner Berührung mit den Antisemiten gestanden ist und, so Gott will, auch nie stehen r>ird. Jedoch, es zwingt mich meine Vaterlandsliebe zu sprechen, sowo si für mich als für die Ehre deS croatischen LehrerstandeS, damit unsere Bildung nicht in Verruf kommen soll. Ich habe meine Studien an der ruhmreichen Alina raatcr Vindobonensis absolvirt und wi:ke nun fast fünf Lustren als Profeffor an einer croatischen Mittelschule, habe auch als Literat Fühlung mit den gebildeten Kreisen des Volkes, so daß ich berechtigt bin, ^der Stimmung der Oeffentlichkeit Ausdruck zu geben. In Wien hat sich vor Kurzem ein in deutschen Kreisen wenig beachtetes Gefchehniß abgespielt, das aber in Croatien and Slavonicn ein ungewöhn licheS Aufsehen erregt und eine nachhnltige Entrüstung wider die Schuldtragenden hervorgerufen hat. Wir erfuhren, daß die Mitglieder des croatischen akademischen Studentenv^reineS ,2ronimir* in Wien gelegentlich der studentischen Krawalle ge neinschaftliche Sache mit den extrem-nationalen Burschenschaften antise »irischer Schattirung gemacht haben und gegen den vielgefeierten Gelehrten Herrn Profesior Doctor Nothnagel ausgeartet seien. Der,2von!niir*-Verein zählte bei 60 Mit glieder. Als die Geschichte ruchbar geworden, kehrten gleich 11 jüdische Studenten aus Croatien dem Vereine deif Rücken. So wehe uns jede Uneinigkeit im eigenen Lager auch thut, kann man das charakterfeste Auftreten dieser elf jungen Männer nu billigen. Leute, die etwas auf ihre Ehre halten, und namentlich * Patrioten können und dürfen unmöglich einem Vereine länger angehörei-, der nicht nur im Gegensätze zu seinen Statuten operirl, sondein auch die croatische Fahne befleckt. 2Pir Croaten sind stolz darauf, l aß wir allerwegen treu und beharrlich zu unserem König und Reich gthalten und immerdar Jenen entgegenzutreten verstanden haben, die verrächerisch ins Ausland hinüberfchielten. Wir lieben und achten das demsche Culturvolk, haben aber mit jenen Oesterreichern, die nach dem .Reich* hingravitiren, gar nichts gemein; wir verabscheuen auch jede Verätzung der einem berühmten Hochschullehrer schuldigen Ehrerbietung; n ir verdammen vollends confefsionellen Hader, besonders jedoch den Antisemitismus. Von uns croatischen Lehrern haben jene irregeführfen Jftnglinge Anstand und gute Sitte gelernt, Verträglichkeit und Redlichkeit^ Wir lehnen daher jede Verantwortlichkeit für die unqualisidrbare Aufführung der mit den Burschenschaften verbundenen .Xvonimsraäi* ab. Diese Bürschlein haben uns Croaten eine Schmach zugefffgt, und wir wenden uns darum mit Entrüstung von den Verhörten! ab." Franz Schineykal's!)ermäct?tnitz. Seit dem Ableben des ausgezeichneter Führers der Deutschen in Böhmen, Dr. Franz Schmeykal. bemt hen sich Antisemiten aller Farben, auch in die bisher von antisemitischen Slänkereien nicht heimgesuchten deutsch-böhmischen Städte und Landgemeinden Zwietracht zu tragen und für engherzige, rückschrittliche Bestrebungen Anhänger zu gewinnen. Die Einen nehmen die Religion, die Anderen die Nationalität zum Borwande, um ihre selbstsüchtigen Zu ecke zu fördern. Sehr zeitgemäß ist daher eine bei D. Kuh in Prag erschienene Gedenkschrift: „Franz Schmeykal", welche die folgender, für die Deutschen in Böhmen überaus beherzigenswerthen Ausführungen enthält: Nach drei Richtungen hat sich Schme>kal's Wesen in rastloser Thätigkeit zum Heile des deutschen Volkes in Böhmen entfaltet, und in allen drei Richtungen wird es vorbildlich bleiben, so lange eS ein hoffnungsvolles und wirksames Teutschthum in Böhmen gibt. Schmeykal fand die . große Lösung, welche Millionen zusammenführte, erwärmte und in treuer Gesinnung vereinigte. Das kürzeste und inhaltreichste aller Programme, der Wahlspruch: „Dertsch und freisinnig" faßte zwei Millionen Deutsch-Böhmen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich gegen List und Eroberungssucht, gegen offene und versteckte An griffe in den letzten drei Jahrzehnten kräftig behauptete und der trotz aller mühevollen Abwehr, die so viele Krä te verbrauchte, eine reiche innere Entfaltung beschieden war. Mit de l Ideen: „Deutsch und freisinnig" war daS deutsch-böhmische Volksthum im Kern- und Keim punkte getroffen. Der Deutsche in Böhmen wird nie und nimmer von seinem Volke lasten; keine Macht der Erde svird ihn entnationalisiren. Der Deutsche in Böhmen aber wird auch i ie und nimmer um irgend welchen flüchtigen Bortheil die großen Errungenschaften deutschen

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