Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 119 (15.7.1894)
- Date
- 1894-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441537--1389-4887846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
“fite 10. .freies Platt. des Zimmers an. Sie reichte oder wir sind »er haben." eben, welche sich an eine ge- Wir haben eine gemeinsame weil ich das Gesicht noch einnial schauen wollte, daS mich einst so titjf erregen konnte. ES ist verändert, Emanuel. EtwaS von dem Sonrenschein ist aus dem Gesickzte verschwunden, ich denke, deine Augen kinnen nicht mehr plötzlich den sie so sehr liebte, Juwelen um Nac en und Arme. So wie damals, so ging sic nun wieder durchs Zim»cr ihm entgegen. So wie damals, so hielt sie auch heute inmitten ihm ihre Hand, doch er lehnte sie freundlich ab. „Wir sind entweder Mann und W ib," sagte er, fremde, welche einen gemeinsamen Kum „Wenn wir cincn gemeinsamen Kammer, haben,., dann sind wir uns keine Fremden. Aber.— wic'S belief t. Sprechen wir mit einander nie (vrcutbe oder lieber wie alte Bekannte." „Rein, reden wir wie die Tobten meinsame Vergangenheit erinnern können Vergangenheit, Jsabcsta." „ Er nahm einen Stuhl, wie er cs vor zwanzig Jahren gcthan, und stellte ihr denselben hin, dann stellte er einen anderen für sich hin. Sie saßen zwar nicht einander gcg »über, aber Seite, an Seite, gerade wie vor zwanzig Jahren. „Odj hörtet daß du in London bi 1," begann daS tobte Weib, „von einem gewissen Adalbert Angela, wi lchcr, wie du vielleicht wiffen wirst, ein Vetter zweiten oder dritten Gi adcS zu mir ist. Ich dachte, daß du todt seiest, denn ich hörte nid ts über dein Werk, und ick) glaubte doch, du würdest Großes vollbrir gen. ES scheint, daß du die Wisielrichatt aufgcgebcn hast. Mr. Air;c(o sagte mir, daß du arm bist — daß du mit den Händen arb itest Ist das il^hwcndig, Emanuel?" „Ein Mann muß leben," entgegncke der todte Gatte. „Ich arbeite soviel, als id) für meinen Unterhalt bra> che. Ich wandere über das Antlitz der Erde. Seil wir schieden, J abclla, bin id) zu Fuß um daS-ganze Mittclmeer gewandert. Einma sah ich bid) — cs war in den Straßen von Tunis. Tu.-warst in enem Laden und kauftest ein. Ich habe nie autgchört, an bid, zu denke i — cs gab eine Zeit, wo cs mich wie mit Tauen zu dir hinzog. Jh ward versucht, um dUnetwillen daS Gesetz mit Füßen zu treten und aus mir den niedrigsten- Mann zu machen, einen, der sein Geburtsrecht des Vorranges für eines WcibcS Kuß verkauft. Darum eilte ich, so weit von dir fortzulonimen, als ich konnte. Ich kann zurückolicken auf den Tod meiner frühverüorbcnen Frau mit der zärtlichen Erinnerung an ihre Schönheit, ihre Tugend und ihre Lieblichkeit. Ihre Empörung habe ich vergcsicn. Es ist nur ein Monat, an welchen sich meine Erinnerungen knüvien, allein dieser eine kurze Monat hat all mein Leben. erfüllt." „Und ich, Emanuel, als du starbst, da litt ich — ich kann es sä nun bekennen — mehr Schmerz, als ich dachte, jemals um eines Mannes willen leiden zu können. Da gab's nicht einen Tag in den Monaten nachher, wo ich, wenn du dich plötzlich gezeigt hättest, nickst bereit gewesen wäre, zu deinen Füßen niederzusinkcn- und dir Unterwerfung und Gehorsam darzubicten." In ihrem Gesidste, in ihren Augen war, hätte er nur geschaut, wieder derselbe Ausdruck der Unterwürfigkeit Zu lesen. „Glücklicherweise," fuhr sie etwas kälter fort, „erschienst du nicht. Du bist, ich brauche wobl kaum;u fragen, noch immer derselben Ansicht, betreffend die Stellung der Frauen?" -! „Ich bin noch derselben Ansicht, Jsabesta, das heißt, ich verbleibe in Ucbercinstimmung mit den Gesetzen Göttes und den Gesetzen der Rakur, welche die Gesetze Gottes sind. Du bist noch vielleicht eine Empörerin gegen beide?" ' i „Bitte, nenne eS, wie du willst. Zlyanzig Jahre lang habe ich gestrebt, die Gleichstellung der Frau aufrecht! zu erhalten. £! ich weiß AUcS, was du sagen willst. Ich habe gegen mich die vereinigten Mackste der Religion, der Tradition, des BorurtheilcS und der Gewalt. Wenn solche Männer wie Emanuel Eloeda meinen Eifer nicht zulanen wollen, was habe ich von der »nwistenden Menge zu erwarten? ES ist mir wenigstens soviel, gelungen, daß die Welt die tatsächliche Stellung der Frau in Europa kennen gelernt hat. Ich habe gezeigt. wo;u die erzwungene Unterwerfung der Frauen geführt hak am civilisirten Eontinent. Und ich »abe um mich eine Menge Lianen versammelt, welche der Sache ihrer stgenen Befreiung dienen." ..War daS Alles, was du mir zu sagest hattest, Jsabella? Denn i’.;i itigeuben die Zeit. Ich weiß, was du ckethan hast. Ich habe dein Buch ins Deutsche, Französische, Spanisches Italienische und Russische üb-'.setzt gesehen.^ Es ist überall, und obwohl ich niemals.Zeitungen loe, lybc ich über deinen Rainen und dein Puch reden und verhandeln gehört auf Tampsschiffen und Eisenbahnen, ] Darum sagte ich zu mir selbst: .Jsabella bleibt rebellisch. " ' „Ich wollte dich sehen, Emanuel, theilS inS Reugierde, theils weil ich dir etwas zu sagen habe Aus Reugierde Nr. 110. O Emanuel! Du warst einen solchen Mann wie icn Augen, und die Engel voll Hoffnung aufblitzen, wie sie es zu th rn pflegten, wenn du cincn herrlicheren Traum stattest als gewöhnlich, ein Träumer und ein Seher. Es gab nii dich; die Jacobsleitcr stand stets vor dei liefen daran zum Himmel empor. Du sclbs warst immer halben Wegs auf der Leiter; mit deiner Wissenschaft wos rest du eine neue Welt für die Menschheit erschaffen, mit deinen Predigten wolltest du einen neuen Menschen für diese neue Welt bilden. Als tu mich verließest, Emanuel, da >vqr mir's, als ob die Farbe und idcr ''Sonnenschein aus dem Leben verschwunden wären. Du hattest Jdear so wie Träume. Schade, daß all deine Ideen und Träume alle verschleudert worden sein sollen." „Biclleicht sind sie nicht alle verschleudert. Es gibt andere Wege, den Gedanken aufzubewahrcn, als das Schreiben von Büchern, bessere Wege. Biellcickst thnt ein Mann auch bester; für die Welt, wenn er sic verläßt, seine »och unvollkommenen Gcdankchi unausgesprochen mit sich nehmend. Vielleicht ist cs ihm gestattet, sie in seine neue Existenz mit hinüber zu bringen."! „Der alte Träumer! Ich, ich lebe für sdicse Welt. Wie die nächste sein wird, ich weiß cs nicht und will cS atch nicht erforsche». 'Run, Emanncl, wir sind einander wieder bcgcgnät. Biellcick)t war eS nickst klug. Doch cs hat eine.Vergangenheit fürs uns Beide gegeben. Ich mar auch zum Theil neugierig, zu erfahre», ob ich in dein Angesicht schauen und deine Stimme hören kgnntc, ohne auf die alte Weise erregt zu werden. Ich bin befriedigt j über diese» Punkt. Wir sind todt für einander --- oder für uns selbst. Und doch ist eS mir angenehm,- dein Gesicht wieder zu sehen, Etianucl. Es ruft mir die Bergangcnheit zurück oder einen Theil davon — und cS bringt keine Bitterkeit — selbst — jetzt — keine Rcucgcfühle. Ick) verwundere mich, daß es eine Zeit gegeben hat, wo ich nicht in dein Gcsick)t blicken konnte ohne ein Sehnen im Herzen." „Ich staun: nicht — denke ich der Vergangenheit. Doch du ertödtctest den wahren Jnstinct der Liebe, als du gegen das Gesetz bid) empörtest. Aber du hast noch eine Erinnerung, Jsabella. Sic hätte dich sollen von manchen Absonderlichkeiten fei n halte», die jene Frauen begehen, welche nid)t die Liebe kennen. Dcir c 'Reugierde ist befriedigt" fügte er trocken hinzu —: keiner, auch nicht ein Philosoph liebt cs, Gegenstand der Reugierde zu sein — „laß u rs jetzt auf das übergehe», was du zu sagen wünschtest." „Als wir heirateten, Emanuel, da war ick; reich." „So kam cS mir vor." „Ich bin cs nicht mehr. All mein Eeld ist mir gestohlen und verschwendet morden. Es sind, nur wenige Tausende geblieben von meinem ganzen große» Erbe." j Emanuel neigte den Kopf, eine Geber de, welche Alles besagen kann, was man will. „Die Urkunde, welche bei unsercr Verheiratung für dich ausgestellt wurde — cs war eine Annuität — kann nicht länger mehr gezahlt werden, Emanuel." „Ich weiß nichts," sagte er kalt, „über irgend eine Urkunde." „Darum schlage ich dir vor, wenn du unwilligst, daS, wirs aus dem Schifsbruch gerettet worden ist, cS wird etwas mehr als vierzigtausend Pfund sein, in zwei Theile,zu thcibn, wovon du die eine Hälfte nehmen und mir die andere überlasten sollst." „Was?" Er kehrte zur Wirklichkeit zurük. „Dein Geld von dir nehmen? Mit dir theilen? Bist du bciSinm»? Kannst du auch nur einen Augenblick glauben, daß ich so etwas >hun würde? Was weiß ich über deine Urkunden? Ich habe nie etwas von dir genommen, so lange du reich warst — bildest du dir eil, daß ick) nun beginnen soll, wo du dein Bermögcn verloren hast?" Sie blieb einen Augenblick still. Tann erwiderte sie. „Du bc schämst mich nun wie immer, Emanuel. Ick konnte kciu Geld von dir nehmen. Vergib mir." „Du hast dein Vermögen verloren; Jsabcllr. Ick) bin nicht traurig darob. Große Vermögen bringen uns fein en Segen. Das Ding, das unser Volk beständig wünsckst, verdirbt unS; während wir cS wünschen, verdirbt cs uns, während mir dafür ai beiten, verdirbt es unsere Kinder, wenn wir eS ihnen hinterlastcn. So machen die Götter uns Geißeln aus unseren Wünschen — Israels Fluch ist die Lust nach Gold. Ach über deine Rcichthümer, du hättest sonst das allgemeine Los getheilt." Madame Elveda stutzte. Ihr« Tochter hatte dieselben Worte gebraucht. „Du wärest eine Gattin unh eine Mutter geworden, zufrieden mit den ewigen Gesehen der Natur Was ist auS dir geworden? — eine Empörerin, welche einen vergeblichen und ohnmächtigen Kampf gegen die himmlische Ordnung wagt. Tu bist wie ein Kind, das seine Faust gegen den Mond ballt. Du bist wie daS Weib in der Rabbincrgeschichte, jene erste Empöre: in unter den Weibern, Lilith. Dein Wunsch ist dir gewährt worden summt den Eonseguenzcn,