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Freies Blatt · 1894-07-15 · 119 (15.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
119 (15.7.1894)
Date
1894-07-15
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Seite 2?r. 1 tli. freies sagten, dass mir von allen meinen Freunden in Zeilen der Roth nicht Einer bleiben würde, mir zu helfen. Es gibt nur Einen, glaube ich, der auS seiner Bahn treten würde, mir zu helfen, Und dieser Mann versteht nichts von Geschäften. Eine Frau, die sich von ihrem Balte lossagt und von ihren früheren Freunden und von Jenen, die sie berathen könnte», wird nothwendigerweise mehr oder weniger eine verlassene Frau. Ich war so sehr beschäftigt mit meiner Lache, und ich. hatte so viele Bekannte, daß ich die Vereinsamung meines Gehens crst in den letzten paar Tagen gefühlt habe, wo es mir vorkam, als würde ich wirklich eine freundlose Bettlerin. Aber Sie, den ich hart beliandelte mit gemeiner Höflichkeit — Sie kamen mir edelmüthig zu Hilfe. Wie soll ich Ihnen danken?" „Es bedarf keines Dankes, Cousine. Sie gehören doch noch zu uns. Wir stehen einander bei. Wir müssen. Es ist das die eine t'eciio», welche wir durch all die Jahre der Verfolgung gelernt haben. Wir müssen." Er erhob sich, seinen Stuhl zurückschiebend. „Es ist gütig genug von Ihnen, zu sagen, daß Sie über meine kleinen Dienste erfreut sind. Darf ich um eine Gunst bitten — ich sage nicht als Erwiderung — ich bitte mit eine Gunst." „Sicherlich, Vetter. Was kamt ich thun?" „Sie. waren so gütig, meine Tochter in Ihrem Hause auszn nehme». Diesmal aber bitte ich um eine Gunst für meine 'Jfidjtc. 2ic ist, wie Sie wissen, nun Lad» Seife» Aber Lord Selsey ist jung und unerfahren, er war in Unkenntniß seines Ranges aufgezogen worden, er weiß nichtS von der Gesellschaft, sie müssen hieher kommen und ruhig leben, bis sie etwas wissen. Tie einzigen Frauen, welche Reil» — das ist meine Richte, wir nennen sie '.Keilt,, obwohl ihr Raine Preciada ist — die einzigen Krane», welche Rell» kennt, sind ihre Eonsine, meine Tochter Elara, und Ihre Tochter. Wenn sie sich etwas eingerichtet haben und der Bursche ein wenig gelernt hat — viel wird er nie lernen — »wie" ein Edelmann anSsehen und sprechen soll, wenn Sie dann meine Richte besuchen würden, so wäre das eine Liebenswürdigkeit und eine Gunst." * . . „Wenn das Alles ist — mit dem größten Bergungen, aber bedenken Sie, ich bin nun eine ganz arme Frau und sonnt machtlos." „Sagen Sie ihnen nicht, wie viel Sie verloren haben. Sagen Sie iltnett nicht, wie viel Ihnen geblieben ist. Die Zeitungen wissen es nicht: die Rotizen beweisen daS. Dann werden Sie etwas pon Ihrer Macht noch beibehalten. Geld ist Macht, nicht wahr?" Er nahm seinen Hnt. „Ich muß noch ein Wort über Ihren (''nuten sagen. Ich weiß. Sie wollen nicht von ihm hören, aber es ist nur für einen Angenblicf. Danach werden Sie, wenn Sie wünschen, ans meinem Mund? nie wieder ein Wort über ihn hören." ' „Also, unter dieser Bedingung. Außerdem kann ich Ihne» ja nichts abfchlagen nach dem, was Sie für mich gethan." t „Sie stritten nie mit einander — natürlich nicht. Mensche» wie Sie streiten nicht. Sie trennten sich. Aber Sie können nicht ermangeln, diesen Träumer zu achten." , „ES gibt keinen Menschen auf Erden, den ich so hochachten würde wie Enianuel Elveda." „Er geht alsogleich wieder fort. Er ist einer von denjenigen, die nie lange an demselben Orte bleiben können. Er muß wandern. Er will sich kein Geld erwerben. Er verachtet das Geld. Er verlauft feine Schnitzereien um jeden Preis, den man ihm bietet. Er sagt, daß es ihm wenig schadet, betrogen zu werden, aber daß es dem Betrüger schade bis in die dritte und vierte Generation — das ist io seine traumhafte Sprechweise. Am liebsten hält er sich in der Wüste auf bei den Arabern, dann braucht er nicht zu arbeiten und kann feine Sage verträumen." „Run?" „Sehen Sie ihn nochmals, ehe er geht. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit vor seinem Tode." Madame Elveda empfing diesen Vorschlag in derselben Weise wie Emanuel. DaS heißt, sie gab eine Weile lang keine Antwort. „Schlug er selbst diese Begegnung vor?" fragte sie dann plötzlich. „Rein, ich schlug sie vor. Der^ Vorschlag erregte ihn heftig, doch er willigte ein, daß ich die Sache' einleiten sollte. Er, überläßt eS Ihnen gänzlich." „Ich bin zwanzig Jahre alter, als da wir zuletzt schieden," sagte sie traurig. „Hätten Cie mich vor zwanzig Jahren gefrckgt, die bloße Möglichkeit, ihn wiederzusehen, hätte mich schon mit Begeisterung und mit Angst erfüllt. Ich hätte gefürchtet, daß ich ihm nachgeben 'würde. Ich hätte gejubelt bei der Aussicht, ihm nachgeben zu können. Run ist die alte Leidenschaft und die alte Erregtheit dahin. Ja, sie sind in mir erstorben. Ich kann in meinem Gatten nur den Mann sehen, welcher sich die Frau nnterordnen wollte. Lassen 1 a 11. Sie iljn kommen. Sagen Sie Emannel, daß icli ihn sehen und mit ihm sprechen möchte — wenn er es wünscht —~ noch einmal, ' ehe er geht."-— „Elara," sagte ihr Vater denselben Abend, '„ich habe heute für deine Freundin und Eonsine Franziska einen guten Zug gethan. Ich habe vie>zigtausend Pfund für sie bekommen oder für ihre Mutter — und es liegt in meiner Macht, daß eS nicht vergeudet oder verschleudert' wird. Das i|t ein gut^S Werk, lind ich habe Emannel sowie Madame Elveda zu dem Versprechen bewogen, mit einander zusamnteuziitrcssen. Sie lind Beide so stolz wie de.r Teufel, und keines wU nachgeben. Roch — nun — wir haben gethan, was wp konnte». Run lieh' .mal, Elara, Emannel geht fori, und wenn dn dich nicht beeilst, so wird er gehen, ohne heransgefunden zu haben, daß er eine- Tochter hat." „C, aber er darf nicht! 'ee darf sticht!" ,,'R'nu, da Haft du den'Erfolg deines kostbaren Plaues. .Tu, die btt dich für jo klug hieltest! Was ich wollte, war, sie zusammenzu». bringen - wie ich sagte, bei einem kleinen Diner. Wenn sie gemüthlich beisammen gewesen wären, hätte ich gesagt: FranziSla, hier ist Ihr Vater, Ihr verloren geglaubter Vater! —Dn nicht, das ist zu einfach für dich. Sie müssen sich zuerst tcniie» lernen, daun würden sie einander lieben lernen, daun würden si.e plötzlich die Wahrheit entdecken. Du machtest ein ganzes kleines Stüit daraus. .Was? Ihr Raine ist Elveda? Elveda? Himmel! Das ist auch'der »leiuige! Sehr-schön wär'S. 'Rur ist das. kleine Stück nicht aufgeführl worden." „Wer konnte es fürmöglich hallen," fragte die Dramatikerin ohne Erfolg, „daß' zwei Menschen so lauge Zeit. beisammen sein können nnd thatsächlich nicht neugierig genug sind, des Anderen Raine» zu erfahren?" „Was willst dn nun zunächst ihun?" „Run, Vater, wenn mein Plan nichts laugt, dann muß ich den deinigen versuchen." XXXIII. Jeder Mensch lebt ans einem Friedhöfe, der Jahr um Jahr-» größer und größer wird, erfüllt von. erstorbenen Gedanken nnd lobten Freunden. Die Grabmäler, ihrem Andeuleu geweiht, stehen ringsum: einige Denkmäler liegen auch am Boden, denn ihr Andenken war nicht geheiligt, und man möchte sie gerne ganz vergessen, ivenn's nur möglich wäre. Bor einem solchen Grabe zu stehen, dessen sich zu erinnern, was uns einst daS war, was nun hier begraben ist, das ist sicherlich das Traurigste, daS nnS das Leben bieten kann. Besser ist'S, die Auge» zn schließen und an diesen Monumenten vorüberzugehen, vergessen, daß sie hinter nnS stehen. Bor einem solchen Grabe hatten nun Emannel nnd sein Weib zn stehen. WaS darinnen lag, war todt, sie hatten es selbst erlödtet. Sie gingen nun daran, die Erinneriliig an das Todte wieder zu beleben, nnd dann wieder zn scheiden .' - vielleicht mit einander nie wieder zn sehen bis, in einer and'eren Welt, die Beziehung zwischen Mann und Frau einfür allemal fest gestellt fein 4 wirb ohne mögliche Aussicht auf ein Mißverständiß. „Geht's dem Herrn gnt?" Melkah erhob sich von ihrem Wintel ans der Treppe, ivo sie halbe Tage lang saß, ein Bandet von SbawlS und Hüllen. Sie sah ans, als Emannel in die Halle eintrat: sie erhob sich nnd stand mit großer Schwierigkeit, denn ihre Gelenke waren vom Aller rostig geworden. Sie warf den Shalvl zurück, der ihr de» Aioiu bedeckt nnd als Schleier gedient hatte. ■; , „Ich wußte. Sie Dvürden noch 'einmal wiederkomme», bevor Sie sterbon." ' Emannel blieb stehen. „Alles ist noch gleich, nicht das gleiche Haus zwar, aber ähnlich. Die Halle, die Stiegeil und Äieltah — Melkah. Sie müssen sehr alt sein, Melkah." „Ich bin neunzig und darüber. Manchmal glaube ich, ich bin vergessen. Wer sollte sich an eine einfältige alte Frau wie ich erinnern? Sie werden Madame oben finden. Sie erwartet Sie — geradeso, wie man Sie vor zwanzig Jahren erwartete. Seien Sie lieb mit ihr, Herr." - Emannel . stieg die Treppe' hinan. Melkah sank zurück in ihren Winkel, bedeckte wieder ihren Kopf, und so "eingemninmt blieb sie wieder sitzen. - Enianuel öffnete die Thüre des Wohnzinimers. Ja. ES war gerade so, als ob die zwanzig Jahre der. Trennung verschwunden wären. ES war nicht dasselbe Zimmer, allein es sah ebenso aus. Seinen für Aesthetik ungeübten Augen schien auch die Einrichtung dieselbe zn sein. Und am Ende deS Zimmers saß sein Weib und harrte seiner, wie sie es vor zwanzig Jahren gethan. So wie sie damals -gekleidet war, so war sie auch heute gekleidet, in jenem stattlichen rothen Sammt,

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