Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 119 (15.7.1894)
- Date
- 1894-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i Nr. 119. Freier (Ovation für Hofrath üßrofeffor Tr. Nothnagel.) Nach Schluß des Sommersemester« überreichten die freisinnigen Studenten der Wiener Universität dem Herrn Hofrath Professor Dr. Nothnagel eine künstlerisch ausgesührte, mit mehr als 1000 Unterschriften versehene Adresse. Eine Studentendcputation verfügte sich zu diesem Zwecke in die Wohnung de« Professors, und der Sprecher der Deputation gab dem Bedauern darüber Ausdruck, daß die jüngsten Vorgänge gerade an jener Stätte arrangirt wurden, an welcher ein solcher Lehrer und Meister den Ruhm der Wiener medicinischen Facultät mit aufrecht erhält, and in jenem Hause, über dessen Thore die Worte de« größten Schätzers und Freundes der Menschen prangen. Um so trauriger seien die letzten Demonstrationen deshalb gewesen, weil sie sich gegen das edelmüthige Eintreten Nothnagel'S für bedrückte Menschen, für Recht und wahre Menschlichkeit wandten. Der Sprecher der Deputation schloß, indem er dem Professor die Gefühle unverbrüchlicher Anhänglichkeit und dankbarer Verehrung zum Ausdrucke brachte und die Versicherung aussprach, daß die freisinnige Studentenschaft stets jenen Weg wandeln werde, den ihnen Nothnagel'S Persönlichkeit so markant vorzeichne: den Weg der ivahre» Bildung und deS Fortjckirittcs. Hofrath Professor Dr. Nothnagel erwiderte: „Meine liebe» und treuen Schüler! Ich danke Ihnen herzlichst für die warmen Worte, die Sic mir gewidmet haben. Was ich thnc und gcthan habe, war meine Pflicht. Soweit meine Erinnerung zurückreicht, habe ich nicht anders gehandelt als aus innerer Ueberzeugnng, die mir sagt: 'Ich habe in dem Mensche» nur de» Menschen zu schätzen und nur den schlechten Menschen zu verdamme». Ich bin ein Deutscher und hänge an »icincm Vaterlandc mit allen Fasrrn meines Herzens, aber mit gleicher Liebe unifassc ich alle Menschen ohne Unterschied der 'Jiationalität, des Stammes oder der Eonsession. Sie wissen eS, meine sieben Schüler, ich hänge mit Lust und Liebe an meinem Lchramte und tradire, was ich von meinen Vorgängern übernommen und durch eigene Erfahrungen vermehrt habe, um tüchtige Acrztc heranzuziehc». lieber die letzte» Vorgänge lassen Sic mich schweigen. Ich kan» ans der Ailinif, die eine streng wissenschaftliche Stätte ist, die Hunkanität nicht lehre», aber ich hoffe trotz der üblen Erfahrungen, daß auch jene jungen Männer, die jetzt so unduldsam sind, zur Einsicht kommen und erkennen werden, daß wahre Menschlichkeit der Leitstern aller Handlungen sein muß. Ich werde mein Lehramt auch ferner mit derh’lbai Liebe zu meinem Fache und zu allen meine» Schülern auSübcu. Sic werden meine wahre» treuen Schüler sein, wenn auch Sic die «Grundsätze der wahren Humanität in Ihrem weiteren Leben hegen und pflegen werden!" Gtlllkilldtralhsscaildlllc.) Tic antiscmitischclfGcmcindcrälhe, welche 'ich einige Zeit relativ anständig benommen, sind wieder viitffällig geworden und haben in der Gcmcindcrathssitznng vom vorigen Freitag, vielleicht übel gelaunt wegen der an diesem Tage erfolgten Verhaslnng Edgar Hermann Gcidcr's*), nicht weniger als drei verschiedene Srandalc insccnirt: I. Eladtrath Boschan sprach ihnen zu leise, und darum lärmten sic um so lauter. 2. Vice-Bürgermcisker Dortor Richter war so frei, von einem ontiscmilischen OWmeindcrathe zu lagen, daß diesem die Communalverwaltnng eine t>-rn, i-n«-»*riiit:i sei. Dae> glaubte» die so empfindlichen antisemitischen .Herren mit Grobl,eiten und Schimpfcrcic» bestrafen zu müssen. In den Bezirke fchulrath wählte die liberale Mehrheit keinen Gegner der intereonfes nonellen Schule, und alle antisemitischen Stadtvätcr thatcn darüber höchlich entrüstet. Gegenüber dem Geschimpfe wiper Juden, „Juden bediente", „schlechte Christen", „feige Buben" :c. :c. setzte Sladlrarh Dr. Rcchanskl) in ruhiger, würdiger Weise auseinander, daß die Majorität die Pflicht habe, dafür zu sorgen, daß die Schulangclegcnheilen in freiheitlichem Sinne behandelt und erledigt werden. In den Bczirksschulrath wurden. sohin ausschließlich fortschrittlich gesinnte Männer gewählt. (Tic „Gemüthlichkeit" stirbt nicht ans.) Bei de» letzten Gemcindcwahlen in Mödling besaß, wie wir dem „Badener Bezirks blatt" entnehmen, Herr Schöffel auch acht Vollmachten von Ehrenbürgern, darunter die eines liberalen .Herrcnhausmitglicdcs und eines Abgeordneten des ersten Wiener Bezirkes, welche dieselben ihrem „lieb.zn Freunde" bereitwilligst überlassen hatten. Herr Schöffel verwendete die Vollmachten, wie nicht anders zn erwarten war, im Interesse der Gegner der Rechtsgleichheit. Daß hervorragende liberale Männer die Principicn ihrer Partei aus persönlicher Freundschaft „zurückstellcn" und antiliberale Wahlzwecke fördern, ist ohne Zweifel sehr „gcmüthlich". *) Der Gewährsmann antisemitischer „Volksvertreter" war, wie verlautet, europamüde, sehnte sich nach Amerika und wollte vom Director des „Phönix", Dr. JameS Klang, ein kleine» Reisegeld von 1000 fl. erwirken. Die Untersuchung gegen den Verhafteten ist nun auf die Verbrechen de» Betrüge» und der Erpressung gerichtet. Blatt. reite. (Eine ersprießliche Vcrcinsgrünöinlg.- In Korneudurg constituirte sich letzten Sonntag ein „Verein der Bürger und Gewerbetreibenden", der ein uneigennütziges Zusainmenwirkcn . zur .Hebung deS Bürger- und GewcrbcstandcS bezweckt. Es wurde damit eine tvirksame Abwehr der Thäligkcir der antiliberalen Wandcrapostel in ganz Niederösterrcich eingeleitet, da der Korneuburger Verein die Errichtung von Filiasen in allen bedeutendere» niederösterreichischen Ortschaften beabsichtigt In den .Herbst -und Wintermonaten soll die Gründung von Zweigvercine» in Floridsdorf, Stockerau, Oberhollabrunn, Mistelbach, Laa, Feldsbcrg und Retz in Angriff genommen werden. ' (iBlfllllirt.) In K r e »I s beschuldigte» zwei Antisemiten, welche der dortigen Stadtvertretung angchören, den Bürgermeister und einen liberalen Gcmeindcrath eines incorrcclen Vorganges bei der Verpachtung eines der Gemeinde gehörigen ,Hauses, des sogenannten „KaiserhofcS", in welchem nun ein- Studentenheim errichtet werden soll. In Folge dessen gab c>V Proteste, Beschwerden >r. Schließlich setzte der Geineindcausichnß eine llnleriuchungseonuniiiion ein, und eS wurde die völlige Grundlosigkeit der von antisemitischer Seite erhobenen Anschuldigungen scstgestcllt. Einer der .Herren Ankläger, zählt - übrigen« zu de» Wohnparteien deS von der (Gemeinde verpachteten „KaiserhofcS", denen selbstverständlich gekündigt wurde. Die „änticorruptionistische" Campagne, von der man in .Kremier Antisemiten kreisen eine neue Eoniinnnalära dalircn zu können hoffte, schloß mit einer Blamage, cinepl kläglichen Rückzug der Angreifer. «„Ungebührlich ansgeballscht."» In einer Versammlung des RcutiI scheiner „N a t i o » a l v c r c i n c.S dänischer Bürger' und Bauern" kam RcichSrathsabgcordncter Dr. .Haber inan» auch auf den Fall Dcckcrt zu sprechen, bczcichnelc die bezüglich desselben vom Ministerpräsidenten erthciltc Intcrpctlätionsbegntwortung als ungenügend und mattherzig, beklagte cs jedoch, daß dieser Fall, den er eigentlich als „unbedeutend" ansehe, von einem Theil der Wählerschaft und der Presse „ungebührlich aufgebauschr" und zum^ «Gegenstand von Angriffen aus die Bereinigte Deutsche Linke gcniachl werde. .Hierauf bemerkte Professor Schiwarz aus Mährisch OstraU, daß er eine mißverständliche Auffassung der Ausführungen Dr. .Haber- »lann's in Wählerkrcifc» und insbesondere in der gegnerischen Presse verhindern wolle, uäid erklärte, daß die Mißstimmung über die Behandlung des Falles Dcckert in einem großen Ai reise der Wählerschaft . eine wirklich tiefgehende und seiner Ansicht nach vollksmmcn berechtigte war, daß diese Mißstimmung durch die Inierpcllationsbcantwortiing nur noch gesteigert, allerdings durch die später ganz spontan erfolgte besrievigendc Acnßeruug des Ministerpräsidenten »derden gleichen Gegenstand wieder iheilmeise behoben würde: hätte die Bereinigte Deutsche Linke ihren Einfluß dghiu gellend machen können, daß schon die Antwort aus die Inlerpclkation in diesem Sinne erfolgt wäre, , so wäre zn' einer Mißstimmung kein Anlaß gewesen und cs lstitte sich dieselbe auch nicht geäußert. Um jedoch auch, dem Scheine eines Miß iranens ans den -Kreisen der Wählerschaft zn begegnen, beantrage er nachstehende Resolution: „Die Vollversammlung des .Naiionalvertincs deutscher Bürger und Bauern für de» .Kreisgerichtsivrengel Neulilschei»' anerkennt die ersprießliche Thätigseii. der beiden Reichsrathsabgeordncten des Bezirkes. .Herren Prosenar D.r I."'ef .Habermann nud Dr. .Hugo Für. spricht denselben das vollste Vertrauen an», erhossl auch von deren weiterer Thätiglei-l, ' daß dieselbe» mit ihrem vollen Einfluß in ihrer Partei anfirclen werden, daß bei jeder Gelegenheit sowohl-die Interesse» der Deutschen in Testcrreich, alS auch die liberalen «Grundsätze wie bisher gegen jeden Versuch der Beeinträchtigung, von welcher Teile ein solcher auch kommen mögej nach der Pflicht verthcidigt werden." Diese Resolution wurde einhellig an genommen * Proceß Aiijmivfi.) Aus L e IN berg wird berichtet: In Folge der von der Staatsanwaltschaft, erhobenen Berufung hat da» Oberlandcsgericht die Strafe des gewcfeneir. Finanzconiniissärs Eonstantin .KijanSki, der vom hiesigen Strafgerichte wegen verschiedener Malvcrsatione» im Salzdcpartcnient des LaudeSausfchnsseS zu zehn Monaten Ai crkerS vcrnrthcilt worden war, auf zwei Jahre schweren Al c r f c vi« erhöht. — Die Bedeutung des Processes Kijanski hat neulich ein im „Freien Blatte" veröffentlichter, von wohlinformirter Seite hcrrührcndcr Artikel eingehend crörkcrt.' ((.nuc Mahllllllss z»r Tllldsülllktit. Nicht alle Archimandriien' der Bukowina sind so geartet wie der Geldgeschäfte für seine Angehörigen betreibende Znrka» AuS Suczawa wird gemeldet, daß der dortige Älostcrprior Archimandrit E i u n t u l c a c anläßlich, einer Wallfahrt in Gegenwart einer nach Tausenden zählenden Volksmenge - eine Predigt hielt, in welcher er zur Duldsamkeit mahnte. „Der Christenglaube," sagte er,, „ist Liebe; nicht Mutterliebe, nicht Kinde«- .