Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 119 (15.7.1894)
- Date
- 1894-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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>-/ Seite I freies 23 I a 11. ,uTbimnibä iinb Ofabclla« die Juden bcn Befehl erhielten, binnen vier '.Vioitatcii Spanien;u verlassen, wurde die Frage für daS unglückliche Volk eine crnüe, wohin in der Welt sie. ihre Zuflucht nehmen sollten. Om christlichen Europa waten ihre Glaubensgenossen den grau'annten Verfolgungen anSgesetzt und wo sic dein Namen nach geduldet waren, von Beschränkungen umgeben und durch feindliche OVu'tK der Armuih und Zurücksetzung prciSgegcbcn. In Folge der Nabe zu ibrem Heimatslaudc und wohl auch des Umstandes wegen, d:ü -."'eit der Behauptung Spaniens durch die Mauren die jüdische Bevölkerung sich in einem gewissen Grade der Gerechtigkeit und Würdigung zu erfreuen batte, wie sie unter «den christlichen Bölkcrn der unierdrüekten Gemeinschaft sonst nirgends zjuthcil wurden,' entschied ei» beträchtlicher Theil der vertriebenen Israeliten sich zur Ausivanderung' nach ddn Berbcrlaudcn. Doch das Ergebniß war den Borans'etznngen durchaus nicht aiigcmcsien. Die Mauren am afrikani'chen liier der Meerenge waren von wilderer, barbarischerer Art als ibre Slaiuuicsgeuoffen .in Spanien. .Das Luid war zum großen DKeile von wilden moSlimischcn Stämmen bewohnt, die, nur der a?er>scharr ihrer.Häuptlinge nnlerlhan, von hefligstcr Feindschaft gegen alle Äiidersgläubigcn crslillt waren. Es wild erzählt, daß, so oft cuie Schii'staduug unglücklicher Auswanderei an den Küsten der Beiberci aies Land gebracht wurde, sofort fanalischc GrwaltthStigkcitcn gegen die Unglücklichen inö Werk gesetzt wurden. DaS Edict, wodurch die Juden aus Spanien vertrieben wurden, war von Paragraphen begleitet, durch welche in Wirklichkeit ihr Ben lögen der EonsiScation ver'iel, doch wären viele von ihnen so glücklich gewesen, einiges Geld und Juwelen zu retten, besten die armen Spsir christlicher Bigotterie nun von den luubammcdauischcn Fanatikern ii schonungsloser Beeise beraubt winden. Heimatlos, srcnndlos und au> geplündert, mußten sic uuuuiehr im ungastlichen Mäurenlande als uninllkommcne Gäste verbleiben, reu den Eingeborenen gehaßt und verachtet, Gesetzen unter-, ivorseu, welche, statt sie zu schüfen, sie verfolgten und den täglichen, stündlichen Insulten und Gcwalrihärigkcitcn ^iner unwissenden, rohen Bevölkerung aussetzien. Biele starben unter der Last dieser endlosen Quälereien oder von den Bergstämmcn hingemordct. Andere wurden in die Delavereiverkauft oder kehrten, uiifcshig, solchen Existenz-, beeiugungcu in Marokko zu trotzen, nach Spanien zurück, wo sie als Preis 'ur die Erlaubuiß. sich in ihrer Heimat uicdcrlastcn zu dürfen, das El:ristel77hum annahmen. Die Uebrigcn verblieben in Marokko, iro sie sich bauvtsächlich in den ilüstcusiädkeu sestsetzten und wo ihre Abkömmlinge noch bis zum-heutigen Tage fortlcbcn. Die au der Nordküne ansässigen Juden sprechen einen veralteten, ''vanischen Dialeet, denselben, der zur Zeit ihvtr Bcrircibuug in Gebrauch war, beobachten strenge ihre religiösen 'Gebräuche nud tragen tumeist uvck> tue alte sileidung, die ehemals in Spanien und in der Berberei als ein Merkmal ihrer Erniedrigung galt. Die Lage dieser Elasi'e-der. eingeborenen Israeliten ist in den letzten Jahren um Biclcs' b.s'er geworden: sie werden jetzt durch den raich wachsenden europäische» Eiusiuß geschützt,. und der. Handel ruht zum großen Tb,eile in ihren Händen, iii sic die vornebmsie» Ba»auicrs sind, steigt ihre allgemeine- B-o!ck'.ib-.i, und viele bekleiden sogar die Stellung von Bcrtretern tran:esi'cher und englischer Mereantilsirmen. Ihre soeiale Stellung ist j>e-r uberhauvt eine viel bestere, als sic vor etlichen Jahren war, eine Tbat'ache, welche vielleicht vorzugsweise einer Erzieh»ngsbcwegung zu dank.» ist. die unter ihnen vlalzgegristen hatj und ohne Zweifel sic r.ocki günstiger siluiren wird, als sie cs in den Staaten der'Bcrberci geive'en sind. Bekanntlich wurde die Pariser -Alliiitf- I>,zu dem Zw...ke gebildet, den >inaben derjenigen Judcugeiucindc», welche wie j ue in Marokko, unter einer despotischen Regierung lebend, wegen i!nn Rare Bedrückungen uiikcrwoisen sind, ciyc tüchtige europäische EtZi.l uug zu geben. Man glaubte, wenn man die unwistenden und .tniedrigten Belts«.lasieu 'durch Erziehungsmittel heben würde, daß sic 'adu-.ch s.ür die Zukunft weniger der Bedrückung würden ausgcsetzt n-.'-d-u. Jusivveik Kal dieses Snstcm sich auch in der Dbat sehr . bewabrr. Man verstand es, die geeigneten Bohrer und -tuen nir die in Tanger, Tetuau, Fc> imd Tunis errichteten T brranzast-si.-n» wo die jungen Israeliten, die früher in Un- : au>'g'wachsen waren, jetzt mir Erfolg in Geschichte, Geo- >:'• w. . F.-aauzest'ch, Eugli'ch, Spanisch, Mathematik, Musik und Kunst » ' i'"t w.r.- n B-aluend eines vor aiurzem der jüdischen Schule Rn aus..- arg si".:e:en BesitcheS Harke ich '^clögenheif, die Riesenfortschritte d.-. S::: beebachten. welche, mir dem ihrer Race cigcnthümlichen, I.ll.a'i..! Berstäv.dniß begabt, Erfolge erzielen, die man bei englischen al'.nd.ru der gl-ichen Aiter-sstnfe durchschnittlich kaum für erreichbar halten ivüede. L,e 's gliicklich begonnene Erziehungsbewügung wird nun vorausuch'lich «ich mehr und mehr verallgemeinern, efnes der verhcißungsro.lsie.i Zeichen siir die Zukunft der spanischen jOiiben von Marokko. Die zweite Elaste der eingeborenen Israeliten, die maurischen, sind die Nachkommen derer, die einst nach der Eroberung Palästinas durch die Römer bei der allgemeinen Zerstreuurg ihres Volkes ihrcn Weg nach Mauretanien fanden, wo sie sich nie »erließen und in verschiedenen Städten kleinere Gemeinden bildeten, waren diese Einwanderer, so lange die römische keiner besonderen Ungerechtigkeit ausgcsetzt: als daner mit Beginn des VIII. Jahrhunderts die Eroberung dieser Länder beendet hatten, befanden sie sich unter c auf die Gegenwart einer systematischen Verfolgung Noch jetzt müssen im Binnenlande die Juden baifuß in den Straßen cinhcrgchcn, und wenn sie einmal in anderer Klc die Beleidigungen des Pöbels gefallen lasten; Nr. 1Il> Anfangs, scheint cS, Herrschaft andauebte, aber die Muhammc nein Joche, das bis gleichbedeutend war. düng erscheinen, sich auch sind sie zum WohnnngSaufcnthaltc in einem besonderen Stadtlhcil verurtheilt, dcr auS engen, schmutzigen Gäßchcn, Mellah genannt, zusammengesetzt und von Mauern umgeben ist, deren Thorc bei Nach! gesperrt sind. Ihre Sprache ist der in Marokko übliche arabische Dialeet, doch -gibt cS Schulen, die in Verbindung mit den Synagpzcn stehen, wo die Schüler gelehrt werden, die heiligen Schriften hebräisch zu lesen, und damit ist wohl ihre Bildung zu Ende. Die „AUirtice Isrm-lite“ macht jetzt Anstrengungen, ihnen dieselben Erzichungsiortheilc zu bieten, welche die Gesellschaft seit mehreren Jahren ihrcn Glaubensgenossen in den Küstcnstädten zuthcil werden ließ, und hat bereits eine Schule nach europäischem System in Fe; etablirt. Da >cr erste Schritt gelungen, soll, im Falle die Mittel ausreichen werden, ein derartig tüchtiges modernes ErzichungSsystem auf verschieden: Städte und Flecken innerhalb des gesammtcn Kaiserreiches ausgedehnt werden. Unter den wilden Stämmen der Risfbcrgc und den nomadischer Stämmen dcr Ebcncn kann man eine Menge maurischen Juden finden. Sbwohl in einer Art Leibeigenschaft lebend, sind sie dcnnocj nach Allein, waS über sic berichtet wird, vollkommen zufrieden, da sie gut behandelt und von ihren uknhainmcdanischcn Gebietern gl gen jederlei" Unrecht geschützt werden. Es ist eine bezeichnende Thals »che überhaupt, daß der Jude erst auf einer höheren Eivilifationsstnfe, wenn er in den Städten lebt, gehaßt und für die muhammedani che Bevölkerung ein Gegenstand der Verfolgung wird. Tic Atlas-Juden bilden die dritte Elaste der einzcboreucn Israeliten. Besonders cigcnthümlich ist ihre sagenhafre Geschickte, wonach zu einer sehr entlegenen Epoche, bereits vor der babylonischen Gefangenschaft, gewisse politische Erschültcrnngen, die den jüdischen Staat aus seinem Gleichgewicht brachten, bedeutende Polksmastcn veranlaßt hätten, Judäa zu verlassen, um eine ncuc Heimat zu suchen. 'Si: wandcrtcn entlang den südlichen Gestaden des Mittelländischen Meeres, bis sie i» das jetzt unter dem Namen Marokko bekannte Land keine», wo sie von den dainaligen Einwohiicrn, cincm Bcrbcrstammc, frcrndlich aufgenoyline» wnrden und volle Religionsfreiheit erhielten. Al«! Hann nachcinandrr dic Karthager, Römer, Vandalen und Araber in len Besitz des Landes kamen, wurden diejenigen von den Bcrbcrstümivcn, die sich cincin fremden Joche nicht beugen konnten, allmälig i i die Bcrggegcndcn, insbesondere in die der große» Atlaskette zurückgcd üngt. Die früheren Juden theilten ihr Los, und ihre Abkömmlingc leben noch jetzt in cincm Zustande voUkommencr Freiheit bei den Gebirgsbcrbcrn. Die Atlas-Juden sprechen den Bcrberdiatcct, sind nute.- den Bcrgstämmcn zerstreut, dürfe» Waffen tragen und sollen ein tafferes, nnabhängigcs Volk sei». Mit den Inden der Ebenen stehen sic in nur sehr geringem Verkehr: der winzige Handel, der von den Bcrzcn ausgeht, ist in ihrcn Händen. Pia» sagt, daß sie nur einen Thcil der hebräischen heiligen Schriften besitzen. Richardson führt in feinem Werke übcr Marokko den byzantinischen Geschichtsschreiber Proe ipius als Gewährsmann dafür an, daß zur Zeit, in welcher er sch icb, im VI. Jahrhunderte, in 'Nordafrika eine Stadt 'Namens Tigif S existirte, wo eine Säule die folgende merkwürdige Inschrift gchab! habe: „Wir sind Jene, die vor dem jüdische» Räuber Josna, dem Sohne Nuns, ge flohen sind". Einige sind der Ansicht, dieses T gisiö sei nahe dem jetzige» Tanger gelegen gewesen, aber die allgein ine Anschauung ist die. daß cs eine Stadt in dem jetzt als Algerien bekliinten Distrikte gewesen sei. Die Angabe des ProcopinS wird durch eine Traditio» unter den Berbern unterstützt, hie behaupten, daß ihre Vorfahren ehemals Kanaan bewohnten, aber durch de» Einfall ein r Jndcnhordc vertrieben worden seien. Sollte cs sich bestätigen, »«aß die Berber-von früheren Bewohnern Kanaans sich herlciten, so ist cs nickst 'wenig sonderbar, daß die beiden Stämme, die so lange i liteinandcr um das Land von Milch und Honig im Kampf waren, a»i Ende ihrer Wanderungen jetzt friedlich und härinonifch Zusammenleben — in den hohen, einsamen Bergketten des Atlas von Marokki.