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Freies Blatt · 1894-07-15 · 119 (15.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
119 (15.7.1894)
Date
1894-07-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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i reite 2 Freies Blatt. Br. 111+ der liberalen Partei zu hoffen, wenn es sich darum handelt, den Antisemiten in Momenten von princip ellcr Bedeutung entgegenzutreten. Man spielt in vollständigem Verkennen des liberalen PrineipeS noch immer den Vogel Strauß und sucht den AntijeinilisniuS als eine Sonderangelegenheil der Inden hinzustellen. Aber daß die liberalen den Antisemiten nicht wenigstens dann mit aller Energie entgegenireten, wo eS sich nm ihre politische Existenz,, nur ihre Mandate, um ihre Einfluß'phäre handelt, daS scheint uns ganz unbegreiflich. Wir habe» an der intacteu Existenz der liberalen Partei ein viel zu hohes Interesse, wir halten sie trotz alle- und alledem dennoch vermöge ihrer Traditionen und Principien immer noch für die zur Abwehr des Antisemitismus eminent berufene Pariei und können daher nur mit größtem Bedauern ihren dermaligen pathologischen Zustand mitansehen. Nicht alS Nergler und Gegner, sondern alS aufrichtige Freunde und begeisterte Kämpfer für die Ideale des Freisinns müssen wir daher der liberalen Partei ein Erwachen aus ihrem dernialigen somnolenten Zustande empfehlen und ihr immer und immer wieder ein warnendes und eindringliches o.i 'Utiuiili-in zurufen. alle FortschrittSfreunde verunglimpfen und Herrh Rudolf Holzer, einen opferwilligen Mann, der sich durch seine Leitung der Arnieninstitute im Bezirke große Verdienste erworben hat, zum Rücktritte bewogen. Zugleich mit Herrn Restauratenr und Feueiwehrhauptmann-Stellvertreter Holzer legten auch folgende fortschrittliche Armenräthe ihre Mandate nieder: Postbeamter Bayer, Cafetier Gustav Hein, Mefferschmied Kreitscha, Meßapparateerzeuger Ferdinand Putschi, Wirthschaftsbesitzer Höferinaier und Privatbeamter Josef Schönberger. Ferner verlautet, daß die übrigen wenigen Fvrtschrittsmänner, die noch im Armenräthe verblieben, nur die Erledigung ihrer Acten ab warten und dann gleichfalls deinissioniren werden. In Währing wird bald auch die Aruienpflege ganz antiseniitisirt ^ein. Wohin soll das führen? J. - , . C i n W S h r i n g e r. Lin Losungswort. Dlz) 3auntaim in Mübring. Wäliring ist nun ganz in Anriseuiiienhändeii. AlS eS noch eine selbstständige EKmeinde bildete, da waren eS die beiden letzten um Währing io bochverdienten Bnigermeister, welche der reactionären Bewegung mit Ei'olg Halt geboten und die Verwaltung vor jeder rückschrittlichen Tendenz zu bewahren verstanden. AlS aber vor drei Jahren Währing nach Wien einbezogech wurde und .aus Grund deS neue» 2 tarnte die BezirkSverlreiungen ins Leben traten, da hielt auch bereits eine antisemitische Opposition ihren Einzug in die Bezirksstube. Man begnügte sich von dieser Seile zuerst mit allerlei Getratsch, man stichelte und wart Worte in ' die Versammlung, die keiner Beachtung würdig erschienen Toch im Laufe der Jahre wurden Ersatzwahlen vorgeiioininen, und da zeigte eS sich erst, wie die Anti femiten eigentlich gearbeitet, wie |ie die Zeit für ihre unsauberen Zwecke auszunützen verstanden haben. Es ist ihnen durch die unlauretsten Mittel gelungen, bei denkfaule» Leuten die. Liberalen an;» schwärzen und sich dadurch emporzubringen. 'Nach dein Rücktritte des liberalen Bezirksvorftehers begann die neue Aeia des Herrn Baumann. Tiefer Mann, dessen. cimiriilnm \it.ihier in Kürze skizzirt werden soll, war zuerst Bnchbindergeselle, daun Kellner und wurde nachher glücklicher Schwiegersohn eines verirr,senden Landwirihes. Nachdem er eine» kleinen Weinschank errichtet hatte, lueli er bald seinen Einzug in die Währinger Rathsstube, wo er nun als. „Rationalereinmal von der Farbe Schönerer'S, ein anderesi mal von jener Lteiüwender's, stets Opposition machte. Tabei ging 'ein Streben immer hoher, und als vor niehreten Jahren eine Laudkagswalil vär;»nehmen war, da gab eS einen scharfen Kampf zwiKtien dem damals liberalen Bürgerineister von Hernals, Helbling heute auti'emitiicher Bezirksvorsteher , und dem Gemeindeausschusse ron Wal ring, Anien Baumann: Letzterer wurde ans Grund deS „Linier Pre.zraiilines" in> die Landstnbe entsendet. Wenige Jahre stzäser gingen die Reichsrakhswahlen vor sich, und die „schwarze Turchlauchl" candidirle. Ta veranstaltete Baumann beim Elterlein eine P:et.ftveisanimlung, in welcher er seinen erschi.neuen Wähler» .inen .heiligen Schwur" leistete, daß, wenn das von ihm im Land ieae re.ncteite l^ebiek .den Prinzen Liechtenstein in den ReichSrath u e.l'l:, er. denen deut'ch nationales Programm nie Hand in Hand mit den „eletiealeit Tendenzen" gehen kan», sofort aus sein Mandat ver-; ch:en werde. Tie Folge har zur Genüge gezeigt, wie die Anlisemiten 7 r:: ü.!;it, Wort zu halten. Liechtenstein und Bauniann haben - ii >r:: r verständigt, sie fuhren mitsammen, sie beriefen gemein- >! i't.!, Lb l ürinniinngen ein. in welchen sie ihre Rechenschaftsberichte;uif dem Anhänge Liechienstein'S verdankt Banmann 'ckineü. ü di- >:::! dem hübschen Nebeneinkontmen von lrstXfl. dotirte. ein s Bezirksvorstehers. eii;:::*v:i uns noch ganz genau jener Sitzung, i» welcher B.iuinaii das ersteuial als Vorsitzender im Bezirksausschüsse sungirte. und in welcher-er sagte: „Tcki irerde eS versuchen, objectiv zu sein." Wir haben bis jetzt nichts von T bjectiviiät gemerkt. Herr Baumann ,'k auch Hcraiisgeler eines auli'emilischen Blättchens, der im Bezirke Währing sait'am bekannten „Währinger -Bezirksnachrichte»", welche Victorine Gräfin Butlar-Hainhansen »erfenbet autographirt einen Artikel über den Antisemitismus, der in ho!»ein Grade Beachtung verdient. Tic vornehme Frau, welche in ihrer Milde und Nachsicht auch in dem antiseinitischen Heerlager „Millioien edler Menschen" findet, betont, daß in dieser Sache nur die inparteiische, gerechte. Menschenlicbe das LösungSwort auSsprcchcn kann und unterzieht von diesem Standpunkte aus den AntiscmitiSiuuS <i»er eingehenden Erörterung; sic schreibt: „Das Jlldenthuin ist die C.uetlc unseres Elends. Tein verruchten fremden Volk, das sich uns aufdrängt, ist unser« ganze Nothlage zu-' zuschreiben!" So tönt's von diiscr Seite. — .Der Antisemitismus ist die schmählichste Erscheinung deS nennzehntcn JahrhuildertS, die Aiiliseinite» sind eleyde Schurken, deren schwarze Seele mit dein Gift des HasieS und Neides erfüllt ist." So schallt daS Echo von der anderen. Wer hat Recht? Wer Unrecht? Sind nicht vielleicht beide betrogene Betrüger? Wir ineinen in Auerba h's Keller zu sein. „Falsch Gebild und Wort verändert Sinn und l)rt!" Wan» wird das befreiende Wort ertönen: „Jrrthnui laß loS der Augen Band!?" 'Nur die »»parteiische, gerechte Menschelllicbe kann dieses Lösungswort aussprechen, und so soll denii von diesen, Standpunkte aus der wichtigen Frage, die augenblicklich Millionen edler Menschen erregt, »ahegetreten werden. Edler Menschen! — und da nit »icine ich beide Heerlager ohne Unterschied, Jude» wie Antisemiteil. Betrachten wir uns erst die Frage vom jidischcn Staudguinkte aus. Es ist ein Recht, daS man den Angegriffen n, in der Minderzahl Befindliche» wohl zugestehen darf. Sehen vi>! uns die Inden als Volk, vom Standpunkte der Race und »Geschichte, dann als ReligionSbckenncr und zuletzt in ihrer wirthschaf»liehen und sittlichen Rolle an. Als Race kann überhaupt bei ihnei ebensowenig von reinem SeuiitiSinnS die Rede sein wie bei den heutigen Deutschen vom reinen Gerinanenthnm. Es haben bebrütenbc Raceninischnngen stattgefunden, längst che dieses Volk in ällc Welt zerstreut wurde und er/'t recht seit dieser Zeit, wie ja z B. Renan die westeuropäische» Juden zuiu Theil aus znm Jndeilthum übergetr« tenen Galliern entslainmen läßt. - Daß übrigens der semitische Stamm keine so »crächtliche Rolle in der Geschichte spielte, dafür mögen die Thateu der Phönicier von ihrem ersten Auftreten i» der Geschichte bis zu Hannibal, sowie die der Araber einen Beweis liefern, wenn wir die der Juden selbst außer Acht lasten wolle». Letzteres ist aber wenigstens iiit Hinblick auf eine Episode dieser Geschichte nicht möglich, nüuilich die, welche sich in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung absp elt, denn Christen haben nicht das Recht, die Thalen der aus jülischem Blute enksprostencu Menschen zu vergesten, denen sie ihre Heligion verdanken. Mir war es nie verständlich, wie man eine Rac: schmähen könnte, welche solche Abkömmlinge'hervorbrachte. Sehen >»ir uns der Juden Geschichte alS Volk näher a», so finden wir vic e Parallelzügc mit der deS so hoch in unserer Achtung sichenden der Griechen. Wie diese' reiben sic sich im Parteihader auf, unterliegen dcn mächtigen Nachbarn und schließlich der allmächtigen Roma, der beide gleichviel zu schassen machten. Wie die Griechen zerstreuten ie sich über aller Herren Länder und eroberten geistig die Eroberer. Nur ist eS ihnen nicht ebenso vergönnt gewesen, einen Rest ihrer! iationalität selbstständig zu erhalte». Ter Widerstand gtgcn den mächtigen Bedrücker war so viel eliergischer alS der der Griechen, daß Ri in sich nicht bester zu helfen wußte, als indem es der Nation schließlich überhaupt ein Ende bereitete und sie in aller Herren Länder z'erst reute. Reine Fabel ist, waS heute von ihren Gegnern bezüglich eines nationalen Zu saiuuieuhalteS gefaselt wird, wobei besonders die un l.--rn>'-Iit>-" hcrhalten muß, eine internationale Wihlthätigkeits- und chuldige „Allittnce i

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