Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 118 (8.7.1894)
- Date
- 1894-07-08
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441535--1375-4887833- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 118. Freies solgeudc Briefkasten-Noliz: „Dem bctqnntni Schriftsteller mib germanischen Dichter Tr. Adalbert v. Hanstei» ist z»»> l'oh» für sein liebedienerisches Eintreten für das Jndenlhnin eine echt orientatischc Fra» als Gattin beschieden worden, lieber die Mitgift löntie» wir »och nichts Näheres wittheilen." Dr. v. Hanstei» reichte ans Grnnd dieser Notiz die Privalklagc gegen Scdlazek tin. Dieser erklärte i» der vorige Woche stattgrhabte» Gerichtsverhandlniig, daß er für de» Artikel nicht verantwortlich sei, da der Briefkasten die Domäne de« Herr» Schweinhage» sei, der die Notiz versaßt »nd selbstständig in die Druckerei gegeben habe. Der Gerichtshof lehnte aber eine Beweiserhebung »ach dieser Richtnng hi» ab, da er der Ansicht war, daß der Angeklagte als Thäler zu betrachte» sei, weil er zugegebenermaßen keinerlei Ar.ordnnngc» dahin getrofse», daß derartige Briefkasten Notizen Schweinhagen'S ohne seine Genehinigung nicht ansgknomme» werden sollen. Rechtsanwalt Horwitz als Bcrlreter deS »läger» betonte, daß Dr. v. Hanstei» sich nicht etwa dadurch beleidigt fühle, daß seine evangelische Gattin fälschlich zu einer Jüdin gestempelt worden sei. Die Beleidigung liege in dcm Borwnrs, daß er sur die Mitbürger jüdischer Eonscssion nur in der Hoffnung aus Btlohnung eingetreten, und daß er diesen Lohn ge siniden in der Mitgift seiner Ehefrau. Dari» liege der Porwurs der Feilheit der Gesittiiuttg und der moralischen Prostitnlio». ES handle sich hier um eine höchst verwerfliche, alles Maß überschreitende Ehrenkränknng, für welche eine Gesängnißstrase angemesien erscheine. Der Gerichtshof war ebensalls der Ansicht, daß eine sehreerheblichc Beleidigung vorliege, er hielt jedoch eine Geldstrafe sür ausreichend und bcmaß dieselbe auf All» Mark, eventuell kt» Tage Gesängniß. Dem' »läger wurde auch die Besugniß zur Publicalio» .des gerichtliche» UriheilS im „Antisemitischen Generalanzeiger" und i»> „Berliner Frcmdenblalt" zugesprochen. (Ein Seufzer a»S vollem Hcrzcu und leerem Beutel.) I», Böckel'sche,, „NeichShcrol d" findet sich folgende Notiz: „Nach zweijährigem Bestehen ist Trnmonl'S Zeitung ,L;i Lil'i'e Parole', das erste antisemitische Blatt Frank reichs, in der Lage, ihre» Actionären eine Dividende von 30 Francs zu ge währen. Die französischen Antisemiten sind also den deutschen in Bezug aus ^pfcrwilligkeil in der Untcrstüputtg ihrer Presse weit voraus." Wenn ■ jemals ein Seufzer au« vollem Herzen und ans leerem Beutel kam, so ist eS dieser. Eseleien uuversländigcr Schichcrrihcn.) Ein Hamburger Attliscmiienblait schreibt: „Auch tvir verurlheilen ganz entschiede» diese Kleckserei mit dem Stemvcl -»anst nicht bei Juden'. ttnS ist es nnbcgreistich, wie Jemand glauben kann, durch solche Eseleien dem AnliscniiliSmnS auch »nr einen Anhänger znzuführeii- Schcn den» diese nnverständigen Schmierrißcu nicht ei», daß ihre .Arbeit' u»r Schaden bringt, fühlen sie nicht, daß ihre Sudeleien jeden anständigen Menschen anwidern müsstil V Anständige t'eule werden dadurch womöglich von unserer Bc»vcgnilg ferligehalten, Radaubrüder dagegen »n» zngesührt" Lcinlleron. Die Empörerin. Rvlnan nach dem Englischen deS Walter Besa,ut von Marie Ma>er. (Lv. ,zorl>ez»l»>i.) „Nun, Emanuel," sagte Angclo, „die Wahrheit ist, daß, als Sic bei iitiv erschiciicil und diesen Brief von Hamburg vorzcigtcn, ich soeben;u uicincni Bruder, von Ihrem Weibe gesprochen hatte." „TaS geht inich nichts an. Mein Weib ist tod't. Ich habe kein Weib." I „C ja, Sic haben eines! Aber höre» Sie weiter. Wir sprachen über ihr Berinögen, cS war, wie Sic wisse», ein ungcheurcS Bcrniögeii. War — ach! Wir besprachen, wie schade cs sei, daß cS nicht in der Fainilic bleibe» sollte -— in Ihrer Familie — oder in der Familie Ihrer Frau."' „sticht meiner Familie. £() ihr Geld ihrer Familie erhalten bleibt, das kümmert mich nichts." „Sie sind so stolz wie Kneifer. Die Fainilic Ihrer Frau ist auch die incinigc. Mein 'Jiaittc ist —, Albu. Ich und mein Bruder sind Bcttcrn zweiten Rangcö von Jsabella Albu, Ihrem Weibe. 'Nun, als wir Sie sahen, kam mir der Gedanke, daß Sie vielleicht das Mittel sein könnten, daß dieses Berinögen nicht in fremde Hände fällt. Ich wußte nicht wie — vielleicht durch eine Bcrsöhnung mit Ihrer Frau, ich wußte cs wirklich nicht." „Sie konnten mich nicht mit meiner Frau versöhnen. Sic müßten meine Frau Herdringen zu mir, untcrwürsig. Doch, ich denke, cs würde Ihnen nicht gelingen, cö sei den», daß sic sich thatsächlich geändert habe." „Nein."'Mr. Angclo lachte. „Da gibt'ö nicht viel Unterwerfung. 'Nun, Emanuel, Sie sehen. Jedermann hat Sic hier licbgewonne». Nelly — jetzt Lady Selscy — und Clara und jenes Mädchen Franziska, sie Alle schwören, daß Sie der beste und der weiseste Mann Blatt. Seite l». aus der ganzen Erde sind. DaS ist, weil Sic sich nichts ans beul Geldc machen. Mädchen, die Alles habe», was ihnen, für <Rld ge kaust ivcrdcn kann, achten daS Geld nie. Es ist jammerschade, daß Sic nicht bleiben "können. Aber >vas ivicdcr das Berinögen betrifft -- ich bi» begierig, wie Sie die schreckliche 'Nachricht anfnchnic» ivcrdcn, - Enianucl. DaS unermeßliche Berinögen — Millionen und Millionen — cS ist dahin — cS ist zerschmolzen — cs ist Alles gcstolile». Ei» schurkischer Banquicr, welcher die Renten cinzog, hat den Name» Ihrer Frau gefälscht und daS Geld gestohlen und auf der Börse verspielt." „Hat sic ihr Berinögen verloren? Spat ist'«, daß sic diese Vcctio» cinpfüngt — für Biele eine harte Lcction — die Ersahrnng, daß wir Alle besser sind ohne Geld." „Sic gehen zurück in die Wüste, Emanuel, nicht wahr, Sic sagten so. Halte» Sie lieber diese Reden, wenn Sic in der Wüste sind. Für mich ist'S ekelhafte Dhorheit. Also — Ihr Weib hat ihr ganzes Berinögen verloren. AllcS; waS ihr übrig ge blieben, ist ein großes Haus mit langer Micthzcitsic wird versuchen, cS zu vermicthen; sic hat eins: Menge EinrichtungSsacheu, Alles gut, einiges sogar sehr gut, sic HÄ ihre Juwelen — glücklicherweise ist sie sehr eingenommen für Schmuck, sic hat Diamanten und Rubine» — o, sehr schöne Diamanten und Rubinen; sie hat ihrx Bücher und sic hat das, waS sie Bilder nennt. Sic versteht so viel von Bildern, wie Einer von den Arabern, mit denen Sic in der Wüste leben werde». Nicht eines im Hause ist eine Zchnpfundnotc werth; nicht ein Bild noch ein Stück von Iirie-n-bine, ich gebe Ihnen mein Wort. Ich würde mich schämen, eine dieser ihrer Sachen einem meiner Freunde zu schenken. Eö wäre schlimmer "als ein straub, denn man ivürde sagen, mein Auge ist dahin — mein Auge — der sechste Sinn eines Kunsthändlers. Aber die Diamanten und die Dinge sind gut, das gebe ich zu, und ebenso die Einrichtung. Ich denke, wenn Alles verkauft wird, so könnte sie bei sechstausend Pfund hcrcinbckösnmcn -- sechstausend Pfund _ aus ihrem Berinögen von Millionen . sechstausend Pfund und ein paar hundert aus der Bank. Sechstausend Pfund, die zwcihundcrtvicrzig Pfund jährlich, und das für eine Frau, welche zehntausend jährlich ansgcgcbcn hat und scchzigtauscnd hätte aüSgcben können, wenn sie gewollt Hütte." „Es ist eine wohlthütigc Bcründcrung für sic. Der Besitz des Geldes gab ihr ihrer Meinung »ach das Recht der Autorität, Nun wird dieses Recht wohl verschwinden." „Ich sage Ihnen dies nicht, weil ich glaube, daß Sic sich über de» Bcrlnst grämen werden, sondern weil Si? dabei bcthciligt sind, in einer Weise, welche Sic vielleicht schon vergessen haben. Ei» Mann.^wic Sic, vergißt leicht ctivas, ivobci daS Geld eine Rolle spielt. Wenn cs nur ein weiser Spruch über die Eitelkeit deS Geldes wäre, dann würde» Sic sich schon erinnern können. Es ist Folgendes: Als Sie heirateten, vor beiläufig ziveiundzivanzig Jahren, da hatten Sie kein Geld." „Keines. Ich lebte von der Feder und von meinen Borlcsnngcn über Chemie. Ich hatte kein Geld damals, ich habe nie Geld gehabt. Ich danke Gott dafür." „Sie vergessen. Am Tage Ihrer Bcrchclichung wurde zu Ihren Händen ein Documcnt überreicht. Erinnern Sic sich an dasselbe'?" „Nein, ich erinnere mich nicht daran." - „Also, da Ihre Braut damals mündig >var und fähig, das zu thun, bcstinimtc sie Ihne» für Ihr Leben ein jährliches Einkommen von sünfzigtauscnd Francs oder zivcitauscnd Pfund. Es war ihr (^eschcnk — und ein fürstliches Geschenk obendrein — für ihren (satten TaS Geld sollte für Ihre Rechnung an eine zfondoucr Bank gezahlt werden." — „Halt," lief Emanuel schnell. „Ich habe nie irgend ein G^sd von meiner Frau genommen, nicht einen Heller." „Weichen Sic nicht aus. Ich will Ihnen gleich fugen" Einen Monat später trennten Sic sich von Ihrem Weibe. Sic sahen Ihr Weib »och einmal, ein Jahr später. Dann schieden Sic ivicdcr von, ihr. Dieses Geld ist seither stets erlegt worden für Sit jedes S-nartal — fünfhundert Pfund jedes S-uartal — bis 31111t letzten Dermin, wo es anfhörtc, weil das Berinögen dahin war. Beginnen Sic zu begreifen'?" „Ich denke." „Zwanzig Jahre. Zweitausend Pfund jährlich, nichts berührt. Es liegen nun dort fizr Ihren Credit vicrzigtauscnd Pfund. 'Nicht weniger denn vicrzigtauscnd Pfund. Sic sind ein reicher Mann, Emanncl — Sic, der Sie just dcm Gotte Israels dankten, daß er Ihnen kein Geld gegeben hat, Sie sind ein reicher Mann." Emanuel setzte seinen Hut auf. „Ich muß gehen," sagte er. „Ich muß früher gehen als ich beabsichtigte. Hören Sic! Ich weide dieses Geld nie berühren — ich will cs nicht haben. Sic soll cs zurück nehmen. Bon der Frau Geld nehmen, die sich weigerte, ihrem Gatten