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Freies Blatt · 1894-07-08 · 118 (8.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
118 (8.7.1894)
Date
1894-07-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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II r. 11«. Freie (5l(ru£ mit dem Laien entzweite nnd ihn consegnent zu jener Entartung führte, in welcher ihn die letzten Jahrhunderte des Mittelalters zeigen. Jener Gegensatz zivischen Clcru« und Laien, der sich wie ei» rother Faden durch da» ganze kirchliche und sociale Leben der letzte» Jahrhunderte de? Mittelalterhindurch- ,ieh>, wäre i» den früheren Zeile» der Kirche nninöglich gewesen. Solange die ziirche ihre sociale Ausgabe nicht auS de» Augen ließ — konnte ei» solcher Gegensatz sich nicht bilden. Ter ganze Gang der Geschichte würde lvohl ein anderer gewotden sei», wäre eS geglückt, den ElernS au« seiner Bersumpfung heranSznzichen — in einer Zeit, da der Laienstand in Folge jener Begeisterung, ivelche die Krenzzüge überall verbreitete», zu einer so ausgezeichneten kirchlichen Slellnng sich erhob, >vie nie früher oder später. Es kam eine Zeit, da die Ärnien von Lhon eine Geiiosiciischast bildeten, deren Eristenz allein schon ein ichlimineS Zeichen für die damaligc Zeit ist. §o der von der Geistlichkeit prämiirtc Kirchcnschriftsteller Ratzinger. -mjr könnten noch Vieles auS seiner Schrift anftihren, woraus hcrvorgeht, daß die Kirche bis herauf zur 'Jfcujcit ihrer socialen Pflicht nicht iiachkain. Nur ihre sociale Stellung während ihrer Glanzzeit, die mit Papst Gregor dein VII. begann, volle zwei Jahrhunderte andaucrte und mit dem größten Papste, mit Jnnoccnz III., der von 1108 bis I^sii regierte, den höchsten Gipfel erreichte, haben wir hcrvorgehoben. Dazumal, wo dieser Papst mit Recht sagen konnte, daß die Könige Europas nur die Monde seien, welche ihr Licht von der in Rom strahlenden Sonne empfinge», hätte die Kirche etwas thun können, was aber nicht der Fall war. Demnach ist cs durchaus unzutreffend, ivenn die Christlich Socialen auf die volksfrcundlichc, sociale Thätigkcit der Kirche im Mittelalter Hinweisen und behaupten, daß nur n>it dieser im Bunde die gegenwärtige sociale Ungerechtigkeit abgcschasft werden könne." Für die Stellung der deutschen Social-Dcmokraten bezeichnend ist ein Bortrag, den ihr Führer, der Abgeordnete Bebel, im Juni in CH a r lo ttc n b u rg hielt, und in welchem er sagte: „Alle Schichten der Gesellschaft durchzieht der Drang nach Verbefsernng ihrer Eristenz, das Bestreben, vor Allem die materielle Lage zu heben. Es zeugt von keiner besonderen Geistesschärfe, wenn demgegenüber hie und da »och der Einwand laut wird, die Agitation, die ,wüste, gewissenlose', trage hieran die Schuld. Reben der großen allgemeinen Arbeiterbewegung, die sich seit ckrca dreißig Jahren, begünstigt durch besondere Umstände, stetig fort und fort entwickelt hat, lanfen noch andere Strömungen. Die alten Parteien, so widerwillig sie cs auch thatcn, sind gezwungen, mehr nnd mehr daS sociale Moment zu betonen. Wenn sic auch in ihren Programmen die allgemeine Rechtsgleichheit und andere schöne Sachen haben, in der Praris, d. h. in den Parlamenten, in Staat und Gemeinde, wo sic ausschlaggebend sind, tritt das Interesse für die Classc, welche sic vertreten, unvcrhüllt hervor. Sonst in so nnd so viele Gruppen gespalten, ist die Gesellschaft sofort geeint, sobald der Soeial-Dcmokrat ihre» Besitzstand bedroht; Beweis: die letzten Wahlen, Planen und nackj drastischer Pinncberg. Gerade die Antisemiten, welche immer so fürchterliche Gesichter schneiden, wen»/nur das Wort Jude erwähnt wird, werden ohne Zaudern gemeinsam mit den Juden gegen den Germapcn marschircn, wenn dieser Tocial-Dcmokrat ist. Falls eines Tages;. B. Herr v. Blcichrödcr die Stichwahl zwischen einem Antiscmiten und einem Socialistcn bceinfluffcn könnte — daS capitalistische Herz würde zu Gunsten des Judenfressers cintrctcn. Der Capitalist steht eben näher als der Jude. 'Welchen Schichten entstammt diese Bewegung'? Der Mittelstand im Gewerbe und im Bcamtenthllin bildet den Stamm. Auch nntcr den Studenten ist der Antisemitismus ziemlich verbreitet.. Man plappert gedankenlos nach, daß der Jude an der ganzen Misi-rc schuld sei, und begreift nicht, daß ticfwirkcndc Ursachen, der cinundcinhalbtauscndjährige Druck die Juden, das auserwähltc Volk, erst zu dem gemacht hat, was sic sind: gute Handels, lcule." Der Bortragcnde besprach die Geschichte der Judenverfolgungen im Mittelalter und fuhr dann fort: „Ebenso wie sich unscrc Parteigenossen während der ausuahmcgcsctzlichcn Zeit daS intcUcetnclle Ucbcrgewicht über die Polizciorganc verschafft haben - - wir haben oft genug Proben einer außergewöhnlichen List nnd Bcrschlagcnhcit erlebt — so ist auch die Befähigung der Juden gestiegen. Wem das heute nnbcguem wird, der erntet nur, was die ,guten Christen' des MittelallcrS gesäet haben. Allerdings ist der TodcSkanipf dieser untcrgchcndcn Mittelschichten schmerzhaft, ist eS aber nicht inconscgnent, wen» Leute die Gcwcrbcfrcihcit n. s. w. lästern — ohne die von vornherein kein msdcrncr Staat denkbar wäre — die ja erst vermöge dieser gewonnenen Freiheiten selbstständige Eristcnzcu wurden'? .Freiheit nur für mich, für Keinen sonst' — daS ist die Parole solcher Schreier. Die. proletarische Masse, welche nichts, gar nichts mehr verlieren kann, drängt nach vorwärts, die Mittelclafle schaut -sehnsüchtig nach rück- Blatt. Peile 3. wärts und erwartet von dort das Heil. Wie absurd der Borwnrf, die Juden seien allein ausschlaggebend, ist, beweist ein Blick auf die Statistik.', Glaubt man wirklich, daß circa 100.000 erwachsene jüdische Männer, die Deutschland bewohnen, diesen Einfluß haben'? Ter Rcid, die Angst vor der Concurrenz, die der Mittclclasse die vcrhältniß mäßig große jüdische Intelligenz bereitet/ läßt das aber begreiflich er scheinen. Warum leidet Amerika und England, daS die .Judcnfragc' nicht kennt, nntcr dem gleichen Ucbcl'? Run, der Grund liegt eben tiefer, als die Antisemiten tauchen können. Die wächsendc Conccntration. des CapitalS, die rapide Zunahme der technischen Hilfsmittel bedingen die Verelendung der Masse. Wird dem kleinen Bauer nicht daS Her; in die Hosen fallen, wenn er in der landwirthschaftlichcn Ausstellung die Maschinen erblickt, die er sich nicht anschasfen kann, die ihm über kurz oder lang den Untergang prophezeien'? In der .Kreuz Zeitung' wurde vor Kurzem über einen Vortrag berichtet, in dem gesagt wurde, daß sich sogar die Mark, diese Sandwüstc, zu Ackerland durch entsprechende Mischuirg des Bodens umwandelu ließe. DaS ist schon vor fünfzehn Jahren in der .Fra»' ausgesprochen^ "Die Erde läßt sich zu einem Paradiese machen, wo alle Menschen zweckmäßige Nahrung, Wohnung und Kleidung finde». Um daS zu erreichen/ muß der Capitaliömuö überwunden werden. Der Arbeiterschaft kann cs voll ständig gleich sein, ob daS CapitcAistenthnm germanisch oder jüdisch ist; im selben Augenblick, wo die Masse erkennt, daß der Capitalismus ihr Gegner ist, wird auch der antisemitische Sput beseitigt sein." Nichts liegt uns ferner, als Bebel's Ausführungen in Allem und Jedem zu thcilen- Daß die Vervollkommnung der technischen Hilfsmittel die „Verelendung" der Masse „bedinge" --- ist z. B. eine Be Häuptling, die keineswegs immer zutrisst. Auch glauben wir nicht, daß die Erde nach Ucberwindung des CapitaliSmuS sich zu ciucm „Para diese" machen ließe. Richtig, erscheint uns nur, daß .'Neid und Augst vor Concurrenz Beweggründe des Antisemitismus sind, und daß die Statistik klar zeige, wie absurd die Lehre von dem Univcri'alübcl sei, welche Volksvcrführer wider besseres Wissen verbreiten. - ' ' (Ter Cicwiihrslnailll des Abstcordiiktcn Kaiscr.) Am I. Juli kam vor dem Bezirksgerichte Leopoldstadt die Ehrenbelcidigungsklage zur Verhandlung, welche Edgar Hermann G cid er gegen Adolf Pollitzer erhoben hatte, weil dieser ihn in ' dem vielbesprochenen Briefe an den RcichsrathSabgcordnctcn Kaiser, allerdings ohne b» stimmte Namensnennung, als einen Erpresser bezeichnet hatte. Die Verhandlung m dieser Klagesache mußte daS erstemal vertagt werde», da Pollitzer sich damals erbot, de» Beweis dafür zu erbringen, daß Gelder thatsächlich zur Erlangung der Stelle eines. G.ucralsceretärs bei der „Rhiniom- Adriiitica di Siciirtä" Schritte unternommen hatte, die eine solche Bezeichnung wohl am Platze erscheinen ließen Die Verhandlung »ahm im Wesentliche» folgenden Verlauf: Bor Allem gelangte ein Brief zur Verlesung, der am 7. Deeember v I von anonumer Seile an deu Direetor der „liinuinnn', Ae »mann, gerichtet wurde, in dem Geider air der einzig befähigte- Mann jii£ die gerade vaeanle Stelle eine» GenerälsceretärS hingcstcllt wird, und ivelcher mit der Versicherung schließt, daß die „lkinnwiie" Lei eventueller Anstellung Geider's schon in wenigen Monaten „einen ganz bedeutende» Aafichivung" n.'huieu ivnrde. Ans die Frage 1>e« Richters, ob Geider diesen Brief selbst geschrieben oder vielleicht beeinflußt habe, auworteke dieser verneineiid. Sodann verlas der Richter jene» viel citirte» Artikel an« der „britischen Revue", an§ welchem Abgeordnete Kaiser de» Stoff zu seiner Interpellation schöpfte. Terselbe richtet' sich in aggressiver Weise gegen die „lliunione'. Rach der Verlesung gab Geider a»> er. habe nicht gewußt, welche Versicherungsgesellschaft mit dem Artikel, in dcui kein'Raine genannt Ivnrde, gemeint sei. Teingcgennber betonte Pollitzer, der verantwortliche Redaetenr habe die Peranttvorlnug für den Artikel: „Eine passive Versicherungsgesellschaft" abgelchnt, woraus «beider sich mit dem Inhalt solidarisch erkürte und bemerkte, daß er selbst die Verantwortung übernehme. Geider stellte dies lebhaft in Abrede, allein der damalige Redaetenr Sigmund Berger, der sodann vernomuieu ivnrde, iagie ans, Geider habe wohl keine feierliche Er- Ilärnng abgegeben, doch habe er auf Befragen des Redaetenr-), den» der Artikel atS ungewöhnlich anffiel, erklärt, der Versaffer des Artikels . foi ein ungcinei» verläßlicher Mensch und habe die Taten dazu ans de» Protokollende-S Ber waltungsgerichtShofcs. Tamil seien seine Bedenken über die Sache beschwichtigt gewesen. Ter Richter bemerkte zu Gelder: Was sagen Sic dazu? Sie steUlen. jede Anseinandersetznug wegen de« Artikels mit Ihrem Redaetenr in Abrede: Hieraus hielt der Richter dem Kläger eine seiner Visitkarlen vor, die er bei dem Generalsccretär der „Ijiunionc.-", Adolf Frignessi, mit dem Zusatz „bittet um «ine wichtige Unterredung" abgegeben hatte. Tic Frage des Richters, war Geider damals bei der „Hiiinione'1 zu thun halle, beantwortete er dahin,' daß er sich bei dem Generalsecretär für seinen Freund Ried, der die Stelle eine« Gcneralseccelär« anstrebte, verwendet hätte. Taß er sich per ünlich um diesen

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