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Freies Blatt · 1894-06-24 · 116 (24.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
116 (24.6.1894)
Date
1894-06-24
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Freies Blatt. Nr. 116. Die Krnpörerin. Roman nach dem Englischen deS Walter Besaut von Marie Majer. (*8. Fortsetzung.) XXX. Die vier Verschworenen hielten im Bureau deS „Freundes der Arbeit" Rath. „S," ries Franziska, die sich indiesem dunkle« Ziknmer wie am Grunde eines Brunnens fühlte, „hier sind wir ja ganz in einem Winkel verborgen mit unserer Erfindung. Und wir sollten doch eher Delegirte der ganzen Welt in St. Pauls-Kathedrale empfangen, um ihnen zu offenbaren, daß es keinen Krieg mehr geben wird." „Sie habe» aber doch Bisionen gehabt, mein Kjnd," sagte Emanuel etwas bitter.; „C, meine Bisiouen! Was sind meine Visionien im Lerglciche zu Ihrer Weisheit, Meister? Wenn Sie ganz sicher! sind, daß die Welt sich auf einmal cmporschwingcn wird zum vollen Bcrständniß der Sache —" „Es ist nicht meine Weisheit, cs ist eine ssrophekenstimmc in mir. Wie sic sich erfüllen wird, ich weiß eS nichts Tie Welt ist voll des Bösen, daS wiffen wir Alle sehr wohl. Im stieiche des Friedens -wird die Bosheit nicht länger mehr existiren. Auch dies wiffen wir." „Emanuel," sprach Mr. Hapling in seiner > gewohnten, sanften Weise, „du hast mir vergangene Nacht meinen Kopf entführt, so daß ich dir nichts erwidern konnte, ich neigte mich zur Seite wie ein SchifGin frischem Winde. Ich kam nach Hause wse im Traume, mein Gehirn wirbelte. Es kam mir vor, als wenn hun die alten, vernachlässigten Prophezeiungen alle auf einmal sn Erfüllung gehen sollten. Eure jüdischen Prophezeiungen, die wir! so gering achten, erfüllten sich, daS Reich der Gerechtigkeit sollte! nun ohne Verzug seinen Anfang nehmen- ES war wundervoll, iviahrhaft wundervoll. Ich sah auf mein schlafendes Weib und sagte mir, daß sie nun nicht mehr trinken würde; wir sollten nun Alle verwandelt werden, wir sollten Alle zu Gerechten werden. Ich war in uieinem ganzin Leben noch nie so sehr ergriffen, selbst nicht, da ich mich Entschloß, Alles aufzugeben und das allgemeine Los zu theilcn."! „Nur ein edles Her; kann eine edle Prophezeiung verstehen," sagte Emanuel sanft. „Tes Morgens kam die Uebcrlegung, und die Zweifel," fuhr Jener fort. „Wenn's dir gefällt, Emanuel, .wollen wir die Sache etwas näher betrachten." „So viel dir beliebt." „Wenn deine Erfindung in der Welt bekannt einzelne Person, ein Kind imstande eine ganze eine Flotte zu' zerstören, aus der Entfernung, muthet." „Füge noch hinzu,, daß die Zusammensetzunlg eine einfache ist. Jedweder kann sie bereite»." „Gut. Soferne nicht die allgemeine Gerechtigkeit gleichzeitig mit dem Besitze dieser neuen Gewalt anhebt, wird sicherlich die Zerstörung von London, Paris,. Ncih-'l-ork, Wien, kur; jeder größeren Stadt sein." „Das Reich der Gerechtigkeit," sagte Emanuel fest, „wird zur selben Z:it beginnen." „Gut, wenn aber nicht; der bloße Besitz einer solchen Gewalt wird zu groß sein für manche Gemülher. Sie iverden nicht imstande sein, der Versuchung zu widerstehen, eine solche Gewalt auszunützen. London wird vermuthlich von allen Seiten zugleich zerstört werden. Jede neue Zerstörungsmclhode bringt zuerst eine Gesellschaft von Zerstörerü hervor. Im sechzehnten Jahrhundert . haben sie sich gegenseitig vergiftet, da gab eS Giftmischer in die Hunderte. Siebzig Jahre später, als der Teufclszunder erfunden wurde, setzten sie damit Heuschober in Brand, jetzt blasen sie Häuser mit Dynamit in die Luft. Sic werben wieder des Zerstörens müde werden, das Ting hört auf, Reir;u btctcn Wenn aber deine Erfindung bekannt wird, dann beginnt nm dieser Alles vernichtenden Gewalt^ eiche Periode' rasenden Schrecken-:." - ' „.'i'.in, ncm. Es ist unmöglich. Es wird uchmittclbar die Herrschaft der <^crechiigkc:t folgen." -! Anton schüttelte 'den Kops, „Gesetzt," fuht er fort, „daß die Methode geheimgehalien würde. Was geschähe? Gesetzt, wir behielten daS Gehcimniß-in unserem Laude. Wir würden dann mit Jemandem Krieg beginnen, sagen wir mit Frankreich, mir um zu zeigen, waS wir leisten können. Wäre dieser Krieg zu Ende, dann wären wir allerdings auf lange Zeit hinaus vor einem Kriege gefeit. Nehmen wir an, daß dies vierhundert Jahre so fortginge, während welchem lleberlcgung brachte wird, dann ist eine tlrmee, eine Stadt, ungesehen, unvcr- Was geschähe? .de. Zuerst gäbe Zerstörung. Tas der Krieg würde Zeit keine andere Nation unser Geheimniß erführe Eben dasselbe, was dem Volke von Constantinopel geschah, ungeheuerer Reichthum, fast absolute Sorglosigkeit, Gur und Lust nach Gewalt, Tyrannei, Schändlichkeiten jeder Art, Feigl eit, Grausamkeit stellten sich ein. Man kann einer Nation ebensowenig als einem Individuum unverantwortliche. Gewalt anvertrauen." „Das ist ganz wahr. Aber ich schlage nicht vor, dieses Geheimniß irgend einer Nation zu geben. Es muß der ganzen Welt gegeben werden. Tann wird der Krieg selbst aufhören, plötzlich und stir immer. Die Welt wird sich selbst — nothgedrung n — dem Fortschrciten der Humanität anpasicn." „Gut, dann laß uns sehen, was geschehen wirb cs, wir ich sagte, leichtfertigen und Maffcnmord und würde bald aufhören. Was aber dann? Ich denke, vielhundertmal aufregender und darum nur viclhundectmal anziehender werden. Es gäbe keine Heere mehr, aber der Krieg würde in ein Einzelschlachten ausarten. Flotten wären zwecklos, i benso Festungen; die Städte würden zur Zerstörung reizen, Rotten würden herum schleichen und auf eigene Faust Häuser zerstören; jfder Mann wäre ein Soldat. Wir würden um tausend Jahre zurückgehen und Krieg beginnen bei jeder, selbst der geringsten Herausforderung. Emanuel, ich denke nicht, daß deine Erfindung den Krieg verhindern würde." „Sicmuß. Du kannst nicht erwarten, daß Menschen stets in der Furcht leben sollen, jeden Augenblick vernichtet zu werden." „Warum nicht? In alten Zeiten brachen die Feinde plötzlich aus dem Walde hervor, fielen über das Volk her und tödteten Alle. Sie lebten in der Furcht, aber sie lebten. Wir Alle leben in der Furcht: Feuer, Pest, Unglücksfälle, plötzlicher Tod können uns stets ereilen. Du wirst dem Leben nur einen neuen Schrecken hinzufugen, mein Freund, aber du wirst den Krieg' nicht abschaffcn. Was denken Sie, Mr. Alleyne? Es ist sonderbar, daß ich gestern Ihren Namen nicht nierkcn konnte. . Es gibt eine Familie Alleyne, glaube ich, die einen Titel hat?" I , „Mein Snkcl ist oder war der Graf Haylings Er ist ver schollen." „Verschollen!" erwiderte der Herausgeber. „Sonderbar! Verschollen! Zweifellos ist er tobt. — 'Nun! Darf ich fragen, waS Sic darüber denken?" „Ich denke," erwiderte Harold, „daß der Schreck:», den der Krieg unter diesen neuen Verhältnissen verursachen würde, zu arg wäre, als daß der Krieg fortgesetzt werden könnte. DaS Niedcrrcißen großer Städte würde nothwcndig werden, vermuthc ich, wi< Sic auch aussührten. Aber das mag gerade Emanüels Begin icn einer neuen Srdnung günstig sein. Durch Erstehen neuer Gen einwescn würden einige dc;r gegenwärtigen Uebel beseitigt werden." „Die Welt reift für die Abschaffung des Kriege!," fetzte Emanuel fort. „Die Soldaten wiffen jetzt beffer, was mit den Kriege gemeint ist. Sie sehen illustrirtc Zeitungen. Viele haben ein Schlachtfeld gesehen. Ich selbst sah den Angriff auf Plevna uvd den ÜTrt am nächsten Tage. Ich habe die todten Körper dort liegen sehen, wo sic erschlagen worden waren. 'Niemand, der je solch eincn Anblick gesehen, würde wünschen, ihn ein zwcitesmal zu sehen, <r wäre denn ein Napoleon. 'Nun„ das ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo nur ein Zehntel oder ein Achtel oder ein Sechstel am Felde fallen und der Rest entflicht. Bei dem neuen Systeme wüßte man, daß keiner entkäme. Wer würde unter solchen Bedingungen in den Krieg ziehen wollen?" -Mr.,Hayling schüttelte den Kopf. „Des Mensc>cn Witz kann die Taktik so ändern, daß sie für alle Bedingungen past. Wenn aber der Krieg wiffenschaftlicher betrieben ibürde, so würde cc immer mehr die Männer von Verstand anziehen. Es wäre kein K ampf der Armeen mehr. Es wäre ein Kampf, bei welchem Verstand j egen Verstand ge stellt wird, List gegen List, mit dem sicheren Bewußtsein, daß jeder Fehlgriff den Tod bedeutete. Nun, der. Krieg tviirdc zur einzigen lohnenden Beschäftigung, die überhaupt möglich ist. Es wäre nicht nölhig, die Generäle mit gemeinen Soldaten zu denn uhigcn, die Armee würde ■ bloß aus wissenschaftlich gebildeten Menscher bestehen, die ihr LAn wagen würden auf die Ucbcrlegenheit ihrer V iffenschaft über die der andere» Menschen hin, bis zuletzt Jemand, dr selbst, Emanuel, in einem anderen Leibe, Mi Mittel entdecken würdig welches alle bis herigen illusorisch macht, z. B. Unsichtbarkeit verkeilt." „Ich bin gewiß." sagte Emanuel, „daß keine E sindung oder Entdeckung gemacht wird, bevor der Mensch nicht da: u fähig ist. Jede große Erfindung trifft zusammen mit einer geisticen Bewegung und lenkt dieselbe. Dir Anton, scheine ich ein Narr, abec ich bin ein Jude und darum Einer, der an die Propheten, welche dem Volke gegeben wurden, glaubt. Darum, weil die Propheten ein Reich der Gerechtigkeit

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