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Freies Blatt · 1894-06-24 · 116 (24.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
116 (24.6.1894)
Date
1894-06-24
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 116. Frei«, Blatt. semitlein nährt, um die Art dieser genauen Berechnung kennen zu lernen,) Ta sich in 15 Jahren dieses Vermögen verdoppelt, betrug eS im Jahre 1890 10.000 Millionen und die Jahreszinsen konnten 1,160 000 Menschen ernähren; im Jahre 1905 wird dieses Vermögen 20.000 Millionen betrage», und 2,020.000 Menschen könnten mit den Zinsen ernährt werden — eine Menschenmenge, die der Bevölkerung Sachsens entspricht! Im Jahre 1905 steigt es um 300.000 Millionen und ernährt 37 Millionen Menschen — die ganze Bevölkerung Oesterreich Ungarns. TaS Alle« ist «ach der Berechnung von Dr. Rudols Meyer. Wir wisse» aber, daß die Leute aus eine ganz andere und viel schnellere Art. ihr Vermöge» vergrößern, u»d könne» un« ^freuen, daß Rothschild einmal — au« Tankbarleit — den ganzen Staat ernähren wird!" Daß die vorstehenden Daten genau sind, dafür bürgt die antiseniitische Ehrenhastigkeit der „öeslra Strä/.". / (l'üßcn haben kurze Beine.) Tie „Kreuzzeitung" brachte vor Kurzem einen Artikel, worin sie behauptete, der i» der Pfingstwoche in Berlin ab gehaltene Deutsche BurschenschaftScongreß habe ähnlich dem Coburger eine gegen die Social-Tcmokratie und das Judenthnm gerichtete Erklärung angenommen. Dazu schreibt man dem „Berliner Tageblatt" aus Eisenach: In einem hiesige» Blatte erscheint heute eine sehr beachtenSwerihe Kundgebung, worin die „Krenzzeitung" hinsichtlich icner Behauptung :»> aiisurdirai geführt wird. Es heißt in dieser auS burschenschasllichen Kreisen stammende» Kundgebung u. A.: „Jedensall» ist hier der Wunsch de» Verfassers der Vater deS Gedanken» gewesen, den» eS scheint ln der That Leute zu geben, welche die deutsche Burschenschaft gern >»S antisemitische Lager überführen möchten; so gelangte bereit» voriges Jahr an die zu Eisenach versammelte» Vertreter der Burschenschaften ein anonymc» Schreibe», in welchem denselben in der aufdringlichsten Weise nahegelegt wurde, endlich antisemitische Tendenzen in da» bnrschenschastliche Programm aufzunehme», eine Dreistigkeit, lvelche damit beantwortet wurde, daß unter allgemeinstem Protest über das betreffende Schriftstück zur Tagesordnung übergegangen wurde. Aus dem diesjährige» Burichentage nun wurde die antisemitische Frage nur nebenbei e> örtert. Gelegentlich einer Besprechung eines neuen Leilplanes der .Bnrschenschastliche» Blätter' wurde nämlich jedwedes Betreiber, von Parteipolitik, insbesondere antisemitischer Politik, von de» verichiedeiisle» Seiten lanSdrücklich von der Hand gewiesen u»d eine von fünf Bnrschcnschasten Unterzeichnete Erklärung nahezu einstimmig angenommen, in welcher unter Betonung des rein nationale» Charakters der Burscheujchast 'als deren alleinige Ausgabe Erweckung deS Interesse« für politische Fragen bezeichnet wurde. TaS also, ipas Heinrich von Sichel den alte» Burschenschaslen nachrühmt, daß sie aus .Erziehung de« loninienden Geschlechtes' gesonnen hätten, dasselbe wolle man auch sür die gegenwärtigen Burschenschaften als" einzige» Ziel ins Auge gefaßt ivifsc». Wie nun angesichts dieser Thalsachc _der belressende ttreuzzeitungSrilter, der doch obige Erklärung von Anfang bis zu Ende gelesen haben mnß, dazu konimen konnte, de» gegenwälige» Burschenschaslen AntiskinitiSinnS, ,n>enn schon in weniger ausgeprägter Form' zu impntire», ist uns unerfindlich Die deutsche Burschenschaft al« solche wird hoffentlich die Bersolgüng judenseindlicher Bestrebungen in alle Zukunft de» vom Stöckerscheu Geist beseelte» .Vereine» deutscher Studenten' überlassen und »ach wie vor alle unbefugten Versuche, sie in antisemitische Bahnen zu treibe», ebenso entschieden von der Hand weisen, wie sie sich nicht dazu verleiten lasse» wird, in radicale», nach Social Tcinokralic duftendes Fahrwasser überzugehen." —Tie Staatsbn rg er Zeitung" erzählte, e» hätte vorige Woche eine vertrauliche Sitzung des socialdemokralischen Parteivorstande- und der Vertrauensmänner stattgefunden, worin Bebel in langer Rede angesichts de» für die Social Demokratie gesährlichen Anwachsens der Antisemiten ein allzu starkes Hervortreten der Jude» in der social-demokratischen Parleileitang hervorgehoben und di? jüdischen Mitglieder gebeten hätte, sich vou allen leitende» Parteistellungen bi» zum Zurückgehe» deS AnlisenkiliSmu» sernzuhalten. TaS Hetzblatt iheilte auch die angeblich daraus gefolgte Debatte mit, i» welcher Auer und Liebknecht im Sinne Bebel'«, Singer, Wurm, Voigtherr und Tu Hauer gegen Behcl gesprochen hätten. TaS Ganze war aber erstunken und erlogen. Wie der „Vorwärts" feststellt wurde vorige Woche überhaupt keine Sitzung deS social..demokratischeu ParteivorstandeS abgehalte». — Der „Thüringische kandbote" und andere Antisemitenblätter schlugen daraus Capital, daß in einer Ansprache de« Rabbiners Tr. Siegmund Feßler anläßlich der Vereidiguug jüdischer Einjährig-Frei williger in Halle an der Saale angeblich die taktlose Erinahnuiig vorkam: „Haltet die Fahne de« Judenthums und deS Königthum» hoch!" Wie aber da» Berliner Abwehrorga» inittheilt, sagte Dr. Feßler die» mit ein bischen anderen Worten. Seine Ansprache lautet«: Wenn wir uns an die Weisheit aller Völker an. d.ie. Erfahrung aller Zeiten mit der Frage wenden wollten: „Wie können wir am sichersten alle Pflichten erfüllen, die wir sowohl als Menschen wie al» Bürger zu erfüllen haben?" — eS könnte uns keine zutreffendere Antwort ge-'" geben werden, al» jene ist, welche »nS der weise Spruchdichter (Spr. Sal. 24,21) gibt in dem kurzen, aber kräftigen AnSspruch: Fürchte Gott und den König! Seite S. Für de» Menschen kann e» nur eine D.uelle geben, au» der er die zum Leben erforderliche Kraft kann schöpfen, sie heißt: Liebe zu Gott! Der Bürger wiederum, der seine» Bürgerpflichten will genüge», freudig und unverdroffen, der muß auf seinem Herzensaltare ei» heilige» Feuer unterhalten, daS man VaterlandSliebc nennt oder auch König-treue! Wo aber die Liebe sehltzn Gott, dort gebricht e« dem Menschen an Lebenskraft, an LcbenSmnth. und wo die Feuer flamme der Vaterlandsliebe nicht lodert, dort sucht inan vergeben» auch n»r eine einzige Bürgertugend! Wan» aber lönute eine Mahnung wie diese ist, welche in den Worten gipfelt: „Fürchte Gott und den König!" .— »van», sage ich, könnte eine Mahnung wie diese nothwendiger erscheinen als in unsertr Zeit, in der zwei stkachtgeister ihr Unwesen treiben: derRachtgeiff deS MenscheuhasseS in unserem Vaterlande und in anderen Staate» der Geist der Verneinung, der keine Herrschaft anerkennen will und kein Gesetz? Fürwahr! Ter AntiseinitiSmu» ist eine Gisipflanze, welche in dem Mangel wahrer Liebe zu Gott wurzelt, und der AnalchiSinu« ist nur eine Folge mangelnder Vaterlandsliebe! Nicht bester aber könnt' ich Sie, Einjährig-Freiwillige, auf die Bedeutung des Fahneneides vorbereiten, de» Sie heute »och Jhrtin obersten Kriegsherrn leisten werde», als indem ich Ihnen zurufe: Fürchte» Sie Gott und den König! oder in unserer Sprache zi, reden: Seien Sie treu Ihrem Gotte und treu auch.Ihrem Kaiser! Halte» Sic als Söhne de« jüdischen StanimeS, halte» Sie hoch die GlaubeiiSsahne Israel», dann werden Sie auch festhalten an der Fahne Ihre» Kaiser»! Gerüstet mit der Liebe z»nr Gotte Ihrer Väter inöge» Sie heule hinlrcteu vor die deutsche Fahne, mögen als deutsche Bürgte jüdischen Bekenntnisses mit dem EinheitSgedanken im Herzen »unniehr geloben, daß Sie nur eine» einzige» höhere» Misten anerkennen und Hochhalten wolle», de» Willen Ihre» Kaiser»! „Mit Gott, sür Kaiser und Vaterland!" — das sei .fortan Ihre Losung, dann wird Goller Segen nnb di? Gnade des Kaisers Ihne» nicht fehlen. Amen! ' (Dkr „Judktlsproßling" LucanuS.) Ein Hamburger Antiiemitenblall schreibt höhnisch: „Ter Chef de» kaiserlicheu GeheimcabinetS u»d Judensprößling L >i c a ii u S ist bei der Unterredung deS Kaisermit dem Fürsterzbischos Dr. Kahn zugegen gewesen." Herr Lucanu» ist jedoch ebenso christlich germanischer Abstammung wie Böckel, Stöcker, Raab, Ahlwaitt /der Tühring. iTrksstNdc KkilnzkichnilUg Ter „Antisemili'che' General Anzciger" hatte jüngst den gleichfalls anlisemitlschen Schriftsteller Dtloniar Bet a einen Jndenstämmling geschiinpst. Sttomar Beta erläßt nun eine Erklärung, welche von einer erstaunliche», wen» auch verspätete» Einsicht in daS Wesen de» AntiseiiiitisinnS zeigt, und in der es u. A. -heißt: ..Ich nähme davon keine Notiz, wenn nicht die Gefahr vorläge, daß diese Unwahrheiten irgend einem wohlberechncie» Zwecke dienen würden, falls sie nittvideriprochen blieben. Tie Lüge frißt sich weiter, und sür die Wahrheit bleibt der entlanble Stamm. Schließlich setzt sich der Erbärmlichkeilswahn bei uns immer mehr fest, daß Jeder, der ein biSchen mehr kann, al» bi« süitf zählen, oder ein bischen mehr Ihm, als sein Bier trinke» und seine» Kohl bauen, schon deshalb ündeutich und als Judcnabköminlmg verdächtig sei. Endlich kann e» den Antisemiten »och gehe» wie weiland den Jacobinern. Denenwurde jeder Mitstreiter verdächtigt, bi» der schleichende, pedantische czuasi-Jdealist Robespierre allein noch übrig blieb. Und mit dem wurde dann die Partei der Diebe, die ihren Rand in Sicherheit bringen wollten, bald geinlg fertig. Ein Glück nur, daß unsere Jacobiner oder waS sie sonst sind, noch nicht die Macht haben, jede» Verdächtigefl ebenfalls sofort auf die Guillotine zu schleife»/' Man könnte de» AntisemiliStnuS nicht vernichtender charakterisiren, als wenn man die AuS spräche gewesener Hauplhähne der Antisemilerei über dieselbe sammelte. Vielleicht unternimmt e» der in seinem Erwerb etwa» gestörte Schriftsteller T. Beta, diese Anthologie zu veranstalteu. Wir .übernehmen dann den Vertrieb von tausend Exemplaren im Kreise unserer Gesinnungsgenossen. (Reue Zeitung.) Zu Aachen erscheint seit Beginn dieses Monat« eine neue antiseinitische Wochenschrift unter dem Titel „Deutsche West in acht". Da» genannte Blatt hat sich die Aufgabe gestellt, die antisemitischen Tendenzen in die Kreise der CentrumSwähler im äußersten Westen Deutschlands zu trage» und die Stellung deS katholischen CensrumS zum Antisemitismus zu „klären". Tie Katholiken TeulschlandS dürstenaber nach wie vor aus dem- Staudpunkle der weitestgehenden Toleranz gegen religiöse Minderheiten beharren und die „Deutsch« Hestmacht" „unker die Zahl der llngeleseuen stelle» allzumal." Briefkasten. Eifriger Zritungslkser, Lberdöbling. Die Nachricht, daß sich Gras HoenSbroe ch, deffen jungst erfolgter Austritt auS dem Jesuitenorden so große» Aussehen erregte, mit einer israelitischen Dame au» der Umgebung von Frankfurt mit 10 Milltonen Mark Mitgift verlobt habe, hat sich bereits, als Lüge heran« gestellt. A. P.» Giehhübl bei Brunn. Wir werden Ihnen bezüglich de« Vereine» noch Nachricht geben.

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