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Freies Blatt · 1894-06-24 · 116 (24.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
116 (24.6.1894)
Date
1894-06-24
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr ll*i. Freie» Blatt Seil« 5, die Beziehungen Gcidcr'S zu RcichSrathsabgeordncte», deren er sich gerühmt hatte, machen werde. (Gcmeindcwahlen.) In WeikerSdorf bei, Baden sowie in Pcrchtoldsdorf' sielen die Gcincindewahlen zu. Gunsten der liberalen aus; der Pfarrer und Dechant Herr Ignaz Zein er stininitc m Pcrchtoldsdorf im ersten Wahlkörper für die liberale» Eandidatcn. Auch in Bielitz (Schlesien) erlitte» die Antisemiten in allen drei Wahlkörpcrn eine klägliche Niederlage. (Tcr „ncuc Eours" in Salzburg.» Anläßlich seiner Beeidigung hielt der ncugcwähltc Biirgermeister von Salzburg eine Rede, in welcher er zur lebhaften Befriedigung der clcricalc» und antisemitischen GcmeindcrathSmitglicder sagte: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß bic geplante Errichtung einer katholische» Universität in Salzburg auch von ganz bedeutendem materielle» Nutzen für die Stadt und einen Großthcil ihrer Bevölkerung sein wird; es wird daher zu erwägen sein, welcher Art die Unterstützung sein solle, welche die Stadt gcuicindc jenem Unternehmen gewähre, um dasselbe wirksani-zn fördern und der Bcrwirklichung näher zu bringen." Der Herr Bürgermeister galt bisher als liberaler, aber bei der gegenwärtigen (Gepflogenheit, Principien „znrückzustellen", kann cS nicht befremde», daß er ans Rücksicht, aus den zu gcwärtigendcn matcricllcn Nutze» sich mit einer consessioncllcn Hochschule befreundet. ((Sine Mahnung.) Man schreibt nnö: Sic Feier der Eröniiung eines tschechischen 'N'ationalhauscS in Mährisch Ost rau, die am 17. d. M. zu derselben Zeit statttand, in welcher die bc dauernswerthcn Opfer der jüngsten Grubcnkatastrophc bestallet wurden, veranlaßtc die dort erscheinende Zeitung „Ostravica", eine Fest nnuimcr herauSzugcbcn, in welcher sic anch einen Ausruf an die bilden Mährens bringt. Unlerzcichnct ist derselbe von Dr. Vcdercr, einem aus Böhmen cingcwandcrtcn Juden, tvclchcr derzeit als Substitut z'cirer des Notariates in Mistel ist. In dem Ausrufe sagt Sr. '.'cdcrcr: Die «Feier der Eröffnung des Nationalhauscs in Mährisch- Oslrau mache cs ih.n zur heiligen Pflicht, seinem tiefen Schmerze darüber Ausdruck zu gebe», daß er als tschechischer Bürger mosaischen Bckcnntnifscs in den Reihen der Thcilnchincr au dieser Feier vereiuzclt dastchc.' Es sei wohl vom confcssioncUcn Standpunllc richtig, daß ein Fudc heutzutage am besten tbüte, sich um Politik . nicht zu kümmern, denn den Jude» sehe ebenso der Tscheche als der Deutsche mißgünstig an. Nichtsdestoweniger nehme man wahr, wie Fuhen in die politische Arena sich hincindrängen und ihre ganze Kran und Intelligenz ausschließlich der deutschen Sache widme». Warum wollen die Jude» in Mähre» nicht ihre tschechischen Mitbürger unterstützen'? Warum schicke» sic ihre Kinder nicht zusammen mit den mindern anderer Mitbürger in die gemeinsame Schule, sondcru in eine von ietsionellc jüdische Vchranstalt, während doch die confcssionclle Schule dem liberalen Grundsätze nicht entspricht'? Betrachte man ohne Bor urthcil die Pcrhültnisse in Oesterreich, so werde man, zur Erkcnntniß gelange», daß da ei» Wandel der Dinge geschaffen werden müsse. .Was treibt euch denn," apostrophirt Dr. Lederer seine Glaubens ^»osicn, „in da^ Vager dkr Feinde des tschechischen Bolles, von welchem ihr lebt, und das sich euch gegenüber niemals feindlich verhalten hat'? Was veranlaßt euch, die Reihen der deutschen .Viberale»' zu verstärken, die selbst heute, wo sic die Macht in Händen haben, der antisemitischen Bewegung, welche eine rein deutsche ist, nicht ent gegcntrelen'? Daö sind eure Freunde, die sich vor Deckcrt fürchten?" Sr. Vcdercr meint, nur die Gewohnheit feiste die Juden Mährens an die Seulschcn, nicht die Ucbcrzeugung, nicht besseres Wisie»: er wiederholt die bedenkliche Phrase, daß die Juden von den« „ guten tschechischen Bolke in. Diahren leben, und fordert sie auf, die alte, üble «Gewohnheit, sich de» Deutschen anzuschlicßen, anfzugebc». Einzelne. Ausführungen und Wendungen des Herrn Dr. V cd er er sind dein tschechischen Kampfprogrammc gegen die Deutschen Mährens nach' gebildet, leiden an inneren Widersprüchen und bedürfen nicht erst einer neuerlichen Widerlegung, indessen läßt sich die Shatsachc nicht verkennen, daß der Veiler des Mistcker Notariates trdtz seiner tschechischnationalen Allüren ein freisinniger Man» ist und eben deshalb einen großen Anhang unter seinen GlaubcnSgenvsieu zählt. Sein Aufruf enthält jedenfalls für die Führer der Dcutsch Viberalc» eine dringende Mahnung, der antisemitische» Agitation nicht mehr wie bisher mit verschränkten Armen gcgenüberznstehe». In den gemischtsprachigen Städten kommt es für die deutsch-liberale Partei auch aus die Stiniuicn eines Bruchthcilcs der Inden an, ' und nachdem dieselbe bereits Uii gariich-Brod, Ungarisch-Hradisch, Proßnitz :c. rc. verloren hat, kann sie sich, meinen mir, den Luxus weiterer Verluste nicht gönnen. Dixi •■t salvavi animam meain. (Ein hlimancr Beamter.) Man schreibt uns aus B r o d » : Nach der vor .Kurzem erfolgten Wahl des Herrn Jsaac ChajcS zum Rabbinc? unserer Gemeinde begab sich eine Dcpntalio» aus der Milte der hiesigen Honoratioren zu dem Bczirkshauptmann von "Brody, k. k. Kämmerer und Slatthaltcrcirath Herr» (Grasen VadislauS Rl>1k'ocki, um ihm den Dank der israelitischen Bevölkerung für seine fürsorgliche Leitung der Wahlaugclcgenhrii und für die warme moralische llntcrilntzniig, die er der gute» Sache angedcihcn ließ, auszudrücken.' .Nach Anhörung der Ansprache ' seitens des Führers der Deputation erwiderte Graf Rusiocki: „Fch danke Fhucn, meine Herren, für die freundliche Begrüßung und gratulirc Fhnc» herzlich zu dieser, getroffene» Wahl, D'iicii Ncsültat mich in besonderer Weite befriedigt. Dicke Gratulation gilt ebenso dem gewählten Herrn Rabbiner, der ein schweres, verantwortungsvolles Amt übernimmt, wie Fhnen, meine Herren, und. der ganze» Gemeinde,, die eine so glückliche Wghl gctrosfcn und einen ehrenhaften, charaktervollen, lonalcn Manu^an ihre -Lpitzc gestellt hat, der mir ieir so vielen Fahren bekannt ist, und der sich die Vicbc und Achtung seiner Mitbürger in vollem Maße erworben hat. Sic wisfcn, meine Herren, daß mein Herz für alle Bürger dieser Stadl, in deren Dl i t t c ich m i ch seit m ehr als vierzehn Fahren befinde, mit gleicher W ä r i» e schlägt, n n d daß ich i n' k >' j „ er Bez ieh u ng ei nen Huter> schied z>vischcn Fudcn u n d '-E hr ist e n kenne.. Fch huldige dem Grundsatz. ' daß die Veiiung und Wahrung der religiösen Fntcr esse» sowohl der christlichen als auch der jüdische»'Bevölkerung i» die Hände solcher Männer gelegt werden soll, die den. Borichrisicn der bctrcfsendcn Religion auch treu nachleben. Deshalb beglückwünsche ich Sic wiederholt zu dieser Wahl, indem ich Fhncn 'herzlich kür die für mich an den Sag gelegten Sympathien danke." Es ist äußerst wohlthucnd, in unserer vom Raccnhaß durchmühlicn Heit eine spontane .Kundgebung der Toleranz seitens eines so hervorragenden Staats beamten wahrznnchmcn, und es ist dem Bezirke nur zu gratuliren, dessen politischer Ehcs von solchen menschcnsrenndlichen rind liberalen Gesinnungen erfüllt ist. Tic iiiigallichcn Gttrciücliaiivlcr grgc» vcu Wiclicr Saakcnmarkt. Wie aus Budapest berichtet-wird, vcrsamincllcn sich dort, am l?>l. d. D, »ichrcrc hundert Gckreidehandlcr im großen Saale dcS Böriengebäudcs. um ' gegen 'den Wiener internationale» Saritciiniarkt Stellung zu nehme». (Großhändler Emil Szavoszi, welcher die Bersammluiig erosfncle, erklärte, der Hwcck derselben iei, die ungarische» Getreidebändlcr vor den Fnsulten zu schützen, Mil welchen man den Besuchern des 'Wiener Saatcnnmllics schon, im Vorhinein gc-dröht habe. Tie »ngarischcn Kauflente lassen sich bei . dieser Actio» nicht von Ehauvinisinus oder Animosität gegen Wien leiten, sondern >'ie werden zu derselben durch das von mancher Seile in Wien ihnen gegenüber beobachtete böswillige Borgehen veranlaßt.. Ser folgendeRedner, .Her? Foscf Steiner, schilderte eingehend die Bcrhältnisse, welche der Antisemitismus in Wien geschaffen habe und die nolhwendig machen, daß der Marli nicht besucht werde; er schlug folgenden Bcichlußantrag vor: „Sie Bcrsaninilnng schließt sich in Allem'dem von der .Kammer der Börse für landwirtlischastlichc Producte i» Wien am I . Fnni dem österreichischen Haiidelsnlin-ister in Bei reif der Einstellung des Saaten inarktcS unterbreiteten ' Mciuorandum an und erklärte: I Saß jedes Mitglied der Bcrkaniniinng nch mit'Ehrenwort verpflichte, den - Saatcnmarkl nicht zu besuchen: - die Versammlung erwartet von den dem Orduerconiit'' des Saatenmartles angehörcnde» ungarischen Firmen, daß sie ihre Stellen znrücklcgcn: st. die 'Versammlung entsendet ein hundertglicdriges. Eomiv-, welches in, ganzen Oande eine Agitation gegen den Besuch des Wiener Saatenmarkles ' zu entfallen hat." Ser Bcschtnßantra.g, welcher in den.ihm vorangeichickren „Erwägungen" auch das Verhallen des (Grasen Wnrmbran'd abfällig lritisirt, wurde von der auch von Selcgirtcn zahlreicher Provinzstädic beschickten Versammlung einstimmig angenommen Auch aus Di i s t o I c z und anderen Städten werden Kundgebungen gegen den Besuch dcS Wiener Saatenmarkles gemeldet. .zPakriotismus Nllv AlltiiciNlllslUNs.» Bon-Sr. Richard Wulckow, ehemaligem Sireclor des Vchrcrinneuseminärs und der höheren Mädchenschule >n Sarmstadi, ist bei Emil Roth in'(ließen xiuc lcsenswcrthc Schrift: „Sic ethischen ErziehnngSansgaben unserer Zeit" erschienen. Fn einem Eapitcl, welches die lleberschrifr: „Patriotismus und Antisemitismus" trägt, schreibt er: Uebcrmäßigc Betonung des NationalgesühlS hat jener häßlichen Bewegung einen gewissen Schein von Berechtigung verliehen, die in unserer >^eit unter dem Namen des Antisemitismus jedem hrnnan denkenden Menschen zum Stein dcS Anstoßes geworden ist. Zm Grunde hat freilich diese .Bewegung mit dem Patriotismus nichts zu thun, sic ist vielmehr eine Ausgeburt des Neides und Hasics, aber sie benutzt die reine Flagge des 'National - gefühls, um ihre widerwärtigen Tendenzen mit einem Schimmer von Recht. zu umkleiden. Und daö muß unserer Heranwachsenden Jugend

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