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Freies Blatt · 1894-06-24 · 116 (24.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
116 (24.6.1894)
Date
1894-06-24
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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SAU 2. Frei»» Blatt. und drüben damit, erforderlichen Falles einzusthreiten. Zu einem be sonders starken Aufgebote von Thatkraft fühlen sie sich erst bewogen, wenn die antisculitifche Verhetzung ihr Stammgebiet verläßt und in andere Sphären hinübergreift,;. B. die Armer verunglimpft, die Pläne der Regierung zur Regelung des Msünzwcscns durchkreuzen will ec. Rur in einer Hinsicht ist eS thatfächljch in Deutschland ärger bestellt als in Oesterreich. Jene antisemitische^ Richtung, welche beim Alten Testamente nicht Halt macht und daS iChristcnthum als eine Schöpfung des palästinensischen Geistes heftig bekämpft, kann sich jenseits der schwarz-gelben Grenzpfählc rücksichtslos geltend machen, nährend unsere Vereins-, Bersammlungsuich Preßnormcn sie nicht recht auskoinmen lasten. Dagegen ist in Deutschland die Abwehr- Lin» große Anzahl von chließlichen Berufe, un bcwcgung ungleich stärker als in Sesterreich. Männern macht es sich nachgerade zum aus unterbrochen, in Wort und Schrift gegen die Judenhetze aufzutrcten Der Antisemitismus selbst aber entbehrt, wie cs scheint, im Deutschen Reiche jenes brutalen Charakters, der ihm in den österreichischen Provinzen auhanct. Hier ist es schon ein Wagestück, wenn ein freisinniger. Mann christlich-germanischer Abkunft in eine Antiscmitenversammlung geht und dort eine schüchterne Widerrede versucht. Prononcirte Liberale dürsten 'dergleichen nicht unternehmen, ohne vorher die Freiwillige RcktuiigSgeiellschaft avisirt zu haben. In Deutschland wird sogar Rabbinern kein Haar gekrümmt, die sich nach den Vorträgen eines Stöcker oder Licbermann v. Sonnenberg zum Worte melden, um deren Angaben eingehend zu berichtigen. In SondcrShausen trat dem letztgenannten Hetzapostel einachtzigjähriger Rabbiner entgegen, und die Worte des Greises verhallten nicht wirkungslos, als er ausrief: Im Freiheitskriege gegen Rapoleon I. fei einer feiner nahen Verwandten gefallen, zwei seiner Söhne haben den letzten Krieg gegen Frankreich mitgemacht. von denen einer auf dem Schlachtfelde umgekommen, und da erkülme sich Jemand, ihm sein Teutschthum abzusprechen 1 WaS würde man wohi in Wiem dazu sagen, wenn «in Prediger der israelitischen Cultnsgcmeinde den Einfall hätte, eine Versammlung in Margarcibe» oder HernalS zu besuchen, um Herrn Lueger oder Liechtenstein zu widerlegen? Das Organ jener parlamentarischen Gruppe, welche den einfluß reichsten Theil der gegenwärtigen Regierungstreuen bildet, das „Vaterland". würde keinen Moment zaudern, von einer muthwilligen jüdischen Herausforderung zu sprechen. Tie Zurückstellung von Wünschen, selche daS CoalitionSsystem erheischt, veranlaßte dieses Blatt, das cbedem in der Judenhctze Allen voranging und zu diesem Zweck; sogar einen ehemaligen Reporter eines Budapcster liberalen BlattcS als „Burcauchcf" gewann, sich einige Reserve aufzuerlcgen. Es verdammt nun das Treiben jener Antisemiten, welche einen Standpunkt ciniichmen, der nicht nur mit den christlichen Lehren, sondern mit der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung überhaupt unvereinbar sei, der den Juden sogar die Möglichkeit abschneide, durch Glaubenswcchsel ihre bürgerliche Cristen; zu retten. Doch bewährt sich beim „Vaterland" und seinen Hintermännern das Wort des Dichters: Naturam ••xpfllas i'iircn, tarnen us«|iie reeiirret. Sein Verdammungsspruch hält das „Vaterland" nicht ab, jüdischen Einfluß als gleichbedeutend mit Corruption, und was drum und dran hängt, hinzustellen. Es mauchirl da in einer Reihe mit dem edlen Sprößling einer württeml-rgi'chen Schächterfamilie, Herrn Edouard Trumont, der jüngsthin sie belgischen Handelsgesellschaften sammt und sonders als jüdisch erklärte, weil ee so thut, als ob er von der Voraussetzung ausginge, daß alle Juden schlecht seien. Das „Vaterland" macht ferner den Juten zum Vorwurfe, 'daß sie, anstatt sich mit dem Schutze zufrieden zu geben, den die bestehenden gesetzlichen Normen jedem Staatsbürger gewähren, besondere Maßnahmen zu ihrem Schutze fordern. Mit Verlaub, das ist nicht wahr! Alle Anhänger der Rechtsgleichheit fordern bloß eine gleichmäßige Anwendung der bestehenden Normen, und als eine Devutalion des Wiener AbwehrvercineS vor einigen Monaten deni Herrn Ministerpräsidenten ein dementsprechendes Ansuchen unterbreitete, wurden wir vom „Vaterland" belehrt. >aß eine stricte Anwendung gewisier Bestimuiungen Agitation unmöglich machen würde des StrafgisetzeS jede politische Endlich Blatt die Juden vor neuen Herausforderungen und ungerechtfertigten Ansprüchen. Biel zu länge hat das „Batcrlgr tschechischen Bestrebungen Vorschub geleistet, um Methode der Schwärmer für die Wenzelskronc angecignet zu haben. Wenn ein Deutscher, der in einem tschechischen Orte auf der Straße seiner Muttersprache sich bedient, dafür mißhandelt eine gewisse Sorte tschechischer Patrioten von einer und von Nothwehr. Bemühungen zur Abwehr griffe nennt das. „Vaterland" Herausforderungen, als ungerechtfertigte Ansprüche fertigt es das Verlangen ab, et Nr. 116. warnt daS wackere nd" hhpernationalcn sich nicht auch die wird, so spricht dreisten Provocation antisemitischer Anmöge allerorten im Sinne der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung vorgcgangcn werden. Wir wiederholen cs, das „Vaterland" vertritt die maßgebendste Gruppe der jetzigen parlamentarischen Mehrheit, und auch darum glauben wir, daß Abgeordneter Dr. Kosp im Großen und Ganzen sich irrt, indem er meint, der Antisemitisn us sei in Deutschland ärger als in Oesterreich. An den thatsächlichen Verhältnissen wird wenig dadurch geändert, daß der Herr Minister »räsident dieser Tage einer Deputation des „Katholischen LehrerhunicS für Oesterreich" gegenüber den Wunsch äußerte, daß die Mite lieber des Vereines innerhalb ihres beruflichen Wirkungskreises au die Erhaltung und Beförderung' des konfessionellen Friedens und die ' .sslege der christlichen Nächstenliebe bedacht sein und sich von antisemitischen Bestrebungen fernhalten mögen. Nicht Worte thun uns noth, sondern ein rascheS, ziclbewußteS Vorgehen wider die böswillige Volksmrhctzung. An schönen Aeußerungen gegen die antisemitische Demagogie lgßt cs übrigens auch der deutsche Reichskanzler von Zeit zu Zeit nicht <Zwei priesterredM. so An sehr der Jahreshauptversammlung des von angefcindeten „Allgemeinen nicde VolksbildungSvercines", welche vor Kurzem in Melk statt fehlen. ttt antisemitischer Seite röstcrreichischen Gymnasialdirector Der Abt begrüßte sagte u. A.: „Wir r ein uralter Volkssand, nahmen auch Abt Alexander Karl und P. Ulbrid) theil und hielten bedeutsame Reden, die Versammlung namens des Stiftes Melk und sind Benedictiner, und als Benedictiner sind w r bildungsocrein, indem wir nun seit vierzehn Jahrhunderten uns mit der Volksbildung beschäftigen und, wie die Geschichte lehrt, mit glücklichem Erfolge. Die Geschichte des Ordens ist g cichbcdeutend mit der Geschichte der europäischen Cultur. Ich danke bei Vereinsleitung, daß sie das historische Melk zu ihrer diesjährigen Hauptversammlung gewählt hat, das, abgesehen von seiner vorchris liehen Existenz, als Residenz der Babenberger zum Ausgangspunkt geworden für. den Staatenbau Oesterreichs, des glorreichen Reiches der Habsburger. . . Als Gründer dieses nicht politischen Vereines füh e ich mich auch verpflichtet, daS schöne Geschlecht zu begrüßen, das in dem Rahmen des Volksbildungsvereines von besonderer Wichtigkeit st, in dem es leider noch nicht nach Gebühr gewürdigt wird; sind es doch die Frauen, die selbst die wildesten Männer zähmen und bändigen und dergestalt ihren erziehlichen Beruf sicherlich darthun. Was der Mann, ich sage cs ungern, aber eS ist ein altes Sprichwort, mit cir ein Wagen ins Haus führt, kann die Frau in einer Schürze wieder himiuStragen. So spricht der Volksmund, und die Nothwendigkeit einer wahren Bildung des weiblichen Geschlechtes ist daraus einleuchtend. Dgn Männern, welchem Stande sie auch immer angehören mögen, ist ntben wahrer Herzensbildung eine tüchtige Berufsbildung dringend! nöthig, und nur unter dieser Voraussetzung können wir den beruhigt e'ntgegengehen. Die Grundlage Volksschule, auf dieser muß Alles aufgebaut n|i der Bolksbildungsverein durch seine Büchereien diese seine segensreiche Thätigkcit müssen wir erkcnnung zollen." Aus der Rede des Gymnasiildirectors P. Ulbrich heben wir folgende Stellen hervor: „Es haben 'chon viele Versammlungen hier stattgehabt, auch solche, welche sich niit beschäftigten, aber noch keine von solch segensv Stürmen deS Lebens aller l)ildung ist eine gute erden, und das thut und Vorträge. Für ihm Dank und Anfriedliebenden Bürger wie die heutige. Und es werden daher Viele mit dem Wohl des Volkes ichen Folgen für den

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