Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 116 (24.6.1894)
- Date
- 1894-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Abonnement-Preis. Mrgan zur 2lbwehr des 2lntisemitisinus. Halbjährig fl. I.üi>. «ierlrljährig ... fl. —.75,. gür da» gelammte Ausland: e^annädrig.fl. S.—. . . Haldjährig.p. i.5o. Erscheint an jedem «oillltagc. Einzelne Nummern 6 kr. Unsrankirte Briese Werden nicht angenommen. Rcdactiou und Adiniiiislralion: l. Lcilcrstätte I». .infcrate werden mit ln Ir. iür die viermal ge lpaltene tlloupareilleleil« berechnet, .kleiner Anjciger da» Wort ~ fr. An'nadnn: von Inseraten in unserer Administration sowie im Annoncenburea» M. Tule», I. L'ollseilc.li. Nummer litt. Wien, 24. Juni 1894. III. Jahrgang. proceß Aijanski. (Lriginal-Miltheilung deS „Freien BlalteS") Lemberg, 17. Amü Tefraudationsproceffe pflegen die öffentliche Meinung in doppeltem Maße herausznfordern, besonders wenn cs sich um eine Defraudation öffentlicher Fonds handelt. Bewußt oder unbewußt' haben die Richter nicht bloß über die Strafbarkeit des angeklagtcn Defraudanten, sondern auch — und das ist cs, was die öffentliche Meinung in erster Reihe beschäftigt — über das Gebühren bei der Berwältung der öffentlichen Güter ihr Urtheil zu fällen. Gesellt sich noch zu diesen Merkmalen ein sociales Moment hinzu, dann wird cS begreiflich, weshalb ein solcher Proceß mit einer gewisten Erregung verfolgt wird, wie eS bei dem gestern vor dem hiesigen Geschworenengerichte zum Abschluffe gelangten Proceffe des gewesenen Salzrefcrcnten im galizischcn Landesausschuffe, Constantin KijanSki, der Fäll war. Der Proceß hat seine. Vorgeschichte, eine solche von charakteristischer Eigcnthümlichkcit für die in Galizien in mancher Hinsicht obwaltenden Berhältniffe. Unseren Lesern dürste es noch erinnerlich sein — wir hatten sie an dieser Stelle darüber informirt — wie cs dazu kam, daß der Vcrfchleiß des Sudsalzes in Galizien, welcher bis Mitte vorigen Jahres direct vom Staate verwaltet war, in die Verwaltung des LandeSausschuffes gelangte. ES muß der Regierung -nachgcsagt werden, daß sic sich lange gegen die Uebcrgabe des Salzvcrschleißes an den galizischcn Landcsausschuß gesträubt hat, aber endlich dem Beschlüsse des Landtage«, welcher geltend machte, daß hiedurch eine Verbilligung des Salzes im Einzelnverschleiß erfolgen wird, nachgab. Niemand hat cs dayialS gewagt, gegen das populäre Schlagwort „Verbilligung des Salzes für den letzten Consumcnten" aufzutrcten, obwohl man ganz genau wußte, daß sich hinter diesem Schlagwortc hauptsächlich das Bestreben barg, der jüdischen Bevölkerung einen weiteren Erwrrbszweig zu entreißen. Die Verbilligung des SalzcS ist zwar nicht cingetretcn, vielmehr wurden von Zeit zu Zeit — freilich zumeist unter . drückte — Klagen geltend gemacht, daß in einzelnen Gegenden ein Salzmangel herrscht, welcher sofort eine erhebliche Vertheuerung . desselben bewirkt, es wurden Wünsche laut, znni alten Vcrschleißsystem zurückzukehrcn, aber dafür sind Hunderte jüdische Familien in Galizien brotlos geworden, um den thcuercn Preis des" Proccsses Kijanski. Tie Verhandlung hat intcreffante Dinge zu Tage gefördert. Was früher Eingeweihten nur bekannt war, ist jetzt zur allgemeinen Kcnntniß gelangt. Kijanski war cs, deffen Kopfe die Idee der Eentrali sirung deS Salzvcrschleißes in Galizien entsprang; er, der stets rechnete und sich zuletzt verrechncte, dachte in erster Reihe an seinen eigenen Bortheil. Als er den Plan der Centralisirung des Salzverschleißes faßte, war er ein ruinirter Mann. Die -achtbare Stellung eines FinanzcommiffärS hatte er eingebüßt, er war gezwungen, den Staatsdienst, wo er sich nicht bewährte, zu verlaffen, und für ihn war eS eine Lebensfrage, sich eine neue Existenz zu schaffen. Er bot sein Projekt der Galizischcn Actien-HandclSgefellschaft an, welche sich desselben rasch und gerne bemächtigte, da ihr auS dem Monopol des Salzhandels in Galizien eine halbe Million jährlichen Einkommens winkte. Schon damals, als es hieß, die Handelsgesellschaft werde daS Monopol erhalten und Kijanski ihr Hauptfaiseur sein, nahm dieser von den Salzhändlern, welchen im Faste, wenn ihnen der Verschleiß entzogen würde, der Ruin drohte, beträchtliche Summen, wofür er ihnen eine Berschleißlicenz in Aussicht stellte. Das war damals — vor etwa zwei Jahren —1 öffentliches Gcheimniß. Als dann das P.rojrct der Handelsgesellschaft an dem Widerstände der Regierung v scheiterte und der Landcsausschuß es um den Preis von Ltltü) fl. erwarb und sich deffen mit besserem Erfolge bediente, zauderte er troi? dieser Gerüchte nicht, mit dem Projectc auch KijanSki zu übernelimen und ihn zum Referenten und Verwalter des im Juli neu creirten Salzbnrcaus zu erncnucu. Zahlreiche Warnungen gelangten au den LandcSauSschuß, in welchen die Person KijauSki's gebührend charaklcrisirt wurde. Aber statt sich die Augen öffnen zu laffeu, zog der LandcSanöschuß es vor, sich von seiuciu.Glauben beruhigen laffeu;>r dürfen, daß die Warnungen pure Verleumdungen^ seien, welche vc» den früheren, in ihrer Erislcuz bedrohten Salzhändlern ausgchen Tee als Zeuge vcrnoinmcnc LandeSausschußbeisiver Thaddäus Romanowic; hat dies unumwunden cingcstanden. Den Rest ibat die Proteelio», welche sich für Kijanski ins Mittel legte — und wer könnte lucrzulandc der Macht der Protcclion widcrstcben? So wurde Kijanski fast unumschränkter Herr deS galizischcn Salzvcrschleißes, ,dcn er ja zum Monopol erhoben, den er geschaffen hat zum eigenen Frommer und Nutzen, er, der Beglücker der Bauern, denen er auf .itcsl.'u der jüdischen Händler angeblich das Salz verbilligen wollte. Eine Katastrophe war unausbleiblich. Der Landesauöschusi, der wohl viele tüchtige Beamte zur Verfügung bat, war eben einem Handelsunternehmen nicht gewachsen. Dies gehörte nicht in sei» Fach. Tie Wohlmeinenden, die sich mit ihrer Ansicht aber nicht hcrvorwaglc», haben dies vorausgcschcn. Es mangelte im Landesausschuffe ander nöthigcn Eontrolc, was die vorgcladcnen Zeugen vor «Bericht zu eigener Beschämung eingcstchcn mußten. Kijanski verkaufte uncontro lirt das Salz, nahm Geld in Empfang, wozu er nicht berechtigt war, führte cs nicht ab, sondern gebrauchte cs für sich — er hat übrigens Alles in der Lotterie verspielt bis endlich im Februar dieses Jahres bloß durch einen Zufall seine sraudntosc» Manipula.- ^ioncn entdeckt wurden. Inzwischen sind rund l7.f t.lt» Gulden ver iorcu, und den Schaden haben der Landcsausschuß und eine Anzahl von Salzhündlern zu. beklagen, tiijansii wurde zu zehn Monaten schweren Kerkers vcrurlheilt. DaS ist das vorläufige Ende der großen volkSbcglückendcn Action des Landes, welche unaufrichtig/ von falschem Interesse begonnen, schlecht geleitet, kein anderes Ergcbuiß haben konnte. Wird der Proceß, der Allen —' und wir wollen glauben —■ auch dem Landesausschuffe endlich die Augen geöffnet hat, eine heilsame Wirkung auSübcn? Wird man endlich zur Ncbcrzeugung gelängen, daß egoistische Elasscnmotivc zu allerletzt auch den bevormundeter Elasten den erhofften Segen nicht bringen können Y 3ft Deuticblanfc äracr daran als wir? Abgeordneter Dr. Josef Kopp, der sich um die Abwchrbewcgung durch eine vortreffliche Schrift über die Blutbcschuldiguug in hohegi Grade verdient gemacht 'hat, stellte neulich in einer Wühlckvcrsammlung die Behauptung auf, daß die Epidemie des Antisemitismus in Deutsch fand noch ärger grassirc als hierzulande. An antisemitischen Exceffen jeder Art mangelt es weder bei uns, noch im Reiche, der Gottesfurcht und frommen Sitte. So lange dieselben sich bloß gegen die Juden kehren, begnügen sich die am Ruder befindlichen Staatsmänner herüben L'-