Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 115 (17.6.1894)
- Date
- 1894-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 115. Seite l». Fr »ies „Ist cs wahr?" fragte er hilflos. „Ist eS wahr? Nelly — meine Nelly — mit einem Christen verheiratet? Was bedentet daS Alles? Warum that sie das? Ist es den» auch wirklich wahr?" „ES ist ganz wahr, Onkel. Sie hat eine» Man» geheiratet, Namens —" „Schweig! Ich will nichts mehr hören." Er legte die Hand an feine Stirne. „Ich dachte a» das Andere. Ich bin rninirt. Mein Geld ist hin und mein Name anch. Ich bin verloren. Ich kam heim, meinem Kinde zu sagen, daß ihr Pater ein Bettler sei, ich dachte, sie. würde ein wenig weinen und mich ein wenig tröste», es ist doch etwas für eine» Mann, wen» er nach Hanse schleiche,) kan» und Worte hört, die nichts bedeute», Trostesworte, wen» es auch keine Hoffnung mehr gibt, Lob, wo der ganze Himmel von Flüche» erschallt! Und so komme ich heim, und sie ist todt, tobt. Meine Tochter ist todt, inein Kind, meine Preciada, meine Nelly, sie ist todt!" Der ruinirte Buchmacher schaute um sich, geweiht durch dieses doppelte Unglück. Niemand sprach ein Wort, keines rührte sich, er war um sein Geld, um seinen Namen, um sein Kind gekommen, Alles war auf einmal dahingegangen. „Sie ist todt," wiederholte er; „aber kein Leichnam ist^da, mau' braucht kein Leichentuch. Ter Todtenwächter ist nicht im Hause, eS wird kein Begräbniß stattfinden. Wir werden nicht im Kreise herum siyen und die Leicheneier essen." Er zog ein Messer auS der Tasche, öffnete , die Klinge und den Rock mit der Linken rund um sich ziehend, schnitt er aus der rechten Seite seines Rockes mit dem Meffer ein handbreites Stück heraus. „Weh!" sagte er. „Meine Tochter ist todt n»d um ihretwegen zerreiße ich meine Gewänder. Meine Tochter, 'meine-Preciada, meine Nelly,. meine schöne Tochter ist todt und begraben. Laßt eine brennende Kerze und ein Becke» voll Waffer in ihr Zimmer stellen zur Reinigung ihrer Seele. Sie ist begraben, aber nicht unter ihrem Volke! Aber laßt uns Kadisch sagen für sie. Laßt uns trauern um die Todte nach der Sitte unserer Religion." Mr. Bernard setzte sich auf einen Stuhl inmitten des Zimmers und saß da regungslos, die Hände gefaltet, den Kopf herabgeneigt. So verließen sie ihn; sie gingen hinab ijr* den Garten und blieben ■ eine Zeitlang unten sitzen. Dann gingen -die Mädchen zu Bette, Emanuel allein laffend. ' Am folgenden Morgen fanden sie den Trauernden »och auf demselben Platze sitzend. Hatte er da die Nacht zngebracht? Sie störten ihn nicht und nahmen ihr frühstück in der Küche ein. Und a» allen Fenstern wurden die Borhänge herabgelassen, so daß die Nachbarn wiffen konnten, daß der Tod unter ihnen weile. Den ganzen Tag blieb er da sitzen. Tann sandten sie ihm Speise. Am nächsten Morgen saß er auch noch dort. . „Er hat mehr verloren," sagte Emanuel, „als bloß feine Tochter. Er trauert um etwas, das ihm, wie er gotteslästerlich sagte, mehr gilt als alles Andere. Er denkt nach, wie er wieder zu seinem alte» Leben znrückkehren kann. Es wird ihm sehr gut thuu, allein zu sei» und Nachdenken zu können." Vier Tage lang saß der beraubte Vater an derselbe» Stelle. Aber es kamen keine Freunde. Keiner von ihnen kannte thatsächlich den Privataufenthaltsort des Mr. Sydue» Bernard, welche» er aus verschiedenen Gründen seinen Freunden vom Turf verschwiege» hatte. Hätten sie ihn gewußt, so wäre dieses Hans nun belagert worden, und die Trauenvoche wäre mit geringer Ehrerbietung respectirt worden. Denn die Geschäftsfreunde dieses Buchmachers forschten vergeblich »ach ihm. Er war rninirt, das war so viel als gewiß. Es hieß, daß er seinen Verpflichtungen, viele Tausende betragend, nicht nachkomnieu konnte. Laut waren die Klagen Jener, die ihr Geld verloren oder ihren'Gewinn eingebüßt hatten. Es war sehr gut für Mr. Sydney Bernard, daß er in dieser bösen Zeit nirgends draußen gesehen wurde. Er war verschwunden. Niemand wußte, daß er de» Tod einer geliebten Tochter betrauerte. Tie Leute flüsterte» sich zu, daß er geflüchtet sei, daß er von einzelnen Opfern gesehen worden war in Boulogne, in Brüssel, in Ostende. Vier Tage lang saß er in Würde und Stille in dem vorderen Ziiümer. Clara blieb bei ihm, um ihm nöthigenfalls Beistand leisten zu können. Es war eine Zeit der Stille, mau hörte höchstens ein leises Geflüster und das Schluchzen Almas. „Ich kann sie nicht besuchen ohne meines Vaters Erlanbniß," sagte Clara. „Binnen Kurzem wird es sich ja gebe», und dann will ich zu ihr gehen. Aber du kannst ja gehe», Franziska. Arme Nelly! Und.noch dazu einen solchen Manlaffen zu heiraten! Wenn ich einen Christen heiratete, so müßte er doch von angemeffeuer Art sein; aber dieseu Menschen? O!" Am vierten Tage erreichte die Trauer Sydney Bernard's ein jähes Ende, und zwar auf eine sehr überraschende und unerwartete Blatt. Art. Es war gegen I l Uhr Vormittags. Franziska halte gerade mir Hilfe der kleinen Magd 'welche nur auf den Zehenspitze» umherging, bloß im Flüstertöne sprach, wie wen» der Tod anwesend wäre, und von Zeit zu Zeit sich hinsetzte, um in einen Zipfel ihrer 'Schürze zu weine») eine Obstpastete für das Mitiagmabl zn Ende gebracht. Nach Beendigung dieser Arbeit ging sie hinauf und sah dnreh die Garten thür in« Freie. Durch die hängenden Zweige der virginische» Wald rebe blickend, sah sie Emanuel wie gewöhnlich bei der Arbeit sitzend, barhäuptig, trotz der heiße» Iulisonne. Seit Nellps Flucht ballen sie nichts über die Entdeckung gesprochen. AuS dem Sprechzimmer tönten ihr Stimme» entgegen, es war also Jemand bei dem Trauernden. Es wcheine laute und fröhliche Stimme. Da auf einmal wurde auch die Thüre des Zimmers aufgerisien und Mr. Sydney Beruatd trat ' munter heraus. „Alma," ries er fröblich die Küchentreppe biuab. „Ziehen Die ihre Vorhänge hinauf, öffnen Sie die Fenster, Kommen Sie dann herauf und ziehen S,ie hier alle Vorhänge hinauf und öffnen Sie alle Fenster." „Was meinen Sie damit, Mr. Bernard?" rief Franziska, sich voll Erstaunen umweiidend: „Sind die Tage der Trauer min vor über? Haben Sie Nclly vergeben? In , sie dem Leben znrückgegebsn worden?" „Wir haben genug getrauert. Wege» des Vergebens Ivrrde» wir schon sehen. Ich gehe »nt meinem. Bruder fort, ich weiß nicht, wann ich zurückkoiumen werde." Er sprach in kurzen, abgebrochenen Säve», eilte ins Sprechzimmer zurück- und schloß die Thüre sorgsam hinter sich zu. Es hatte sich etwas ereignet, das seine religiöse Traurigkeit in eine dem Gegentheile sehr, ähnliche Stimmung i»ugewand''.r hatte. Was sich nun in der That ereignet hatte, war Folgendes. Sei» Bruder, der Kaufmann ans der Mortimer Street, suchte ihn ans. „Nllly ist todt,"^sagte Mr. Bernard-ausblickend. „Meine Tochter Preciada ist todt." „Ei, ei! Das ist so, wje eS sein sollte. _ Ja. Ich weiß Alles. Bruder, hast du nicht schon länge genug getrauert? Komm', wir hind keine Rabbis. Vielleicht, wenn du gehört hast; was zch herausgefuirde» habe, vielleicht stehst du dann ans, gehst aus und gibst das Trauer» aus und siehst wieder fröhlich drein." „Ich kan» nie wieder fröhlich dreinschauen. Sagte dir's Clata nicht? Es ist nicht dies allein, daß '.Keilt, tobt ist? Ich bin rninirt. Ich kann ebensogut hier bleiben, wo mich 'Niemand finden kau». Ich' habe die ganze Zeit nachgedacht, tvas ich thun soll,'aber Ich habe mir keinen Ausweg, gefunden. Mein Name ist hin. Ich bin rninirt, Bruder." . „Ich weiß Alles. Nun, Sudue«, d» weißt doch, daß ich über Geld nicht leichthin spreche. Wenn ich dir nun zeige, wie du deinen Namen und deinen Credit wiedergewiuuen kannst, fo gut wie früher und noch besser, viel besser, ohne Verlust an 'Namen oder Ansehen für dich, würdest du dann' nicht Sack und Asche ausgeben? 'Nicht, als ob du mit deiner Trauer nicht recht gethan hättest, Bruder." Südney Bernard richtete sich in seinem Stuhle auf. Steif - vom. Sitze», mit gebeugtem Kopse und gekrümmten Schultern, erhob er sich langsam, dehnte sich und rieb seine Beine, so wie man ein Pferd wartet.- „Nein, Bruder," sagte er. „Du bist gewiß keiner von denen, die über Geld leichthin reden, du weißt das besser. Was aber meinst, du denn?" , j Mr. ','sp.gclo zog die Jalousie des verfinsterten' Zimmers ln die Höhe und stieß das Fenster auf. Dann ferne er sich auf den Stuhl des Trauernden und begann mit seiner Erzählung. „Nelly ist verheiratet," sagte er, „mir einem gewissen Amon Hayling." s „Ich brauche seinen Namen nicht zu kennen," umerbrach ihn der beleidigte Vater. „Erwähne mir seiner und des Mädchens nicht mehr." „Laß mir die Geschichte auf tüeine Art erzählen. Wenn sie >yus ist, kannst du darüber sprechen. Sie ist schon werth, erzählt zu werden, wie dü später wohl zngebeu wirst. Anton Hayling war vor fünf Tage», als er -Nelly heiratete, in einer chemischen Fabrik bedienstet. Er ist nun wegen Nnsähigkeil entlassen worden. Er bat also für de» Augenblick keine Beschäftigung und keine Mittel. Das ist ein guter Anfang für ein neuveriuählteS Paar, nicht wahr? Der junge Manis ist der einzige Sohn des Anton Hayling, des Herausgebers und Besitzers eines unbedeutenden Blattes. Seine Mutter ist eine trunkene Dirne, die. sein Vater in Poplar heiratete, als er Seemann spielte. Aber sein' Vater — nun paffe auf — ist kein gemeiner Mensch: er war viele Jahre lang Seemann, zuerst gewöhnlicher Matrose vor dem Maste, dann Stenermann ans einem Segelschiffe, Ich glaube, das Schiff ging auf der levantinischen Linie und .gehörte einem Juden, welcher mir diese Einzelheiten mittheilte. 'Jitin ist's schon nichts Gewöhn-