Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 115 (17.6.1894)
- Date
- 1894-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Freie» Blatt Nr. 115. (Worte eines Pastors.) Z» Nutz und giomman unjmr Heycapläne nehmen wir von dem Verlause einer anlisemitijche» Versammlung im 12. Hannover'schen Wahlkreise Notiz, über welche da« „Hessische Volksblait" berichtet: Fast die ganze männliche Gemeinde, Mit dem Pastor a» der Spitz«, war der antisemitischen Einladung gesolgt, und der Saal war ziemlich gefüllt. Al» der Redner anfing, da« antiseinitische Programm darzulegen, entstand inmitten der Versammlung ein Murmeln und Scharre», welches schließlich so arg wurde, daß der Redner nicht mehr verstanden werde» konnte. E« entstand eine Pause, und nun baten die Einberuser den Pastor, er möge doch ein paar Worte iprccheu, damit die Leute ruhig wäre». Hieraus »ahm der Geistliche daS Wort und sagte etwa Folgendes: „Geehrte Anwesende! Tiese Leute hier haben u»S eingelade». damit wir ihre Weisheit anhäre». Wer sind diese Leute? ES sind dieselben, welche in der Zeit de« CulturkampfeS die Katholiken bekämpsten, und jetzt tönnen sie nicht genug aus die Juden schimpsen. Bisher haben wir uns mit de» paar Jude», die wir hier haben, schiedlich und friedlich vertrage», und ich glaube, wenn uNS dieselbe» einmal zu viel thun sollte», dann werde» wir mit ihnen fertig auch ohne diese Hetzer. Wir wollen denselben aber jetzt Ruhe hier im Saale verschaffe». Wer »»» ein guter Christ oder Katholik und ein gerrcuer Hannoveraner und ein guter Welse ist, der mache ei so wie ich. Ich empfehle mich, meine Herren!" Der Geistliche verließ den Saal, und ihm folgte fast die ganze Versammlung, so daß der Saal leer wuldc, und die Herren Aniisemite» hatte» jetzt die nötbige Ruhe. Aus antisemitischen Blättern. (Eine Prrßklagt Wckcrlt's.) Das „Deutsche Volksblatt" erzählte, daß der ungarische Ministerpräsident Tr., Wekerle jüngst ei» Gut angekaust habe, und stellte eine Berechnung seiner Einkünfte an, um daran die Vor dächligung zu knüpfen, daß er gar nicht in der Lage gtivesen wäre, dieses t«nt auS eigene» Mitldln zu bezahlen. Nach einer Meldung au« Budapest beabsichtigt Tr. Wekerle gegen das antisemitische Organ die .stläge wegen Ehrenbeleidigiing und Verleumdung vor den Wiener Geschworucn zu erhebe». Führt der un gari'che Ministerpräsident diese Absicht aus, so werden die Hinlermäniier lener Polonsky-Zettel Colporteure srohlocken, deren Bestrafung jetzt Herr» Lergani eine Genugthliung bereitet. (Im Coupe erster Classk.) Ter Moniteur für Kalksburg und Umgebung erzählt eine „wahre Geschichte", die sich in einer Wagenabtheilung erster Claffe aus der Südbahn abgespielt hätte. Ei» Herr und eine Tame mit „gebogene» Nasen" sollen sich über einen geistlichen Reisegefährten, über beste» Tonsur, Brevier, Schule rc. lustig gemacht haben, tvurden aber „sprachlos" vor Entsetzen, alS dann in einer Station ein " „hochgewachsener, schwarzer Herr mit ernster Miene" eiustieg und den Moniteur für .stalksburg und Umgebung herausuahm, in den er sich vertiefte. Diese „wahre Gesehichte" ist schon sehr alt: wir sind ihr fast in jedem Antisemitenblättchen begegnet. Neu ist nur ihre Verlegung in ein Eoupv erster Elaste, da ihr Schauplatz bisher stets die Pferdebahn oder der Siellwagen war. Geistesverwandt mit dieser Erzählung sind auch die Meldungen von den alten Juden, die junge» Mädchen Zöpfe.abschneiden wollen, aber durch brave Austräger anlisemilischer Zeitungen verscheucht iverden; von feiste» Jüdinnen, welche Nonnen in der Nähe einer .antisemitischen Schrisllciterei aus die Hühneraugen treten, ohne „Pardon" zu sagen; von dem frechen semitische» Commis, der einer hübsche» arischen Blondine mit der impertinenten Aufforderung nahezntrelen wagt: „Lesen Sie das .Tagblalt'!", aber mit der herrlichen Antwort abgefertigt wird „Ich bin ein anständiges Mädchen und leie nur die LolkScloake oder die Schundschau." So wird das Nützliche mit dem Angenehme» gepaart, die Judeuhetze mit der Reclaine für das eigene Gcschäflsunternehmeu lieblich verbunden. Ter duinme Kerl, aus welche» man es abgesehen hat, liest das und glaubt wirklich, eine wahre Geschichte vernommen zu haben. „Unseren Leuten könne» wir Alles bieten" sagte ei» geriebener Anführer der Antisemiten, und die Organe dieser sauberen Gesellschast liefern fast täglich Belege dafür, daß sie ihre Pappenheimer kennen. (AuS dem antisemitischen Blätterwalde.) ES ist „ein Lied, da« Stein' erweiche». Menschen rasend machen kann", welches wieder einmal aus dem antisemitischen Blätterwalde heult. Kein Wunder: die antisemitischen „Schornalisten" ernte« nichts als schwarze» Undank, und zwar von ihre» Leuten ielbst. Da klagt Spitzer-Weimar im Tone der höchsten Entrüstung, daß inan sei» Blatt von clericaler Seile nicht als vollwerthig „katholisch" gellen lassen will, und wie eine freigebige Schöne ihre nicht immer sür die Oeffcntlichkeit bestimmte» Reize enthüllt, um ihren Werth zu beweisen, so zählt die „Reichspost" ihre Thaten aus und trägt: „Wer hat in der Ästaire Skacel die Trommel durch ganz Oesterreich gerührt? Wer hat verhindert, daß die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien vor der Schmach eine« confessionStosen Bürgermeisterbewahrt wurde? Wer hat sich der verfolgte» .Hetzcapläne' angenommen? Wer ist für das Recht de« Vorarlberger Landtage« in der Duellsrage eingelreteu? Wer wurde c^nfiscirl wegen der Besprechung von Säcularisationen? -Wer hat den Kampf gegen das Frelinaurerthum mit Erfolg aufgenommen? Wer hat die zündenden Männerpredigte» des mächtigste» und bereite 7r~ liedtesten der Kanzelrcdncr Wien», de« k'. Abel S. .1 , tu weiteste Verbreitung durch Abdrmt inden Lpalteu des Blattes und Herausgabe einer eigenen Broschüre gegeben? Wer mußte »och i» den letzte» Tage» die schwerverletzte bischöfliche Autorität selbst gegen latboliichc Zeitungen in Sämtz nehmen? Tie. .ReichSpgst'! Und doch soll sic nicht katbotnch sein'?' In der Thal, Spitzer- Weimar hat sich eine sür einen Cönveriile» crnmmlt.ti »eisin,tige Auffassung de» katholischen Charakters angeeignek. und wir begreisen seinen Jam,»er. 'daß das christliche Volk sich nicht zu einer vollkommenen Würdigung der „Reichspost" ausichwiuge» kann. Er ffdll zu Herrn K. H Wo li gehen nndchsib.-i dieiem, uni die Biographie Svitzer Weimar'« hochverdienten Manu T-röst holen: dlciem geht es ganz ähnlich Wir die aiilifemiliichcn .uailiolilen den .stallonrichnuS der „Reichspost" nicht versieben, io vertenneu die anli'emilffäa» Teutichen de» unnachahmlich deutschen Charakter der „O si de uii ch e n Rundi.üa»". Tie ui» Sleinwender sarder» nämlich in einem Ausrufe ihre ig.-sinnnngsgenoffen zur „ebebaldigen Zeichnung von Aniheil'cheinen" an», da am 1. Jänner 1*?.', in Wien ei» von ihnen geplantes „streng ualionales, »»bedingt wahrhasics, mit Geist geschriebene» Tagblalt" cricheiuen toll. .'!. H. Wol> isi vom Brotneid ebensoweit entserul als Sour Concurreniensurchi: >mv.„m auch lehiere?. da doch da» angedrohle Zeiiungsunieruehmk» unbediiig! wahrhaft und mit Geist geschrieben teilt ' soll. Eigenschaften, aus welche die „Rundschau" gar leige» Anwruch m*ti. Aber daß Tie um Sleinwender erklären, eS.fei ein schreiende« Bekünniß „all einem deutsch nationalen Blatte vorhanden, isi sür die „Ostdeutsche Rnndüban" ehe,Jebeschämend, wie sür die „Neichspost" der Vorivriri. daß sie uicin genug tachotl-ch sei. Wer wird eS denn fürderhin un« verargen, wenn tvir kein Verständniß für die Vorzüge der antisemitischen „Lchorualiftik" besitze», wo doch^v Anti ' semiten selbst eine io vcruichlenkc -gritik an derselben üben. Vielleicht wächst sich da« seit Sturze»! i» Klosterneuburg erscheinende Hevbläklchen, da« sich „Zeitung für Stadt n»d Land" nennt, zu dein noch immer zu erwartenden aiiliseinitischcn Normalblan ohne Corruplion und Fehler au«. «Sitzt!) Ter Gedankenlose der „Ostdeutschen Schunds-ban" läßt siä, folgender-' * maßen vernehmen: Tie „ReichSpost" macht sich über den HundSvciiichen heldeu Pollitzer lustig, weil dicürken Per«: „Es liebt die Welt da« Strahlende 77 zu schwärzen rc." dem „Altmeister Goethe" znschrcidt. „Vielleicht" — meint die „Reichspost" „schlagen unsere gescheiten Literaturjutcu bei Schiller nach, wo der VerS. sich findet. Dagegen ist es ein wirklich Goethe'icher VerS: .Zum Teufel ist der Spiritus, da« Phlegma ist geblieben. " Ta« Schönste in mm. daß auch dieser „wirklich Goethe'iche VerS" nicht von Goethe, iondern gleichfalls von Schiller ist. (Siebe Schiller's Gedicht: „Männerwürde",' 18. Sirovhe!»-, Tie Herren Weimar und Pollitzer lönuen sich ql'o gelrost - die. Hände reichen! — Bravo Masaidck! (Anliscinilischer (iiroyknwahii.) Aus Prag wird un-) geschrieben: Ta« hiesige Wochenblatt „Oeska iStraz" gehört zu den 'anmulhigsten Blättchen, die aus anliseinitischei» Boden so lieblich emporsprossen. An« Anlaß de« letzthin stattgesuiidcne» Feste«,, das die Mitglieder des Vereine« zur Abwehr de« AulisemitiSmuS adgeballeii haben, bringt das oben genannte Blänche» eine» Bericht, der g. A. auch so gnädig ist, Lines „gewisse» Professors Nolbnagel" Erwähnung zu thu». Im tschechischen Original sieht: ,jak>'si pro). Notbiiiiirol ". DaS Wort „jakysi". da« hier eine höchst ihörichle fleberbebung ausdriilkl, läßt' sich im Teuichen beinahe nicht wiedergeben: cS will lagen, daß cs ganz unzulässig wäre, Jemandci» zuzuinulhe», daß er den Namen -Nothnagel kennen sollte. Ter zündeitde Toast der Frau Baronin Berlba v Sumier. einer geboreueu Grän» Kinskq, die aber nachAwr ..i'vsku 8irn/" eine I-jjdiii ist, wird iolgenbermaßen übersetzt und commenlirl: „Wir Frauen tonne» viel auSrichlen gegenüber den Antisemiten. I» unserer Hand liegt das Mittel zur Wahl der Rare' Derjenige, den wir auSzeichne», muß uns angehören. Daher ruie ich au»: .Liebet nicht die Antisciniteu.' AuS dieser geistreichen Sentenz erfahren Nur, daß die Antisemiten eine eigene Racc -sind. Wenn irder, der kein Jude ist, Antisemit wäre, wäre eS wirklich sehr erfreulich, und eS ist nur zu wünschen, daß diese Rqce wächst!" — Wie man sieht, könne» nicht bloß Va>ali, unk Breznowrky mit de,, L»eg--r und Schneider bereits die Coneurr'enz aushaltcn,' auch die tschechische Äntisenlirenpresse wird eS der Wiener an Verlogenheit und Tummfrechheil bald gleichthun. (Wie dcr TcuskI dcu Koblenbrrniikr schwarz ncmit) Tie dein Fürst erzbischos Tr. Nohn gehörige .„O lmüyer Zeitung" zNr. 187t) vüm 6. d M.s enthält folgende Reclgmenoti;: Echte» Sliwoavitz und Wach hold er. I» der Zeit der u»laulereii Eoucurrenz, welche sür hohes Geld schlechte Waare liefert, erachten wir e« 1 al« unsere Pflicht, »nscre 1'. T. Leser auf. die einzige christliche Firma (folgt ' der Name) ausmcrkiam zu machen, welche vor einige» Jahren trotz derlüdischeu Eoucurrenz a»s Zurede» ihrer Freunde sich eiilichloffe» hat, echten Sliwowitz und Wachholdcr zu erzeuge», daniil die christlichen Eoinmittenken au» der uilangenehinkn Lage befreit werden, ibren Bedarf an echter Waare von jüdischen Firmen beziehen zu müssen. Die, an viele» Ausstellungen . bi« nun mit'22 Preisen, darunter mit 2 StaaiSprcise» ausgezeichnete Firma wird «in so concurrenzsähiger dastehen, lemebr sie in ihrem Unternehme» unterstützt werden wird, was wir ihr au« vollem Herze» wünsche». Besagte antisemitische Firma und antisemitische Zeitung haben zedensallS allen Grund, Uber jüdische unlautere Eoucurrenz zu klagen. Tie.Antisemiten -