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Freies Blatt · 1894-06-17 · 115 (17.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
115 (17.6.1894)
Date
1894-06-17
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 115. Freie, für gleiches Recht aller Staatsbürger vor dem Gesetze. " — Ferner wird u»S aus Aerzen berichtet: Sonntag den 10. d. M. sprach hier in einer zahlreich besuchten Versammlung Herr Schriftsteller Weigt aus Hannover Über „unsere politischen Parteien". Den Vorsitz führte der hiesige Mühlenbcsitzer Herr Becker. Der antisemitisch gesinnte Bürgermeister unseres Ortes, Pr ölt, hatte auf '/„4'11hr eine große Feuerspritzenprobe angeordnet, zu welcher sämmtlichc männliche Einwohner im Alter von 16 bis -10 Jahren bei einer Strafe (sic!) von 4 Mark geladen waren. Natürlich hatte der Herr Bürgermeister hicmit für den Bortrag nur'Propaganda gemacht, und unter, stürmischer Heiterkeit der bereits Anwesende» strömten eine halbe Stunde nach Beginn der Versammlung die braven Spritzenlcute herbei, den Saal bis aus den letzten Platz füllend. Ter Redner besprach einleitend die Bestrebungen der Elsäßer, Pole», Dänen und Welsen u»d schilderte hicrasis die zwischen den bürgerlichen Parteien und der Social-Tcinokratic bestehenden Gegensätze. Sodann zog er eine scharfe Grenze zwischen den conservativ-reactionüren und den liberalen An schaumigen, Namentlich an der Hand der agrarischen Bestrebungen wies Weigt die Gcmeingesährlichkcit der rechts stehenden Parteien unter dem doiincrudcu Beifall der zumeist auö Landwirlhcn. bestehenden Versammlung schlagend nach. Ter sehr beifällig ausgenommcnc zweistündige Vortrag schloß mit einer herzliche» Mahnung zum Zufanimcnstchcn aller wirklich nationalen Kräfte gegen die conservativ-rcactionürc» antisemitischen Machenschaften. Unter ungeheurem Gelächter seiner Gcmeiiidcangehörigen bemühte sich daraus Herr Bürgermeister Prött, sei» Licht gegen den Vorredner leuchten zu lasse»; er wurde auch unter einem wahren Beifallssturm von Herrn Schäler aus Hannover Derart gründlich abgcführt, daß es für ihn jedenfalls bester gewesen wäre, wenn er seine Spritzenprobe noch ein wenig verlängert hätte. Herr Prött versuchte noch eine lahme Erwiderung, woraus Herr Weigt die Niederlage dcö antisemitischen Bürgermeisters vervollständigte, so daß schließlich folgende Resolution ohne Widerspruch gefaßt, wurde: „Die heute in Acrzen tagende öffentliche Volksversammlung kann nur in dem friedlichem Zusammenwirken aller wirthschastlichen und sittlichen Kräfte eine ersprießliche Entwicklung der üulturausgabcn erblicken. Sie verurthcilt daher alle hicgcgcn sich richtenden Bestrebungen und erklärt insbesondere den Antisemitismus als eine schwere sittliche Gefahr für unser Volksleben." (Bon der Berlincr Stiidcillciischaft./Während die Hetzblätter in der „Ostmark" fortwährend von der Erstarkung der ■ Aiiliscuiitcrci in den Reihen der stndircndcn Jugend im Deutsche» Reiche zu erzählen wisic», liegt uns nun folgende Berliner Meldung vor: Tic vom 7. bis!>. d. M. vorgenommcncn Wahlen für den Ausschuß der hiesigen akademische» Lesehalle ergaben einen erfreulichen Rückgang der antisemitische» Bcwegnitg. Im Vorjahre erhielten die Eandidaten des „Vereines der deutschen Studenten" 270, jene ber freien „wissenschaftlichen Vereinigung" 217 Stimmen. Diesmal erhielte» crstcre 26*, letztere zusammen mit der verbündete» „social-wissenschaftlichen Vereinigung" 2'.)ä Stimmen. Es dürste ihr daher der Vorsitz im Dircctorium zufallen. — Eine spätere Berliner Meldung berichtet, daß .Rector Dr. Weinhold in Angelegenheit der studentischen Wahlen zum Dircctorium der akadcinischc» Lesehalle zu Gunsten des „Vereines deutscher Studenten" entschied, weil dessen Eandidaten mit 23>> Stimmcn eine größere Stimmenzahl erhielten ^alS die Eandidaten der nicht officicll Verbün beten, der „freien wissenschaftlichen Vereinigung" mit 200 und der „social-wissenschaftlichen Vereinigung" mit 05» Stimmen. Somit wurde auch hier, wie bei den Parlainentswahlcn, ein antisemitischer Erfolg durch den Mangel an einem einheitlichen- Vorgehen der Gegner erzielt. Der Rückgang der antisemitischen Stimme» bleibt aber eine Dharsache. (Knorr lind Heutig.) Die „Moabiter Rachrichtc'il", ein in E h a r l o t t c n b u r g erscheinendes conscrvariv-aitliseiuilifcheS Blättchen, beschuldigte» den Oberlehrer Tr. Heutig, daß er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des conservativcn Vereines in, Eharlottcnburg die Handwerker, Buchdrucker :c., welche für diesen Verein Arbeiten liefern, durch unberechtigte Abzüge am Preise schwer bedrücke und die abgezogenen Beträge wahrscheinlich in seine Tasche gleiten laste. Der verantwortliche Redactcur K n o r r wurde deshalb geklagt und vom Schöffengerichte in Charlottenbiirg zu vierzehn Tagen G'cfängniß vcrurtheilt. Gegen diese Bcrupthcilnng legte Knorr Berufung an das Berliner Landgericht ein und suchte vor demselben geltend zu machen, daß Dr. Heutig gegen ihn einen förmliche» Vernichtungskamps führe und er sich gewissermaßen in der.Nothwehr befinde, wen» er. auch seinerseits die öffentliche Stellung des Dr. Heutig zu erschüttern suche. Früher habe er mit Letzterem an einem Strange ge-' zogen, aber bei einer Stadtverordnetem»»!)! in Moabit seien zwischen ihnen Differenzen entstanden, und seither suche ihn Dr. Heutig dadurch geschäftlich zn ruinircn, daß er die Parteigenossen abhaltc, in seinem 8 l a t t. ' > ' , Seit* 5 Blatte zu inscriren. Er wolle den Beweis dafür antretcn, daß Dr. Hentig die Lieferanten des Vereines bedrücke. Der Kläger gab zu, daß er in einzelnen Fällen solche Abzüge gemacht habe, aber nur dann, wenn unberechtigt hohe Forderungen gestellt worden seien. Auf Grund dieser Erklärung lehnte die zweite Instanz gleich der ersten den angcbotenen Beweis ab, da es hier, lediglich ' ans den Vorwurf ankommc, daß Dr. Heutig in eigennütziger Absicht unberechtigte Abzüge mache. Dr. Hentigbehauptete seinerseits, daß die „Moabiter Nachrichten" unter Ausschluß dev Deffentlichkeit erscheinen, woraus Knorr rcplicirtc, daß fein Blatt HilMl zahlüidc Abonnenten in den „besten Kreisen" habe. Der Gerichtshof war der Ansicht, daß die Beleidigung eine sehr schwere und daS erkannte Strafmaß durchaus angcmesten fei. - Die Berufung wurde'daher verworfen und das erste llrthcil bestätigt. Die Kümpfe der Antifcmitcn nnlsrcinander siizd. immer lehrreich: wer nicht mit Blindheit geschlagen. ist und sehe» will, kann sich aus ihren große» und kleinen Processen, mögen nun die Fälle Vergani-Hro», Bauer,Wesendonck oder KnornHentig heißen, ei» richtiges llrthcil über die ganze Gesellschaft bilden. (Das Recht aus Schitchligkcu) Es ist eine stanstisch festgestcllle Sache, daß die Zahl der Thcilnehmer an Verbrechen in einem gewissen Vcrhältniste zum bürgerlichen Berufe der betreffende» Personen . steht. So stellen z. B. die Fleischhauer, welche ja gegen Blutvergießen ab gehärtet sind, ein viel größeres Eoutingcnt zu den Vergehen und Verbrechen gegen die körperliche Sicherheit und das Lebe» ihrer „Mit mciffchdn als etwa die Schneider oder Schuster oder Seifensieder u. f. iv Das hat man bisher ganz natürlich gefunden und findet es ja auch heute noch natürlich, wenn cs sich nämlich um Ehristen handelt. - Wenn ein christlicher Metzger ein Raufbold, oder gar ei» Todtschlägcr oder Mörder ist, so functionirt die Vernunft des zeitungslesenden und zeitungsschreibenden Pöbels nach wie von ganz normal und logisch: wenn aber einmal ei»'jüdischer Metzger oder Schächter sich eine brutale Gcwaltthat oder gar einen Mord zn Schulden kommen läßt, wird nicht nur die ganze Jndenschaft dafür verantwortlich gemacht, sondern es ist auch immer die höchste (Gefahr vorhanden, daß dieses Verbrechen eines Einzelnen zu einem st^itualmord gestempelt werde. So kan» sich die antisemitische Prcßcaimille nicht satlschreibc.n an der Geschichte' eines ' recht grausame» Lustmordes, den ein jüdischer Metzger zn ll lm an! einem Knaben begangen haben soll. Die Geschichte wirdDn breiter Ausschmückung und unter Titeln, wie ..Ein Schächter als K nabenmörder" u. dgl, von allen Anrisenuienorganen wieder- '' gefüllt. Ja. haben denn nur christliche Fleischhauer darauf Anspruch, - in einem gewissen Pcrcentsavc rohe Kumpane zn sein, und solle» die jüdischen Fleischhauer durchaus zartbesaitete, empfindsame Seelen sein? Das christlich germanische Volk rcelamirt in einer mehr als bedenklichen Weise sein Recht ans Schlechtigkeit, und die antisemitische Prcffe unterstützt diefeS Volks intcreffe auf das Wärmste. Eben lefen wir von einem Pfarrer Friedrich Schmidt in K e l l JRegiernngsbezirk T vier i, der wegen m e h r f a ch e r V e r b r e ch e n g r ö b st c r A r t g e g e n d i e - S i l I - lichkcik steckbrieflich verfolgt, wird und denen Vermögen vom der Strafkammer zn Trier-deshalb mit Beschlag belegt wurde. Davonberichten die antiscmilischen Blätter nichts, und dieses Verbrechen, das ja nicht das erste feiner An ist, schieben sie keinesfalls der Ehrist.enheil in die Schuhe 'Ja, Bauer, das ist aber auch ganz was Anderes. ((ircciif in Zlllllld.> I» Eorl haben zu Ende des vorigen Monates Erceffe gegen Juden stattgefunden, worüber der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" berichtet' wird: Ein' bedauerliches Miß ° verständniß hat in Eork zu eiiicr argen Ausschreitung gegen die Inden geführt, welche dort sonst friedlich und sicher inniillen der christlichen Bevölkerung wbtcn. Zwischen den protestantische» Srraßenwandcrprcdiger» nebst ihren Anhängern und der katholischen Bevölkerung war cs wiederholt zu Reibereien gekommen. Als letzthin die Protestanten nach ' Beendigung der Predigt sich'zerstreuen und in ihre Wohnungen zurück kehren wollten, kam ihnen der Jude Jacob Sayers entgegen. Die Protestanten hielten ihn jedoch für einen .Katholiken, überfielen ihn und schlugen mit Stöcken ans ihn ein. Die sofort herbeigeeilte Schutz ma'linfchaft brachte den Angefallenen sicher in seine Behansnng. Vor derselben .harren sich inzwischen Ut»> Protestanten angesammelt. Al-' diese, nachdem die Schutzmannschasi sich - entfernt hal'e, nach Hanfe gingen, tibcrficlcn sic die ihnen in de» Weg kommenden Inden und verwundeten sie. Drei der Rädelsführer wurden verhaftet und zu zwei Monaten Gefangniß sowie Stellung unter Polizeianistcht verurthcilt Sämmtlichc protestantischen (Geistlichen drückten dem Rabbiner'I L Maiers ihr ticfftcS Bcdänern über das Vorgejalleize ans: Auch die Abgeordneten Eorte und Redmond gaben ihrem.Bedauern brieflich Ausdruck. So schrieb Eorte: „Die Nachrichten aus Eork haben mich mit Bestürzung l und Entsetzen erfüllt." Es fei ein Unrecht, das gar nicht

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