Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 115 (17.6.1894)
- Date
- 1894-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Freie» Blatt. sclbc zum unausbleiblichen Niedergang des GezverbeS bei den jetzigen Verhältnissen fuhren müsse. Entweder solle ntan den Befähigungsnachweis auch auf die Fabrikanten ausdehnen, oder, was bei weitem vortheilhafter wäre, denselben gänzlich abschaffen, wenn man dem Gewerbest.ande helfen wolle Ter Borsitzende m »chte sodann die Mit theiluug, daß ein »euer Verband der (Gewerbetreibenden in Gründung begriffen sei, der von Bolitik, nationaler und co ifessioneller Verhetzung nichts wissen wolle, und in dem nur daS Gewrbe allein zu sprechen habe. Er bitte daher die Genossenschaftsiuitglieder, ihm die Ermächtigung zu crlhcilen, sich diesem Verbände, besten Tendenzen er vollkommen tlKtlc im Namen der Genossenschaft anzuschliese». (Allgemeine Zu stimniung i »viadas 'Kleingewerbe müste einmal etwas geschehen; durch Verhetzung werde jedoch das, Kleingew:rbe nichts erreichen. •Tie Ausführungen der Herren Thun, und Schrom wurden' häufig durch stürmische BeisaUskundgebnugen unterbrochen.;(yin Torfpnscha.) In einem Torfe bei L aden »ahm sich, wie das „Wiener Tagblatt" meldet, ein Gemischtwl arenhündler und Gemeindepolizei-Commistär heraus, einen jüdischen EominiS aus Wien, der bei einer .stunde ein Paket Leinwand abzuliefern hatte, und den er desbalb für einen Hausirer hielt, nicht nur mif den unfläthigsten Sätimpfworten zu beleidigen, sondern auch unter Stößen und Tro Hungen nökhigen zu wollen, daß er in den Wiener-Neustädter Eanal springe. Erst der Intervention besonnener Mä rner gelang es, den Eomniis aus der (Gewalt des Torfpascha zu befreien, gegen welchen nun gerichtliche Schritte eingeleitet werden sollen. Ehristlich-sociale Agitatoren ans Wien waren in jüngster Zeit in Baden und llmgebung sehr fleißig, und allem Anscheine nach hat man es im vorliegenden Falle mit einer Frucht ihrer unheilvollen Thätigkeit zu thnn - C'ill milvrs Utthtil. Man schreibt UN« aus Prag: Am Jänner beging eine städtische Sanitätscommifsion einzelne Häuser der hiesigen Iosesstadt, um die - sanitären Gebrochen anfzndecken und für deren Beseitigung zu sorgen. Als sie in das > Haus Nr. —V. kam, wurde sie von dem Besitzer desselben, Herpn Eduard Wert ch, Wäschewaarenhändler in der Wastergaste, nicht > besonders freundlich mmel von ihm mit hier? Sie g ee sind ein. Jude! den Nabbiner und mehrere andere Juden in dns Haus Keszler's gehen gesehen, und am 4. d. M. Morgens gab es bereits in den Straßen Aufläufe, woraus die Leute dem Ober tuhlrichter die Anzeige erstatteten und auf eine Untersuchung drängtet. Oberstuhlrichter Frideczky, ein vorurtheilsfreier Mann, nahm iie Sache sofort in die Hand und war ernstlich bemüht, die aufgerigte Menge zu beschwichtigen, indem er sie auf das Unsinnige ihres Verdachtes aufmerksam machte. Bon den Hausleuten gab eine Dlenstmagi an, sie hätte ge-' sehen, daß die Mrcsek das Haus Keszler's Vormittugs allein verkästen hatte, doch hätten ihre Dienstherren bemerkt, daß;u Keszler um die Zeit, als das Mädchen dort war, zwei Rabbiner, uehrere Juden und zwei Schächter gekommen seien. Die. Aufregung wuchs von Stunde zu Stunde, so daß der Oberstuhlrichter den Keszler ersuchte, Zur Beruhigung der Volksmenge selbst eine Hausdurchsu hung zu begehren. Keszler willigte selbstverständlich ei», und es ranne sowohl bei ihm. als bei seinem Nachbar und Glaubensgenosten Nr. NS. inger das Hans vom Dache bis zum Keller durchsucht, natürlich vergebens. Später kamen Gendarmen, die Vormittag« und Abends tasselbe thaten und die Hausleute sowie die Nachbarn verhörten. Keszler, in hohem Grade beunruhigt, begab sich am 6. d. M. nach beim Vicegespan den Vorfall anzuzeigen und um Endlich kam noch rechtzeitig die Aufklärung; das wurde am selben Tage in dem bei Csacso fließenden, stark angeeiuptangeu, und wurde der Bezirksarzt Tr. Bru den Worte» angefahreu: „Was wollen-Sie b ö r e n gar nicht in dieses Vierlel! S i WaS w ü r d e man dazu sagen, wenn i st I e r u s a l e m ein Ehrist Arzt.wäre!" Wegen dieses ungastlichen Empfanges wurde gegen Eduard W einer Amtsperson tich die Anklage nach >i 31erhoben und derselbe vom Bezirksgerichte für lieber tretungen zu einer (Geldstrafe von y fl. v dieses — in Anbetracht der großen Strenge, mst welcher man hierzulande die Würde der Behörden wahrt — erst »unlich milde Unheil führte der öffentliche Ankläger Polizeicommistär rufung durch, zumal Werich wegen desselben vorbestraft Handlung an, w a r. welche Tas AppellationSgericht ordnete eine neue Ver am t‘>. d. M. statlfand. licheS Zeugniß vor, in welchem bestätigt wird, an hochgradiger Nervosität leide. Ter d Neutra, um dort Hilfe zu erbitten, vermißte Mädchen auf der Heimkehr auf dem schmalen n n, verbreitet, an verübt worden. St. <st. Beleidigung r u r t b e i l t. Gegen Fahoun die Be- T elictes bereits Ter Angeklagte war zur Verhandlung nicht erschienen, und sein Vertheidiger legte ein ürzt daß Eduard Werich Richter verurtheilte den A»geklagten bloß zu einer Geldstrafe! von lfl. Ter öffentliche Ankläger meldete abermals die Berufung au. Mit Rücksicht auf die hochgradige Nervosität Werich's hätte es nelleichr dem Rechtsgefühl der Antisemiten entsprochen, wenn dieser zwei icr mehrwöchentlichen Sommerfrische in Nusle verurtheilt worden wäre. (Polzrr und Kummer.) In Graz nannte der ehemalige Mittclschnllehrer Anrelius Polzer, ein dem Schloßhersn von Rosenau ergebener Agitator, einen derzeit anders gefärbten Antisemiten, den Advoeaten Kummer, einen „politischen Streher". Tiefer klagte beim Bezirksgerichte, welches jedoch Polzer freisprach: er t beim Landesgerichte ward dem Kläger die Genugrhuung zutheil, daß Tas Märchen vom einer Geldstrafe von 10 fl. verurtheilt wurde. ' Wieder eine „RitlialmoriG-Gcsäijchtc.) „Ritualmorde", welches schon so viel Unheil angdrichtet hat, .'versetzte neulich wieder Es Städtchen Szenie; im Neitraer Eomitate eine ganze Woche lang in große Aufregung, und die jüdische Bevölkerung befürchtete Iiiil Recht den Ausbruch von Krawaller, da es an Hetzern hwesler des bei dem Knechtes Mrcsek, Mädchen aus dem stjachbardorfe Csacsd, demselben Wäsche, cch Abends nicht nach Hause zurück. Tie <Eltern des Mädchens nicht g.reblt baue. . Am 3. d. M. brachte die Lzen.uri Einwohner Jsrckel Keszler bediensteten ein; i::: leinte : kamen ee-baib mit noch einigen Bauern nach Szfnicz, um nach dem Mädchen zu fö'.schen, und da es nirgends gefundn wurde, verbreitete sich erst rerenizelt und im Stille», bald aber offen und in weiteren Kreisen das. Gerücht, das Mädchen müste im Hause des Juden KeSzler uingebracht worden fein. Tie 'Leute erzäl lten sich, sie hätten fein Widersacher zu schwollenen Bache ertrunken aufgefunden. Sie war von einem starken Gußregen überfallen worden, Fußpfade wahrscheinlich ausgerntscht und inden Bach gestürzt, wo sie ertrunken ist. — Den Verbreitern von „Ritua mord"-Geschichten würde im klebrigen das Handwerk gründlich gelegt werden, wenn man überall so verfahren würde, nsie das neulich in Westpreußen geschah. In Bereut hatte eine Frau, die Witwe Herma ihrer Tochter sei von Inden ein „Ritualmord! während bald darauf das Mädchen sich wieder bei bjer Mutter einfand. Frau Hermann war deshalb wegen groben Unfuc s zu fünftägiger Haft verurtheilt worden. Auf ihre Berufung dagec en verschärfte das Bereuter Schöffengericht die Strafe auf zwei Woche (Zur Abwchrbcwegnng in Deutschland.) In Nürnberg hielt Prediger Carl Scholl, welcher mehrere lesenswert >e Schriften gegen den Antisemitismus ^veröffentlicht hat, einen Vort ag: „Der Antisemitismus vom sittlichen Standpunkte aus betrachte!." Bezugnehmend auf eine kur; vorher dort abgehaltene nntisemitische Versammlung, die nur dazu beigetragen, Zwiespalt zu säen, erachte er es für eine Psticht der freireligiösen Gemeinde, dem Treiben zegen die jüdische» Mitbürger entgegenzutreten und den religiösen Frieden zu wahren. In der antisemitischen Preste finde man die gehässig ten Ausfälle gegen das Jndenthum; er, Scholl, aber beabsichtige ei i Wort zur Versöhnung. Die Kampfweise der Antisemiten, führte er des Näheren aus, stehe im Widerspruche mit den obersten sittlichen Glundsätzen, nämlich mit der Wahrheit, Gerechtigkeit, Duldung und Liebe. Der Prediger schloß wie folgt: Schon um Christi willen sollten s ch die Antisemiten schämen, so aufzutreten, eingedenk des schönen Wortes des große;, Lehrers: „Ich bin nicht gekommen, aufzulösen." Daran sollten sie sich ein Beispiel nehmen. — Eine sehr rege Abwehrt Tätigkeit wird von den Fortschrittsmünnern in Hannover entwickelt. Man^schreibt uns aus Hameln: SamStag den 0. d. M. fand (icr in „Engelke'S Saalbau" unter dem Vorsitz: des Herrn Bürgervoistehers Hu »stock eine von circa 300 Personen aller Stände besuchte Versammlung statt, in welcher Herr Schöler aus Hannover einen »iederholt von lebhaftem Beifall unterbrochenen Vortrag über „polit sche Verirrungen" hielt. Ter Redner schilderte die reactionären Bestr ibungen der Conservativen und Antisemiten, namentlich in Bezug an Landwirthschafts- und Handwerkerfragen, und setzte, die sogenannte A.beiterfreundlichkeit dieser Parteien unter besonderem Hinweis auf deien Stellung zur Gewerbefreiheit und Freizügigkeit in die gebührende geleuchtung. Vom Standpunkte der liberalen Parteien trat er auf das Entschiedenste für die Wahrung der individuellen Freiheit und der Gleic >heit aller Staatsbürger vor dem Gesetze ein. Brausender Beifall lol nte den mehr als zweistündigen, von der Versammlung mit gespanntest er ^Aufmerksamkeit angehörten Vortrag. In der darauf stattsindendel Discussion versuchte ein junger Mann aus Hamburg, der sich selbst als einen Jünger Ahlwardt's bezeichnete, die Ausführungen des Herrn schöler zu widerlegen, erzielte aber durch seine consusen und mit theatralischem Pathos vorgetragenen Redensarten nichts weiter als einen l ngeheuren Heiterkeitserfolg. Nachdem noch ein Social-Demokrat aus Hanteln gesprochen hatte, gelangte folgende Resolution mit allen gegen eine Stimme zur Annahme: „Die heute in Engelke's Saalbau zu Hameln vereinigte Versammlung verurtheilt auf's Schärfste die reactionär-antisemitische Verhetzung der friedlichen Bürger Hamelns und tritt entschieden ein