Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 115 (17.6.1894)
- Date
- 1894-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 115. Seite 3 Freie» Statt. anständige Behandlung, über welche die Inden sich zu beklagen haben, kann weder durch Gesetze noch durch daS Verhalten des Parlaments geändert werden. Das ist eine Sache der wahren Volksbildung. an deren Stelle leider Entsittlichung und Verrohung in erschreckender Weise um sich greife». TaS ist ein trauriger Zustand,-• der mir viel mehr Sorge macht als die Eoalition. Ein Vorredner, der von ungeschriebene» Judcngesctzcn gesprochen hat, meinte gewiß, daß bei der Handhabung der Gesetze inituntcr nicht unparteiisch vorgegangcn werde. Im Große» und Ganzen möchte ich daS von unserer Beamtenschaft nicht sagen; was »och kommen wird, weiß ich nicht. Aber in Einem hat er nicht Unrecht. D i c a t t c Z e i t war den Juden ungünstiger, aber sie war ehrlich. Die Juden wurden bedrückt und außerhalb der Gesetze gestellt. Die Juden wußten;. B., daß sie nicht Staatsbeamte werden konnten. Jetzt können sie es werden, sie avanciren aber nicht." Redner erklärt, die liberale Partei habe nicht die Macht, den AntiscmitiSm S, von dcsicn Gift die Volksseele durch und durch insicsrt sei, mit einem | Schlage auszumerzcn. Die Schuld, daß eS so weit gekommen, treffe den Grafe» Taaffc, der dem Antisemitismus Vorschub geleistet und immer mit großem Behagen und sichtlichem Vergnügen den Tr. Lueger reden hörte, weil er wußte, daß Lueger und Gcnoffen die liberale Partei schwächten, woraus auch seine ganze StaatSknnst hinauolicf. Rach dieser mit lebhaftem Beifalle aufgcnommencn Ausführung des Abgeordneten Tr. Kopp erklärte der Wähler Jeitteles.unter lcbhastcr Zustimmung, die heutigen Zustände seien derart, daß unter den Juden Leute austretcn, welche Abstinenz predige». Rachdem noch mehrere Redner der liberale» Partei den Vorwurf gemacht, daß sie in der Aufrechterhaltung ihrer Grundsätze lax und energielos wäre, suchte Abgeordneter Exner die Segnungen der Coalition klarzulcgen, zu welchen auch die vorasissichtliche Abweisung des HausirgcsctzeS gehören soll. Run, aufrichtig gesagt, das ist ein merkwürdiger Vortheil der Eoalition, daß dieselbe eine von der Coa litionsregicrung selbst und noch dazu von einem Vertrauensmann der Linken dem Hause vorgeschlagene vexatorischc Maßregel wieder ablehnt. Zum Schlusic schlug der Wähler Tr. Oscar Hein eine Mißbilligungsresolution gegen e die Regierung vor, die aber mit Znstimmung der Anwesenden dahin abgcändert wurde, daß die Versammlung sich jiiit dem Vorgehen der Regierung nicht einverstanden erkläre, jedoch de» Abgeordneten das Vertrauen votire. tMailvaltzltiedcrlcgUIIg.) Baumeister Carl Ziegclwangcr hat sein GemeindcrathSmandat liicdergilcgt. Im öffentlichen Leben der Pcnzingcr. spielte Herr Ziegclwangcr seil vielen Jahren eine Rolle; er gebetbete sich früher als unbeugsamer Liberaler, ging aber, als der Antisemitismus modern wurde, ins rcactionäre Lager über. Viel war von ihm die Rede, als die Mehrheit des GemeindcausschnsseS von Penzing cs für angemcsien erachtete, ihm Gcmcindearbeiten zu über geben, trotzdem er als Obmann der Bauscclion fungirte. Im Wiener Gcmcinderathe, dem er nach der Einverleibung der Vororte angchörte, führte er ein sehr stilles Dasein. Seine Bauspccnlationrn machten ihm wohl so viel Sorge, daß er nicht in der Stimmung war, die „christliche" Socialrtform in der Weise eines Gregorig oder Jedliiika zu fördern. Als Ursache seiner MandatSnicdcrlcgung wird nun eine geschäfliche Zwangslage angegeben, in welcher er, von seinen sinanziell kräftigen FractionSgenosscn im Stiche gelasien, sich bcmüssigt sah, ein Moratorium nachzusuchen. f (Ter Saatclimarkt.) In der Plenarversammlung der Kammer der Börse' für landmirthschaftliche Productc vom 0. d. M. ist der Erlaß des Handclsministers in Angelegenheit des SaatenmarkteS in Bcraihung gezogen worden und wurde in Anerkennung der in demselben den Veranstaltern und Besuchern des Marktes gegenüber den im n icderöst erre ischen L a n dt a g c erfolgten Beschimpfungen c r t h c i l t e n SatiSfaction, sowie mit Rücksicht auf die durch die stete Förderung der Börsezweckc entstandene Verpflichtung der Kammer, von ihrer Autonomie nicht einen Gebrauch zu machen, welcher den ausgesprochenen Intentionen des Handelsministeriums geradezu widerstreitet, mit elf gegen acht Stimmen der in der Sitzung vom 30. Mai d. I. gefaßte Beschluß auf Nichtabhaltung des SaatenmarkteS z u r ü cfge nommen. Tagsvorher vergönnten sich die Antisemiten im Wiener Gemeindcrathc anläßlich der Unterredung deS Bürgermeisters mit dem Handelsminister noch ein kleine- Seandälchen. (Bon der Freiwilligen RettllNflsgesellschast.) Eine von 33 jüdischen Medicinern in den TageSblättörn veröffentlichte Erklärung theilt das'Anwachsen einer antisemitischen Strömung in der Wiener Freiwilligen- Rcttungsgesellschaft mit und klagt den Chefarzt Tr v. B r agassy an, sie nicht nur geduldet, sondern offenkundig unterstützt zu haben. Die Erklärung besagt: ~~ Um eventucUcn Mißdeutungen, die über de» MasienauStritt von IVcbicinmi oi:4 der Wiener Freiwillige» Riit»»g«gesellschast laut werden, könnten, von allein Ansange an emgegenzutreten, bitte» die Unterzeichnete» Mediciner, gewesene active Mitglieder der Wiener Freiwillige» ReiiungSgesellschast, um Ausnahme folgender der Wahrheit entsprechenden.Thalsachen: Da» Anwachsen einer anli semitischen Strömung in der Wiener Freiwillige» Rettungrgesellschask, die vom Chefarzt und Leiter Dr. Wilhelm v. Bragassy, welcher sonderbarerweise Mit' glieb deS Vereine« zur Abwehr de« A»tise»iili«inilS ist, nicht mir geduldet, loiidei» offenkundig unterstützt wird, hat die (Gefertigten bewogen, an» dem Per bände der Wiener Freiwillige» RetlungSgefellschasl,- der sie Jahre hindurch mit Leib und Stele freiwillig angehört haben, zu scheide». Diese antisemitische Strömung äußert sich außer -in viele», Andere» hauptsächlich darin, daß Dr. Wilhelm v. Bragasiq mehrere Mitglieder israelitischer Confessio» auS der Mitgliederliste ohne genügenden Grund streichen ließ, ferner daß derselbe jüdische Lollege» . welche sich zur Aufnahme i» die Gesellschaft freiwillig augemeldel habe», unter dem Vorwände der liebe» completheit, welche durch »ichtS gerechlsertigt-erschemeu kan», zum Dienste'»ich, repartiren ließ, ivährend für College» anderer Lonfessione» keine llebercoinp'eiheit existirte, weiterS dariii, daß Dr. Wilhelm v. Vragasiy active Mitglieder israelitischer Consefsiou, die viele Jahre hindurchunter Tr. Mundy zur besten Zufriedenheit gedient habe», überall und i» jeder - Beziehung gegenüber Mitglieder», welche nur sehr kurze Zeit der Gesellschaft aiigehöre», jedoch anderer Lonsessio» sind, zurüclsept. Indem die Unlerzeichnetcu viele andere Dhalsachcn, die dar Vorhandensein einer antisemitische» Strömung unter der jetzige» Leitung der Wiener Freiwillige» Reitupgsgesellichast drastisch documenlire», vorläufig stillschweigend übergeheu wollen, jedoch e« sich vor behalte», gegebcnenfallS concrele Fälle zu verösiemlicheii, inüfscu sic die ihnen vom Chefarzt und Leiter Tr. v. Vragasiy unter ganz eigenlhüinlichen Verhalt- »isieii gestellte Zniiuithnng. gegen Bezahlung sanslatk sttaluralvcrpflegungl in nächster Zeit Tienst zu machen, aus bat Entschiedenste zurück,veisen. Tie Gefertigten halte» sich gebililde», diese vorstehende Erklärung' abzugebc», um sich gegen eine» eventuelle» Bor.vurf zu schützen, der Wiener Freiwilligen RettungSgescllschast, welcher sie unter andere», gesünderen Verhältnisie» mit Stolz angehören würde», muthivillig.- und grundlos den Rücke» gekehrt zu habe». Statistisch stellen sie fest, daß von 191 Mitglieder» (laut de« IM! erschieneucii Jahresberichte« unter Tr. Mundy» am 7. Juni Mit circa ii."> active Mil , glieder übrig blieben. ‘ Tie Herren Grasen Wilczek und Lame za» publicircn folgende Gegenerklärung: ' » Gegenüber de» in neuer Zeit mehrfach zix Tage getretenen, jeder Begründung entbehrende» Anschuldigungen, welche die Leitung der Wiener Freiwillige» ReltungSgesellschafl einer autifemilischen Tendenz beinzichtigeii, und der von einer Anzahl a»«gctretencr Mitglieder dieser Gesellschaft veröffentlichte» Er kiärung hallen die Gefertigte» eS für wünfchenswerth, zur ösfentlichen Siennlniß zu bringe», daß der leitende A»«sch»ß der Gesellschaft die zur Feststellung der Thatsachen geeignete» ürhebungeii pflegen und die hicnach entspre^eziden Ent schlöffe zu fasse» nicht unterlasie» wird, u»l die Berechtigung obiger Beschul- - diguiig nach ihrem thatsächliche» Werthe genanestenS zn prüfen. Die Ankündigung von Erhebungen n»d Entschlüssen zur Prüfung der Berechligung der erhobenen Beschwerden hätte ohne Zweifel de ruhigend gewirkt, wenn dem PrüfungSergcbuisic nicht dadurch präjudicirt worden wäre, daß die Herren Grafen Wilczek und Lamczan schon jetzt von „jeder Begründung entbehrenden Anschul-digungcn" sprechen. Jni, Uebrigcn sph sich auch Herr Tr. v. Vragassy zu nachstehender Erklärung veranlaßt: An« Anlaß der in einige» Tagc«blältcr» vo» einer Gruppe ausgetretener Mitglieder der Wiener Freiwilligen Rettung-gesellschafl gegen mich erhobenen " sacnösen Verdächtigung, in der ReitungSgesellschast judenfeindlichc Allüren unterstützt zu habe», erkläre ich, daß ich über die Ausübung der Rechte und Pflichte» - meiner Stellung als Chefarzt' und Leiter ihrem ganzen Umfange »ach lediglich - gegenüber dem Präsidium, beziehungsweise dem AclionScomiic dieser Institution die Verantwortung trage und levterem Rede stehen werde. Um den ungünstigen Eindruck zu verwischen, den die Erklärung - der Grafen Wilczek und Lamezan gemacht hat, fanden sich dieselben bewogen, die Commission zur Prüfung der erhobenen Beschuldigungen durch die Herren Hofräthe Profcsior Dr. 'Nothnagel und Professor Dr. Grün,Hut, sowie Hcrrenhausinitglied Lobineyr zu verstärken nnd Hofrath Nothnagel mit dem Präsidium in dieser Com-' Mission zu betrauen. (Gegen die „christliche" Socialrcform.) Die Genossenschaft der Taschner in Wien hielt vorige Woche unter dem Vorsitz ihres Vor- . steherS Schrom ihre diesjährige Generalversammlung ab. . Der Re ferent Thury führte in seinem Jahresberichte aus, daß die Klein gewerbetreibenden eS in erster Linie ihrer.. Uneinigkeit znschreibcn müßten, wenn sie nichts erreichen. Der Gewerbcstand laborire seit dreizehn Jahren auch am Befähigungsnachweis, er (Referent) habe denselben praktisch durchgemacht und könne nur behaupten, daß der-