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Freies Blatt · 1894-06-17 · 115 (17.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
115 (17.6.1894)
Date
1894-06-17
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seil» L Freie» Blatt. CorrNptioi," .nach § 7 „anch solche getaufte Juden und s o n st i g e Personen semitischer Abstammung, welche sich durch Förderung der Zwecke deS Vereines hiezu würdig gemacht-haben", als gehei me Mitglieder aufnchme», d. h. es ängstlichen Gemülhern nahelegen, sich losznkausen! llebcrhaupt spieU die materielle Seile bei diesem Vereine keine unbedeutende Rolle. § 11 führt als ersten Grund zur cvenlnellen Ausschließung eines Vcreinsmitgliedes an, „wenn es die laufenden Beiträge nicht pünktlich bezahlt", und § 12 spricht von der Wahl der nach Ermessen zu sy ste m isi ren lre n, d. h. regelmäßig zu bezahlenden Vereinsbeamten, welche nach § 13 zugleich Mitglieder des ExeculivcomiiöS sind, so daß dieser Verein auch hierin als 'ein, wenn auch nicht mustergiltiges Unicum zu betrachten war. Die von ihm propogirten Tendenzen konnten bei dem gesunden Sinne der Ungarn r,cht lange Anklang finden, und heute sind antisemitische Exesse wie jüngst in Szenic; nur in abgelegenen Orten möglich M. Pr. David contra Stöcker. Wir haben bereits in Nr. 114 deS „Freien Blattes" davon Notiz genommen, daß Rabbiner Dr. David in Düsieldorf an der dort von Stöcker veranstalteten Versammlung sich betheiligt und die zu Hctzzwecken ausgestellten Behauptungen des Hofpredigers a. D. widerlegt hat. ES dürfte sich aber empfehlen, seine Ausführungen nach einem nun vorliegenden stenographischen Berichte wffderzugeben. Dr. David, denk nur zehn Minuten Redezeit eingeräumt worden war, sagte: Ich trete hier nicht a..f, um die conservative Ptrtei und ihre Ziele zu bekämpfen, sondern um auf einzelne Angriffe gegen das Judcnthum zurückzukommcn. (Großer Lärm.) Zunächst muß ich mich gegen eine Acußcrung des Herrn Vorsitzenden wenden, der bei der Eröffnung der Versammlung betonte, daß unter den Juden im Allgemeinen und auch in einem Theile der Rheinprovinz der Wucher besonders verbreitet sei. Diese Anklage weise ich entschieden zurück. Tie wisienschaftliche Statistik beweist vielmehr, daß die Juden am Wucher verhältnißmäßig nicht mehr bcthciligt sind als andere Confessionen. Aber silbst, wenn jene Behauptung wahr wäre, so müßte sich jeder Einsichtige und Geschichtskundigc eine solche Erscheinung a»S der mittelalterlichen Ausnahmsstcllung der Juden erklären, die sie von allen edleren Gewerben und Berufsarten ausschloß und sie geradezu zu Kleinhandel und Wucher zwang. Das angebliche oder wirtliche Ucbel würde daher durch die antisemitischen Bestrebungen, die die Juden wieder' in die frühere Stellung zurückdrängcn und in der Wahl ihres Berufes cinengen wollen, nicht geheilt, sondern nur noch verschlimmert werden. Wollen Sie den Wucher ehrlich bekämpfen, so verschärfen Sie die Wuchergesetze oder gründen Sie Vereine gegeiz den Wucher und seien Sic sicher, daß sich die Juden gern an solchen Bestrebungen bc theiligen werden; Sic dürfen dann aber zwischen christlichem und jüdischen, Wucher keinen Unterschied machen, stfun komme ich zu Herrn Stöcker. Wenn man Herrn Stöcker hört, mpß man glauben, er sei durch und durch von wahrer Religion durchdrungen. (Sehr wahr!) Er spricht von Frieden, von den hohen, idcalfn Zielen der Religion und bringt diese Ideen, die er Christenthum njennt, im.Gegensatz zum Jndenthum. Wahres Christcnthum steht nie urtd nimmer in Gegensatz .zum Jndenthum. (Großer Lärm.) Von wahrem Christenthum sind die unvergänglichen Schöpfungen jener Denker unp Dichter durchweht, zu denen wir Alle mit Liebe und Verehrung euhporsehen. Wollen Sie dem classischen Heros freien deutschen Geistes,! Lessing, Christcnthum absprcchen? (Großer Lärm. Zuruf: Hat gar > keine Ahnung davon!) WaS heißt Christenthum? Das Wort „Christ" ist bekanntlich die griechische llebersetzung des hebräischen „Maschiach" (Messias, Gesalbter/, und wie dieses Wort, so hat auch! das damit zusammenliängende sinliche Ideal, daS Ideal des VölkcrfrjiedenS, der allgemeinen Menschenliebe, der Gerechtigkeit, seinen Ursprung im Judenthum, daS dasselbe zum erstenmal verkündet hat. Das Christcnthum ist also nicht bloß seinem Namen nach, sondern auch seinem Inhalte nach Iiervorgcgangcn aus dem Schoße des JudenthuäiS. (Ohrenbetäubender Lärm.» Zum wahren Christenihum stehen abest die Stöcker'schcn Bell, cbuinzen im grellsten Widerspruch. Sehen Sie Ahlwardt, Schweinüagen an, dann sehen Sie die Bewegung, deren Vater Herr Stöcker in. i Anhaltender Beifall und lärmender Widerspruch.) Tie jüdische Religion und das Jndenthum unterscheiden sich in per Sittenlehre durchaus nicht von den, Evangelium. Ich bin ein conseroativer Jude, ich bin Rabbiner und nehme keinen Anstand, hier zu sittlicher Beziehung voll' und ganz auf dem B erklären, daß ich in öden des Evangeliums stehe, denn das Evangelium, soweit cs die «pittenlehre enthält, ist iuo Zc ri c n Kr:i <S)l Fleisch von unserem Fleische, Bein von unscrefn „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" steht Bibel. (Großer Lärm und Beifall.) Die friedenheit der Zeit liegt viel an dem Mangel Punkte stimme ich mit Herrn Stöcker überein. Geistlichen eie Pflicht, ein Jeder in seinem Katheder herab dem Unglauben cntgegcnzuwirk n scmitismus aber bekämpft man denselben wahrlich Sie sagen, die Juden seien in größerem Maj e schuld als die Christen selbst? (Ruf: Singer!) Social-Demokratie hat daS Judcnthum nichts thum huldigt vielmehr den Grundsätzen, die bei Salamonischen Ausspruch: „Fürchte, mein König!" Gottesfurcht und KönigStrcue sind dcrungcn unserer Rcligioy. Dafür aber, daß Demokraten sind, ist daS Judcnthum ebensowei daS Christcnthum für die große Masse christlich/ r (Zuruf: Die sind verführt worden!) Welche selbst, wenn Sic glauben wollen, eine halbe sirten, wie Herr Stöcker sagt. 50 Millionen sic auch! Großer Lärm.) Wer das behauptet, Volk. Der sittliche Kern des deutschen Volkes ist Juden, selbst wenn sie eS versuchen wollten, nichi Nach bekannter Methode hat Herr Stöcker aufgestellt, für die er jeden Nachweis schuldig g/ daß die Juden an allen Revolutionen betheiligt nichts begründet. Wohl betheiligten sie sich gemeinnützigen Bestrebungen, soweit ihnen übcrh, am öffentlichen Leben »erstattet war. . . . Der folgenden Ausführungen so oft und so lärnicnd in sichtliche Aufregung gerieth. Der wüste L sammenhang der einzelnen Säpe finden. Dr. Worten ab: Ich constatirc, daß ich von dem gedrängt werde. Ich schließe mit dem Appell Die Tendenzen, die durch Stöcker und seine werden, sind zum Nachtheil des deutschen Volkes. Rufen, Händeklatschen und Getrampel, Rufe: Verderben des deutschen Volkes. Ich bitte Sie, Herzen zu verschließen und sie zu öffnen den Gerechtigkeit, der Nächstenliebe. (Lebhafter Wid/ Mi Chi is all, e; ale Rd : Vor fi: (n »r. 115 Bein. Das Wort: rst in der jüdischen isscnheit, die Unzu Religion. In diesem Darum haben wir ise, von Kanzel und durch den Anti nicht. Oder wolle» an dem Unglauben Mit Singer und der zcmein. Das Judcnznchnet sind durch den hn, Gott und den also wesentliche Forcinzelne Juden Socialig verantwortlich wie Social-Demokratcn. Blöße geben Sie sich llion Juden terrori istcn! (Zurnf: Thun chmäht das deutsche so gediegen, daß ihn untergraben würden, meine Behauptungen eplieben ist. So z. B., waren. Das ist durch zeit an allen edlen, upt eine Theilnahmc ner ward Wi seinen unterbrochen, daß er qrm ließ keinen Zu- David brach mit den sitzenden zum Schluffe die Versammlung: Nachfolger gefördert . . . (Minutenlanges Raus!) .... zum liiesen Tendenzen Ihre n ähren Tendenzen der ei spruch und Beifall.) (Freisinnige Kundgebungen.) Die Verstimmung, welche , die Haltung der Coalitionsregierung gegenüber den antisemitischen Exccffcn in den Kreisen der freisinnigen Wähler hervorgerufen, scheint sich nicht so rasch legen zu wollen, uvd cs dürfte auch der liberalen Abgcord nctcn kaum gelingen, die stürmische Bewegung in der Wiener Wähler schaff zu beschwören, wenn sie nicht an die «Stelle ihrer bisherigen elegischen Resignation in das nolhwendige Uebel in entschiedenes Vorgehen der Regierung gegenüber treten laffen. D esc Thatsache mußte den Liberalen unzweideutig wieder aus jener Wä flervcrsammlung entgegentreten, welche der Abgeordnete 'Noske am ll. d. M zur Erstattung seines Rechenschaftsberichtes Unberufen hotte, und welcher auch die Abgeordneten Dr. Kopp, Hofrath W. Exnei und Carl Wrabe tz beiwohnten. Abgeordneter Noskc, der zuerst daS Wort ergriff, gedachte dieser.Verstimmung in der Wählerschaft, entschuldigte aber die Stellung der Linken dadurch, daß er die Coalition als d rs kleinste unter den vorhandenen liebeln bczcichnete, und ließ durchmerlen, daß es anläßlich der Jnterpellationsbeantworlung im Falle Deckert innerhalb der Partei erregte Debatten gesetzt habe. Es wäre intercsant gewesen, einige Details über jene geheimen Vorgänge zu erfahren, denn, wie es scheint, herrschen innerhalb der Linken über die Abwehr deS Antisemitismus sehr merkwürdige Ansichten; so suchte,z. B. Herr Noske selbst in seinem Rechenschaftsbericht die Haltung der Regie, ung im Falle Deckert aus der Erwägung heraus zu rechtfertigen, „daß bei einer Anklage ei» Schuldiger wahrscheinlich ein Triumphal >r geworden wäre." Wir müssen für diese Auffassung bestens danken, denn in diesem Falle würde sich auch den Anarchisten gegenüber dieselbe Methode empfehlen, da ja Stcllinach.'r, Kämmerer, Ravachol, Bailla >t u. A. gleichfalls durch ihre Verurteilung und Hinrichtung in den Augen ihrer Partei zu Märtyrern wurden. Die Rede des Abgeordnctin NoSke war von zahlreichen Anfragen aus der Versammlung gefall st, welche die große Erregtheit und Verstimmung der jüdischen Wähler kreise gegenüber den jetzigen Zuständen zum Ausdruck brachten. Zu liefen Ausführungen ergriff Dr. Kopp das Wort und sagte beiläufig: „Man ist, wie ich sehe, in diesem Kreise mit der Situation, in der wir unS befinden, nicht zufrieden. (Rufe: Sehr richtig!) Ich auch nicht. Aber die un-

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