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Freies Blatt · 1894-06-17 · 115 (17.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
115 (17.6.1894)
Date
1894-06-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Aboniirmcittsprrts. ftiir Oesterreich-Ungarn: lAiiniiätina mit Postzuiendung.st. 2.50. Halbjährig fl. 1.25. Bierleljahrig ... fl. —.75». ft ü r daS gesammte 91 u 61 a n b: «^anzjalirig. . .. .... st. 3.—. Halbjährig.. fl. 1.5». Einzelne Nummern 6 kr. Unsrankirle Briese werden nicht angenommen. Organ 5111* Abwehr des ^Intisemitismus tkrschciut an jedem Loniitage Nkdactioil niib '.Hbmtuiftrmioii: I. Lcilerstiitte ln. .tiiKr.it,' werden mit 10 kr. fiit ti{ lnmu.il ilialtcite 'JianuataHctcilc berechnet. «leinet at« leifler tof S-ort 3 Tr. Aninahme von Jnicr.iteu m ' unierer Adnunisiratio» tirtme im 'Jlummcdibur: m < 5i. Xu res. I. Woll;elte x. Wien, 17. Juni 1894. III. Jahrgang.« Vudcipester Briefe. fOriginal-Mittheiliiiigen deS „Freien Blattes".) — l.'J. oitni. Die bangen Tage der Krise sind vorüber, die Bannerträger des Freisinns nn kirchenpolitischen Streite sind Sieger geblieben, nnd nach den Erklärungen. welche Dr. WekLrle mit allerhöchster Ermächtigung in beiden Häusern des ungarischen Reichstages ab zugeben in der Lage war, darf man ruhig den schließlichcn Sieg der modernen Staatsidee in der obschwebenden Ehercchtsfrage anticipiren. Man wird hier begreiflicherweise nicht müde, die aufrechte Haltung der liberalen Partei und ihrer Vcrtrancnsmünner zu rühmen und in den Hochgefühlen des Triumphes zu schwelgen. . Die Wiederberufung des Eabinets Wckerle überragt aber auch an Bedeutung weitaus das Volumen einer bloßen Personen- oder sebst einer Parteifrage. Die Macht der modernen Principien über den Kasten, und, Elassengeist vergangener Jahrhunderte hatte sich zu bewähren, das ungarische Volk war vor die Wahl gestellt, ob es sich für die Gesellschaft der Schichtengliederung, der Privilegien für einzelne Familien, für einzelne Stände, für einzelne ReligionSgenossenschaslen oder ob eö sich für den modernen Rechtsstaat entscheiden wolle, der für alle Staatsbürger ohne Ansehen ihrer sociale» Stellung und Geistesrichtung nur einerlei Rechte, einerlei Pflichten, einerlei Maßstab von Gut und Böse hat. Was die kirchenpolitischen Reformen anstreben, ist nicht die Ziirückdrängung einer Eonfession oder deS Glaubens überhaupt, sonder», der e»dgiltige Bruch mit dem Glaubcnsterrorismus und dem religiösen Privilegium. Man hält Hegen diesen in allen Eulturstaaten sieghaften Geist den ehernen Schild des Dogma vor; aber was dahinter ficht, ist nicht der fromme Glaube, sondern die Herrschsucht/ der Allmachtsdünkel einer abgethanenen Glaubens- und Gebu;1saristokratic. Nach einem alte» Wahrworte erkennt man den Menschen a» Jenen, mit denen er verkehrt. Die Auxiliartruppcn, welche unseren GlaubenShelden in diesem Falle, theilS herbeigerufen, theils un gerufen zu Hilfe eilten, waren aber die Verfechter der Lehre von bevorzugten Ständen, von bevorzugten Religionen, von bevorzugte» Race», die Feudale», die Zünftler, die Antisemiten und nationalen Chauvinisten. Die Wiener Antisemiten aller Nuancen ereifertcn sich für Apponyi, Ugron und Consortcn, als. stünden dieselben auf dem bekannten staatsrechtlichen Standpunkte des Herrn Lueger, und als hätte es in Ungarn nie Fahnenasfairen und Denkmals dcbatten gewisser Art gegeben. So groß auch die Meinungö- Verschiedenheiten in dieser gemischten Gesellschaft sonst sein möge», wo es den Geist der Rechtsgleichheit zu bekämpfen gilt, da sind sie mit rascher Hintanstellung alles Trennenden eins, ein Klumpen, dessen Bindemittel der Geist der RcchtSungleichheit jst. Auch in Ungarn selbst hat man es versucht, gegen die kirchenpolilischc Reform diesen Geist in Gestalt atavistischer Vorurtheile chcraufzubeschwören. Graf Pongracz war nicht der Einzige, welcher zu den Fenstern des Abgeordnetenhauses hinausricf, bic Eherechts¬ und Matrikenfrage seien bloß im Interesse des JndenthumS von diesem müßig aufgeworfen. Auf dem flachen Lande gab man sich alle erdenkliche Mühe, das bäuerliche Volk mit seinem notorischen Siebengroschen-AristokratismuS mit dem antisemitischen Köder in die klerikale Falle zu locken. Ja selbst an dem Versuche zu einer kleine» mise-en-stvno ä-ln Tisza Eszlar fehlte eS nicht: allein das ungarische Volk blieb stark, cö hat sich nach dem leichten Impf fiebcr deS vorigen Jahrzehntes gegen die antisemitische Ansteckung immun crlviesen nnd trägt, klng gemacht durch die traurigen Zn stände im Bruderstaalc am anderen Ufer der Leitha, .nur daö ■ einzige Verlangen, Ungarn zu einem Enltur- und modernen Rcchlöstaäte im besten Sinne dieses Wortes auSzubaucn. Das Volk von Ungarn ist sich nicht bewußt, mit der un cntwcgten und rücksichtslosen Verfolgung dieses Zieles cuien Act der Illoyalität zu begehen, wie die - Gegner des Fortschrittes, die Wiener Antisemiten mehr noch nlS unsere heimischen Gegner^ uns geifernd znm Vorwürfe machen. Ist cs nicht im Gegentheile eine Illoyalität sondergleichen, dem bekannt constitution'ellen Sinne unseres erhabenen Königs znzumuthen, daß er die natürlichen Eonsegucnzen eines wahrhaftigk» und gesunden Parlamentarismus irgendwie illoyal finden könnte? Fürwahr, die Wiener Antisemiten und ihre klerikalen < und hochseudalen Hintermänner sind die Letzten, welche von einer auf die Krone geübten Pression reden sollten. Wissen denn die Herren nicht, daß die Formel der 'von ihnen so himmelhoch erhobenen ständischen Loyalität das famose Nonne snlisciibos Ferniindnlo war? z. >>. s-. --- lf>. „limi.. In einem Augenblicke, in dem die' ungarische Bevölkerung ebensosehr als das ungarische Abgeordnetenhaus durch ihr unent wcgtes, durch nichts zu'erschütterndes Festhallen an dem Eivilchcgesctz neuerdings einen glänzenden Beweis wahrhaft liberaler Ge sinnung gegeben haben, mag eS von Interesse.'sein, auf eine Zeit zurückzublicken, in der liberale Anschauungen in Ungarn nicht so ällgemein verbreitet waren als heute. Vor uns liegt der „Statu te»entwurf des E enbralverbandcü des R ichtjudenbuudeö von Ungarn"; ausgearbeilct von dem Abgeordneten Victor Jstoczy. Maniweiß. wer dieser famose Volksvertreter war, und es ist bekannt, ^was Alles ihm zngelraut werden.^ konnte, nichtsdestoweniger müssen die Prmcipicn, die. in dieseit Statuteir mit stannenSwerlher Unverfrorenheit ausgesprochen werden, stets von Nene»' die Entrüstung jedes anständigen Menschen er wecke». Eö heißt dg: t I. 3 ui fit & c-o Bi vo i n ci?.? I Noch Still Beispiele See iti Teuischlaud in Ämß gebrachten antiiemitis.l >ii Beweguitg bildet sich in der'Hauptstadt dis Landes, zu Budapest, unter der Be nennung „Centralvereiu deS Nichtjudenb indes von Ungarn" anS Reichstags abgeordneteit und sonstigen Nichijnden ein Centralverein, dessen Zweck ist. jedes Nebeniiiteresse und jede politische Parteisiirbung beiseite setzend — Arm in Arm mit den auch an den aiidereii Urteil de« Landes zu errichtenden Filialvereineit — mit aller Cuergie, allem Ctirsie und Fleißd nach dem eine» .-Ziele, zu streben, unser Baterland vor der völligen Berjudung, 'untere Eesellichatt aber,vor der weiteren mirthschastlicheu und moralischen Ruinirung und Corruvtion durch die einen soeialcu AzankheilSstoff bildende Iudenichaft zu retten und io den ur spriinglichen nichtjiidischen Bewohnern des Landes und derez, Nachkomute» den Aufenthalt im Balerlaude erträglich zu machen. Wir haben dazu eigentlich nichts.;» bemerken, solche Dinge richten sich ja von selbst. Eharaktcristisch aber ist es, daß diese . Feinde der „wirthschaftlichen und moralischen Ruinirung und

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