Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 114 (10.6.1894)
- Date
- 1894-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Freies N l a t t. ivranjiSfa ftütte mehr sagen können.. Sie!war sich bewußt, ihre Sache schlecht vorgebracht;u haben. Aber sie sagte nichts weiter und zog sich mit der H»fnung auf eine spätere Unterredung zurück.. Sie kehrte inS Besuchszimmer zurück. Hier war Nellv, nachdem sie bereits das Sheegeschirr gereinigt hatte, eben damit beschäftigt, ihre 'Roten zilsammenzusuchen und in ein„ Bündel zu schnüren. Sie weinte wohl nicht mehr, doch zeigten ihre Augen noch deutliche Spuren davon. Ein rotber Fleck brannte ihr auf jeder Wange, auch verrieth sie sich durch eine gewisie Hastigkeit in ihren Bewegungen. Sie blickte auf und lachte — über nichts — als Franziska cintnit. „Sie Haben wieder eine Predigt gehört, nicht wahr?" sagte sie und lachte wieder gezwungen. ..Rann ich Abnen etwas helfen, Nelln? Sr-nen Sie. Abre ^i'oten?" „Ja, ich ordne die ganzen Noten. Ali'o, Franziska, ich habe Ohne» Alles gezeigt, was ich konnte — die Synagoge und das Leben des Bolkes, Alles, außer den Psüpen — und die wollen Sie doch nicht sehen. Sie werden Clara sage», daß ich Alles;für Sie ihat, was in meiner Macht stand —' ’ .. Gewiß. Aber warum. Nelln? Sie können es 'Clara ja selbst sagen." Nell» schüttelte den Rops. Sann lachte 'sie iwieder hnsierischeS Aachen, denen Schluß eber wie Schluchze» klang „Aber A'eiln, was haben Sie denn'? Sie „Nichts, als etwas Ropsschnierzen. Das i Rops'chnierzeii. Franziska, ich babe Alme» leine jüdische Hochzeit zeigen kön.lien. Sas in aber etwas, das Sie gewiß gerne sehe» möchten, lind auch ich batte gewollt, daß Sie eine jülsii'che Hochzeit gesehen bauen, aber das kann jept nicht sein."' Franziska blickte ans. Was meinte Nelln nir? „Sie An. wie die Christen heiraten, isl schrecklich, kalt »nd irendlos." Sie schauderte. „Cs in eine schreckliche Art zu heiraten. . Aber Alles eins, es iif eine gütige Heirat, ^er Mann kann nicht mehr los. auch wen» er noch so gerne sich frei ■ machen wollte." „'A'elln, was wollen Sie damit sagen? Was ssi mir Mr. Hanling?" „Cs in Alles gut. Sie werden sehr bald sehen, daß Alles gut in, Franziska " Peil einem Pack Noten auf dem Arme hiebt Nelln iniie in ihrer Arbeit und seine sich hin. „Ach hätte es io gerne mir < Almen besprochen. Aber ich.tonnte nichts Sie begreifen es nicht. Sie find nicht wie andere Mädcheu, wisien Sie? Man möchte beinahe Nr. 114. ein kurzes. haben doch nicht t Alles. Pur etwas »rrauziska errölhere zsi r n ck h a l te n d e n e s e 11 Almen io glanben. Sie wollen keinen Liebhaber — ii.un" stark — „zwar neckt auch unter v»hr«n doch immer das Weib verborgen, was mir bei Clinen io gut ge salli. aber Sie sprechen nicht >'o darüber wie: wir, ich und meine Bekannten, wir sprechen eben über nichts Anderes, als über unsere eigenen Angelegenheiten So mußte ich meine; Sache selbst ordnen, olme Abi/n Rath einzuholeu. , Ach konnte mich jauch mit Clara nicht ber.irben,' denn sie war stets dagegen, so mußte ich's allein zurecht bringen. Und das Cnde vom Viele ist, daß ich' jilm nicht lassen kann, Franziska Sagen Sie mir nicht, daß er dies sind jenes isi, ich weiß es. .io gut wie Sie, aber ich kann ihn nicht lasien leibst um ie werden doch aus das kann ich zum Zimmer hinaus. meines Baiers und meines Bolkes und meiner Religion willen nicht." ..Wie? — Viel!ii! Senken Sie nur — keinen Aalt einen übereilten Schritt thun?" ,.S nein,'" lachte sie wieder, ,,nichts liebe leiltes, Aknen versprechen." Sie trug die Polen und ihre zwei Banjos>iz Wäre Franziska io gewesen, wie alle anderen Mädchen, wie Nellns . Freundinnen, sie balle daraus erralben, was im Anzüge war. Aber > sie war eben nicht wie die Anderen. Viebe, Brautstand und Che, und schon gar heimliche Cbe, das waren Singe, über'welche sie nie sprach, j und an die sie nie dachte. Nelln baue schrecklich^ Seelenkäinpfe durch gemacht - Cs blieb ihr nur die Wahl, wie so viejlen anderen Mädchen, i livischen ihrem Liebhaber und ihrem Bolle llnh sie war eine Aüdin, ' ali'o bedeutete iür sie diei'e Wahl viel mehr als für die Anderen. Man , dörr immer, daß es für eine katholische Arlündeain schwer isi, Proie- ' eine schoirlaudi'che Piesbcherianerin schwer, eine j nir eine Polin schwer, die Kirche von siiom mit; zu veriänscheii, schwer überall, den (Glauben > tüchtigeren, dem verfolgende» Glauben zu per i ein Aude Christ werden will, soisi das eine! bunterimal schwieriger ist. Und ksielln mußte hören mußte. Audi» zu bleiben.; ube: bedrückt von dein' Besipe des großen geskimml, an Nellns Liebesangelegeiideiten; zu denken: sie ieute ihren Hut auf und ging hinab auf die große i Fahrstraße. ^leei Stunde» blieb sie ans. Als sie gegen Mittag zurück j keb'rte, iand sie Alma, das Sienslmädcheii, auf der Stiege sipeii und in ihre Schürze weinen sianlin ire: Pen. für Cn-'.o IMlC zu werden. c ■ i >e : di: de s Czaren t.v -kr;r mit dem u lrair',: nn aber S ictto. < U’; ehnmal, l Christi;t iv :n, da sie F: an;; *^fa 'and kein (f'elicin! II tM; war sie i „Nun, Alma," sagte sie,-„maS gibt'S?" „Sie isi fort, Fräulein. Sie schickt Ahnen G^üße, und ist fort." „Wer ist fort?" „Fräulein Pell«. Sie hat ihre ganzen Sachesi und ihre Banjos, und ihre Noten und Alles, Alles mitgenommen, r nd sie ist in einem großen Wagen fortgefahren. Ach sollte Almen l ebst ihren Grüßen melden, daß sie fort ist, um zu heiraten, und daß kommen wird. S! S! S!" Und sie sing aufs Neue zu meinen an. „Fortgegangen, um zu heiraten?" „Aa, Fräulein, und sie wird niemals iviederkoHimen." „Sonst sagte sie nichts?" „Sie trank ein Glas Sherrn aus und sagte mir, ich solle, sobald sie im Wagen sipt, auch eines trinken auf ihr Glück ickzd Wohlergehen und dann das Weinglas zerbrechen. Ach that'S!' T c — und ich solle eine Handvoll Reis dem Wagen aachwerfen, auf ihr Glück — und ich «hak's auch — für ihr Glück — und dann sagte sie, daß ein paar Briese im Zimmer liegen." Cs lagen wirklich Briese dort, einer an Franzi >ka, ein anderer an, Clara und ein dritter an ihren Baker. An dem ersten Briefe stand Folgendes:. „Liebe Franziska! Nachdem, was Sie gehört und gesehen haben, und was ich Ahnen henke'Morgens sagte, waS für jedes andere Mädchen, außer für Sie, deutlich genug gewesen wäre, um zu versieben, sollten Sie nicht überrascht sein, zu Hörer,, daß ich mir dem Manne meiner Wahl forrgezogen bin. Ach versuchte, mich loszumachen, aber es war umionsl. Ach kann kein Glück sindei ohne ihn. Heute Mittags werden wir vor dem Richter getraut we den. CS ist schon Alles vorbereitet. Ach scheute mich den lepteu Sei ritt zu thun, aber Sie Habens jü gesehen, wie böse es ihn machte, lir schwor mir, daß er sich lödteu würde. Liebe Franziska, wie konilte ch aiis Weiterleben denken mit einem Selbstmord am Gewissen? Vi de Franziska, Sie waren hart mit ihm lepthin. Aeder Mann wünsei t sich ein Mädchen zur Gefährtin. Sa sch ihn nicht wollte, kann ist ihn dafür tadeln, daß er sich an Sie wandte? Außerdem war er niest recht bei Sinnen. Sie werden mir ja meine Ciseriucht verzeihe». Um ich bin jept ganz überzeugt,, daß Sie - ihn nicht durch Blicke aufgew uniert haben. Sie könilten ja so etwas gar nicht. Viel'; Franziska, Sie ve>siehe» mich nicht Sie sind zu erbaben über uns. Sie veracht:» meinen Aungen, weil er nicht so stolz und kalt isi, wie Sie eS lielen. 'Wir erwarten von unser?» Männern - nicht, daß sie Cngel sind Wir »ehmen sie, wie sie für uns erichasfen sind und fügen' uns so gut als möglich ineinander. Wenn Anlou standhaft bleibt imb nicit trinkt, so fürchte ich nichts, für ihn. Wenn ein Mann aber zu tri iken beginnt, dann ’ isl Alles aus. Aber er wird'S nicht lhuu, dein der Anblick seiner Müller macht ihn schon krank. Ach werde ihn v n den Musikhallen fern halten, weil ich.von meinen Zöglingen weiß, wie es in einigen zngehk und er soll nicht i» Bersuchung kommen Sein Borhaben, betreffs des Parlamentes, daS ist ja nur ein, Srauiu. Laßt ihn lränmeii, wenn's ihn glücklich macht. Ach gedenke' ch» in seiner Stellung fesizuhallen — in der Fabrik. Liebe Franzi cka, es freut mich, daß Sie sich bei mir glücklich fühlte». Sie sind aber viel zu groß und zu weise, als daß ich mich neben Ahnen ganz wohl gefühlt hätte. Aber ich habe mein Möglichstes getban. und nun brauchen Sie mich nicht mehr. Mein Baler'wird sehr böse sein. Ach weiß nicht, waS er sagen wird, aber es ivird zu spät für ihn sein, etn as zu unternehmen. Moni men Sie bald, mich zu besuchen, ich fürchte mich nicht vor Ahnen. WaS meinen Baker betrifft, so wird e: schreckliche Singe sagen, aber ein Spruch sagt: .Sausend böse Bi orte können keinen Zwirnsfaden zerreißen.' Sen Schlüsielbiind weiden Tie in dem Rasten, der in meinem Zimmer rechts steht, finden Ach fürchte, daß selbe von wenig Nupen für Sie sein werden, c ber es ist niemand Anderer da, sie zu nelhnen. * Ähre Sie liebende Nelln ssobald Sie diesen Brief bekomiiien Ne ln Hapling)." Franziska eilte mir Brief und Nachricht zu Ci ianuel. .. ' „Am Sslen," sagte Cmanuel, „sperrt man die' Rädchen in HaremS ein. Tie dürfen iliemals ohne Begleitung herningeken. Darum ist eS auch unmöglich und unbekanilt, daß eines dieser Mädchen sich in einen Fremden verlieben würde. Wenn ein solches ' Rädchen wie Relly zu Hanie bleiben -und junge Männer als Schübr empfangen kann, so isi es nur ein Schrill weiter, einen derselben zum Liebhaber zu bekommen. Ahr Baler sollte sich darüber nicht veru undern." „Was können wir thun?" „Nichts. Wir wissen ja gar nicht, wo ihr Balir ist. Wenn Sie wollen,' gehe ich in die Mortimer Street zu Mr. ingelo. Sie können