Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 114 (10.6.1894)
- Date
- 1894-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 114. Freie, Blatt. Seite 9. sie anfangs langsam und schmerzlich die Zukunft zu erforschen, zu begreifen, waS nun kommen würde. Die ganze flacht hindurch faß sie am «Fenster, den Kopf in ein weisteS, weiches Tuch gehüllt, gerade so, wie sie vier Jahre früher an cincin Fenster in einem gewissen Hotel gesessen, die Procession der Menschheit beobachtet nnd der Stimme der Menge gelauscht halte. Es * war dieselbe Menge, welche an ihr vorüberzog, nur vermischt mit einer anderen Menge, welche auS den Gräbern erstanden war, und sich unter ihre lebenden Brüder gesellt hatte. Tie Menge »ahm eine Form an, sic wurde zur ungeheueren Armdc. Alle/die Soldaten, welche je gcfochtcn hatten und in den Schlachten der Welt gefallen waren, Millionen, ungezählte Millionen Mensche» zogen an ihr vorüber, alle die lebenden Armeen der Welt inarschirtcn über die Ebene in endloser Vinie, Sperre und Schwerter, Bogen und Pfeile, Flinten und Bajonetle tragend. Und eine Stimme rief: „Halt!" In dem Augenblicke standen Alle still. Und die Stimme fuhr fort: „Hört! Es soll keinen Krieg mehr geben. Mit dem Kriege ist'S aus. Tenn ein Kind wird eine Armee zerstören können, und ein Kindlcin wird eine mächtige Stadl zerstören können." Ta begannen sich bic; Schwerter in Sicheln nnizuwandeln, die Sperre in Pflugscharen. Tic Soldaten schnitten das Pergament ans den Trommeln und gaben eS den Advoeaien. Aus de» Tronimcln selbst inachtcn sic Brennholz, sie zerbrachen die Helme nnd Brustplattcn nnd Kürasse zu Brncheiscn. Tic Geschütze wurden;» Stückgut geschmolzen. Franziska stand da und sah zu. Sic war das Weib, welches zu Haufe wartet, während ihr Geliebter und ihr -Bruder in den Kampf ziehen; sie war das Weib, welches betet oh»' Unterlaß für deren Heil; sie war daS Weib, welches die Bcrwnndctcn pflegt; , sie war daS Weib, welches Eharpie zupft; sic war das Weib, welches die Sieger begrüßt, wen» sie hcimkomnien, inI'umpcn und voll warben, aber lrinmphirend. Sie sah zu, horchte und begann sogleich zu sprechen: „C, ich habe ans diese» Tag gewartet, seit die Welt begann für Weib und Mann. Endlich! Mein wundcü Herz wird nn» nicht mehr bluten. Es wird kein Krieg mehr kommen — o, mein Baker! mein Geliebter, mein Bruder! Ihr werdet nun mit mir zu Hause bleiben und in Frieden arbeiten." Aber ach! Ticse Soldaten aller Zeiten, anstatt crirenl zu sei», ivcil sic nicht mehr ausznzichcn Halle», um vcrstülnmclt oder gelödlel zu werden, brachen i» leidenschastlichc Wehklagen aus. „Gebt uns unsere Schwerter zurück!" schrien sie; „rührt die Trommeln wieder und blaset die Trompeten! T°hne die Freude» des Krieges werden wir Feiglinge werden. Taü Müuncrthuni wird zugrunde gehen —-wir werden sinken und fallen." — — Am nächsten Morgen kam sie herunter, blaß, still und erregt. Wäre sic nicht-so gedankenvoll gewesen, halte ihr nicht entgehe» tönnen, daß Rcllys Gesicht vom Weinen entstellt und ihre Angen gcrölhet waren, daß sie ihren Kopf tief über die Theetasscn herabbcugtc und nicht ein Wort sprach. Emanucl wieder sah aus wie einer, der ein großes Werk vollbracht hat; in seinen Augen lag der Ausdruck der Befricdignug. Er segnete das Brot und brach cs, setzte sich dann schweigsam nieder, trank seinen Thcc nnd im Schweigen ging dieses Frühstück zu Ende. Als Franziska »ach dem Frühstück Emanucl in den Garten nachsolgte, war dieser eben dvran eine Schnitzarbeit zu vollenden. „Meister," begann Franziska scheu, „ich bin fast die ganze flacht wach gewesen und habe über Alles nachgedacht, waS Sie uns sagten.". „Ja, Kind. Ich sah cs, daß Sic erregt waren, und das freute mich. Find Harold ging cs ebenso." , „Es war mir Alles so neu und so seltsam, so seltsam. Kein Krieg sollte mehr sein, und die Welt hätte fürder a» nichts Anderem zu arbeite», als au dem Gedeihen des Reiches der Gerechtigkeit." „TaS Geschrei der Rationen," sagte Emanucl, von seiner Arbeit ausblickend, „wird verstummen, kein Gemetzel mehr und keine KriegSvcrwüstung." Emanucl legte sein Werkzeug hin und erhob sich, um zu sprechen: „In jeder christlichen Kirche, in jeder Spnagoge, in jeder Moschee, in jedem heidnischen Tempel steigt Tag für Tag, Jahr für Jahr, Generation für Generation dasselbe Gebet empor. In der englischen .Kirche beten sie, .Gib uns Frieden in unseren Zeiten, o Herr,' und sie beten, befreit zu werden von Krieg, Mord und plötzlichem Tode. Rach den hebräischen Propheten ist das ärgste aller -Nebel das Eindringen des bewasfnctc» FeindeS. Sie versprechen beständig dem Getreuen den Frieden als die höchste Segnung. .Sic werden nicht mehr die Beute der Heiden sei»,' sagt. Ezechiel. .Bon Gewalt wird man in deinem üande nichts mehr hören, noch von Berwüstung und Zerstörung innerhalb deiner Grenzen,' sagt JesaiaS. .Ein Bolk soll nicht sein Schwert erheben gegen ein anderes Bolk, noch sollen sic den Krieg mehr erlernen.' DaS sind die Worte Michas. Ja. Bon Gewalt soll nichts mehr gehört werde» innerhalb unserer Grenzen. DaS Werkzeug zu sein, durch welches die Prophezeiungen der Propheten Israels, erfüllt werden, ist daS nicht etwas Großes, Erhabenes^ mein Kind?" „Es ist elwaS so Großes, daß cs mir den Aihem raubt. £! zu denken, daß hier, in diesem obscurcn Winkel Londons ein Mann lebt, welcher, den Krieg linmöglich machen kann für alle Zeiten i Tie Menschen werden aufhörc» zu kämpsc». Es ist etwas so Große«, daß. - ich kaum wage, Ihnen zu erzählen, was mich in meiner. Bifwn so . sehr schreckte." „Rein, Kind, sprechen Sic nur aus, waS Ihnen am Herzen liegt. Irgend ein Zweifel trübt Ihren Sin»? Beichten Sie nur diese ' Zweifel, Kind. Ich will Ihr Beichtvater sei», ihre Bedenken widerlegen nnd Ihren Sünden Absolution ertheilcn. Welches sind also Ihre Zweifel?" . Es war mit ihr eine merkwürdige Wandlung vorgegangcn seit dem verflosiencn-Abend. Sie fühlte sich von ^Emanucls Worten wenig er- - griffen, obwohl seine Sprache heule lebhafter,; feine Bewegungen, ein dringlicher waren als gestern. Sie schämte sich ihrer Kälte, .aber sic wußte keinen rechten Grnnd dafür anzngebcu. „Sie beschämen mich, Meister," sagte sie. „Ich. kann mich nichtzü Ihrer Höhe erhebe». Ich fürchte, Ihnen Schmer; zu bereiten, wollte ich sagen, was mir im Sinne liegt. Aber wenn ich sprechen darf, sei's denn. Sie sind ja so weise, Sie werden mich verstehen, Sic werden mir auch vergeben. Tie Welt, sagen Sie vor Allem, muß. eine Welt der Gerechtigkeit werden. Allx Menschen aber sagen mir, daß diese Welt voll Ranbsucht, Tieberci, Arglist und Lügenhaftigkeit ist. Ich sehe die Armen irr.Sklaverei ihr s!cbcn lang, auf daß Andere dadurch sich bereichern. S! was habe ich nicht Alles crsahren, seit ich hier bin! Bevor Sic mich unterwiesen, bevor ich mit meinen Augen sehen lernte, wußte, kannte ich nichts —. gar nichts. Und nun, da ich kaum an der Schwelle stehe, scheine ich schon viel zu wissen, wiewohl das, was ich weiß, wenig gering ist. Tic Welt ist voll Bosheit, nicht wahr?" “ „Ja, ja. Jedermann tämpst für sich selbst. Trdnung und Gesetz werden aufrecht erhalten, dergestalt, Faß Jedermann unbehindert seine" Ruchbar» übervyrthcilen kann. Bei den Wilden war jeder Mensch ein Feind jedes anderen Menschen ohne Gesetz; bei eivilisirten Böllern ist jeder Mensch ein Feind jedes anderen Menschen, aber unter dem Schutze des Gesetzes." „Jedermann kämpft," wiederholte Franziska. „Darum haben auch meine Soldaten gcschrien nnd gejammert. Ter Braun muß kämpfen, sagten sic, oder die Welt steht still." \ „Sie könne» nicht auf einmal die volle Bedeutung dieser Tinge erfassen." sagte Emanuel etwas kalt. „Rein. Aber diesen Morgen habe ich wieder nachgcdacht und ver sucht, eine Welt mit allgemeinem Frieden mir auszumalen. Aber ach! Meister, für mich ist's nicht die Well der Propheten. Tie Arsenale werden dem Bcrfal'lc überlassen; die Kanone» sind voll Rost, die Soldaten zerstreut, entlassen. Kein Krieg mehr, kein Kamps mehr! Selbst die Schulknabe» dürfen nicht mehr kämpseu., Aber, werden die Menschen auch aufhörcü, einander zu berauben?" „Das Reich des Friedens ist auch das Reich der Gerechtigkeit." „Das Reich des Friedens wird heute beginnen. Wird das Reich der Gerechtigkeit aber auch heute beginnen? Tie Männer sind nicht mehr * das, was wir Männer nennen, sie haben ihre ritterliche Haltung verloren. Sie können nicht mehr aufrecht geben, keine Entschlossenheit leuchtet aus ihren Blicken. Sie haben den Sinn für Ehre verloren, weil die Ehre gedieh mit der Rothwendigkeit des .Kämpscns. Ist cS nicht allzufrüh für Ihre Entdeckung? Müssen wir nicht -die Welt gerecht machen, ehe wir ihr den Friede»'geben. Was wird auS einer Welt voll Gottlosigkeit werden, aus welcher Sie den Krieg genommen?" „Run — eine Welt der Gerechtigkeit," sagte Emanucl eigensinnig. „Steht es nicht geschrieben in den Büchern der Propheten?" „Ich spreche wie ein Weib — und ein Weib kanw-einen Mann nur lieben'wegen irgend .einer Eigenschaft, die sic selbst nicht besitzt, aber in dem Manne entdeckt oder zu entdecken sich cinbildet.-Sie muß ihn wenigstens für tapfer halten, für einen.Man» Hallen, der Trotz bieten kann. Sobald den Man» der Muth verläßt, wird die tsiebe sie verlassen. Männer und Weiber lieben Gegensätze, nicht Gleiches." „Run," sagte der Meister. „Aber bei den Propheten steht geschrieben, daß der Krieg aufhörc» und daS Wissen herrschen soll." Er nahm feinen Platz wieder ein, jeden weiteren Bcrsuch, sie zu überzeugen, aufgebcnd. Er hatte gesprochen, und eS . wgr ihm mißlungen. Sie anzuregen. Genug. Als er aber eine Stunde später siH von seiner Arbeit erhob, sah man ihm daS Unbehagen an den Augen an. Tie prophetische Bision eines Weibes hatte ihre Spure» zurückgelassen. j! t'