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Freies Blatt · 1894-06-10 · 114 (10.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
114 (10.6.1894)
Date
1894-06-10
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Ui. 114. Frei», 81an. eite 7. Dr. Schnutz, sehr mich genöthigt, folgende Erklärung abzugebrn, um den über-mich verbreiteten Gerüchten entgegenzutreten: Am 10. April d. I. verließ ich meine Wohnung in Langenhagen und begab mich mit meinen Kindern iuS Ausland einzig und allein deshalb, weil ich zur Herausgabe derselben an meine Frau vom königlichen Landgericht« Hannover verurtheilt war. Diese Herausgabe der Kinder sollte durch Haft gegen mich erzwungen werden. Ich konnts mich nicht zur Unterwerfung unter diesen Richterspruch entschließen, denn hätte ich die Kinder herausgegeben, so würde ich sic, auch nachdem ich den Proceß gewonnen, doch nie wiedergcsehrn haben. Diese Sache wird im Juni d. I. von dem königlichen OberlandeSgericht in Celle entschieden werden Als ich Langenhagen verließ, hatte ich keine Ahnung davon, daß von Neuem seitens der königlichen Staatsanwaltschaft wegen Unterschlagung gegen mich vorgegangen werden sollte. Cs lag inir gänzlich fern, mich Irgend welcher strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen; der einzige Grund meiner Abreise war, wie schon angegeben, daß ich nicht i» me Kinder auf Rimmerwiedersehen heryuSgebcn wollte. Ich werde mich den Behörden in wenigen Tagen stellen, denn mein Gewissen ist rein." — Die „Fulda-Werra-Zeitung" bringt folgendes Inserat: „Wo weilt augenblicklich unser Reichslagsabgcordncter HanS Leuß'? Auskunft in der Expedition des Blattes niederzulegen." ■ (Hur Schächtfragc in der Schweiz.) Tic Gemeindcräthc von C o mo nnd Luin o haben die-Errichtung eines israelitischen Schlachthauses für Rechnung der Cultusgemcinden Tessin, Zürich und Basel gestattet. Diese Verfügungen hängen mit dem Schüchtvcrbolo in der Schweiz zusammen und ermöglichen cs den Schweizer Juden, ohne Umgehung oder Bruch der Landcsgcsctzc den rituellen Vorschriften ihrer Confessio» Genüge zu thun. (Maßrkstcluilg eines Advocatcn.) Wie aus Bukarest,berichtet wird, hat der dortige jüdische Advocat Tr. Adolf Stern den Unwillen der Judenfeinde dadurch erregt, daß ein rumänisches Blatt von ihm zu erzählen wußte, er hätte an die rumänischen Juden ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er für die Gründung einer französischen Zeitung cintrat, die dem Auslände die Judenverfolgungen in Rumänien bc^anittgeben würde. Wiewohl daS Rundschreiben für apokryph erklärt wurde, versammelten .sich etwa 80 Advocatcn nnd faßten eine Resolution, welche zur Bestrafung der angeblichen . Misiethat nichts weniger verlangt als 1. die Streichung des Dr. Stern ans der Advocatenliste, 2. die Versetzung desselben in den Anklagezustand wegen Agitation gegen die Ruhe des Staates. Diese ruipänischen Advocatcn scheinen ei» eigenthümlichcs Rechtsgcfühl zu besitzen. (?as BlutmärchkN.» Die Blutbcschuldigung hat vor den diesjährigen jüdischen Ostern auch in Rußland ihr Unwesen zu treiben versucht. In dem litthanische» Städtchen Smargon hatte eine Bäuerin aus einem benachbarten Dorfe ihren elfjährige» Junge» in einer jüdischen Herberge zurnckgeläsieii, während sie einige Einkäufe besorgte. Als sie bei ihrer Rückkunft den Jungen in der Herberge nicht vorfand und der Besitzer ihr keine Auskunft über de» Verbleib desselben zu geben vermochte, stübzte sic sich heulend auf die Straße und schrie in einemfort: „Die Inden haben mir meinen Sohn geraubt, um ihn zu Ostern zu schlachten." Binnen wenigen Minuten hatte sich eine Menge Banern auf der Straße zusammcngerottct und nahm eine immer drohendere Haltung an. Den wenigen am Orte stationirten Gendarmen gelang cS nur mit größter Mühe, den Pöbel vor Ausschreitungen zurückzuhaltcn, und um die Gemüthcr zu beruhigen, begannen sie die jüdischen Häuser, eines nach ^dcm anderen, zu durchsuchen. Da gerieth ein Bauer aus den gescheiten Einfall, den Vermißten am nahegelcgenen Bahnhose zu suchen, wohin er sich sicherlich begeben haben müsse, um sich die ncuerbaute Eisenbahn, von 'welcher im Dorfe so viel Wunderbares erzählt wird, anzuschcn. Und . richtig fand inan den Knaben hinter dem Bahnhose, in die Betrachtung einer Locomotive versunken. Als er inS Städtchen zurückgebracht wurde, zerstreute sich die Menge. — InSophia wurde neulich der Straßen- Pflasterer und antisemitische Scribent Mitakow wegen Verbreitung lügnerischer Nachrichten zur Bekräftigung der Blutbeschuldigung, trotz dem er sich vor der Gerichtsverhandlung zu einem Widerrufe bewogen fand, schuldig gesprochen und gu einer Geldstrafe von 25)0 Francs verurtheilt. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Die Ehxistlich-Socialrn an der Arbeit.) Wenn wir irgend ein antisemitisches Blatt oder Blättchen zur Hand nehmen, so finden >vir eine Reihe von Berichten und Ankündigungen, welche ei» beschämendes Zeügniß für das rege Bereinsleben der unter christlich.socialer Firma thäligen Antisemiten oblegen — beschämend für die ForlschriltSmänner, deren Bereinigungen in (den Sommermonaten zumeist müßig find. Die zahlreichen Ortsgruppen des Boneottirnng«- vereineS „Christliche Familie" halten fast täglich Bersainmlnngen ad: die nntcrschiedliche» christlich-socialen Bereine versaimneln sich bald da, bald dort: einer der größten Lociologen von St. Pölten, der hochwürdige Herr Scheicher. gönnt sich auch an Sonntagen keine Ruhe nnd hält z B. ^!opniilags in einem Wirthshaus» z» stärlnelte», Nachmittags in einem solchen »l (Mansbach eine erbauliche Predigt gegen Inden und sonstige Bolksfreunde; der Schnloerei» des Arier« Caspar Schwör, verbreitet eine Fluglchrist gegen die Mehrheit des niederösterreichilchen Landtage«, welche ein anderer ebenlo niwer'ilschtcr Arier, der Schoriialist Spitzer-Weimar, im Moiziienr lnr .Nalkebnrg und llm gcbnng anprcist :e. Bon Borkehrungen zur Wielkercrobernug Wien» und Niederösterreich« kört man aber blutwenig. Man läßt die Demagoge»»ngenori >.li,>!:en und walte», die Menge allerorten vc, Hetze» und nimmr'dann ielbürel-ä-ut: :e Wahlniederlagen als eine Art Schickung,.als ein Ausfluß de/ K„ .- m . . hi», welcher man sich nicht hätte eutziehen könne». lUIllgeschickt ällsgcdriilkt.") Ans einer Gastspielionr durch Rhein laut mir Westphalen trat Ahlwardt auch in Essen aus. wo er sich aber geitöibigl m!i, das Geständnis! abzuiegeu, daß er bei einer früheren Gelegenheit gelogen Hab Bei einet» Gastspiel im Jahre 1891 hatte Ahlmardt sein Public»»! in ckfien ‘ mit der Emhüünng überrascht, daß eine dortige Dame beweisen lönne. 'an die Juden an dem N ob il >» g'schen Attentate gegen slaiier Wilhelm I. le v iheiligt geweie» seien. Ahlwardi wurde nun an >ene Entbüllung enitnen und . »in »äbeie Angaben gebeten. Er gcbrauchle zunächst die. schön stark abgenützt, Ausstuchl,. dass die damalige Acußcrung auf eincin „Mißverstäntmß" de, Zeitungsberichlcistalter beruhe, mußte aber, i» die Eüge getrieben, ichließliä, zngeben, daß er sich „ungeschickt auSgedrückt" habe. Diese Ahl,nördliche Rede- Wendung besagt wohl nicht« Andere«, als daß er, iven» auch iinfrciwillig. gesteht, 1891 gelogen zu haben. „Ungeschickt" war diese Lüge trcilichz die ami semitischen Redner schrveisen sonst in die Ferne und bcr»>en sich z. B. in Troppau ans Zeugen, die in.Hainburg oderGalav leben Daß ein im Lügen.jo geübter Meister wie Abtwardt der „Dame", deren er in Essen bedurile, nicht ihren Wohnsit/ in Rcgcnsburg, Dorpat oder sonstwo angewiesen hat, ist geradezu ein plycholsgiiches Räthiel. lStöckcr'e Hetzereien.) Wie Ahlwardt, bereist auch Stöcker die Rhein Provinz nnd hält überall Hetzreden gegen Jude», Liberale und Social- Demokraten. Jii.Tüsscldors trat ihm der dortige Rabbiner Dr. David entgegen, welcher die Angrific aus da« °J»dc»thum zurückwic«, . die erbärmliche .stamp'weise Jener, die von Frieden sprechen, aber Zivieirachl säen, beleuchtete^ und nachdrücklichst die Grundsätze der Gerechtigkeit »nd Men'chenliebe betonte. E« sprach hieraus ein Social Demokrat, und nährend der .Rede dcs'elben kam e« zu einer Prügelei zwischen Antisemiten und Sveial-Temokraie». der erst die Intervention der Polizei ein Ende machte. Al» inleUcciuttler llrhibcr diese» Raushandcl» er'cheinr der Herr Hofvrediger a D. lWieder Eincr.i Tie ai^iiiemilischen Agilaiore» in T'enisch:and benchnie» sich in vicleii Fällrn io ,chinäblich, daß selbst die in Bezug au» Repn'Mion nicht " sonderlich scrupulö>cu Fraetivnrn, denk» sie angehören, sich bemüisigi l, den, sie anszuschließe». So winde der Agitaior Gollestebeu, der >» Thüringen sein Uiiwesc» trieb, duich Beschluß des Parteiausichussr« aus der „Reforin paitei" auegeichlvsic». -Rach dein „Rcichöherold" wart,, die Giiinde sür de» Ans schlnß „so schwerwikgcndc. daß der. Ausschluß ersolgen mußte". Ta» rheinische Wellblatt sagt zur Charakteristik der antisemitischen Worisübrei: „Welchen Schaum oder vielmehr Abschaum warf die ankneniitiiche Bewegung in die Höhe! >taüi» ein Tag vergeht, öhne daß irgend einer der anineinitlsche» Führer al» tznnip von seine» GefinnungSgenosie» gebrandinarkt oder von.den isterjchlen zur Be * strafung gezogen wild, und zwar nicht nur wegen' sogenannter Potitischer Vergehen, sondern auch wegen gemeiner Verbreche», wie Unterschlagung und der gleichen. Und solche Leute spielen eine politiche Rolle! Solche Äcnjä en ziehen von Sri zu £rt nnd predigen da« Evangelium dl» Umsturzes und' der Be rauhiing der Besitzenden!" <Ihrer Fiihrcr würdig.» Tie gemeine» Streiter sür die Sache -c« Ami iemilisnin« sind chrer Führer würdig Nach „einer Meldung au« Würz bürg wurde der Kaufmann Carl Zöllner, Begründer der dorliaen „Anli'emiti'chen Gescllschasl", verhaltet nnd sieht ivege» seiner volkliche» Dkätigkeil, welche aber die. osienbar verjudete Staai«aiiwallschasl als Betrug und Unterschlagung dezeichnet, eineni iviartyrium de« i^üchternen Gaumens entgegen. — Ein würdiger Patron ist auch der slanzleigehilse Weiß, einst Vorstandsmitglied de? deut'ch socialen Bereine« „Ccntrum" i» Berlin. Weiß war vom Schösieiigerichl Zll 30 Mark Geldstrafe verurlheilt worden, und zwar ans Grund folgenden Thal bestände«: Al« Ahlwardl wegen seinkr „Ilideiistinte»"-Vrochüre veihancl und dieies Ereigniß in einer Bersainmlung am ll.'Iuüi 1892 beiprochen ivnrde, per anstalleie man eine Tellersammlung, damit dexn Berhaskelc» die Selbstbeköstigniig im Gcsängniffe verschafft werden könne Die Sammlinig ergab 100 Mark, welche dem Weiß mit dem ausdrücklichen Anstrage eingekändigt wurde», daS Geld am folgende» Tage bei der zuständigen Gerichiscaffe für Ahlwardl einzuzahleu. Weiß lhat die« nicht, er brachte den Angehörige» Ahlwardl'S nur 50 Mall und behielt die übrigen 50 Mark für sich. In einem

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