Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 114 (10.6.1894)
- Date
- 1894-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 114. .freies Werkstätte eines Zimmermannes seine Jugend zubringt und arm bleibt bis zum Tode am Kreuze, erhebt er die Armuth zu etwas Ehrwürdigem, er geht noch weiter/indem er seine Predigt mit den Worten beginnt: „Selig sind die Armen im Geiste," um bald hinzuzufügcn: „Selig sind, die Barmherzigkeit üben, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen" Uns Allen ist es bekannt, meine verehrten Herren, die socialen Verhältnisse unserer Tage bringen cs mit sich, dag die Anzahl der Armen im Steigen begriffen ist, daß es immer mehr von Solchen gibt, die ihre dürftige Hand nach der Barmherzigkeit der Wohlhabenden äuSstrccken. Vielleicht hat keine Zeit so viele einzelne Arme, arme Familien, verarmte Stände gesehen, wie die unsere. Und da bei leider sehr Vielen auS diesen der Glaube an eine ewige Vergeltung geschwunden ist, gibt cS immer weniger von jenen Armen im Geiste, von denen der Heiland spricht. Um so größer-'ist die Aufgabe eines jeden WohlthätigkeitSvereineS. Wenn ich Ihnen also heute von Neuem meinen oberhirtlichen Tank aussprcche für die vielen Opfer, welche Sic in christlicher Barmherzigkeit den leidende» Brüdern und Schwestern gebracht haben, so geschieht es, indem ich die inständige Bitte hinzufügc, i» Ihren Mühen und in Ihrer Aufopferung nicht zu ermüden, und gerne und freundlich auch da zu geben, wo die Gabe vielleicht mit weniger Tank als in früheren Zeiten aufgenommcn wird. Gott bewahre Sie Alle im Herrn vor schweren UnglückSfülle'n, der schwere Tag des Scheidens auS dem Leben aber, er steht uns Allen ohne Ausnahme früher oder später bevor, möge sich dann an u»S Allen durch einen friedlichen Heimgang in die Ewigkeit die Wahrheit des Spruches Davids bewähren, mit----welchem ich begonnen: „Selig ist, der des Armen und Dürftigen gedenket, am Tage dcS Unglückes wird ihn der Herr erretten!" — Die trefflich redigirte Prager „Gemcindczeitung" knüpft an diese Ansprache des EardinalS folgende Bemerkung: Auf die Gefahr hin, Pfarrer Teckcrt werde den Grafen Schönborn als einen Sprößling aus einem „gewiffen Stamme" erklären, köiincn wir es doch nicht Unterlasten, darauf hinzuweisen, daß die Deutung, welche Sc. Eminenz am Schluffe seiner vom Geiste echter Menschenliebe durchwehten Ansprache dem Psalmworte „Tag dcS Unglückes" gibt, daß nämlich unter diesem Tage der schwere Tag des ScheidenS aus dem Leben zu verstehen sei, jüdischen Ursprunges ist, da schon der berühmte Talinudlchrcr Aba Areka (um 230 Präsident deS LchrhauscS in Sura) den „Tag dcS Unglückes" auf den Tag, da wir von, dannen scheiden und vor dem Richterstuhle GottcS erscheinen, bezogen hat. (Hüben und drüben.) Man schreibt UNS: Das geographisch höchst unbedeutende Leithaflüßchcn stellt | sich int politischen l'cbcii immer mehr als eine chinesische Mauer dar, welche daS dicssciK gelegene Reichsgebiet in athcmbcraubendcr Weife eiucngk; eine Mauer, an der sich der kräftige FreiheitSwind bricht, der in der ungarischen Tiefebene weht, und die Segel des translcithanischen StaatSschisfcS schwellend, es in raschem Siegeslauf dem Ziele cntgcgcnlrügt: der uneingeschränkten geistigen und materiellen Entwicklung des Einzelnen und dar Geicllichafk Man höre, wie der Handelsminister des Eabinets Wcherle über die gewerbliche Schulung seiner Ratio» denkt und welche von echtem Liberalismus zeugende» Worte er einem israelitischen Vereine widmet. Was Wunder, wenn sich die öffentliche Meinung in Ungarn au diesem würzige» Weine erwärmt und das Blut rascher in den Adern pulsirt, während der seit Jahr und Tag hier verarbeitete, christlich-social „geraufte" Rebensaft Kopf und Her; kühl läßt und nur den Magen beschwert. Es war bei der vor wenigen Tagen stattgehabtcn Jubelfeier des fünfzigjährigen Bestandes dcS B u d a p c st e r israelitische» Handwerkervereines, als Herr Bela Lukacs, der Inhaber des HandelSportcfeuilles, umgeben vom Ober-Bürgermeister der königlichen Residenzstadt und mehreren Staatssecretären sowie einer Reihe anderer Rotabilitäten, folgende Ansprache an die zu Ehren der Feier Erschienenen richtete: „Geehrte Festvcrsammlung! Vor Allem im Ramen der Regierung meinen innigsten Dank für die herzliche Begrüßung, welche der geehrte Präsident Ihre« Vereines zum Ausdrucke zu bringen die Güte hakte. Die Regierung und. insoferne, als die Pflege der materiellen und gewerblichen Interessen in erster Reihe meine Aufgabe bildet, auch ich hegen stets das wärmste Jntcrcsie für jede auf dein Gebiete des öffentlichen Lebens in die Erscheinung tretende gesellschaftliche Thätigkeit, insbesondere soweit sie aus eigener Kraft auf geistigem und urateriellem Gebiete sich bethütigt. Aus diesem Grunde begleite ich symphatisch und mit größtem Interesse die Thätigkeit dieses Vereines, der nunmehr eine halbhundertjährige Vergangenheit hinter sich hat. Diese Thatsache und die vielleicht bescheidene, aber an und für sich doch bedeutungsvolle Thätigkeit dieses Vereines ist ein höchst interessantes Moment und birgt lehrreiche Confcquenzen in sich, den» sic legt Zeugniß davon ab, daß Arbeit und Thätigkeit in diesem Lande nicht Blatt. Seite f>. nur fruchtbaren Bode» finden, sondern daß dieiclbcn auch ihre ganze Kraft zu entfalte» vermögen Tee halbhunderijährige Thätigkeit deS Vereines, welche der geehrte Herr Präsident mit kurzen, aber um so markanteren Strichen zeichnete, ist mit jenen schickjalsrcichen Zeiten innig verwoben, welche wir in der Rcuzeit in unserem Vatcrlande durchlebt baden. Die Thätigkeit und der Bestand dieses Vereines ist die beste (Gewähr dafür, daß auf dem Boden der ungari scheu Ration nunmehr ein Jeder ohne E lassen- und. G l a u de » s » n tc r sch ied sein Fortkommen sindcn könn-e und daß unter dem Schirm unserer gemeinsamen Freiheit die bürgerliche Arbeit und Thätigkeit ihre st r a f t entfalten können: wir verlangen nur das "Eine: daß er stets ein guter Patriot i'ei. -Diese Thätigkeit möge VaS Unterpfand auch der Zukunft bleiben. Was mich betrifft,' io schließe ich mich bereitwilligst jenen Bestrebungen an, welchen der geehrte Herr.'President Ausdruck gegeben, jene zwei Grundprincipien, welche diesen Verein während seines Bestandes stet-» geleitet : , die Zusammengehörigkeit und die Verbreitung patriotischen Denkens und Fühlens mögen auch in der Zukunft dessen Leitsterne sein, möge derselbe das Gefühl und daS Interesse der Zusammengehörigkeit aller Burger und Bewohner dieses Staates auch fürderhin pflegen, die Scheidewände mögen fallen, d i e e g o i st i i ch c n S l r ö-m u n g c» v c r s ch w i n d e n, seien wir Eines Sinnes im Interesse unseres gemeinsamen Vaterlandes, möge der Verein auch weiterhin wie bisher patriotische Gtfühle pflegen und womöglich noch in erhöhtem Maße zur Gillung bringen/ Auch ich schließ»./»ich dem Wunsche an, daß an dieser Stätte,' mit welcher diV' Verein daS Andenken an seinen halbhundertjührigcn Bestand feiert, stets der kreist der Vaterlandsliebe heimisch sein möge." (Langanhaltendc begcistcrle Eljcnrnsc.) Hüben Und drüben — citje traurige Antithese! —in. sBcdcntslttlic KlIIIdgclttlligcil.) Im Anschluß, an die'neulich erfolgte Grundsteinlegung einer neuen Synagoge in .Königsberg fand ein Festmahl statt, bei welchem der Vorstand der dortigen jüdische» EultuSgcmeinde, Universilätsprofcssor Tr. Samuel, nachstehenden Toast auf den deutschen Kaiser ausbrachtc: Aljeine Herren! Bei Einweihung der RcformaticmSkirche zu Wittenberg im Jahre 1802 sprach Sc. Majestät der Kaiser und König das Wort: „Es gibt in GlaubenSsachcn keinen Zwang, hier entscheidet mW'die freie lleberzeugung deS Herzens und diese Erkenntnjß, daß sie allein entscheidet, ist die gesegnete Frucht der Reformation." Meine Herren! Mit keinem geeigneteren Worte können wir am heutigen Tage zur Feier der Grundsteinlegung der Synagoge den Toast auf Sc. Majestät einlciten, als mit diesem a. h. Ausspruch. Denn nur in Glaubenssachen unterscheiden wir »ns von unseren Mitbürgern. Deutsche von Geburt, k e n n e ii wir k c i n ca n d c r e H c i in a t als Deutschland, d c n t s ch i st u »s e r e B i l d u n g, d e u I s ch unsere Gesinnung. Gleich allen anderen Staatsbürgern erfüllen wir °d i c Pflichten aller D e u t s ch e n und haben - den A n s p r u ch, in u n s e r c n Recht e n ii i di t gestört z u werden, lind welches Recht wäre noch sicher, wenn das erste aller Menschenrechte, die Glaubens und Gewisselisfrciheit, angelastct würde! Darum sind wir ruhiger. Zuversicht; und in solcher Zuversicht legten wir den Grundstein der Synagoge auch in dieser Zeit. Ein Wahrzeichen des Vertrauens ist der Neubau des Tempels, daß mitten in dem Hcxcnsabbaih, den die bösen. Genien njiscre.s Jahrhundert- — Classcnhaß, Racenhaß, Masscnhaß — noch zu Ende desselben aufführen, das deutsche Volk seine Ratur nicht verleugnen wird; daS d e u t s ch c V o l k bleibt e i n E »l l n r v o l k, der Kaiser und die deutschen Fürsten regieren -ein Eulturrcich. Alle Well weiß eS, seit fast. zwei Jahrtausenden waren unsere Vorfahren nicht mehr die Schmiede ihres Geschickes. Sic schmiedeten nicht, sie wurden geschmiedet, sie waren nicht Hammer, siewaren Ambos. Wenn das Bild treu, das von uns c.ntworfen wird, es wäre traurig auch für die, die daran gearbeitet. Doch dem ist nicht so.' Luft und Licht der. Freiheit haben bereits die Schäden der Unfreiheit und der erzwungenen Einseitigkeit vermischt und in wenigen Generationen wird die Assimilation so weit erfolgt . sein, als sie in anderen Cukturnationen erfolgt ist. Der Neubau der Synagoge mag auch als Wahrzeichen unseres Pflichtgefühles gelten. Es gibt viele Wege zur Gewissenhaftigkeit, für die Mehrzahl der Menschen ist die Religion die Grundlage der Moral. Die Gotteshäuser — ob Kirchen oder Tempel — sind der einzige Ort" wo dem Schwachen Trost, dem Sünder Mahnung. Allen Erbauung zutheil wird. Die Religion ist der-alleinige Idealismus breiter Massen der Bevölkerung. Für Jeden ist es aber d i e Religion, -an die er glaubt, nicht die, an die er nicht glaubt, nur die freie lleberzeugung, nicht eine erzwungene, eine beeinflußte, ist es, die diesen Segen auS-