Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 114 (10.6.1894)
- Date
- 1894-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freies Blatt. Eine Antwort: -Gleiches Recht tür Alle. Seine ÜUunbfflpc sind die s allgemein iiieiischticheii und keimen keine Unterschiede der Rare, des rlcoiiges. deS Glaubens ». s. w. Und gerade weil die Toleranz-sein oberstes Princip ist. strebt er riach keiner abstraete» Freiheit und nur »ach einer solchen, die stch verwirkliche» läßt. Mau sollte denken, daß darin seine Stärke liege: und gerade darin liegt seine Schwäche. Er sepi nämlich damit einen gewisse» Bildungsgrad, durchaus nicht den uiiiiiöglicheii, idealen Mensche» voraus, ohne den z. B. der radicale Soeialismus unrealistrbar ist, aber immrrhin einen Durchfchnittsmeii'chen^ der nicht vom erste» besten Schwindler oder Gauner sich lodern laßt, welcher ihm die Erfüllung der selbstsüchtigste» Wünsche in Aussicht stellt. Rieinand bestreitet, daß die Träger des Liberalismus, die eben nur Mensche» sei» köuiie», Fehler begangen habe». Allein »'iobet we-ß auch, daß dieselbe» Fehler nicht wieder begangen würden. Schmiedet mau ans ihnen Anklagen, so geschieht es, weil dies viel leichter gebt, als offen;u gesleben, daß man sich nicht nnterordiien könne und dies nur über sich gebracht habe, so lange man in dem Wahn lebte, de: Vibetalismus werde über "Rächt Alle reich machen. Tas kan» er neilich nicht, und da meint mau, die liöchste politische Reife zu be we:'eu, indem man ihn samiur dem Parlameiikarismus, seiner Ber kölperung. als abgelebt erklärt. Man sieht, wie die Reaction au alle» Ecken und Enden immer dreister das Haupt erhebt. Mau ist sich darüber klar, daß. wenn es ihr ai,ch gelänge, den Absolutismus ivieder!>er;nsiellen, dieser olme das blinde Bertrauen von nuten, das einst feine Mraft ausmachte, nur mehr als Militärherrschast und als das — bei der allgemeinen Wehrpflicht — nur von heute auf morgen sich behaupten konnte »wagen wir aber — wenn schon Beides unhaltbar :ii - nach einem Trinen, da doch nicht vorausz»setzen sei, daß man mit Bewußt'eiu dem Eliaos msteuere, so heißt es einfach: wir gehen eben einer allgemeinen Umwälzung entgegen. Tiefe Antwort wird von Mäckincrii, die nicht nur viel zu verlieren haben, sondern auch über die aahre hinaus find, in welchen man die ^nfunft der Zukunft überläßt, mit einer so verblüssenden Gelassenheit ertheilt, daß wir, wollend oder nicht wollend, an Lombroso erinnert werden, der in seinem Buche „Ter genial* Mensch" auch Über politische Malloideu berichtet, die ganz tüchtige Köpfe sind, als Aerzte, Beamte, Kaufleute, Gutsbesiper u. i >v. nnkadelliast ihren Mann stellen, jedoch sobald eS sich um Politik handelt, total von ihrem Berstande in Stich gelassen werden. Sei dem wie immer, der Boten könnte nicht vortrefflicher zubereitel sein, damit die verwerflichsten Sonderbestrebnugeu nirgends auf den iiöthigen Widerstand stoßen und mit der Ueppigkeit eines eigene gepflegten Unkrautes in die Höhe schießen. Trifft sich'S zufälligerweise, daß eine Regierung am Ruder sich befindet, für die es der Weisheit höchster Schluß ist, den Tingen ihren ".'auf zu lassen, so kann es Riemanden wunderuelimen, daß die edelste Blüthe der Eullur: (Gleiches Recht für Alle — von einem Raturalismus verdrängt wird, der mit Stolz den Raeenliaß auf seine ,rahne schreibt. Taß eine derartige Bewegung, welche die heiligsten Errungenschaften deS Fortschrines preisgib!, nicht von Tauer fein könne, ist Allen klar, den Anführern nicht weniger als den Angeführten: aber geradedarin liegt für Biele ein besonderer l^rund, den günstigen Moment zu benüpen. Tie widersprechendsten Antriebe suchen gleichzeitig ihren Bortheil. Persönliche Antipathien ergreifen die Gelegenheit, sich Vnft zu machen, -ohne;u bedenken, daß sie Waffen schmieden helfen, die früher oder später gegen sie selbst sich kehren müssen. Tie das große Wort..führen, erklären stch bereit, die Schule wieder der Kirche anszuliefern, und die Bäter, div ganz gut imifcn, daß die Schule :n«br kenn je die Zukunft stirer Kinder bedeutet,' lastenf sich selbst dadurch nicht abschreeken, ihnen 'Gefolgschaft zu Nr. 114 ,u leisten, stieid und Habfuchr haken jede Scheu abgelegt, veil sie sich geborgen fühlen unter dem Schilde, «ijl welchem christ- Mi: Priester den zum Kreuz kriechenden ÄnnseurilisinnS Lecken. Kanu :ne ärgeren Mißbrauch der Religion geben? Tie Unglückseligen . ,;Ui I < :;f; ck, : stra!.. st : .'.'i.i.z kann nufere :l i Xteufte der Wahrheit, aber einer Wahrheit, die wie der ..'.nralistifcheu Hausniagd des Schmutzes bedarf, um als echt . l.i. ' a Blicken wir diesem wüsten Treiben auf den Grund, ' . i, v e:. Hoffnung verlieren. Wir dürfen aber nicht .>. .i :: T urch den aufrechten Gang ist der Mensch . /, vv ist, weil es in seiner Ratur liegt, den ■a:;u richten. Und schaue» wir »ach oben, so ii:: an l's, T arw in's, G oethe'S in luz.-n o.".::l:ch!-!i entgegen .ihre Werke'gelten kxr Menschheit, mneik'ln aufgcu-irbcltw Staub dieses Licht verdunkeln, erlöschen? nicht, fo lan.ze Menschen gibt. Tie Erfahrung bleibt verläßlichste »wdaenn: die Eniwicklring läßt uns die Welt enlstehung begreifen: tas Schöne veredelt uns. Und so kann der Liberalismus nur vorübergehend seine Macht einbüße». Sein „Gleiches Recht für Alle" ist identisch mit der Eivilifatiou. Heule wird auch diese verdammt: von den Eine», weil sie zu sehr »ivellwt und ein Kastenwesen das Richtige wäre; von den Anderen ihrer Ungleichheiten wegen, an deren Stelle eine allgemeine Tiefstellung zu treten hätte, die allen Iudividnalisimls unterdrückt. Den Einen wie den Anderen .dünkt die Eivilisation uiigenügend, weil sie nicht vollkommen ist; wie wenn es überhaupt Bollkoiuiuenheit geben könnte. Der Liberalismus strebt nur Zustände an, die eS jedem Tüchtigen ermöglichen, sei» Glück zu machen. Die Untüchtigen kann er höchstens vor der Roth schützen. TieseS bescheidene Ideal ist der Menscheuuatur auf, den Leib geschnitten; darum hat sie eS gefunden und darum wird sie immer wieder zu ihm zurückkehreu. Tie Kinder der jetzigen Verächter des Liberalismus werden noch mit blutigen Köpfen seine Güter sich zurückerobern. Ter Kampf wird hart sein; aber das Hochgefühl des aufrechten Ganges wird sie reichlich entschädigen. Merkwürdigerweise sieht i man jetzt schon hin und wieder ein erneutes Berständniß für den Parlamentarismus durchblitzen, und zwar vqu einer Seite, von der es am wenigsten zu erwarten war. Bon den Cocialiste» geht es aus, freilich von den besouiieiien, die eine Zukunft habe». Was kaum sichtbar, aber friedenverheißend wie ein Rege ibogen die beide» Lager verbindet, ist daS ferne Morgenroth wahrer Fiteiheil." „ vJcifcrt’S GoIpOCtClirc.i Der Wiener Bezirksschulrath wird sich in seiner am l.st. d. M. stallfindenden Bo lversaminlung mit der Äifaire Teckert beschäftigen. Wie bereits mitg theilt, hat der LandeSschnlrath in einem vom Statthalter Grafen -K ie l ma n seg g gefertigten Erlaße de» Bezirksschulrath angewicsei, über die Berweudung schulpflichtiger Kinder zur Eolportage antisemitischer Brandschriften in der Kirche seitens des Pfarrers und Katecheten Dr. Teckert „sofort die ge igiieten Erhedungeu zu pflegen und üb r das auS diesem Anlässe Berfügte zu berichten". Ter Erlaß den erkt hiezu ausdrücklich, „daß durch inzwischen gepflogene Erhebungen d:r k. k. Polizeidirection, mit welcher sohin daS Einvernehmen in kurzen Wege zu pflegen sei» wird, die Rainen der verkaufenden Schulkinterbereits sichergestellt worden sind". Der Referent des Bezirksschnliathes, Rath Preyer, vertrat bekanntlich den Standpunkt, daß gecp n den Pfarrer Teckert nichts, zu verfügen sei, weil er zu dem Be/kaufe seiner Broschüre gerade in der Kirche anwesende Kinder ohne R icksicht ans ihre Schulpflicht verwendet habe. Diese Anschaunng ivurd in der zweiten Fach seetion des Bezirksschulrathes in der entschied rnsten Weise bekämpft, und es wurde beschlossen, die Angelegenheit dein Plenum des Bezirköschulralhes vorzulegeu. Wie verlautet, wird in dm Kreisen der BezirkSschulräthe der Schwerpunkt auf die Stellung de! Pfarrers Teckert als Katechet an der Weinhauser Bolksschnle gelegt, u id in den Pourparlers, die bisher in der Sache gepflogen wurde», wur >e auf das Rachdrücklichste betont, daß ein Mann, der öffentlich gegen eine ReligionSgenosieufchast in der aufreizendsten Weise Haß gepredigt und so der Jugend ein" böses, verwerfliches Beispiel gege ien, i m L ehra in t e nicht belassen werden dürfe. l?er Pfarrer von Weinbaus und der Fiirstrr;bischof von Prag.) Tr. Teckert, der Pfarrer von WeinhauS, verunglimpfte in seinen Hetzpredigken auch den König David. Ganz anders spricht Aiber-denselben Eardiual Graf Schöuboru, d:r Fürsterzbischof von Prag. In einer Ansprache, welche der Kircheusüi ft anläßlich der letzten Generalversammlung des Privatvereines znr Unterstützung der HauSarmen in Prag hielt, sagte er nach einigen einlcitendeu Sätzen: Und da sind es zunächst einige Worte des Pjalmister, welche ich Ihnen am heutigen Tage zurufen möchte. Worte, die mich immer, wenn ich sie höre oder lese, von "R'euem mit Trost und Freude erfüllen und immer vom Reuen mich auspornen, nach Kräften de» Leidenden zu helfen. Diese Worte deS 40. Psalms lauten: „Selig ist, der des Armen und Dürftigen gedenket, am Tage des Unglücks wird ihn der Herr erretten!" Seit jenen Tagen, in welche» der Prophet diese Worte verkündet hat, haben tausende und tausende von beharrlichen Wohllhälern der Armuth die Wahrheit derselben an sich erfahren. Ein besonderes Beispiel hievon berichtet uns wieder» in die heilige Schrift des alten Bundes in der Geschichte des alten Tobias. Selbst in Gefangenschaft und Elend ermüdet er nicht im Wohlthuu und Iheilt von seiner geringen Habe gerne noch Aermeren mit, er tröstet die Betrübten und sorgt mit eigener Hand für ein e jrenvolles Begräbniß der Todten. Und siehe! In den Tagen des Ungl ickS sendet Gott einen rettenden Engel, Raphael, der seinem Sohne eii liebevoller Begleiter auf gefahrvollen Wegen war, und rettete ihn feil st vor dem schweren alte Bund nur das so hat im "Reuen Armen betrifft, der erlaßen, noch viel ein armes Leben Unfall des Erblindens. Wie aber in Allem der Borbild und die Vorschule für den neuen war, Testamente auch, was die thätige Liebe zu den göttliche Heiland noch viel eindringlichere Gebote ernstere Ermahnungen ertheilt. Indem er selbf: wählte, von einer armen Muttergeboren wurde vnd in der. ärmlichen